Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Kommentare der führenden Marx-Forscher*innen
Die Zukunft mit Marx

Zukunft mit Marx
© Schaninka

Ende Mai fand in Moskau die zweitägige Konferenz „The Future with Marx“ unter Beteiligung führender Marxismus-Forscher*innen aus Russland, Deutschland, Großbritannien, den USA, Italien und Griechenland statt. Andrej Romaschkow, Korrespondent für das Online-Magazin des Goethe-Instituts, nutzte die Gelegenheit, sich mit russischen und westlichen Wissenschaftler*innen auszutauschen – und eine Ahnung davon zu bekommen, weshalb man sich im 21. Jahrhundert noch mit Marx auseinandersetzen sollte und ob es für seine Idee eine Zukunft gibt.

Zukunft oder Gegenwart mit Marx?

Andrej Romaschkow: Der Titel „The Future with Marx“ ist irreführend. Die Konferenz beschäftigt sich ja nicht mit futurologistischen Hypothesen à la „Was würde Marx tun?“, sondern viel eher mit der Erforschung gegenwärtiger Trends und einer Analyse der Vergangenheit durch das Prisma der Auseinandersetzung mit Marx. Warum?

Michael Heinrich © Schaninka Michael Heinrich, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bereich politische Philosophie an der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin, meint, dass in der Vergangenheit viele Verfechter*innen linker Ideen ihre Möglichkeiten, durch die Auseinandersetzung mit Marx die Zukunft vorherzusagen, überschätzt haben – und die Zukunft hat sich auch in der Tat als eine völlig andere herausgestellt.

„Ich ziehe es vor, zurückhaltender zu sein und das zu analysieren, was in der Gegenwart passiert. Auf Grundlage dieser Analyse kann man vielleicht vorsichtige Hypothesen in Bezug auf die Zukunft formulieren, so, wie ich es in meinem Vortrag getan habe. Beispielsweise dazu, dass es in der Gesellschaft eine Wahrscheinlichkeit für das Anwachsen des Bonapartismus gibt – vielleicht sogar eines Bonapartismus ohne konkreten Bonaparte. Aber wir sind nicht in der Lage, irgendeinen größeren Kollaps oder Rückfall in die Vergangenheit vorherzusagen.

Eine andere Frage bezüglich Zukunft besteht darin, was wir selbst von ihr erwarten und welche Veränderungen wir anstreben. Eine der letzten Fragen in meinem Panel berührte zum Beispiel das Thema, was eine wirkliche Demokratie ausmacht. Ich würde sagen, dass es keine wirkliche Demokratie gibt, solange Politik und Wirtschaft getrennt sind. Man kann nicht im politischen Bereich etwas ändern und hierdurch eine reale Demokratie erhalten – man muss auch die Wirtschaft verändern, den persönlichen Besitz und das kapitalistische System.“

Sind Marx´ Ansätze dazu geeignet, Herausforderungen der Zukunft zu begegnen?

AR: Die Idee des Marxismus ist auch im 21. Jahrhundert noch aktuell – unter anderem deshalb, weil Marx sich mit dem Kapitalismus auseinandersetzte und ein Großteil der Erdbevölkerung heute im Kapitalismus lebt. Viele globale Herausforderungen der Gegenwart wurden so oder anders bereits im 18. Jahrhundert benannt. Aber sind Marx´ Ansätze auch dazu geeignet, den Herausforderungen der Zukunft zu begegnen?

Jodi Dean, Professorin im Fachbereich Politikwissenschaft und politische Philosophie an den Hobart and William Smith Colleges im Staat New York, gab zu bedenken, dass die Automatisierung und der Klimawandel kein Problem der Zukunft seien, sondern unaufschiebbare Fragen, mit denen man sich hier und jetzt beschäftigen müsse. Auch für Marx waren diese schon aktuell.
Zukunft mit Marx Publikum © Schaninka „Im „Kapital“ gibt es ein sehr langes Kapitel, dass sich mit der Produktionsausstattung und ihrem Einfluss auf die Arbeiter*innen beschäftigt, auf die Arbeiterklasse, selbst auf die Familie. Marx schrieb, dass Maschinen die Natur der Arbeit insofern verändern, dass billigere Arbeitskräfte – also Frauen und Kinder – genauso dafür herangezogen werden können. Dies beeinflusst unter anderem, wie Familie aussieht. Außerdem stellen billigere Arbeitskräfte mehr Waren her, was wiederum das soziale Leben unterminiert. Das beobachten wir auch aktuell mit dem Anstieg einer Automatisierung der Produktion. Eine Kostenersparnis im Bereich der Arbeitskraft, ein Übermaß an Waren, eine schlechte Verteilung der Einkünfte und das Auseinanderbrechen enger sozialer Bindungen. Was die Klimaveränderungen angeht, schreibt er im „Kapital“ vom sogenannten „metabolischen Riss“, das heißt, vom unheilvollen Einfluss der Industrie, der Zentralisierung und Urbanisierung auf die Böden und auf die Leben der Arbeiter*innen in der industriellen Landwirtschaft. Marx´ Gedanken sind in dieser Richtung also noch heute aktuell.“

Und wie steht Marx zum Kapitalismus?

AR: Die Einstellung Karl Marx´ zum Kapitalismus war – entgegen der weit verbreiteten Auffassung – zwiespältig. Einerseits sah er ein, dass der Kapitalismus ein repressives System ist, das den Menschen ausbeutet und schlussendlich verstümmelt. Andererseits fand Marx, dass er auch das Element einer gewissen Entwicklung und des Fortschritts in sich trage. Wie ist dieser Widerspruch zu verstehen?

Alexei Penzin, Mitglied des Organisationskomitees für die Konferenz „The Future with Marx“, Dozent an der Fakultät für Kunst an der University of Wolverhampton und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Instituts für Philosophie an der Russischen Akademie der Wissenschaften, forscht zu gegenwärtigen Interpretationen marxistischer Ideen und bekräftigt:

Alexey Penzin © Schaninka „Marx als Denker sieht den Kapitalismus stets als ein nicht monolithisches System an – er sucht in ihm Widersprüche und Probleme, die Veränderungen provozieren können. Der Kapitalismus unterstützt unterschiedliche neue wissenschaftliche Erfindungen, Maschinen und so weiter. Gleichzeitig sind die Arbeiter*innen dazu gezwungen, monoton ein und derselben Arbeit nachzugehen, sie entwickeln sich nicht weiter und ihre Persönlichkeit bleibt auf dem gleichen primitiven Niveau, das ihnen die Arbeit vorgibt. Marx sah in der weiteren Entwicklung der Technik, Technologie und Automatisierung die Gefahr, dass neue Möglichkeiten der Ausbeutung entstehen könnten.

So gibt es beispielsweise den Begriff „Plattformkapitalismus“. Google, Facebook, Twitter und andere technologische Plattformen arbeiten als enorme Agitatoren in Bezug auf Kosten und Werte – nicht ohne Grund sind ihre Besitzer die neuen Milliardäre. Und wir leben mit ihnen zusammen in einem 24-Stunden-Rhythmus, in dem wir fast unsere gesamte Zeit mit dem Arbeiten zubringen – in dem Sinne, dass wir ständig im Internet und in sozialen Netzwerken unterwegs sind und kostenlos etwas für diese Monopolisten erschaffen. Das ist wie die IKEA-Idee: du baust dir selbst deine Möbel zusammen. Und auf genau die gleiche Weise baust du bei Facebook an deinem Profil, du gibst unbezahlt deine Daten her, die es der Plattform wiederum erlauben, mit Werbung Geld zu machen. Der kürzlich dagewesene große Skandal um Facebook und seinen Einfluss auf die Politik ist ein Teil dieses Problems. Einerseits befreien uns die Technologien. Andererseits existieren sie innerhalb des kapitalistischen Marktsystems, das sich darum bemüht, aus ihnen Gewinn zu schlagen.“

Marxismus und Feminismus: wie verhält sich das heute zueinander?

AR: Die theoretischen Grundlagen des marxistischen Feminismus wurden in den klassischen Werken des Marxismus gelegt, welche die Unterdrückung nach Geschlecht mit der Unterdrückung nach Klasse verglichen und die Beziehung zwischen Männern und Frauen mit der zwischen Bourgeoisie und Proletariat. Auf dem Panel, das sich mit Feminismus auseinandersetzte, wurde eine ganze Reihe von Problemen erörtert, die sich darum drehten, dass die globale feministische Diskussion zwar an Fahrt gewinnt, dabei aber auch eine ziemlich gefährliche und in vielerlei Hinsicht vorhersagbare konservative Reaktion provoziert. Wie verhalten sich Marxismus und Feminismus heute zueinander?

Grigory Yudin, Mitglied des Organisationskomitees für die Konferenz „The Future with Marx“, Philosoph, Soziologe und Professor an der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, führt an, dass der Feminismus – trotz der Entstehung einer durchaus einflussreichen feministischen Bewegung – heute längst nicht alle von ihm gesetzten Ziele erreicht.
Grigorij Judin © Schaninka
„Für die Vortragenden, die in diesem Panel über das Erbe Marx´ sprachen, war es wichtig, dass sich die feministische Idee heute mit anderen zusammenschließt. Cinzia Aruzza, Mitautorin des unlängst viel besprochenen Manifests „Feminism for the 99%“, hat gezeigt, dass die feministische Bewegung erfolgreich bleibt, wenn es ihr gelingt, Allianzen mit anderen Bewegungen zu schmieden: mit der Bewegung gegen Armutsbekämpfung, der für Arbeitsrecht und so weiter. Dieses Thema ist meiner Ansicht nach im russischen Kontext noch nicht präsent genug, doch es wird in der nächsten Zeit zu einem der Schlüsselthemen der Welt werden.

Nach den heutigen Bedingungen schauen wir immer wieder auf das zurück, was einmal war, begeben und damit aber in die Gefangenschaft unserer eigenen Vergangenheit – die Perspektive von Marx erlaubt es uns, eine Zukunft zu sehen, die von unseren eigenen Handlungen abhängt. Besteht der Sinn einer künftigen feministischen Bewegung darin, für die Identität der Frau zu kämpfen und selbständig einen kulturellen Kampf auszufechten? Oder vielmehr darin, mit anderen Bewegungen zusammen Allianzen und Blocks zu bilden? Wie wird der Platz der Frau in der Welt beschaffen sein? Wird sie wie ein zweiter Mann sein und die gleichen Rechte haben wie Männer auch? Oder wird die Frau in der Gesamtheit ihrer Existenz die Gleichstellung mit dem Mann zu Kosten solcher Dinge wie einer Vergütung der Hausarbeit und der reproduktiven Arbeit, die sie verrichtet, erreichen? Das sind Fragen der Zukunft.“
———
Die vollständige Transkription der zweitägigen Konferenz „The Future of Marx“, das Veranstaltungsprogramm sowie eine Liste der Vortragenden und Partner*innen sind über die Website der Moskauer Hochschule für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften, die die Konferenz federführend organisiert hat, zugänglich.
 

Top