Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Im Bildungswesen fehlt heute ein kritischer Zugang zu Technologien

Elena Nikonole
© Elena Nikonole (privat)

Die Medienkünstlerin, freie Betreuerin und Lehrerin Elena Niconole sprach über ihr neues internationales Bildungsprojekt „Neuronetze in der Kunst“ und beriet auch Telegram-Kanäle für Interessierte an KI-Kunst.
 

Von Wiktor Timofeew

Soweit ich weiß, sind Sie nicht sofort mit Medienkunst in Berührung gekommen. Erzählen Sie über Ihren Weg.

Elena Niconole: Mein Erststudium ist die Wirtschaftsfakultät der Moskauer Staatlichen Universität, mein Diplom war dem Wirtschaftssystem einer postindustriellen Gesellschaft gewidmet. Ich betrachtete die postindustrielle Gesellschaft aus der Sicht neomarxistischer Theorien, und früher schien es mir, dass dies nichts mit dem zu tun hatte, was ich jetzt tue. Aber gleichzeitig führte ich meine eigene Forschung darüber, wie neomarxistische Theorien die Veränderungen erklären, die in der Kultur als Folge der Transformation der Gesellschaft von der industriellen zur postindustriellen stattfinden und stattfinden werden. Das ist die Problematik, mit der ich jetzt teilweise arbeite.
 
Ich habe an Freien Werkstätten teilgenommen, den Kurs von Olga Shishko besucht, wo sie Projekte gezeigt hat, zum Beispiel der Gruppe JODI, sowie art & science Projekte von Guy Ben-Ary, des SimbioticA-Labors. Dort lernte ich zum ersten Mal die Medienkunst kennen.

Im Rahmen des Abschlussprojekts „Das bin nicht ich“ habe ich untersucht, wie die digitale Persönlichkeit eines Menschen entsteht, wie sich Menschen in sozialen Netzwerken durch Avatare und Informationen über sich selbst darstellen. Die Ausstellung dauerte 30 Tage, jeden Tag stellte ich einen neuen Teilnehmer aus, seinen Avatar, ich führte auch ein Interview, bei dem jeder die Frage beantwortete "Wer bist du?" Ich bat die Leute, eine virtuelle Performance, ihre normale Netzwerkaktivität mit Hilfe eines Bilderfassungsprogramms aufzuzeichnen. Man sollte meinen, dass die Antworten und virtuelle Performance ähnlich sind, aber sie waren sehr unterschiedlich. Überraschenderweise identifizierte sich nur eine Person durch ihre berufliche Tätigkeit.

In den Kursen von Antonio Geusa gab es eine Aufgabe – ein Experiment mit Technologie. Ich habe die Dekonstruktion von Selfies untersucht. Es war eine Hommage an Alvin Lucier, sein berühmtes Werk I Am Sitting in a Room, in dem er einen Text aufzeichnet, dann spielt und viele Male ihn umschreibt, bis es zur Dekonstruktion der Sprache kommt.
 


Ich zeichnete meinen Text mit meinem Handy auf und nahm ihn dann vom Laptop-Bildschirm ab. Durch die mehrfache Umschreibung entstanden und verstärkten sich visuelle Verzerrungen und Artefakte. Im anderen Teil der Arbeit habe ich das Video konvertiert, und auch dort fand eine Dekonstruktion aufgrund der Verschlechterung der Videoqualität und Verpixelung statt. Für mich ging es bei dieser Arbeit auch um Post-Wahrheit, da der Betrachter nicht ganz verstand, was passierte, wo die Wahrheit war und wo die Manipulation war.

Mit diesen Arbeiten gang ich dann in die Medienkunstwerkstatt von Alexei Shulgin und Aristarkh Chernyshev an der Rodtschenko-Schule.

Was hat Ihnen Ihre Ausbildung gebracht?

Elen Niconole: 
In erster Linie - die Community. Alexey Shulgin, Aristarkh Chernyshev und Andrey Smirnov haben es geschafft, eine sehr starke Gemeinschaft von Technologie- und Klangkunst in Russland zu bilden. Und es scheint mir interessant, dass wir eine Verbindung zwischen den Generationen haben. Auf der einen Seite stehen Pioniere, die auf natürliche Weise ein Teil der Weltgemeinschaft sind: Wenn ich sage, dass ich Schülerin von Shulgin bin, sagen mir berühmte Weltkünstler: „Alles klar, welcome“. Auf der anderen Seite sind ihre Schüler - Oleg Makarov, Dima Morozov vtol, Sergey Kasich. Diese Community ist sehr offen, demokratisch und unterstützend. Und ich habe die gleiche Einstellung gegenüber jungen Künstlern. Ich empfehle bei jeder Gelegenheit den internationalen Betreuern junge Künstler und bemühe mich, interessante Neulinge für meine Kuratorenprojekte zu gewinnen.

Jetzt unterrichten Sie mehrere Kurse in Moskau und St. Petersburg. Was bedeutet Unterricht für Sie?

Elena Niconole: Ich mag es nicht, wenn man Unterricht als Teil der künstlerischen Praxis darstellt, es scheint mir immer, dass es Ausbeutung ist und Experimente an Schülern bedeutet. Für mich ist dies eher etwas, was dazu beiträgt, die mit der Kunst verbundene Frustration zu überwinden. Als Künstler frage ich mich, warum ich meine Praxis mache, warum ich mich mit den mich interessierenden Sachen beschäftige, und dann präsentiere ich die Ergebnisse den Besuchern auf der Ausstellung. Der Unterricht hilft mir, meine Tätigkeit sinnvoller und nützlicher zu fühlen. Gleichzeitig versuche ich, objektiv zu lehren, zum Beispiel im Kurs Kunst-und- Wissenschaft (Art&Science) betrachte ich verschiedene Ansätze, aber dadurch, wie ich es sage, verstehen die Schüler natürlich, dass ich mich für Projekte mit sozialen Vorteilen, die sich zwischen Kunst, sozialen Projekten und Aktivismus befinden, begeistere. Es scheint mir, dass die Schüler diese Botschaft begreifen und von ihr angesteckt werden.

Wessen Ideen und Unterrichtsmethoden sind Ihnen nahe?

Elena Niconole: Der Theoretiker Matteo Pasquinelli, Professor für Medientheorie an der Universität für Kunst und Design in Karlsruhe ist eine wichtige Person für mich. Vladan Joler ist Künstler und Forscher, der an der Universität des Neuen Gartens unterrichtet. Sie beide berücksichtigen das, was jetzt mit Neuronetzen von neomarxistischen Positionen aus geschieht. Wir sind jetzt zusammen mit ihnen in einem Konsortium für die Vorbereitung des Bildungsprojekts "Neuronetze in der Kunst" für Computerwissenschaftler (computer scientists).

Erzählen Sie ausführlicher über dieses Projekt.

Elena Niconole: Dies ist ein internationales Bildungsprojekt, das wir jetzt für Finanzmittel bewerben. Es wird die Universität ITMO (St. Petersburg), die Coimbra Universität (Portugal), die Universität Leiden (Niederlande), die Hochschule für Gestaltung Karlsruhe (Deutschland), die Universität des Neuen Gartens (Serbien) und die Kopenhagen-Universität (Dänemark) vereinigen. Zusammen arbeiten wir daran, ein Hybrid-Bildungsprogramm zu erstellen. Das Programm kann kostenlos absolviert werden, und die meisten Materialien sind online verfügbar, aber wir erstellen auch Unterrichtsmaterialien, sodass Professoren dieses Programm in Universitäten, die ein Teil des Konsortiums bilden, im Rahmen des Bildungsprogramms offline implementieren können. Wir entwickeln diesen Kurs einerseits als einen modularen Kurs, andererseits streben wir, dass Teile des Kurses miteinander verbunden sind, damit es eine Synergie gibt.

Interdisziplinärer Kurs: Ethik der künstlichen Intelligenz und kritische Theorie sowie Neuronetze aus Sicht der Informatik (computer science) und des Designdenkens (design thinking), Geschichte und Theorie der Medienkunst sind ebenfalls enthalten. Wahrscheinlich ist der Kurs in einigen Jahren bereit, aber nächstes Jahr planen wir auf der Grundlage einer der Partneruniversitäten eine Sommerschule durchzuführen, um das Programm in der Praxis zu erproben und anzupassen.

Was fehlt jetzt jetzt in der Bildung im Bereich der Medienkunst?

Elena Niconole: 
Wenn wir über den Studiengang sprechen, den wir schaffen, habe ich das Gefühl, dass in Informatikprogrammen (computer science) die Ethik der Einstellung gegenüber KI, die Ethik der Entwicklung und der kritische Ansatz zu den Technologien fehlt.
 

​Informatik (computer science) kann man sich nicht nur als angewandtes Gebiet vorstellen. Auch unter dem Gesichtspunkt der Innovation werden neue Ansätze dazu beitragen, das Denken der Schüler von einer unerwarteten Seite zu offenbaren. Eines der Ziele des Projekts ist es zu zeigen, dass Künstler das Territorium der Kunst in neue Bereiche verlassen können, ebenso wie Entwickler und Wissenschaftler neue Territorien entdecken können, um sich von den Einschränkungen zu lösen, die mit wissenschaftlichen oder rein angewandten Zwecken verbunden sind.“

Kürzlich gewann ein Projekt eines meiner Lieblingskünstler, Paolo Cirio, bei Ars Electronica. Mit Hilfe der Neuronetze identifizierte er Polizisten, die während der Proteste in Frankreich Gewalt verübten. Tatsächlich haben die Menschen in unserem Land während der Proteste dasselbe getan, aber in Moskau taten es die Menschen als Aktivisten, und sie nannten sich natürlich nicht Künstler. Cirio kam übrigens auch nicht aus der Kunst, er war Hacker und seine Karriere begann mit dem Hacken von NATO-Servern im Rahmen seiner Antikriegs-Hacker-Kampagne. Jetzt sind die Grenzen zwischen Kunst und Nicht-Kunst sehr verwischt.

Wie wird Art & Science monetarisiert?

Elena Niconole: Wenn wir über die Welt sprechen, dann gibt es dort natürlich mehr Unterstützung für die Kunst. Art & Science ist Kunst, die sehr schwer zu verkaufen ist, obwohl es einige Beispiele von Künstlern gibt, die kommerzielle Werke erschaffen. Meine Haupteinnahmequelle ist Unterricht, Vorträge auf diversen Veranstaltungen (z.B. an CTM in Berlin), Kuratoreneinsätze. Honorare, die ich als Künstler erhalte, stehen eher an letzter Stelle.

Können Sie Künstlern und an diesem Thema Interessierten Tipps geben, wo man nach Finanzmitteln suchen kann und was man über KI-Kunst lesen kann?

Elena Niconole: In Bezug auf Finanzmittel habe ich den Telegram-Kanal Art & Science Open Calls, auf dem ich Open Calls und Möglichkeiten für Künstler im Bereich der technologischen Kunst auswähle. Ich empfinde ihn nicht als Medien, es gibt keine überflüssigen Informationen dort und ich wähle sehr selten Open Calls aus, wo man für die Einreichung einer Bewerbung bezahlen muss. Es gibt eine Telegram-Community, in der man Mitarbeiter im IT-Bereich finden kann: MediaArt + ML. Ich empfehle den Telegram-Kanal Neural Shit. Er wird von einer Person geführt, die sich nicht als Künstler bezeichnet und einfach mit verschiedenen Architekturen, mit verschiedenen Ansätzen experimentiert. Das ist ein Mittel zwischen digitaler Folklore, Experiment, verrücktem, nicht immer politisch korrektem Humor. Es ist sehr eigenständig. Mein Traum ist es, ihn zum Künstlergespräch (artist talk) einzuladen. Als Lektüre kann ich ein komplett neues, aber bereits bewährtes Buch von Kate Crawford "Atlas of Artificial Intelligence" empfehlen, allerdings bisher nur auf Englisch.
 
ELENA NICONOLE

Medienkünstlerin, freie Kuratorin und Dozentin. Ihre Interessensgebiete sind künstliche Intelligenz und hybride Kunst. Teilnehmerin des Ars Electronica Festival, CTM Festival (Berlin), Open Codes (ZKM | Zentrum für Kunst und Medien, Karlsruhe), IAM (Museum für Gegenwartskunst „Garage“) u.a.
Sie leitete Meisterkurse und Vorträge an Institutionen wie Art Laboratory Berlin, Mutek Festival (Montreal und Tokio), Innovationszentrum „Skolkovo“, Institut für Philosophie der Russischen Akademie der Wissenschaften, Staatszentrum für Gegenwartskunst.
Regelmäßig unterrichtet sie in der Werkstatt des Magistersprogramms Art & Science an der ITMO Universität und den Kurs „Neuronetze in der Kunst“ an der Innopolis Universität.

Website: nikonole.com

 

Top