Bilanzen einer Konferenz
Internationale Co-Produktionen: Fragen, Tipps und Lifehacks
Von Viktor Timofeev
Praktisch jedes Jahr findet in Russland eine Konferenz statt, die internationale Co-Produktion thematisiert. Ihre Teilnehmenden sind übereinstimmend der Ansicht, dass Co-Produktion eine Form der Vorwärtsbewegung darstellt. Das macht es allerdings nicht leichter, eine solche internationale Zusammenarbeit zu organisieren. Traditionelle Komponente der Konferenz sind daher Beschwerden über die russische Realität und die existierenden Barrieren – mögen sie auch noch so transparent sein, sie behindern einen vollwertigen kulturellen Austausch zwischen Russland und Europa. Die Konferenz „Internationale Co-Produktion. Erfahrungen russischer und europäischer Kulturinstitutionen“, die durch das Elektrotheater Stanislawski und das internationale „Territory“-Festival bzw. die gleichnamige Schule für Gegenwartskunst organisiert wurde, beschäftigte sich mit Fragen der Formierung und Entwicklung von Co-Produktion im Bereich der performativen Künste. Für alle diejenigen, die nicht daran teilnehmen konnten, haben wir die grundlegenden Thesen, Tipps und Lifehacks im Karteikarten-Format zusammengestellt.
1. Was ist Co-Produktion, und wie funktioniert sie?
Internationale Co-Produktion spielt sich üblicherweise in den Bereichen Filmwesen, Videospiele oder performative Künste ab und umfasst eine gemeinsame Umsetzung (und nicht nur eine Co-Finanzierung) von Projekten, den gemeinsamen Besitz von Rechten und oftmals auch einen gemeinsamen Verleih.Um eine Balance zwischen den eigenen und den Interessen der anderen Teilnehmenden herzustellen, sollte man sich frühzeitig darüber Gedanken machen, inwiefern die geplante Co-Produktion den Ansprüchen der eigenen kreativen Entwicklung oder der Repertoire-Politik des eigenen Hauses entspricht, und wie sie sich in die Kartographie der teilnehmenden Länder einschreibt. Zu Beginn gilt es, sicherzustellen, ob man nur nach einer zusätzlichen Finanzierung sucht, ob man bereit ist, gemeinsam mit ausländischen Stiftungen und Partner*innen Ideen zu diskutieren und zu entwickeln oder ob es nur darum geht, ausländische Kunstschaffende oder Inszenierungen nach Russland zu holen.
Wenn ihr euch an die eine oder andere Institution wenden möchtet, um Unterstützung zu bekommen, dann macht es Sinn, sich vorab die Projekte und Veranstaltungsformate anzusehen, mit denen diese arbeitet. Das erhöht eure Chancen auf den Erhalt der Zuwendung. Auf der Konferenz stellten die Vertreter*innen einiger Institutionen klar, dass sie kein Interesse daran hätten, die Rolle einer „Kasse“ zu übernehmen: vielmehr drückten sie ihren Wunsch aus, auch inhaltlich in die Projekte mit einbezogen zu werden.
2. Was überwiegt: Die Vor- oder die Nachteile?
Bei der Ausarbeitung des Projektplans sollte man sich mit den Vorteilen einer solchen Co-Produktion (zum Beispiel kann die Einbeziehung ausländischer Kunstschaffender oder -Institutionen dem Projekt zu einer weiterführenden Präsentation und Festivalteilnahmen verhelfen), genauso aber auch mit ihren Nachteilen auseinandersetzen: es gilt, eine kompakte Szenographie zu entwerfen (was die performative Kunst betrifft) und die Zeitpläne der eingeladenen Mitwirkenden zu berücksichtigen.3. Wie tritt man mit Institutionen in Kontakt?
Nach Ansicht des Großteils der Vortragenden auf der Konferenz ist der Versand einer E-Mail nicht die effektivste Form, potentiellen Produzent*innen die eigene Idee zu präsentieren. Sehr wichtig ist hierfür auch ein Kennenlernen und ein persönlicher Kontakt. Herstellen kann man diesen auf Festivals und Konferenzen wie ebenjener im Elektrotheater. Unter den hierfür geeigneten Festivals sind das Holland Festival, das Helsinki Festival, die Musiktheater-Festivals Operadagen Rotterdam und BAM in Berlin und das VRHAM-Festival in Hamburg.Eine der vorrangigen Bedingungen jedweder Zusammenarbeit ist das Vertrauen zwischen den Mitwirkenden. Wenn ihr also keine persönlichen Kontakte habt, ist es am effektivsten, über Bekannte oder die Bekannten von Bekannten vorzugehen, die euch an geeigneter Stelle vorstellen könnten.
Wer sich für Networking und Co-Produktionen auf dem Gebiet des Modern Dance interessiert, sollte sich die folgenden Websites ansehen: https://www.apap365.org/, http://ednetwork.eu/ und https://www.ispa.org/member/BDT.
Es ist auch nicht zwingend notwendig, direkt auf ausländische Kunstschaffende und Kurator*innen zuzugehen. Sie alle verfügen in der Regel schon über ihr eigenes Kontaktnetzwerk, in dem sie sich auf die Suche nach russischen Produktionspartner*innen machen. Daher kann es oftmals sein, dass man euch – zum Beispiel über die Moskauer Szene – bereits kennt.
4. Gibt es Lifehacks zu Bewerbungs-Deadlines?
Während die Schweizer Kulturstiftung „Pro Helvetia“ das ganze Jahr über Anträge annimmt, ist die Einreichung in der Münchner Zentrale des Goethe-Instituts via Open Call zwei Mal im Jahr möglich. Viele Institutionen wie zum Beispiel das Institut français nehmen aufgrund der Planung ihres Veranstaltungsprogramms Anträge für das kommende Jahr nur bis zum November des laufenden Jahres an. Allerdings gibt es auch weitreichendere Pläne (so wird das Jahr 2020/2021 das Deutschlandjahr in Russland sein, und für das Institut français das Jahr der regionalen Zusammenarbeit), was man vor der Einreichung von Anträgen berücksichtigen sollte.Bevor ihr solche Anträge bei Institutionen einreicht, ist es wichtig, sich aufmerksam durchzulesen, was von euch erwartet wird: vielleicht ist es gefordert, die Aktualität des Projekts in einen regionalen Kontext einzubetten, doch am Wichtigsten ist das, was schlussendlich beim Publikum „hängenbleibt“. Die Projektbeschreibung sollte also maximal konkret und anschaulich sein.
5. Wenn ich 3.000 Euro habe, kann ich dann weitere 30.000 beantragen?
Selbst die großzügigsten westlichen Institutionen stellen nicht mehr als 70-80 % der Finanzierung. Auch fragen sie ab, welche Eigenleistungen oder Leistungen anderer Geldgeber*innen fließen. Dabei muss es nicht immer um Finanzen gehen, sondern auch die Bereitstellung von Räumlichkeiten, Medienpartnerschaften u.s.w. kann berücksichtigt werden.6. Und funktioniert das in Russland überhaupt?
Das für Europa typische Schema, nach dem sich Co-Produzent*innen unterschiedlicher Länder zusammentun, um in der Folge ein Produkt und dessen Gastspiele zu organisieren, verliert seinen unkomplizierten Glanz, sobald man es an russischen Verhältnisse misst: denn hier sind Verzollungsfragen und enorme Entfernungen ein Thema, genauso wie ein Defizit an örtlichen Institutionen, Stiftungen und Partner*innen, die von russischer Seite aus in der Lage wären, eine Co-Finanzierung auf die Beine zu stellen.Nach den Case Studies, die auf der Konferenz vorgestellt wurden, besteht die realistischste Variante aktuell in einer Co-Produktion unter Beteiligung namhafter russischer Kunstschaffender oder Institutionen – wodurch kommerzielles Potential entsteht – oder einer Co-Produktion auf dem Gebiet der Gegenwartskunst und der Neuen Technologien (immersion, interaction, spatial audio storytelling): hier kommen dann wieder Festivals ins Spiel, und auch in großen privaten Unternehmen gibt es Programme, mit denen hoch technologisierte Kunstwerke gefördert werden können.