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Tanz
From Berlin with Love – zum Breakdance: Flying Steps

Flying Bach
© NYP Photography

Von Tatiana Bulovyatova

Die Berliner Tanzgruppe „Flying Steps“ geht als eine Truppe in die Geschichte ein, die einen Wandel im gesellschaftlichen Bewusstsein auslöste. Denn sie hat weltweit zum ersten Mal bewiesen, dass Breakdance und Hip-Hop keine „Straßenkulturen“ sind, sondern ernst zu nehmende Kunstformen, die sich mit klassischer Musik gleichsetzen lassen. Internationalen Erfolg brachte ihr das experimentelle Projekt „FLYING BACH“ – eine Show, in der zur Musik von Johann Sebastian Bach Break mit Ballettelementen getanzt wird. Die Show sorgte für Furore und zog das unterschiedlichste Publikum an – von Schulkindern bis zu Rentner*innen und von Theaterfreunden bis zu Straßenkünstler*innen. Nach der Premiere 2010 wurde sie in 30 Ländern gezeigt – in Russland 2012 in Moskau – und reist auch jetzt noch weiter herum. Andere Gruppen haben die Idee aufgegriffen und angefangen, zu Mozart und Wagner zu tanzen.

2014 gab es einen durchschlagenden Erfolg der nun schon zweiten Show – „FLYING ILLUSION“, in der Breakdance zu einem Mittel des Inbegriffs visueller Gestalt an der Grenze zur Illusion wurde. Und im April 2019 stellt die Gruppe „Flying Steps“ ihre neue, dritte Show vor: „Bilder einer Ausstellung“, die auf einer Geschichte aus Russland basiert.
 
Vom dornigen künstlerischen Weg, von Projekten auf der Bühne und auf dem Bildschirm, von Kreativität und auch von der größten Berliner Schule für modernen Tanz hat der Gründer der „Flying Steps“, Vartan Bassil, Tatiana Bulovyatova erzählt.

Wie hat alles angefangen?

Vartan: In den 90er-Jahren hat sich in Deutschland kaum jemand für Breakdance interessiert. Das war nur eine ganz kleine Szene. Wir haben anhand von Videokassetten gelernt, sind auf Wettbewerbe gefahren, haben Leute kennengelernt. Die Gruppe „Flying Steps“ ist 1993 entstanden. Wir haben für das Thema gebrannt und wollten Aufmerksamkeit auf die Hip-Hop-Kultur lenken, uns zeigen. Wir standen immer vor der Frage: Wie können wir Hip-Hop zu unserem Beruf machen, damit wir uns von nichts anderem mehr ablenken lassen müssen?
Der erste große Schritt war, bekannt zu werden. Nach dem Sieg beim „Battle of the Year“ kamen wir ins Fernsehen, haben Tanz-Clips gedreht. 1998 wurde „Flying Steps“ zum Gesicht einer bestimmten Single – und wir wachten auf und waren berühmt.
Red Bull Flying Bach © Red Bull Content Pool Die Gruppe „Flying Steps“ war vier Mal Weltmeister im Breakdance und hat hochangesehene internationale Wettbewerbe gewonnen: den Battle of the Year (1994 und 2000) und den Red Bull Beat Battle (2005 und 2007). 1998 hat die Gruppe gemeinsam mit Music Instructor die Single „Super Sonic“ in einer Auflage von 250.000 Exemplaren herausgebracht.
 
Vartan: Aber man fing an, uns mit Musik zu assoziieren, und nicht mit dem Tanzen. Das war nicht das, was wir eigentlich wollten – nämlich uns weiterentwickeln, ein eigenes Programm auf die Beine stellen. Dafür mussten wir viel trainieren.

Wir haben für das Training Sporthallen genutzt, doch man hat sie uns nur zu bestimmten Zeiten zur Verfügung gestellt. Und wir wollten gern eigene Räumlichkeiten haben, die man zum Üben nutzen kann, so viel man will. Um das zu finanzieren, überlegten wir uns, dass wir dort auch unterrichten würden und die Räume dann in der restlichen Zeit ganz für uns hätten (lacht). So haben wir 2007 die Tanzschule „Flying Steps Academy“ eröffnet.

Danach war der nächste Schritt eine eigene Show. Wir haben sehr lange darüber nachgedacht, was das sein sollte und wie es aussehen könnte. Wir hatten ein ambitioniertes Ziel: nicht nur die Hip-Hop-Community dafür zu interessieren – denn da kannte man uns schon – sondern die Aufmerksamkeit derjenigen Zuschauer zu gewinnen, die sich überhaupt nicht für uns interessierten: Theatermenschen, Eltern, Leute aus der „Hochkultur“.

„FLYING BACH“ wurde zu einem richtigen Durchbruch. Das war ein großer Schritt – nicht nur für die „Flying Steps“, sondern ebenso für die gesamte urbane Tanzkultur, es hat die Einstellung der Menschen verändert. Die Kombination war unerwartet: klassische Musik und Breakdance, und dann auch noch im Museum. Wie seid Ihr darauf gekommen?

Vartan: Einerseits war uns zu Ohren gekommen, dass Jugendliche nicht ins Theater gehen und keine klassische Musik hören. Sie haben einfach keinen Bezug zu den Themen, die das Theater ihnen anbietet. Andererseits nimmt die ältere Generation modernen urbanen Tanz nicht ernst. Der Breakdance hatte ein schlechtes Image, so nach dem Motto: Das ist was für die Jungs von der Straße.

Mit unserem Konzept haben wir die Generationen zusammengebracht. Als die Idee zum Projekt „FLYING BACH“ aufkam, wusste noch niemand, was das werden sollte. Was? Zu Bach tanzen? Wir haben es selbst nicht ganz verstanden und mussten vieles lernen. Der Dirigent Christoph Hagel hat uns inspiriert. Durch ihn drückten wir wieder die Schulbank. Wir gingen der klassischen Musik auf den Grund, dem Klang eines jeden Instruments. Bei der Aufführung hatte jede/r Künstler/in einen Ton, den er oder sie tänzerisch umsetzte. Sechs Instrumente – sechs Tanzende. Mein Lieblingsbild ist die Ballerina, die eine Pirouette auf einem Bein dreht, neben sich einen Breakdancer, der sich auf dem Kopf dreht.  

Im April 2010 fand in der Neuen Nationalgalerie Berlin die Premiere von „FLYING BACH“ statt. Eigentlich hatten wir dieses Projekt für Berlin konzipiert. Doch das Interesse war so groß, dass wir damit erst durch Deutschland gefahren sind, dann durch Europa und danach durch die ganze Welt. Seither haben 700.000 Zuschauer*innen in mehr als 50 Ländern die Show gesehen.

Ihr habt wirklich das unterschiedlichste Publikum angelockt. Und bei dieser Gelegenheit bewiesen, dass Breakdance eine Kunstform ist.

Vartan: Als Breakdancer haben wir den Durchbruch geschafft. Wir haben gezeigt, dass der Hip-Hop als Tanzstil erwachsen geworden ist, dass das schon keine kleine Nische mehr ist, die man nicht ernst nehmen muss. Wir haben gezeigt, dass wir – wie auch in jedem anderen Tanzstil – unsere Basis haben: physisches Training und besondere Elemente. Aber auf dieser Grundlage entwickeln wir unsere Kreativität weiter. Ein kreativer Blick ist beim Tanzen das Wichtigste. Und darum ist Breakdance unserer Auffassung nach Kunst und kein Sport.
Wir inspirierten andere Menschen. Vertreter*innen des urbanen Tanzes fingen an, Projekte zur Musik von Beethoven und Mozart zu machen, und sie wurden schlussendlich auch als ein Teil der „Hochkultur“ wahrgenommen.

Die Show „FLYING ILLUSION“ hatte bereits einen anderen Maßstab. Es waren mehr Leute daran beteiligt und es gab ein anderes Bild auf der Bühne – nicht nur eine tänzerische, sondern auch eine graphische Visualisierung. Tanzende aus verschiedenen Ländern. Ohne Doubles, jeder und jede einzigartig. Wo habt Ihr alle diese faszinierenden Künstler*innen gefunden, und wie habt Ihr sie zusammengebracht?

Vartan: Wenn du zu Wettbewerben fährst, lernst du Leute aus der ganzen Welt kennen. Du bleibst im Kontakt und verfolgst deren Entwicklung. Oft sagen wir, wenn wir jemanden Coolen treffen: „Oh super, wir müssen mal irgendwas zusammen machen.“ Und als die Idee zu einem neuen Projekt aufkam, wussten wir schon, wenn wir dazu holen könnten, wer ideal passen würde. Da waren sowohl Berühmtheiten als auch talentierte Neulinge dabei, die bisher noch niemand kannte. Ich freue mich, zu sehen, dass viele von ihnen durch „FLYING ILLUSION“ mittlerweile sehr gefragt sind. Talentierte Tänzer*innen zu unterstützen, ist wichtig für uns.

Vartan Flying Dance © Red Bull Content Pool Ich sehe regelmäßig Aushänge mit Breakdance-Kursangeboten für die Allerkleinsten – ab vier Jahren. Die Kinder haben vor Aufregung leuchtende Augen: Zwei hübsche junge Typen tanzen mit ihnen, im Kreis, auf dem Arm, und die Kleinen wollen das alles auch. Aber wer sind die Eltern, die ihre Kinder zu Euren Kursen anmelden? Na ja, o. k., ich bin auch so ein Fan und habe meine beiden Kinder in die Akademie gebracht ...

Vartan: (lacht) Das ist doch die Antwort! Ein Teil der Eltern ist selbst aus der Subkultur der Straßenkunst. Andere kommen, weil sich die Einstellung dazu in den letzten Jahren verändert hat. Wir haben nicht dieses „schlechte Image“. Hip-Hop wird eher mit Rap assoziiert – und wir bemühen uns, die Distanz dazu zu betonen. Rap ist ein Rezitativ ins Mikrofon, uns hier aber geht es ums Tanzen. In der Akademie gibt es keine „passenden“ und „unpassenden“ Stile. Klassisches Ballett wird genauso unterrichtet wie Afrobeats und Zumba. Die Arbeit mit den Kindern ist besonders wichtig. Wir wollen keine digitale Generation heranziehen, die sich über die Bildschirme ihrer Endgeräte miteinander austauscht. Wir bringen den Kindern Bewegung, Rhythmus, ein Gefühl für Musik und Kunst bei – in unterschiedlicher Ausprägung.

Was ist das für ein neues Projekt, das im April 2019 herauskommt? „FLYING BACH“ hat Breakdance mit klassischer Musik zusammengebracht, „FLYING ILLUSION“ mit der Kunst der Illusion. An der Show „Bilder einer Ausstellung“ sind Street-Art-Künstler*innen beteiligt und die Premiere findet im Hamburger Bahnhof statt – einem Berliner Museum für moderne Kunst. Geht es also um bildende Kunst?

Vartan: „Bilder einer Ausstellung“ ist ein Zyklus von Klavierstücken des russischen Komponisten Modest Mussorgski, die von der Kunst eines anderen russischen Architekten und Künstlers, Wiktor Hartmann, beeinflusst sind. Diese Musik erzählt eine Geschichte. Ende des 19. Jahrhunderts, als Hartmann starb, gab es in St. Petersburg eine Ausstellung seiner Bilder. Und Mussorgski, der mit Hartmann befreundet war, besuchte diese Ausstellung und schrieb Musik zu jeder der zehn Arbeiten. Er hat sozusagen die Malerei in die Sprache der Musik übersetzt. Wir überlegten also: Wie könnten wir das in die Sprache des Tanzes übertragen?
Von diesen zehn Bildern haben es nur zwei in unsere Zeit geschafft. Aber wenn wir nun eine Performance auf der Bühne vorbereiten, könnten wir die doch auch auf die Bühne bringen? Dann haben wir ein Bild auf der Bühne, oder ein Fragment, oder eine Installation. Wir beschlossen, dieses Projekt gemeinsam mit dem Künstler-Duo OSGEMEOS auszuarbeiten. Das Projekt wurde vier Jahre lang vorbereitet, und die Premiere findet im April 2019 im Hamburger Bahnhof, einem Museum für moderne Kunst hier in Berlin statt. Die Show wird vier Wochen laufen, sie ist etwas, was es noch nie gegeben hat, und das ist großartig. Die „Flying Steps“ sind eben dafür berühmt, dass wir Sachen machen, die noch nie zuvor jemand gemacht hat. Eine neue Kunst.

Man merkt, dass das Ganze für Euch immer noch ein Riesending ist. Eure Augen leuchten!

Vartan: Wir sind noch die gleichen wie früher.

2017 hat die Gruppe den Dokumentarfilm „Flying Revolution: The story of a lifetime battle“ herausgebracht. Er erzählt vom langen Weg der „Flying Steps“ – von einem einfachen Traum bis zum Welterfolg. Der Film ist in den deutschen Kinos und auf Flügen einiger Fluggesellschaften gelaufen, und er ist auf DVD und Blue Ray erschienen.
Leute aus der Gruppe sind in verschiedenen Projekten engagiert: zum Beispiel in der Jury des Wettbewerbs „Red Bull BC One“ und in der Fernsehshow „Masters of Dance“. Sie treten auf Großveranstaltungen in ganz Deutschland auf und sind als Werbeträger aktiv.


Ist es geplant, eine Video-Version Eurer Show herauszubringen, oder bleibt sie nur dem Live-Publikum vorbehalten?

Vartan: Nicht ganz. Wir planen, den Film „FLYING BACH“ zu drehen. Das wird aber kein Videomittschnitt von der Bühne, sondern ein neuer, vollwertiger Film.
Mein Traum ist es, ein eigenes urbanes Theater aufzumachen. Das ist dann das nächste Ziel.

 

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