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Was es heißt, ein Sprachassistent in Russland zu sein

Toljatti
Der Vortrag über meine Heimatstadt in Togliatti. Hier erzähle ich gerade über die katholische Kirche. | © Alexander Schmidt

Von Autor: Alexander Schmidt, Sprachassistent in Samara, #sprachassistentinru

Aufgaben eines Sprachassistenten

Wenn mich meine Verwandten (ich bin Russlanddeutscher) oder neue Bekannte in Russland fragen, was ich eigentlich beruflich mache, dann habe ich meist zwei mögliche Antworten parat: Ich sage ihnen entweder, dass ich „eine Art Lehrer“ sei oder eben einfach „Sprachassistent“. Bei der zweiten Variante kommt natürlich gleich die Frage auf, was das denn überhaupt sei, und dann antworte ich ihnen: „Naja, wie soll ich sagen – das ist so eine Art Lehrer... Also jetzt nicht wirklich Lehrer, mehr eine Lehrassistenzkraft – Ein ‚Muttersprachlerlehrkraftshelfer‘! Und auch nicht an einer gewöhnlichen Schule für Kinder, sondern in einer Sprachschule, in der die Teilnehmenden für die Kurse etwas zahlen und Zertifikate erwerben wollen.

Aber nicht nur das gehört zu meiner Arbeit! Denn manchmal wird man auch an gewöhnliche Schulen, Institutionen, welche etwas mit Deutsch zu tun haben, oder zu besonderen Veranstaltungen eingeladen und hält dort kurze Vorträge, veranstaltet kleine Spiele oder ähnliches. Auch organisiere ich selbst Veranstaltungen und zeige regelmäßig Filme auf Deutsch oder mache Projekte an Feiertagen, zudem arbeite ich mit deutschen Organisationen vor Ort zusammen und unterstütze auch diese bei Projekten. Allgemein sehe ich mich auch als so etwas wie ein Repräsentant Deutschlands in Russland und bin immer bereit, den Leuten ihre Fragen zu und über Deutschland zu beantworten. Man könnte also außerdem sagen, ich bin eine Art Diplomat, der als Muttersprachler das Land repräsentiert.“

Ihr seht also nun, wie vielfältig das Sprachassistententum ist, und deshalb beschränke ich mich eben meist einfach auf die bescheidene Beschreibung „eine Art Lehrer“.

Da man in russischen Städten nicht allzu oft auf Menschen aus Deutschland stößt, ist man als einer von wenigen natürlich besonders interessant. Außerdem ist man auch als Sprachassistent sehr gefragt, und so wird man ziemlich häufig irgendwohin eingeladen und macht leicht und schnell Bekanntschaften.
 

Mein Ausflug nach Togliatti

Toljatti 3 Beim Klub der Russlanddeutschen kommen Jung und Alt zusammen und es wird gesprochen, gesungen, gegessen und getrunken (Tee). | © Alexander Schmidt Ein Beispiel dafür ist meine Reise nach Togliatti, wohin ich vor einiger Zeit eingeladen wurde. Da es dort im Moment leider keinen Sprachassistenten gibt, die Stadt aber nur zwei Stunden von meinem Wohnort Samara entfernt liegt, wurde ich dort zu einem Tandemunterricht mit anschließender Präsentation eingeladen. Das Thema konnte ich frei wählen, und so entschied ich mich, ein wenig über meine Heimatstadt Bad Königshofen vorzutragen, vor allem da ich dort im Sommer noch einige Bilder von der Stadt gemacht hatte und diese nun in der Vorstellung verwenden konnte. Und so bastelte ich an einer Präsentation mit vielen Bildern und recherchierte über meine Heimatstadt, während ich auch für mich erstaunliche Informationen und neue Blickpunkte über die Stadt fand, in der ich jahrelang aufgewachsen bin.

Ich machte mich mit dem Bus auf den Weg, wurde freundlich in Togliatti empfangen und zum Sprachlernzentrum gebracht. Dort stimmte ich mich noch schnell auf die folgende Lektion ein und hielt anschließend zusammen mit einer äußerst netten Lehrkraft Lydia den Unterricht ab. Es ist immer wieder erfrischend, die Neugierde und das Interesse der Menschen zu spüren und zu erleben, wie motiviert und fleißig die Leute sein können – besonders wenn sie sich das Ziel gesetzt haben, nach Deutschland umzuziehen (nicht alle lernen Deutsch aus dieser Motivation heraus, aber doch viele). Auf einige Fragen ist es auch nicht leicht, eine pauschale Antwort zu finden und so kommen oft auch spannende Diskussionen zustande.

Etwa 20 Minuten verbrachte ich am Anfang der Stunde damit, den Kursteilnehmern ein bisschen von mir und meinen Erfahrungen und Eindrücken von Deutschland zu erzählen, bevor wir schließlich zum Unterricht übergingen. Die Zeit verflog schnell und im Anschluss bereitete ich mich auf meine Präsentation vor, während sich immer mehr Gäste zum Vortrag einfanden.

Es stellte sich heraus, dass der dort verwendete Computer keine passenden Programme installiert hatte und ich die Präsentation schlussendlich aus dem Stegreif halten musste.

Gott sei Dank war ich ja vorbereitet, und so erzählte ich den Leuten einfach von meiner Heimatstadt und zeigte ein paar Bilder aus dem Netz dazu. Denn das Wichtigste bei einem Vortrag sind nicht selbstgemachte Bilder oder eine schöne Präsentation, sondern der Dialog mit den Menschen, die Fähigkeit, ihnen etwas erzählen und verständlich machen zu können, und einfach da zu sein, um ihre Fragen zu beantworten. Ich freue mich immer wieder darüber, wie dankbar sich die Menschen zeigen – nach dem Vortrag wurde ich auf ein gemeinsames Abendessen eingeladen und mein neu gewonnener Freund Alexander bot mir an, am darauffolgenden Tag den Klub der russlanddeutschen „Wiedergeburt“ zu besuchen und mir die Stadt zu zeigen, was ich mit Freude annahm.

Toljatti 2 Nach dem Vortrag ging ich zusammen mit einigen Besuchern in eine Pizzeria, denn so ein Vortrag macht hungrig! | © Alexander Schmidt So wurden mir am nächsten Tag noch ein paar Attraktionen der Stadt gezeigt und auch im Klub wurde ich äußerst gastfreundlich empfangen und war spontaner „Ehrengast“. Es gab lebhafte Diskussionen, Tee und selbstgemachte Martinsgansplätzchen, denn es war der 11. November: Martinstag. Ich finde es toll, wie sehr die Russlanddeutschen in Russland noch bemüht sind, die deutsche Kultur aufrechtzuerhalten und sich mit ihren Wurzeln und der Geschichte auseinandersetzen.

Toljatti 1 Alexander zeigt mir die Sehenswürdigkeiten der Stadt Togliatti, hier an der Wolga beim Tatischtschew-Denkmal | © Alexander Schmidt
Wie man sehen kann, sollte man mit so manchem rechnen, wenn man in Russland Sprachassistent sein möchte – auf Gastfreundschaft und Tee kann man aber auf jeden Fall immer zählen!


Viele Grüße aus Samara von eurem Sprachassistenten Alex!

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