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Das Alter – Bedrohung oder Ressource?

Das Alter – Bedrohung oder Ressource?
© Sonja Maximenko

Eine soziologische Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM kam zu dem Ergebnis, dass russische Bürger*innen im Durchschnitt davon ausgehen, 78 Jahre alt zu werden. Frauen sehen sich ein bisschen älter, nämlich bei 81 Jahren; bei den Männern sind die Ansprüche mit 74 Jahren geringer.

Das Altern ist ein unaufhaltsamer Prozess. Wir haben Angst vor dem Alter wie vor allem, was uns fremd ist. Und doch hängt von unseren Vorstellungen über das Altwerden und von unserer Einstellung zum Prozess des Alterns die Lebensqualität dieser Etappe ab.

Soziale Stereotypen und die Hauptprobleme älterer Menschen – nämlich Einsamkeit, Überforderung, Gesundheit und sexuelle Aktivität – sind Themen, die auch in einer der Diskussionen auf dem Bildungsfestival Moscow MaleFest debattiert wurden, das mit Unterstützung des Goethe-Instituts und der Heinrich-Böll-Stiftung stattgefunden hat.
 

Von Lola Tagaeva

Die jugendliche Angst vor dem Tod

Solange wir jung sind, schauen wir in der Tat voller Angst auf das Älterwerden. Wer von uns hat in seinen Zwanzigern beim Blick auf 40-Jährige nicht gedacht: so sieht es also aus, das Alter! Dann aber stellt sich heraus, dass – während wir Schritt für Schritt ein Alter von 40, 50 und 60 Jahren erreichen – die Außenwelt um uns herum gar nicht mal so schlecht aussieht, bestätigt der Psychologe und Bewegungstherapeut Alexander Girshon.

Nach Meinung des Soziologen und Geschlechterforschers Dmitrij Rogosin sind es nicht die älteren Menschen, die Angst vor Altwerden und Tod haben, sondern deren Töchter und Söhne, welche wiederum heranwachsende Kinder haben. Auf eben jener Sandwich-Generation – Menschen also, deren Eltern langsam alt, und deren Kinder erwachsen werden – lastet der größte Druck, was wiederum eine Angst vor dem Alter bedingt.

„Während die Eltern noch am Leben sind, ist man nicht nur selbst noch jung, sondern lebt aus voller Seele“, sagt Rogosin. „Eltern, Oma und Opa verkörpern das familiäre Kapital. Die Angst davor, dieses nach und nach zu verlieren, ist enorm“.

Oma und Opa selbst aber haben keine Angst vor dem Tod. „Die Angst vor dem Tod ist eine Angst der heranwachsenden Generation und eine Angst der Menschen mittleren Alters. Wenn ein Mensch sich bereits auf der Ziellinie des Lebens befindet, ist seine Aufgabe nicht nur eine Sinngebung dieses Lebens, sondern auch die Vorbereitung auf den Tod. Wenn diese Vorbereitung nicht da ist, befällt den Menschen Mutlosigkeit; er begreift nicht, wozu er weiterleben soll und geht dann schnell“, sagt Rogosin. Seinen Worten zufolge ist eine wiederholte Rückbesinnung darauf, was nach dem Tod vom Menschen bleibt, die treibende Kraft für ein aktives langes Leben.

Als alt betrachten russische Soziolog*innen, so Rogosin, Menschen über 80 Jahren. Zum Vergleich: Im Westen ist dieses hypothetische Alter höher und liegt bei 90 Jahren. Andererseits hat eine Umfrage des WZIOM gezeigt, dass das Alter im Empfinden einer Mehrheit der Menschen in Russland bereits mit 62 Jahren beginnt.

Männer und Frauen: die gleiche Angst, aber unterschiedliche Einstellungen

Sowohl Männer als auch Frauen haben in unterschiedlicher Ausprägung Angst vor dem Alter. Allerdings gehen sie ganz unterschiedlich damit um.

Männer sind – nach Ansicht von Soziolog*innen – passiver. Nach den Worten Dmitri Rogosins hört der durchschnittliche russische Bürger mit etwa 45 Jahren auf, sexuell aktiv zu sein. Ein Grund für diese „Befriedung“ ist ein nicht besonders gesunder Lebenswandel: Alkoholabhängigkeit, das Fehlen physischer Aktivität. Aber auch kulturelle Stereotypen haben Einfluss darauf. Sobald jemand Enkelkinder habe, komme schnell auch die Überzeugung, dass das Leben vorbei sei, so Rogosin. Männer verstecken sich oft hinter dem Fernseher und somit vor dem Leben, während eine Frau im Alter von 60 Jahren noch in aller Seelenruhe mit ihren Freundinnen auf eine Party geht.

„Leider beschäftigen sich bei uns nur Frauen mit dem Thema Sexualität, und die wissen dann, dass sie in ihren Fünfzigern die Höhepunkte sexueller Befriedigung erleben, ihren Partner und ihre Körperlichkeit erst wirklich verstehen“, sagt Rogosin. Männer aber verhalten sich seiner Ansicht nach wie Teenager. „Sie haben schon damals ihre Sexualität nach dem Prinzip „Ich kam, sprang drauf und flüchtete“ ausgerichtet und sprechen nun immer noch genauso über Sexualität, in völliger Unkenntnis dessen, was für ein ganzer Kosmos sich hinter sexuellen Praktiken verbirgt“, bemerkt Rogosin.

Ein weiterer nicht unwichtiger Aspekt, stellt Rogosin heraus, sei die Sorge um die eigene Gesundheit. Während eine Frau im Laufe ihres Lebens regelmäßig zum Arzt ginge und sich um ihr äußeres Erscheinungsbild bemühe, falle es Männern – da treten wiederum Gender-Stereotypen in Kraft – weitaus schwerer, sich um ihr Äußeres zu kümmern und sich selbst gegenüber die Notwendigkeit anzuerkennen, die eigene Gesundheit und das Selbstwertgefühl zu pflegen. 

Ältere Menschen brauchen keine Erholung

Ein Problem älterer Menschen ist, so Rogosin, dass ihre Verwandten und die ihnen nahestehenden Menschen oft nicht bereit sind, mit ihnen über den Tod zu sprechen. Im Ergebnis stehen sie mit ihren Problemen ganz alleine da. Nach Ansicht des Psychologen Alexander Girshon umfasst das Problem der Einsamkeit nicht nur eine mangelnde Unterstützung von Seiten der Verwandtschaft, sondern auch das Fehlen guter sozialer Kontakte. Denn gerade diese sind eine große Hilfe in den Fällen, in denen familiäre Bindungen verlorengehen. Eine soziale Kommunikation, die aus Hobbies und Interessen hervorgeht, unterstützt beim Aufbau einer guten Lebensqualität im Alter.

„Die schlimmste Krankheit ist die Einsamkeit. Alles andere kann man behandeln, und alles andere geht vorbei. Die Einsamkeit aber kann einen Menschen sehr schnell umbringen“, pflichtet ihm Rogosin bei.

Ein weiteres Problem, das zur Einsamkeit älterer Menschen beitragen kann, ist das Gefühl, nach dem Rentenbeginn nicht mehr gebraucht zu werden. In unserer industriellen Gesellschaft hat sich die Idee verankert, dass Menschen fortgeschrittenen Alters sich ab dem Eintritt ins Rentenalter ausruhen sollten. Dabei hat die Mehrheit von ihnen bis zu diesem Zeitpunkt genau das gegenteilige System gelebt: wir erholen uns im Urlaub, um danach wieder gut arbeiten zu können. „Ältere Menschen brauchen keine Erholung. Sie wollen sich nicht ausruhen. Denn wenn man sich erholt, dann ja, weil man sich für etwas erholt, etwa für die kommende Arbeit“, meint Dmitri Rogosin.

Alt sein ist keine Krankheit

Gleichzeitig verbreiten die aktuelle russische Sozialpolitik und unterschiedliche Interessengemeinschaften gerade diese Idee: Hast du viel gearbeitet, dann leg´ doch mal die Beine hoch. Älteren wird nahegelegt, ausschließlich für sich selbst ein aktives Leben zu führen. Im Ergebnis nutzen nur zehn Prozent der Menschen Zentren mit Angeboten, die genau auf diese Zielgruppe zugeschnitten sind. „Kaum ein älterer Mensch wird das anders machen. Daher ist das Hauptproblem eine seelische Unterforderung,“ sagt Rogosin.

Menschen fortgeschrittenen Alters verfügen, wie Soziolog*innen bestätigen, über ein enormes emotionales Kapital, ein weitreichendes Verständnis für alle möglichen Vorgänge und ein ausgeprägtes strategisches Denken. Das sind konkurrenzfähige Eigenschaften, welche aber die Regierung nicht versteht, für ihre eigenen Interessen zu nutzen. „Einen sehr großen Teil ihres Wissens nehmen alte Menschen mit sich ins Grab, weil sie stets nur dazu aufgefordert werden, sich eine schöne Zeit zu machen“, unterstreicht Rogosin.

Eine Regierung, die es bis jetzt versäumt hat, die Formierung adäquater Vorstellungen über das Alter zu unterstützen, muss den Ansatz ihrer Sozialpolitik in Bezug auf ältere Menschen ändern. Nicht nur Menschen fortgeschrittenen Alters, sondern auch deren Familien und die ihnen nahestehenden Menschen müssen im Bereich altersgerechter Angebote zu Subjekten staatlicher Politik werden. Ein solcher Ansatz würde ältere Menschen vor Apathie und Einsamkeit bewahren, so die Überzeugung der Teilnehmenden des Moscow MaleFest.
 

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