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Das Recyclingprodukt des Tages: Kaffeetassen und -becher aus Kaffeesatz

Kaffeeform
© Kaffeeform

Täglich werden auf der ganzen Welt mehr als 400 Millionen Tassen Kaffee getrunken. Dabei wandert ein großer Teil von dessen Reststoffen in den Müll. Allein in Deutschland landen nach inoffiziellen Angaben jedes Jahr 20 Millionen Tonnen Kaffeesatz im Müllcontainer. Das Berliner Start-up Kaffeeform wollte das ändern und begann, Kaffeetassen und -becher aus Kaffeesatz herzustellen. Wie das gelang, erzählte uns Projektgründer Julian Lechner.

Von Anna Andrijewskaja

Die Idee

Erst wusste niemand, wie man eine Tasse aus Kaffeesatz herstellen könnte – und ob das überhaupt möglich war. Alles begann 2009 mit einem scherzhaften Disput in einem italienischen Kaffeehaus. Ich studierte von 2007-2010 im Norden Italiens Design und trank dort sehr viel Kaffee. Einmal ging es in einem der vielen Kaffeehäuser darum, ob es möglich wäre, eine neue Tasse aus altem Kaffee herzustellen. Ich dachte daran, dass ich sowieso noch ein Thema für meine Diplomarbeit brauchte und beschloss, mich mit Kaffeetassen aus Kaffeesatz zu beschäftigen.

Für die Ausarbeitung der Technologie und die Organisation des ganzen Prozesses brauchte es sechs Jahre! Aber schlussendlich entstand nach vielzähligen Experimenten tatsächlich eine Tasse aus Kaffeesatz. Und 2015 haben wir die Tassen dann auf den Markt gebracht. Natürlich habe ich immer noch irgendwo gearbeitet und mit dann an den Abenden mit Experimenten zu deren Produktion beschäftigt.

Aktuell entwickelt sich das Projekt aktiv weiter, und allein im letzten Jahr wurden 10.000 Tassen hergestellt. Das Start-Up entstand ausschließlich aus eigenen Mitteln, ohne irgendeine staatliche Finanzierung. 

Kaffeeform © Kaffeeform

Die Herstellung

In Berlin entsteht Tag für Tag eine riesige Menge Kaffeesatz. Wir haben eine Kooperation mit vielen Cafés in Kreuzberg, die uns bei unserer Arbeit helfen.  Bei ihnen und in Co-Working Spaces sammeln wir den Kaffeesatz ein. Erst muss der Kaffeesatz gut trocknen, danach hält er sich lange Zeit. Leute aus der Werkstatt helfen uns dabei, den Kaffee zu trocknen. Um Tassen herstellen zu können, mischen wir dem Kaffeesatz pflanzliche Bindemittel bei. Zum Beispiel Holzfasern von Buchen, Zellulose oder Biopolymere. 

Dann stellen wir aus dem Pulver mit der gewonnenen Masse Pressgranulat her. Daraus wird auf einer speziellen Werkbank neues Geschirr geformt. Um zum Beispiel eine neue Espresso-Tasse mit Henkel herzustellen, braucht man in etwa sechs Portionen Kaffeesatz. 

Dabei hat die Art der Kaffeebohnen für die Produktion keine Bedeutung. Allerdings bevorzugen wir Kaffee, dessen Verpackung das FairTrade-Label aufweist.

Kaffeeform © Kaffeeform

Die Tassen

Die Tassen selbst sind sehr leicht, gleichzeitig aber stabil. Sie gehen selbst dann nicht kaputt, wenn man sie aus einer Höhe von anderthalb Metern fallen lässt. 

Außerdem riechen sie leicht nach Kaffee, und man kann sie sehr lange verwenden. Sie lassen sich gut reinigen, selbst im Geschirrspüler. 

Jede von ihnen hat eine unnachahmliche Struktur, die ein bisschen an Holzfaser erinnert. Na, und dann sind sie auch noch frei von jeglichen Schadstoffen wie etwa Bisphenol A, und vollständig biologisch abbaubar. 

Mit Espresso-Tassen hat alles angefangen, danach kamen Tassen mit größerem Volumen hinzu – für Cappuccino oder Milchkaffee. 

Kaffeeform © Kaffeeform

Andere Produkte

Nachdem die Tassen ein voller Erfolg waren, machten wir uns an die Herstellung von Kaffeebechern mit passenden Deckeln. Die Technologie der Herstellung ist die gleiche. 

Mit unseren umweltfreundlichen Bechern möchten wir die Menge der Einwegbecher reduzieren, denn die ist in Deutschland zu einem Riesenproblem geworden.

Übrigens sind bei uns auch noch andere Produkte geplant, die nichts mit Geschirr zu tun haben. Zum Beispiel umweltschonende Verpackungsmaterialien.

Kaffeeform2 © Kaffeeform

Die Umwelt

Wir haben uns zwei Ziele gesetzt: erstens, Lebensmittelabfälle weiter zu verwenden und zweitens, den Gebrauch von Einweg-Kaffeebechern einzuschränken und Lebensmittelabfälle nutzbringend zu verwenden.

In unserem gesamten Projekt geht es um Umweltschutz und nachhaltige Entwicklung. Und genau so sollte auch eine zirkulierende Wirtschaft funktionieren: Reste werden einer neuen Verwertung zugeführt. Es ist für uns sehr wichtig, Wertstoffe, die ansonsten auf der Müllhalde gelandet wären, zu einem neuen Leben zu verhelfen. 
Durch die Tassen und in erster Linie die WEDUCER-Becher wollen wir den Papp- und Plastikbechern für Kaffee den Kampf ansagen und unseren Beitrag zum Umweltschutz leisten, darunter auch zum Schutz der Ozeane vor Plastikmüll. Nach Angaben der Organisation Deutsche Umwelthilfe werden in Deutschland STÜNDLICH ganze 320 Millionen Kaffeebecher weggeworfen. Ein schrecklicher Fakt! 

Unser globales Ziel ist es, zu erreichen, dass Kunststoff aus Erdölprodukten verboten und durch umweltfreundliche Alternativen aus erneuerbaren Rohstoffen ersetzt wird.
Deswegen wollen wir mit unseren Produkten andere inspirieren und dazu motivieren, sich aktiv für den Umweltschutz zu engagieren. 

Kaffeeform © Kaffeeform

Die Käufer/-innen

Man kann unsere Tassen im Internet-Shop kaufen, preislich geht es bei 14,95 Euro los. Auch ist schon eine große Anzahl an Orten entstanden, an denen man unsere Ware anfassen und vor dem Kauf daran schnuppern kann – Offline-Shops gibt es in vielen Städten Deutschlands und auch in einer Reihe anderer europäischer Länder. Eine vollständige Auflistung findet man hier.

In letzter Zeit fällt uns auf, dass es immer mehr interessierte Cafés gibt, die ihren Kaffee in Kaffeeform-Tassen anbieten möchten. Die Nachfrage an unseren Produkten steigt ständig.

Kaffeeform © Kaffeeform Pläne

Wir haben sehr viele Ideen und Kontakte zu großen Firmen. Wir freuen uns über Kooperationen mit Cafés und anderen gastronomischen Betrieben in Ländern, in denen Kaffee angebaut wird. 

Zum Beispiel interessieren uns Brasilien oder Kolumbien. Dort herrschen natürlich ganz andere Produktionsbedingungen, den Kaffee könnte man aber einfach in der Sonne trocknen lassen. 

Ein großes Interesse an den Tassen sehen wir auch in den USA –aber dort gibt es, wie uns scheint, einen anderen Markt für den Verkauf der WEDUCER-Becher. Auch der asiatische Markt interessiert uns sehr. Sehr bald werden die Tassen erstmals in Japan verkauft. Wir haben dort einen Partner mit gutem Logistik-Netzwerk gefunden. Gerade haben wir auch viele Anfragen aus der Ukraine. Es ist also nicht auszuschließen, dass unsere Tassen irgendwann einmal auch in Russland zu haben sind. 

Dieser Text entstand in Kooperation mit dem Internationalen Grünen Dokumentarfilm-Festival ECOCUP und dem Goethe-Institut Moskau. 
 

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