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Meine Arbeit in einem russischen Team

Von Jan Meise

„Zusammenkommen ist ein Beginn, Zusammenbleiben ein Fortschritt, Zusammenarbeiten ein Erfolg.“
Henry Ford
Seit nunmehr anderthalb Jahren arbeite ich schon mit meinen Kolleginnen am Sprachlernzentrum hier in Akademgorodok. In diesem Text soll es darum gehen, wie die Teamarbeit hier funktioniert, welche Schwierigkeiten es dabei gab und gibt und welche Unterschiede es zwischen der Arbeit in einem deutschen und einem russischen Team gibt. Außerdem werde ich auf die veränderten Arbeitsbedingungen eingehen, die durch die Coronavirus-Krise nötig geworden sind.

Fortbildungsseminar im SLZ Akademgorodok Fortbildungsseminar im SLZ Akademgorodok | Foto: Jan Meise Das Zitat von Henry Ford über die Zusammenarbeit im Team charakterisiert treffend meine Tätigkeit am SLZ: Die ersten Begegnungen verlaufen manchmal holprig, doch wenn man sich besser kennengelernt hat, sind die Startschwierigkeiten überwunden und man kann erfolgreich zusammenarbeiten.

Die Teamarbeit mit meinen Kolleginnen hat von Anfang ziemlich gut funktioniert, allerdings gab es gerade zu Beginn einige typische Situationen wie zum Beispiel diese: eine Kollegin bat mich, eine kleine Präsentation und ein Video für einen Kurs vorzubereiten. Im Verlauf des Unterrichts stellte sich dann heraus, dass wir uns nicht genau genug abgesprochen hatten und meine Vorbereitung nicht das war, was meine Kollegin sich vorgestellt hatte. Mit etwas Improvisationstalent gelang es zwar, die Stunde erfolgreich zu beenden, allerdings merkte ich im Nachgespräch, dass sie unzufrieden mit dem Ablauf war. Wir vereinbarten, dass wir uns in Zukunft noch genauer absprechen würden.

Diese Situation beschrieb meine Kollegin im Anschluss lachend mit „Pervy blin komom“, wörtlich: „der erste Pfannkuchen wird ein Klumpen“. Also Schwamm drüber, aller Anfang ist schwer. Je besser wir uns kennenlernten, desto reibungsloser klappte die Zusammenarbeit. In diesem Jahr habe ich eine Lehrerfortbildung zum Thema Phonetik durchgeführt. Diese verlief erfolgreich und brachte mir extrem wertvolles Feedback dazu, wie ich meine Präsentationen noch besser strukturieren kann. Meine Kolleginnen stehen mir immer mit Rat und Tat zur Seite, wofür ich sehr dankbar bin. Ein besonderer Dank gilt auch meiner Chefin Larissa Slyusarenko, mit der sich im Laufe der Zeit ein angenehmes und vertrauensvolles Miteinander entwickelt hat.

Lesung von Ingo Schulze Lesung von Ingo Schulze, rechts meine Chefin Larissa Slysarenko | Foto: Jan Meise Diese harmonische Zusammenarbeit war ein ausschlaggebender Grund für die Verlängerung meines Aufenthaltes hier.

Als ich im September 2018 das erste Mal in Nowosibirsk aus dem Flieger stieg und voller Vorfreude an die auf mich zukommenden Aufgaben dachte, war ein maximal neunmonatiger Aufenthalt geplant. Meine Ziele waren klar gesteckt: Erfahrung im Unterrichten sammeln, Projektarbeit am SLZ und für die deutsche Minderheit durchführen und Russisch lernen. Diese Ziele habe ich erreicht, aber um die Mentalität der Menschen hier besser zu verstehen, braucht man mehr Zeit. Dieses neue Ziel habe ich mir während meines Aufenthaltes hier gesetzt und mit der Verlängerung des Aufenthaltes bin ich auf einem guten Weg, es auch zu erreichen.

Oft helfen einem die Gespräche, die man während der Kurse mit den Teilnehmer*innen führt, die Mentalität zu verstehen. Es gibt in einem DaF-Lehrbuch eine Aufgabe, in der die Lernenden Unterschiede in der Arbeitsweise und im Sozialverhalten zwischen mehreren Ländern vergleichen sollen. Nachdem die Informationen im Text besprochen wurden, kann man diese Fragestellung auf Russland fokussieren und sich mit den Meinungen der Kursteilnehmer*innen befassen. Die Ergebnisse sind insofern sehr interessant, als sie mir einen Einblick in die „russische“ Denkweise geben und mir mit der Zeit immer besser verständlich wird, warum die Menschen sich in bestimmten sozialen Kontexten so verhalten wie sie es tun, und nicht anders. Ein konkretes Beispiel dafür ist, dass ich hier schon mehrmals gehört habe, dass Menschen auch ihre nahen Angehörigen wie ihre Großeltern oder Tanten und Onkel siezen. Für mich wäre das wegen der zwischenmenschlichen Distanz, die dadurch entsteht, völlig unvorstellbar, aber wenn man mit den Leuten ins Gespräch kommt, erfährt man, dass sie sich keineswegs distanziert verhalten wollen, sondern durch die Höflichkeitsform lediglich Wertschätzung gegenüber ihren älteren Verwandten ausdrücken.

Zum Schluss möchte ich noch auf die Teamarbeit während der aktuellen Corona-Krise eingehen. Nachdem der Präsenzunterricht hier noch bis Ende März stattfand, trat – zwar nicht überraschend, aber dennoch recht plötzlich – ein Verbot für diese Veranstaltungen in Kraft, zunächst nur für die erste Aprilwoche, danach (bis jetzt) verlängert bis Ende April.

Das Goethe-Institut bietet seit Ende März verschiedene Schnellschulungen zur Gestaltung von Online-Unterricht an, an denen die Lehrkräfte teilnehmen können, um sich weiterzubilden. Die eigentliche Herausforderung besteht jedoch nun darin, diese auch im täglichen Unterricht einzusetzen. Zu den einzelnen Programmen gab es bereits einige Teamsitzungen in unserem SLZ, damit sich jede Lehrkraft mit den Möglichkeiten vertraut machen und neue Ideen für die Unterrichtsgestaltung sammeln kann. Am Anfang sah ich meine Aufgabe vor allem darin, meine Kolleginnen bei technischen Fragen zu unterstützen und dadurch zum erfolgreichen Unterricht beizutragen. Dies hat sich in den letzten zwei Wochen etwas verändert und geht inzwischen auch in Richtung inhaltliche Gestaltung und Bereitstellung geeigneter Zusatzmaterialien.

Auch die Art der Online-Zusammenarbeit unterscheidet sich im Vergleich zum Präsenzunterricht. Als alle Kurse gleichzeitig im SLZ stattfanden, wählte ich normalerweise zwei Kurse im Voraus aus, die ich an einem Abend besuchte, um dort zu unterrichten. Im Moment läuft es so ab, dass ich jeden Tag vier UE, Unterrichtseinheiten, online in einem Kurs bleibe. Bei technischen Schwierigkeiten oder den vereinzelt auftretenden Audioproblemen kann ich meinen Kolleginnen so zur Seite stehen. Diese Art des Tandems gefällt mir gut, denn man kann sich abwechseln und den Unterricht variieren und unterhaltsam gestalten, besonders wenn es um das aktuell so präsente Thema Gesundheit geht. Um es mit Henry Ford abzuschließen: Unsere Zusammenarbeit ist ein Erfolg!
Jan mit Maske Jan mit Maske | Foto: Jan Meise
 

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