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Rezension
„Tschick“ von Fatih Akin: Das Eigene im Fremden

Von Ksenia Reutova

Tschick © Studiocanal GmbH / Mathias Bothor Die Verfilmung des bekannten Romans Tschick von Wolfgang Herrndorf durch einen der besten Regisseure des modernen deutschen Films ist mehr als nur die Chronik eines Jugendsommers. Im Personalstab Akins gibt es endlich auch einen Hauptdarsteller mit russischem Background – den der Regisseur auf ziemlich ungewöhnliche Weise einsetzt.

Fatih Akin hat eine unbestreitbare Qualität, die vielen seiner Kollegen fehlt: Als Autor ist er absolut unerschrocken. Nach dem Erfolg von Gegen die Wand und Auf der anderen Seite hätte Akin durchaus die Stimme der türkischen Diaspora in Deutschland bleiben können, ein Konstrukteur kinematographischer Brücken zwischen Ost und West, der ewige Jäger einer ihm stets aufs Neue entgleitenden Identität. Das wäre ein respektabler und ein wichtiger Titel gewesen – insbesondere weil innerhalb der letzten zwanzig Jahre im deutschen Film niemand sonst mit vergleichbarem Talent aufgetaucht ist, der sich dieser Thematik annimmt.
 
Akin aber geht noch einen Schritt weiter. 2014 erscheint The Cut, ein Film, der den Genozid an den Armeniern im Osmanischen Reich thematisiert. 2017 folgt Aus dem Nichts, in dem Akin ausdrückt, was ihm zum gegenwärtigen „Rechtsruck“ in Europa einfällt. Beide Filme handeln von globalen Themen. Bewegten sich die Hauptdarsteller bei Akin bislang in „kleinen Heimaten“ wie Hamburg, Istanbul oder dem Dorf Çamburnu, beginnen sie nun, zwischen historischen Epochen, Kontinenten und sozialen Brennpunkten hin und her zu wechseln.
 
Tschick wurde in der Zeit zwischen The Cut und Aus dem Nichts abgedreht. Eine Herausforderung für Akin, denn Jugendfilme gehörten bisher nicht zu seinem Interessensbereich. Noch dazu handelte es sich bei dem Drehbuch um die Verfilmung eines Bestsellers, den einige Millionen deutsche Bürger gelesen hatten. Normalerweise nimmt Akin keine fremden Texte an, sondern entwirft seine Inhalte selbst. Die einzige Ausnahme bildet der Film Solino, eine Familiensaga italienischer Migranten.

Tschick Reiner BAJO Warum also plötzlich Tschick? Die Verfilmung von Wolfgang Herrndorfs Roman sollte ursprünglich von einem ganz anderen Regisseur umgesetzt werden: von David Wnendt, der sich mit dem Film Kriegerin als Kenner jugendlicher Psychologie etabliert hatte. Doch dieser geriet im letzten Moment in eine Auseinandersetzung mit dem Produzenten und stieg aus dem Projekt aus. Um den Film noch zu retten, wurde Akin angefragt.
 
Mit der Vorbereitung begann der Regisseur sieben Wochen vor Drehbeginn – aus Perspektive der Filmindustrie ein lächerlicher Zeitraum. Was Akin allerdings nicht daran hinderte, den Plan seines Vorgängers radikal umzuarbeiten. In Zusammenarbeit mit Lars Hubrich und Hark Bohm schrieb Akin nicht nur das Drehbuch vollständig neu, sondern tauschte auch den Darsteller für die Hauptrolle aus und verzichtete auf die Dienste eines bereits gebuchten 18-jährigen Schauspielers. Diesen empfand Akin als zu reif, im Buch ist Maik Klingenberg erst 14. Schließlich bekam Tristan Göbel die Rolle, dessen reales Alter bei den Dreharbeiten fast genau mit dem seiner Figur übereinstimmte.
 
Inhaltlich blieb der Stoff unverändert: Maik, der Sohn gut situierter, aber nicht sehr glücklicher Eltern, freundet sich mit seinem Mitschüler Andrej Tschichatschow, genannt Tschick, an, einem seltsamen Jungen, dem  Verbindungen zur russischen Mafia nachgesagt werden. In einem geklauten blauen Lada begeben sich die beiden auf eine Reise durch Deutschland, während derer sie viele Abenteuer erleben.

Tschick © Reiner BAJO Um das Genre klar abzugrenzen – Akin hatte sich für ein Roadmovie entschieden – wurde fast alles aus dem Film herausgenommen, was sich auf das Schulleben der beiden Hauptfiguren bezieht. Akin verzichtete auch auf den russischen Kontext, der im Roman ausführlich beschrieben wird. Mit Ausnahme von Putin-Witzen und dem Berliner Stadtviertel Marzahn, das vorrangig von Einwohnern aus dem postsowjetischen Raum bevölkert wird, gibt es in der Filmversion nichts, was den ehemaligen Einwohner „endloser russischer Weiten“ erahnen lässt, wie Tschick in Herrndorfs Text von einem Lehrer vorgestellt wird. Es fehlt im Film auch die für den Roman so wichtige Episode, in der die Jugendlichen auf einen verrückten älteren Herrn treffen, der in einem Strafbataillon der Wehrmacht gekämpft hatte. Sowohl für den deutschen Maik als auch für den russischen Tschick erscheint die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg unendlich fern der eigenen Gegenwart.
 
Im Film passiert stattdessen etwas sehr Erstaunliches. Anstelle der zwei vollwertigen Charaktere Maik und Tschick präsentiert Fatih Akin dem Zuschauer nur noch einen. Ab einem bestimmten Moment beginnt Goodbye Berlin wie eine Auslegung von Fight Club zu wirken. Tschick kommt sprichwörtlich aus dem Nichts zu Maik und verschwindet auch wieder ins Nichts, so als würde er sich im Raum auflösen. Seine Rolle hat nur noch unterstützenden Charakter: Die Reise, die in Berlin beginnt und die sich in eine Reise ins Innere verwandelt, unternimmt nur noch einer der Jungen.

Tschick © Reiner BAJO Bei Fans des Romans wirft diese Auslegung vermutlich Fragen auf. Doch vom Standpunkt Akins aus ist alles sehr einleuchtend. Dieser Regisseur, der sich im Verlauf seines gesamten künstlerischen Lebens mit dem Aufeinandertreffen von Kulturen und der Rezeption des „Anderen“, des „Fremden“ in einem bestimmten Land, einer Gesellschaft oder Person beschäftigt hat, konnte den Roman von Herrndorf ganz einfach nicht anders lesen. Die Geschichte des Erwachsenwerdens, die Tschick erzählt, verkehrt sich in die Geschichte einer Reihe von Begegnungen mit unterschiedlichen Formen der Fremdheit. Tschicks offenherziges Geständnis kurz vor dem Finale ist natürlich ebenso kein Zufall.
 
Nicht im biologischen, sondern im sozialen Sinne erwachsen zu werden, bedeutet bei Akin, den Fakt als Selbstverständlichkeit hinzunehmen, dass eine Vielzahl an „Anderem“ existiert: Leute, die seltsam, oftmals unverständlich und überhaupt nicht so sind wie man selbst. Der schönste Sommer des Lebens ist der, in dem die Welt einen mit ihrer Vielschichtigkeit und ihren Möglichkeiten sprachlos macht. Eben schien sie noch so klein. Doch dann stellt sie sich als riesengroß heraus.

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