HUMRA und wir Warum es so schwer ist, den Menschen ihre Rechte zu erklären

Humra
Szene aus dem Zeichentrickfilm „HUMRA. Die Legende von den Menschenrechten“ | © Studio von Konstantin Komardin

Das internationale Projekt HUMRA, das vom Goethe-Institut gemeinsam mit Partnern in Russland, Grusinien, der Ukraine, Weißrussland und Deutschland realisiert wird, läuft schon seit drei Jahren. Der Name des Projekts ist eine Abkürzung von „human rights animation“ und seine Aufgabe besteht darin, mit Mitteln der Animation Kenntnisse zum Thema Menschenrechte zu vermitteln. Wie ist das Ganze aufgebaut?
 
Vor allem handelt es sich hier um eine große Animationsfilmserie, die filmisch sehr ambitioniert ist, von keinem Geringeren als dem Comiczeichner HeeHoos stammt und im Studio von Konstantin Komardin produziert wird. Der Menschenrechtler Andrej Jurow steht ihnen künstlerisch und inhaltlich beratend zur Seite. Humra ist der Name eines weit entfernten Planeten, der sich aus der kosmischen Ordnung herausgenommen und die von der gesamten Galaxis verabschiedete Menschenrechtserklärung nach eigenem Gutdünken neu verfasst hat. Die Bevölkerung des Planeten besteht aus den Stämmen der Wilden, die auf schwimmenden Inseln leben, und den Hauptbewohnern, die auf fliegenden Inseln in riesigen Megametropolen leben. Chaggy, ein Typ von den schwimmenden Inseln, gerät zufällig in die Hände der Mitarbeiter des Amtes für Glück. Im Gefängnis trifft der Held auf den Wissenschaftler Pankrat, der ihm erklärt, dass etwas mit dem Planeten nicht stimmt und wie man das alles korrigieren könnte, wenn eben jene Erklärung auch hier eingehalten werden würde.
 
Die ersten zwei Folgen sind schon öffentlich zugänglich (hier und hier), vollständig jedoch kommt die Serie im Jahre 2017 heraus. Aber das ist noch nicht alles. Im Kino wird das Ganze mit den gleichen Helden fortgesetzt, in Form von sogenannten Bildungskurzfilmen. Hier liegen die Rechtsschutzprinzipien nicht nur den Handlungen und Ereignissen zugrunde, sondern werden in einer Art von philosophischen Dialogen besprochen. Die Helden laufen in diesen Kurzfilmen nirgendwo mehr hin und sie werden auch von niemandem gerettet; sie unterhalten sich einfach nur: Pankrat erklärt in der Rolle des Lehrmeisters dem Haupthelden das A und O der Menschenrechte.
 
Außerdem hat HUMRA nicht nur Profis gewonnen, sondern auch all jene, die sich darin versuchen möchten, in der Sprache der Animation über Menschrechte zu reden. Dafür wurden auf Festivals, in Sommerschulen und Jugendlagern der verschiedenen Regionen des Projekts Workshops durchgeführt, wo professionelle Animateure allen, die das wollten, dabei geholfen haben, Laienzeichentrickfilme zu schaffen. Jeder dieser Filme basiert auf einem ethischen Problem oder einem Menschensrechtsproblem. So entscheiden beispielsweise in einem Zeichentrickfilm sechs Erdbewohner, wer von dem sterbenden Planeten auf den neuen mitgenommen und wer zurückgelassen wird: Inhaftierte, Obdachlose, Migranten?
 
Wozu braucht man das alles? Um auf klare und verständliche Weise von den Menschenrechten, die in der Tat ein schwieriges und nicht sehr unterhaltsames Thema sind, zu erzählen. Die Kurzfilme können von Lehrern, Hochschuldozenten und Bürgerrechtsaktivisten genutzt werden. Schon jetzt hat das Projekt HUMRA über 250 Spezialisten aus Russland, der Ukraine, Weißrussland und Grusinien vermittelt, wie das Ganze eingesetzt werden kann.
 
Wie dieses gewaltige Projekt entstanden ist und warum es so schwierig ist, das an sich so selbstverständlich Scheinende zu erklären, hat Natalja Sotowa (Nowaja Gaseta) die Projektleiterin Astrid Wege und den Bürgerrechtler Andrej Jurow gefragt.
 
Astrid Wege
 
Leiterin der Abteilung für Kulturprogramme des Goethe-Instituts Moskau, Leiterin des Projekts HUMRA
 
Bei dem Gespräch, das wir mit Hilfe der Zeichentrickfilme führen, geht es in Wirklichkeit um ein ziemlich ernstes Thema. Wir haben das Menschenrechtskonzept in verständlicher Form so dargelegt, dass man keine Dokumente lesen muss, die in einer bürokratischen Sprache abgefasst sind und für deren Verständnis man eine juristische Ausbildung braucht. Einerseits handelt es sich natürlich um eine Theorie, das ist richtig, aber andererseits hat man es auch mit einer ganz konkreten Sache zu tun. Es ist doch sehr wichtig zu wissen, welche Rechte man hat. Bildung, Selbstverwirklichung – das ist nicht unbedingt etwas, das einem gleich morgen zugutekommt. Aber so bildet sich das eigene Selbstverständnis heraus und dabei auch ein Verständnis für die Realität.
 
In der Tat wissen die Menschen wenig über Menschenrechte, zumal es kein Konzept ist, das sich leicht erschließt. Wir bieten Aufklärung und Orientierung an. Wichtig ist zu verstehen, dass auch die Menschenrechte ihre Geschichte haben. Die Vorstellung von unveräußerlichen Rechten hat sich in der Welt nach dem großen, mit viel Blutvergießen verbundenen Krieg entwickelt. Man sollte auch wissen, dass diese Rechte beschränkt werden können: Das betrifft zum Beispiel das Recht auf freie Meinungsäußerung, wenn man Anstiftung zur Gewalt betreibt. Die Menschenrechte berühren auch den Schutz von Minderheiten: Ja, eine Mehrheit kann ihren Beschluss mit Stimmenmehrheit durchbekommen, aber dabei hat sie nicht das Recht, eine Minderheit von der Beschlussfassung auszuschließen.
 
Mitunter ist es schwer zu verstehen, dass jeder das Recht hat, nicht gefoltert zu werden, sogar ein Verbrecher und Mörder. In Deutschland kam es vor einigen Jahren zu folgendem Vorfall: Ein Kind wurde entführt und ein Polizist hat in der Hoffnung, das Opfer würde noch leben, dem Entführer mit Anwendung von Gewalt gedroht und auf diese Weise versucht, den Aufenthaltsort des Mädchens in Erfahrung zu bringen. Er hat den Verbrecher nicht angefasst, sondern ihm nur gedroht.
 
In der deutschen Gesellschaft wurde das heiß diskutiert: Natürlich würde man am liebsten der ersten emotionalen Regung folgen und alles Mögliche unternehmen, um das Kind zu retten. Ausnahmen sind jedoch eine heimtückische Sache. Wenn man einmal damit anfängt, stellt sich schnell die Frage, wer warum darüber entscheidet, wo man, sagen wir mal, Gewalt anwenden kann und wo nicht. Darf man Menschenrechte ignorieren, um das Lebens eines anderen zu retten?
 
Bei unserem Publikum handelt es sich überwiegend um junge Leute im Alter von 16+, zumeist von Schulen oder Hochschulen. Aber egal, wo die Filme laufen, sie sind ein Magnet für Menschen jeden Alters; plötzlich scheinen alle förmlich am Bildschirm zu „kleben“. Wir haben beschlossen, uns dies zunutze zu machen und auf verschiedene Weise an die Sache heranzugehen. Wir haben also einerseits den Animationsspielfilm und andererseits die Kurzfilme zum Thema Menschenrechte, die als Bildungsmaterial eingesetzt werden sollen. Letztere sind fast fertig; insgesamt werden es sieben sein. Sie bilden die Grundlage des Bildungsprogramms; man kann in Seminaren damit arbeiten. Aber wir wollten außerdem noch die Geschichte der Menschenrechte mit den Mitteln der Kunst erzählen. Auch Menschen, die an keinen Bildungsprogrammen teilnehmen, haben die Möglichkeit, den Zeichentrickfilm zu sehen und über Menschenrechte nachzudenken. Außerdem stellen wir zusammen mit den Seminarteilnehmern eine Amateuranimation her; behilflich sind dabei professionelle Animationsfilmproduzenten.
 
Am interessantesten ist, welche Wechselbeziehung zwischen dem kulturellen Teil des Projekts und dem Menschenrechtsteil entstanden ist. Menschenrechtler und Vertreter der Kunst sprechen oft verschiedene Sprachen. Und diese zusammenzubringen, ist eine wichtige Aufgabe. Davon haben alle profitiert. Genau deswegen führen wir das Gespräch über die Menschenrechte faktisch in verschiedenen Sprachen – sowohl in der Sprache der Kunst als auch in der Bildungssprache.
 
Andrej Jurow
 
Menschenrechtler, Mitglied des dem Präsidenten der Russischen Föderation unterstellten Rates für die Entwicklung der Zivilgesellschaft und Menschenrechte, Leiter der Internationalen Schule für Menschenrechte und zivile Handlungen, Mitbegründer des Projekts
 
Die Handlung von „Humra. Die Legende von den Menschenrechten“ hat sich hauptsächlich HeeHoos ausgedacht. Aber an der Welt des Planeten haben wir alle gemeinsam gearbeitet; davon, wie dieser aufgebaut ist, hängt nämlich ab, was man über ihn erzählen kann. Auf Humra sind die Städte fliegende Inseln, unter ihnen befindet sich der endlose Ozean, wo auf den Rücken von Walen und riesigen Meereswesen die Wilden in Freiheit leben. Die obere Welt von Humra ist allerdings eine technokratische, wo ein autoritäres Regime herrscht. Hier gibt es sogar ein Amt für Glück. Nach schrecklichen Kriegen zwischen den Galaxien haben alle zivilisierten Welten die „Menschenrechtserklärung“ verabschiedet. Aber der Planet Humra ist klein, unauffällig und abgelegen und das wird von den Machthabern ausgenutzt. Sie lassen alles umschreiben und geben ihren eigenen Text als das Original aus. Auf diese Weise wird die Bevölkerung getäuscht. Den Helden aus den Reihen der Wilden sieht man in dieser Welt nicht als einen Menschen an.
 
Das Drehbuch wurde im Rahmen von Konsultationen zum Thema Menschenrechte besprochen, und noch im Sommer 2014 haben HeeHoos und ich uns deswegen bis zur Heiserkeit angebrüllt. Die Künstler unterscheiden nur sehr schwer die politische Sphäre von der der Menschenrechte, sie tendieren zu einer Handlung mit viel Action: Schießerei, Revolution, Krieg. Auf unsere Vorschläge hin hat HeeHoos wiederum gesagt: „Wie langweilig.“ Es ist ihm schwergefallen, obwohl er sich in das Thema der Menschenrechte wirklich vertieft hat. Aber ein Menschenrechtler ist in der Regel eine unglaubliche Nervensäge, er wählt ein Problem aus und schreibt endlos Briefe an alle Instanzen, bis er ein Gerichtsverfahren erreicht hat; im realen Leben sind die Dinge oft sehr anstrengend.
 
Es ist ja klar, dass unser Zeichentrickfilm der Anlass nur der erste Schritt auf dem Weg zu einem ernsthaften Gespräch ist. Kenntnisse zu Menschenrechten sind für sich genommen sinnlos, wenn die Menschen nicht verstehen, wer ihnen dabei behilflich ist, sie umzusetzen. In den Ländern, wo die Menschenrechte eingehalten werden, investieren die Menschen sehr viel in diesen Bereich; sie spenden sogar Geld für den Rechtsschutz. In Norwegen ist jeder Bürger im Schnitt in sieben gesellschaftlichen Vereinigungen: er ist entweder bei Amnesty International oder im Verein der Skifahrer oder in Organisationen, die die lokalen Haushalte überwachen. Aber denken Sie denn, dass alle Beamten im Westen ehrliche Menschen sind, dass alles transparent ist? Nein, gemeinnützige Organisationen, unabhängige Journalisten, Blogger, städtische Aktivisten bilden zusammen ein riesiges System, das ständig die Macht kontrolliert. Wenn sie nicht kontrolliert wird, dann fängt sie an zu faulen.
 
Damit die Menschenrechte funktionieren, müssen Institute geschaffen werden. So sind zum Beispiel zwei Mitglieder des Rates für Menschenrechte in ein karelisches Gefängnis zu Dadin gefahren, weil es in ganz Karelien nicht eine einzige einflussreiche Menschenrechtsorganisation gibt. Keine einzige! Wenn es wenigstens eine gäbe, dann würde dort nicht so eine Willkür herrschen. Wissen Sie, dass in Frankreich in den 60-er Jahren Intellektuelle in die Gefängnisse gegangen sind und angefangen habe, schreckliche Dinge darüber zu veröffentlichen? Trotz des Fortschritts und der Tatsache, dass der Krieg schon zwanzig Jahre vorbei war, erlebten sie die Gefängnisse als einen Albtraum. Die Gesellschaft hat davon erfahren, ebenfalls Grauen empfunden und anschließend begonnen, die Dinge zu verändern. In amerikanischen Gefängnissen herrschte Willkür und auf österreichischen Polizeiabschnitten wurden Menschen geschlagen. Aber die Zivilgesellschaft dort befasst sich damit, bei uns hingegen denken die Menschen, dass jemand kommt und Ordnung schafft. Bei Menschenrechten geht es um bestimmte Mechanismen, um die man sich regelmäßig kümmern muss.
 
Mir ist ein Ausspruch besonders wichtig, den ich fast auf allen Vorlesungen zitiere. Er stammt von Martin Luther King und lautet: „Vergessen Sie nie, dass alles, was Hitler in Deutschland getan hat, legal war.“ ("Never forget that everything Hitler did in Germany was legal“) Wo waren denn da die Menschenrechte? Warum sind Millionen von Juden nicht geschützt worden? Es gab diese Rechte einfach nicht. Man hatte die Vorstellung, dass man im eigenen Land mit den Bürgern alles Mögliche machen kann. Ob man sie erschießt oder verhungern lässt - sie werden als Eigentum betrachtet. Plötzlich jedoch hat die Menschheit beschlossen, die Souveränität von Staaten zu beschränken. Wenn ein Staat anfängt verbrecherisch zu werden, muss ihn jemand an die Hand nehmen und sagen: „Nein, dazu hast du kein Recht.“ Dass die Welt sich auf die Menschenrechte geeinigt hat, ist eine Revolution. Das Problem besteht nur darin, dass es sich lediglich um einen kleinen Teil handelte und die Menschheit als Ganzes zu diesem Schritt noch nicht bereit war. Deshalb haben sich die Praktiken auch noch nicht sofort geändert.
 
Es gab eine Zeit, da man den Eindruck hatte, die ganze Welt würde sich in Richtung Menschenrechte bewegen. Aber dann ist etwas passiert. Ich denke, vieles ist in den 90-er Jahren kaputtgegangen: Für mich hat das mit den Bombardierungen friedlicher Viertel in Belgrad und dem Krieg nach dem 11. September zu tun, von dem plötzlich friedliche Menschen betroffen waren. Wenn die NATO Panzer und Kanonen zu den Hauptwerkzeugen der Verteidigung der Menschenrechte macht, dann kann man der Menschenrechtsrhetorik wenig Glauben schenken. Die Menschenrechte wurden von den Politikern zunehmend als Wechselgeld benutzt. Und wenn man sich die sexistischen und fremdenfeindlichen Sprüche von Trump anhört, kommt man zu dem Schluss, dass das den Menschen momentan gefällt.
 
Es gab Zeiten, da es gar nicht so schlecht war Marxist zu sein: Zwangsläufig musste früher oder später der Kommunismus kommen. So zumindest sah man damals den Lauf der Geschichte. Wie sich dann herausstellte, ist das alles doch nicht so einfach. Aber ich glaube daran, dass die Zeit der funktionierenden Menschenrechte kommt. Die Welt ist global; es ist unmöglich, ein Menschenrechtsparadies in einem einzelnen Land zu schaffen, beispielsweise nur in Norwegen – auch dorthin werden syrische Flüchtlinge kommen.
 
Aber wir müssen noch viel tun, um den allgemeinen Trend in die Gegenrichtung zu lenken; jeder von uns sollte sich für diese Veränderung einsetzen. Uns ist natürlich klar, dass wir mit diesem unseren Projekt nur ganz kleine Denkanstöße geben können. Aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung.