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Interview
Georg von Wallwitz: „Und am besten können die Russen Geld ausgeben“

Georg von Wallwitz
© Garage – Museum für moderne Kunst \ Dmitrij Schumow

Der deutsche Wirtschaftsexperte und Autor mit russischen Wurzeln Georg von Wallwitz hielt im Museum Garage den Vortrag „Politik, Wirtschaft oder Seine Majestät der Markt. Wer ist hier der wichtigste?“. Als Hedgefonds-Manager und Autor des Buches Odysseus und die Wiesel. Eine fröhliche Einführung in die Finanzmärkte (Verlag: Ad Marginem) zeichnet er in leichter, scharfsinniger Weise eine ökonomische Denkweise nach, die die Herausbildung von Ansprüchen und die Psychologie des modernen Menschen beeinflusst hat. Auf Bitte des Goethe-Instituts Russland hat sich Andrej Romaschkow, internationaler Kommentator bei Business FM, mit dem Autor über Russland, Sanktionen, die Risiken des Börsenhandels und seine russischen Vorfahren unterhalten.

Von Andrej Romaschkow

Guten Abend, Georg – oder soll ich Jurij sagen? Erzählen Sie doch zu Beginn von Ihrem „doppelten“ Vornamen und von Ihrer Herkunft.

Meine Eltern wollten mich Jurij nennen, aber die deutsche Passbehörde lehnte es ab, diesen Namen zu vergeben. Also haben sie sich einen ähnlichen Namen ausgesucht, und in der Geburtsurkunde wurde „George oder Georg“ eingetragen. Ich bin zu einem Achtel Russe. Meine Urgroßmutter stammte aus Russland. Es nennt mich aber niemand aus meinem Umfeld George – und selbst wenn es jemand tun würde, würde ich gar nicht reagieren.

Was ist die Geschichte Ihrer Urgroßmutter?

Sie war die Tochter von Wladimir Obreskow, dieser war russischer Botschafter in Wien. Und mein Urgroßvater war als sächsischer Botschafter in Wien. Ich bin nicht mit der russischen Kultur aufgewachsen, aber wir hatten zuhause russische Bilder und russisches Silber. Ich habe auch eine amerikanische Urgroßmutter – also bin ich zu einem weiteren Achtel Amerikaner.

Kommen wir zu etwas aktuelleren Fragen. Alle verhängen ja gerade Sanktionen – selbst dann, wenn es der eigenen Wirtschaft schadet. Warum? Und wie verhält man sich dem gegenüber?

Das ist so eine amerikanische Sache. In den USA hat man realisiert, dass man mit Sanktionen Dinge erreichen kann, für die es früher eine Armee gebraucht hätte. Ein Beispiel: Wie man dort gerade mit dem Iran umgeht, indem man sehr strenge Einschränkungen in Kraft gesetzt hat, die das Land fast gänzlich vom weltweiten Finanzsystem abschneiden. Die amerikanische Wirtschaftsgesellschaft ist damit sehr zufrieden. Doch im Ergebnis leidet die amerikanische Wirtschaft stärker darunter als die übrige Welt.

Ich fürchte, dass die Sanktionen nur häufiger werden könnten, und dass sich die Handelskriege fortsetzen – insbesondere zwischen den USA und China. Der Weltwirtschaft wird ein heftiger Schlag versetzt, wenn die WTO einen Teil ihrer Funktionen verliert. Protektionismus zur Wiederherstellung von Arbeitsplätzen in Bereichen wie der Kohle- und Stahlindustrie ist ein Mythos. In Österreich gibt es das große Unternehmen Voestalpine AG, einen hochtechnologisierten Stahlproduzenten. In einer der Fabriken wird Stahl in einer Größenordnung von 500.000 Tonnen im Jahr hergestellt, und dort arbeiten so etwa 15 bis 20 Leute. Das war´s. Selbst dann, wenn man in den USA also die Stahlfabriken wieder aufbauen würde, bringt das keine Arbeitsplätze zurück. Die sind für immer verloren gegangen.

Lesung Georg von Wallwitz © Garage – Museum für moderne Kunst \ Dmitrij Schumow Was sind, Ihrer Meinung nach, die starken und die schwachen Seiten der russischen Wirtschaft?

Das erste, was einem in den Sinn kommt, wenn man über Wirtschaft in Russland nachdenkt, sind die Bodenschätze. Russland hat ein enormes Territorium, sehr große Rohstoffreserven, und es liefert ein riesiges Volumen an Energieressourcen nach Europa. Das ist eindeutig eine starke Seite. Aber ich würde mich nicht auf die Gewinnung von Ressourcen konzentrieren. Denn der Reichtum eines Landes wird ja nicht durch das ausgemacht, was in der Erde liegt, sondern durch das, was in den Köpfen ist. Länder wie die Schweiz haben keine Rohstoffquellen, aber das Land ist dennoch reich. Es sind die Gehirne und das Bildungsniveau der Menschen, die einen langfristigen Reichtum ausmachen. Und hier scheint es auch nicht leicht zu sein, ein eigenes Business in Gang zu bringen – im Unterschied zu, beispielsweise, China. Darin liegt Russlands Schwäche. Russland könnte viel stärker sein, denn hier werden so viele talentierte Menschen geboren. Obwohl ich kein Russland-Spezialist bin: Das Problem mag darin bestehen, dass hier das Recht auf eigenen Besitz immer ein wenig infrage gestellt zu sein scheint.

Sprechen wir nun über Ihre Bücher. Wie würden Sie Ihre Einstellung zur Wirtschaft zusammenfassen?

Ich versuche, Wirtschaft aus der Perspektive eines kulturellen und historischen Kontexts zu betrachten. Wirtschaftswissenschaftler beschäftigen sich ja damit, dass sie die sie umgebende Realität beschreiben. Karl Marx hat im Kapital die industrielle Revolution in England Mitte des neunzehnten Jahrhunderts dargestellt. Doch zum zwanzigsten Jahrhundert hin hatte sich alles verändert – die Löhne waren angestiegen. Wirtschaftswissenschaftler beschreiben nur die Welt um sie herum. Heute sprechen alle von digitaler Ökonomie, ich jedoch bemühe mich, den kulturellen Kontext der Wirtschaftstheorie zu verstehen.

Was sind in Ihren Augen die gefährlichsten Schwächen und die Misserfolge der modernen Wirtschaftswissenschaft?

Ende des vergangenen Jahrhunderts haben die Menschen viel zu stark auf den Markt vertraut – dieses Vertrauen ist zwar mittlerweile stark geschrumpft, aber es ist immer noch sehr präsent. Die Wirtschaft hat sich als Wissenschaft nach der Krise im Jahr 2008 deutlich weiterentwickelt. Es war eine große Enttäuschung, dass Wirtschaftswissenschaftler dieses Phänomen nicht vorhergesagt hatten. Das gab den Wissenschaftlern den Impuls, ihre Haltung gegenüber der Wirtschaftstheorie zu überprüfen: Denn wofür braucht man Wirtschaftswissenschaftler, wenn diese nicht in der Lage sind, die größte Katastrophe der neueren Geschichte kommen zu sehen? Man machte sich also an eine Erneuerung des Modells.

Dabei gab es technische Probleme — so existierte zum Beispiel in vielen Modellen die Annahme, dass Märkte funktionieren und das Geld sich im System hin- und herbewegt; dass Kapitalgesellschaften immer Zugriff auf Mittel haben. Aber während dieser Krise stürzte das System zusammen, und die Korporationen konnten nicht über das Geld verfügen. Die Grundlage selbst, die Infrastruktur der Wirtschaft, wurde als Selbstverständlichkeit angesehen – es bedurfte also einiger Anstrengung, diese Wissenschaft auf Vordermann zu bringen. Die Wirtschaft verfügt über einen sehr differenzierten mathematischen Apparat – und das ist ja wunderbar, es ist wichtig, dass man Prozesse über Formeln beschreiben kann. Aber man muss eben auch das sehen, was sich hinter diesen Formeln und Modellen verbirgt, und verstehen, was dort wirklich vor sich geht. Andernfalls wird die Wirtschaftswissenschaft immer wieder solche enormen Fehler machen wie 2008. Ein Modell ist eine Vereinfachung der Realität und nicht die Realität selbst.

Georg von Wallwitz signiert Bücher © Garage – Museum für moderne Kunst \ Dmitrij Schumow Die Fondsmärkte gehen mit der Zeit und setzen neue Technologien ein. Viele haben schon einmal etwas von Börsen-Algorithmen gehört, aber kaum jemand versteht, wie sie funktionieren. Was ist das also genau, und welche Bedrohungen trägt diese Technologie in sich?

Börsen-Algorithmen werden schon seit Langem verwendet. Und dann kommt noch die künstliche Intelligenz hinzu – diese versteht es ausgezeichnet, Trends und Tendenzen des Marktes aufzuspüren, die der Mensch einfach nicht bemerkt. Aber es gibt zwei Prinzipien, warum ich mein eigenes Geld nicht einem vollautomatisierten digitalen Händler anvertrauen würde. Erstens beziehen sich die Möglichkeiten, nach denen diese Algorithmen jagen, auf die Interessen vieler Hedgefonds und Händler, die ebenfalls diese Modelle verwenden. Situationen, in denen es Abweichungen vom austarierten Preis gibt, werden sehr schnell von anderen Agenten ausgenutzt.

Zweitens können Algorithmen nur schwer den Wendepunkt eines Trends erkennen – und das werden sie auch nie erlernen. Zum Beispiel den Zusammenbruch des OPEC-Kartells in der Folge irgendwelcher Vorgänge im Iran, oder die Terrorangriffe des 11. September. Künstliche Intelligenz hat einfach keine Datengrundlage, um eine solche Situation bewerten zu können. Wenn etwas Einzigartiges und Neues passiert, helfen Algorithmen nicht weiter, und automatische Händler beginnen, Geld zu verlieren. Obwohl sie zu normalen Zeiten gut funktionieren. Hedgefonds-Manager wie ich setzen sie ein. Aber sie sind nur eines von vielen Instrumenten.

Können Börsen-Algorithmen und künstliche Intelligenz der Grund für die nächste große Krise sein?

Gute Frage. Es kann sein, dass Märkte crashen, und dass alle Algorithmen versuchen, gleichzeitig aktiv zu verkaufen – das ist dann ein Problem. Es ist wie eine Art Herdentrieb, den es beim Menschen genauso gibt wie bei Algorithmen. Oder die Studierenden eines Professors in Chicago nehmen es sich heraus, sehr ähnliche Algorithmen für unterschiedliche Fonds zu programmieren. Das kann einen Kollaps nach sich ziehen. Den Regulatoren ist dieses Problem bewusst, und sie bauen Sicherheitsvorrichtungen in die Algorithmen ein, damit der Handel bei einem Crash eingestellt wird.

Zum Schluss noch die Lieblingsfrage der Russen: Wie gefällt es Ihnen bei uns?

Mir gefällt es sehr gut. Als ich in Moskau ankam, war ich erstaunt, wie modern hier alles war. Ich könnte mir vorstellen, in so einer Stadt zu leben. Obwohl sich ja viele darüber beschweren, dass die politischen Freiheiten so stark eingeschränkt sind. Aber im Allgemeinen finde ich, dass Russland ein wunderbares, überraschend reiches Land ist. Die Verteilung dieses Reichtums ist zwar nicht immer zum Wohle von 95 Prozent der Bevölkerung – aber trotzdem ist Russland so reich! Das hat mich beeindruckt. Im Westen gibt es so etwas nicht. Wir hatten keine Leute, die sich solche Höfe leisten konnten wie den Landsitz in Ostankino – nur, um sich Theateraufführungen anzusehen. Ein so riesiges Schloss, wunderbares Interieur, unglaubliche Architektur – und all das wegen vier Aufführungen! Herrlich. Naja, und am besten können die Russen Geld ausgeben. Und das ist auch gut so. Auf zivilisierte Weise Geld auszugeben ist eine wunderbare Leistung. Weiter so!

 

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