Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Michael Harbauer: „Kultureller Austausch ist keine Einbahnstraße“

Michael Harbauer
Foto: Daniela Schleich © SCHLiNGEL-Archiv

Natalja Serebrjakowa hat mit dem Gründer und Direktor des internationalen Filmfestivals für Kinder und junges Publikum SCHLINGEL über die Stellung von Kinderfilmen in der gegenwärtigen deutschen Filmindustrie gesprochen.

Wie ist die Stellung von Kinderfilmen in der deutschen Filmindustrie?

Kinderfilme sind im deutschen Filmgeschäft ein starker Wirtschaftsfaktor. 2019, also noch vor der Pandemie, waren nicht weniger als zehn Kinder- und Jugendfilme in der nationalen Top 20. Im „Corona-Jahr“ 2020 waren es 12 Jugendfilme. Zu bedauern ist, dass ein Großteil des Publikums nicht über alle diese neuen Filme auf dem Laufenden ist. Die Massenmedien machen sich leider nur ein oberflächliches Bild von diesen Filmen, da sie mit den gleichen Mitteln an sie herangehen wie an Filme für Erwachsene. So bleiben die Filme außerhalb der öffentlichen Wahrnehmung. Und genauso muss man auch mit der Lupe nach internationalen Kinderfilmen in den deutschen Charts suchen. „The Secret Garden“ steht in der Tabelle auf Platz 45. Darauf folgt – und das erst auf Platz 74 – ein dänischer Animationsfilm.

Wie viele Kinderfilme werden denn (wenn keine Pandemie ist) pro Jahr gedreht?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Wir befinden uns hier in Deutschland immer noch im zweiten Lockdown (in dessen Endphase, wie ich hoffe). Im Frühling 2020 waren alle öffentlichen Orte geschlossen, damit also auch die Filmproduktionen. Dadurch ergab sich ein erheblicher Zeitverzug. Und Sie können sich ja vorstellen, dass man ein ganzes Projekt umdenken muss, wenn Kinderdarsteller*innen in Hauptrollen in den letzten drei Monaten mal eben so um zehn Zentimeter gewachsen sind. Im zweiten Lockdown war die Situation dann schon eine ganz andere. Die Produktion ist ohne Unterbrechung weitergelaufen – selbstverständlich unter Beachtung aller Hygienemaßnahmen. Und im Endeffekt ist mehr produziert worden als in der Zeit vor der Pandemie, weil sich eben alle gerade Filme anschauen – nur leider nicht im Kino. Das ist auch bei den Kinderfilmen so, insbesondere natürlich bei den Animationsfilmen. Doch auch einige neue Kinderfilme mit echten Schauspieler*innen stehen in den Startblöcken und warten darauf, ins Kino zu kommen.

Welche Themen greift das deutsche Filmwesen für Kinder auf?

In erster Linie sind das immer noch Beziehungen in der Familie und die Stärke gemeinsamer Handlungsfähigkeit. Für ältere Kinder geht es um das Ausziehen von Zuhause, um Abenteuergefühle und das Entdecken neuer Heldenfiguren, denen man nacheifern kann. In diesem Bereich hat sich nicht so viel verändert. Natürlich werden die gewohnten Themen heute oft in einen gewissen Kontext eingebettet, zum Beispiel in den Natur- und Umweltschutz. Aber so wie ich das sehe, werden auch zukünftige Projekte weiterhin einen eher heiteren visuellen Ton anschlagen.

Welche Kinderfilme haben Ihnen selbst gefallen, als Sie Kind waren?

Alle erinnern sich ja ein Leben lang an die Filme, die sie in ihrer Kindheit gesehen haben. Übrigens ist das auch ein gewichtiger Grund für Eltern, die visuellen Welten, in denen ihre Kinder versinken, gut auszuwählen. Ich bin in der DDR aufgewachsen, und der erste Film, den ich im Kino gesehen habe, war „Chingachgook, die große Schlange“ mit Richard Groschopp und Gojko Mitić in den Hauptrollen. Kurz danach war „Ronja Räubertochter“ die einzige Verfilmung eines Romans von Astrid Lindgren, die in der DDR gezeigt wurde. Ronjas Streben nach Unabhängigkeit und die gleichzeitige enge Bindung zu ihrem Vater haben mich tief beeindruckt.

Und was sind aktuell Ihre Lieblingsfilme?

Wenn wir von deutschen Kinderfilmen sprechen, würde ich gerne zwei benennen, die den Unterschied zwischen Stadt- und Landleben für Kinder ganz wunderbar illustrieren. Ich habe darüber hier in Russland viele Gespräche geführt, auch über die Besonderheiten der deutschen Kultur. Einerseits zeichnet „Rico, Oskar und die Tieferschatten“ ein wunderbares Bild des ambivalenten Lebens in einer großen Stadt wie Berlin, und andererseits werden im immer noch aktuellen Film „Hände weg von Mississippi“ von Detlev Buck energiegeladene Kinder gezeigt, die ein Pferd namens Mississippi irgendwo im tiefsten Mecklenburg-Vorpommern vor dem Schlachter retten wollen – was ihnen natürlich gelingt.

Gibt es Regisseur*innen, die sich ausschließlich auf Kinderfilme spezialisiert haben?

Das ist nicht mehr so, wie es früher war. Einmal einen Kinderfilm zu drehen, geht mehr in die Richtung, die eigene Filmographie als Regisseur*in zu vervollständigen. Aber natürlich gibt es da auch Ausnahmen. Wir versuchen auf dem „SCHLINGEL“-Festival, dem Rechenschaft zu tragen. Arendt Agthe zum Beispiel aus dem „Westteil der Republik“ hat schon mehr als einmal Filme für Kinder gedreht. Christian Theede, Neele Vollmar und Markus Dietrich sind Regisseur*innen einer neuen Generation, die voll in Kinderfilmen aufgeht. Einen besonderen Platz nehmen zweifellos die Märchenfilme ein. Hier mischen quasi alle Stars des deutschen Kinos mit. Rolf Losansky, einer der großen Regisseure Ostdeutschlands, hat mir einmal im persönlichen Gespräch gesagt: „Als Regisseur von Kinderfilmen sollten Sie vor allem ein idealer Vertreter von Eltern und Erziehenden sein, und erst in zweiter Linie ein idealer Regisseur.“

Wo kann man sich aktuell – unter den Bedingungen der Pandemie – Kinderfilme ansehen?

Ich denke, dass die Kinos gerade auf der ganzen Welt geschlossen sind. Streaming-Dienste spekulieren darauf. Einerseits ist es wunderbar, dass die Menschen dem Film treu bleiben – dem Spielfilm, dem Kinderfilm. Andererseits aber muss man über Filme auch diskutieren können. Sich gemeinsam einen Film anzuschauen birgt die Möglichkeit, miteinander eine Verbindung aufzubauen.

Wie kam es zu der Idee, das Kinder-Filmfestival SCHLINGEL zu gründen?

Ende der 80-er Jahre bin ich in die Region Chemnitz gezogen, nach Karl-Marx-Stadt. Mitte der 90-er waren in dieser Stadt mit einer Einwohnerschaft von mehr als 300.000 Menschen alle Kinos geschlossen – bis auf eines, das „Metropol“. Doch die UFA, Besitzerin des Gebäudes und aller ehemaligen Kinos der Stadt zu DDR-Zeiten, spielte nur Filme, die in den Charts die ersten drei Plätze belegten. Kinderfilme wurden nicht gezeigt. Dann wurde mein Sohn geboren, und ich wollte ihm die Möglichkeit geben, später einmal jeden Sonntag ins Kino zu gehen, so wie ich es in meiner Kindheit getan hatte. Ich erinnere mich immer noch daran, wie ich damals nach Hause kam und meiner Familie beim Abendbrot von dem Film berichtete, den ich gerade gesehen hatte.
Das hat mich sehr motiviert. So habe ich Freunde gefunden, die sich mit mir zusammengetan haben, und im Endeffekt konnten wir in einem Kulturzentrum ein Kino eröffnen – und zwar das mit der größten Leinwand der Stadt. Später hat uns das Multiplex CineStar, das von den Geschwistern Kieft eröffnet wurde, unterstützt. So hatten wir ganz plötzlich elf Leinwände zur Verfügung und konnten ein richtiges Festival ins Leben rufen. Heute ist „SCHLINGEL“ die breiteste Original-Plattform für internationalen Austausch im Bereich Kinderfilm in der deutschsprachigen Welt und gehört in Europa zu den Top 5.

Sehen Sie sich das „Generation“-Programm der Berlinale an?

Aber klar – keine Frage! Die Leiterin der Sektion „Generation“, Maryanne Redpath, und ich stehen in regelmäßigem engem Austausch über die Filme. Allerdings kann man die Filmauswahl auch aus unterschiedlichen Blickwinkeln betrachten. Filme, bei denen Kinder im Mittelpunkt stehen, die aber nicht unbedingt aus Kinderperspektive erzählen, sind ja ebenfalls Teil des „Generation“-Programms der Berlinale.

Haben Sie Lieblingsfilme aus dieser Sektion?

Ich habe mich sehr gefreut, dass in diesem Berlinale-Jahr in der Sektion „Generation“ auch ein deutscher Film vertreten ist. Erlauben Sie mir, diesen Film hervorzuheben und zu hoffen, dass wir „Mission Ulja Funk“ im Rahmen einer Präsentation deutscher Filmkultur durch das „SCHLINGEL“ in Russland sehen können. In diesem Kontext möchte ich aber noch einmal unterstreichen, dass kultureller Austausch keine Einbahnstraße ist. Wir waren dieses Jahr sehr angenehm überrascht davon, wie stark das russische Filmwesen für Kinder ist. Die Auswahl ist hier wirklich groß, und so möchte ich auf dem diesjährigen „SCHLINGEL“ den Akzent auf die Präsentation aktueller russischer Kinderfilme legen.

Top