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Saratow – Nicht dasselbe in Grün

Saratow Panorama
© Marie Robinski

Von Marie Robinski

Seit Oktober 2018 bin ich in Saratow am Sprachlernzentrum Lingua. Hier, auf der Bergseite der Wolga (diesen Namen gaben ihr die ersten deutschen Siedler vor 250 Jahren) lebe und arbeite ich im zweiten Jahr als Sprachassistentin. Ich sehe heute in den Straßen altehrwürdige Bauten, die wohl auf die Deutschen zurückzuführen sind. Zugegebenermaßen kann ich nicht immer den Ausblick genießen, wenn mir der Dreck der Straße um die Ohren gepustet wird oder mich Fußgänger anrempeln, während ich mir die seit Jahrzehnten renovierungsbedürftigen Gebäude aus der Nähe ansehe. Eingebettet zwischen Plattenbauten kann Saratow ein hartes Pflaster sein, aber die Straßen der Stadt haben auch ihre schönen Seiten. Es sind die kleinen Dinge, die das Auge zu begehren und schätzen lernt.
 
Hier und da hinterlassen Künstler ihre Bemalungen an Häusern, die den grauen und löchrigen Straßen farbenfroh die Stirn bieten.
Saratow Graffiti Beim Schlendern am Ufer der Wolga entlang entdeckte ich dieses kunterbunte Tor. Was sich hinter der dicken Farbschicht befindet, ist mir allerdings unbekannt. | © Мarie Robinski  
Gardine Saratow Fenster © Мarie Robinski Auch hätte ich früher nie gedacht, dass mir eine buntbestickte Gardine so ins Auge fallen könnte. Aber es versüßte mir sehr den Tag, als ich hier in Saratow, in einem der tausend gleich aussehenden Soviet-Fensterchen der Plattenbauten, der Chruschtschowki, eine so liebevolle Dekoration entdeckte.
 
Farbe – das ist etwas, was den Straßen hier oftmals fehlt. Im Sommer ist das Problem nicht ganz so allgegenwärtig, da in fast jedem Hinterhof viele Pflanzen um die Wette blühen. Einige ältere Bewohner legen sogar kleine Beete in ihren Hinterhöfen an. Auf ihnen gedeihen mit liebevoller Pflege der Freizeitgärtner Pflanzen aller Art und Größe, und wachsen zu mehr heran als nur Mauerblümchen vor grauem Beton.
 

  • Hinterhöfe von Saratow © Marie Robinski
  • Hinterhöfe von Saratow © Marie Robinski

Den Kontrast nach dem langen, düsteren Winter empfand ich als so stark, dass mir Saratow im Hochsommer manchmal fast schon wie Venedig vorkam. Die Cafés hatten sich herausgeputzt und ihre Geschäftsräume bis auf die Straßen erweitert. Plötzlich fielen mir Gebäude auf, die ich noch nie gesehen oder in der grauen Masse der Gebäude eben einfach übersehen hatte…
  Schmuckstück auf dem Prospekt Kirova © Marie Robinski
Es gibt allerdings ein Gebäude, das mir von Beginn an in Auge gesprungen ist. Kurz vor der Uferstraße steht dieses prächtige Meisterwerk namens Borel-Residenz das aussieht, als stünde es nur versehentlich hier. Anders als Bauten aus dem Sowjetrealismus ist dieses kein massiv wirkendes Gebäude, sondern stammt aus dem Zarenreich und wurde gegen Anfang des 20. Jahrhunderts erbaut. Das entscheidende Merkmal ist seine Kompaktheit und Eleganz. Irgendwie unauffällig steht es inmitten der städtetypischen Häuserblöcke und obwohl es nicht nach Aufmerksamkeit schreit, fängt es unwiderruflich die Blicke aller aufmerksamen Passanten. Das Bild entstand aus meinem Lieblingscafé mit direktem Blick auf die Residenz. Was sich im Inneren des Gebäudes befindet oder wer die Ehre hat, dort ein- und auszugehen – keine Ahnung.
  Borel-Residenz © Marie Robinski
Saratow bietet jedem Suchenden seine Nische der Gemütlichkeit, solange man die Augen offenhält. Ich habe den Eindruck, dass es für viele Einheimische schwierig ist, sich in ihrer Stadt wohlzufühlen. Das Leben hier ist nicht luxuriös, die Leute, die Arbeit haben, arbeiten viel und verdienen wenig. Die Jugendlichen möchten weg – nach Moskau oder ins Ausland. Nicht wenige von ihnen sind Deutschlernende am SLZ. Zu mir sagte ein guter Freund einmal: „Die sowjetische Architektur raubt den Menschen ihre Individualität. In diesen Gebäuden spiegelt sich eine gewisse Ideologie. Sie nehmen den Menschen ihr Gesicht, alle sehen gleich aus und sollen gleich denken.“
 
In meinen Augen ist Saratow eine Stadt mit Potential für eine Stadtfassade, die einladend und erfrischend auf ihre Bewohner wirkt. Schon jetzt gibt es immer mehr Privatunternehmer, die alte Gebäude restaurieren und Restaurants oder Geschäfte eröffnen. Was die Wohnungslage betrifft, werden die Menschen wohl nicht so schnell aus ihren Stübchen in den Chruschtschowki herauskommen. Sie dominieren seit Jahrzehnten das Stadtbild und werden dies auch weiterhin tun, weil sie billig und einfach zu bauen sind. Aber wenn die Leute vor die Tür treten, eröffnen sich ihnen immer mehr Möglichkeiten, auch einmal aus dem graubetonierten Alltag herauszukommen.
 

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