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Content and Language Integrated Learning
Lernen und spielen: Digitale JuniorUni

Coding auf Nauka
Foto: © Goethe-Institut

Das neue digitale Bildungsprojekt des Goethe-Instituts ist auf das Erlernen von verschiedenen Fachinhalten gezielt, durch welche die Jugendlichen, ohne es zu wissen, Interesse an der deutschen Sprache bekommen sollen. Zauberei, sagen Sie.

Um zu erfahren, ob und wie das möglich ist, sprechen wir mit Natalja Wladimirowna Urywtschikowa, Oberlehrerin des Lehrstuhls für Geisteswissenschaften des Instituts für Bildungsentwicklung des Gebiets Jaroslawl, Multiplikatorin des Goethe-Instituts Moskau, und Anne Renate Schönhagen, Leiterin der Spracharbeit und stellvertretende Institutsleiterin des Goethe-Instituts Moskau.

Heute träumen die meisten Jugendlichen nur davon, mehr Zeit vor dem Computer zu verbringen. Sie haben dieses Recht legalisiert. Haben Sie keine Angst vor Skepsis seitens der Eltern?

Die Unzufriedenheit der Eltern erweckt oft nicht die Tatsache, dass ihr Kind viel Zeit vor dem Computer verbringt, sondern der Content, welchen die Kinder im Internet konsumieren. Fragwürdig ist der Nutzen der meisten Unterhalungsvideos auf YouTube, der aggressiven Netzspiele, des Informationsflusses der nicht-professionellen Blogger. Aber die Eltern haben in der Regel nichts dagegen, dass ihre Kinder sich entwickeln, sich mit Selbstlernen beschäftigen und sich dazu Internet-Ressourcen zunutze machen. Und genau das ermöglicht die vom Goethe-Institut entwickelte Digitale JuniorUni.

Ein trockenes, lebensfremdes Material der Lehrbücher in Physik, Chemie, Biologie kann jedem Menschen die Lust nehmen, sich mit diesen Fächern zu beschäftigen. Als Mutter eines Jugendlichen soll ich jeden Tag die Frage meines Kindes beantworten: „Wozu brauche ich dies alles?“ Nicht immer gelingt es mir, überzeugende Argumente zu finden. In den Video-Vorlesungen der JuniorUni finden wir keine bloße Theorie, sondern eingängige Erklärungen dafür, wie die Welt um uns herum beschaffen ist, wie zahlreiche Alltagsgeräte funktionieren, wie die Wissenschaft unser Leben komfortabler macht. Und die langweiligen schulischen Formeln bekommen eine ganz andere Bedeutung, wenn die Jugendlichen sehen, welche Stelle diese Kenntnisse im Alltag einnehmen. Auf diese Weise wird die Frage der Motivation teilweise gelöst und so kann das Lernen in der Schule sinnvoller und zielführender werden.

Darüber hinaus haben die von Neurowissenschaftlern durchgeführten Gehirnforschungen der letzten zehn Jahre gezeigt, dass das Gehirn von Jugendlichen in seiner Entwicklung eine plastische Phase durchläuft, die jener ähnelt, die für jüngere Kinder im Vorschulalter typisch ist. Im Zeitraum von 12 oder 13 Jahre bis 20 Jahre verfügt das menschliche Gehirn über maximale Entwicklungsmöglichkeiten und ein enormes Formungspotenzial.
 
Im Alter von ca. elf bis zwölf Jahren, bei Mädchen im Schnitt ein Jahr früher als bei Jungen erfolgt die Überproduktion von Gehirnzellen. Das Gehirn des Jugendlichen ist bereit, neue neuronale Verbindungen zu formieren und sich zu vervollkommnen und ist aus diesem Grund für neue Informationen sehr empfänglich. Der Beginn der Adoleszenz wurde von den Wissenschaftlern als sensibler Zeitraum für das Fremdsprachenlernen anerkannt. Die Zellen, welche an der Erfahrung und Aktivität beteiligt werden, bilden stabile neuronale Netze und die ungenutzten Zellen verschwinden. Deshalb ist es gerade in dieser Zeit wichtig, möglichst günstigste Bedingungen für die Entwicklung des Gehirns zu schaffen und ihm einen Impuls zur Nutzung der neu gebildeten Zellen und zur Bildung neuer nachhaltiger neuronaler Verbindungen zu geben, indem man deren Verschwinden verhindert. Die Phrase „use it or lose it“ (Verfall bei Nichtnutzung) stellt die Vorgänge am besten dar, die im Gehirn von Jugendlichen ablaufen. Und die Digitale JuniorUni bietet ausreichend hochwertige „Nahrung“ für das Gehirn von Jugendlichen, das bereit ist, sich zu entwickeln.
 
Auch die Eltern selbst können ihren Horizont mithilfe der Vorlesungen der JuniorUni erweitern. Wenn ich sie während der Seminare für Deutschlehrende nutze, sind sie für alle interessant, unabhängig vom Alter. Und auch die erwachsenen Teilnehmenden machen viele Entdeckungen und müssen oft feststellen, wie viele Dinge in den Schuljahren verpasst wurden.

Haben Psychologen an der Gestaltung des digitalen Projekts teilgenommen? Welche Instrumente haben sie implementiert? Wie ist es überhaupt möglich, mithilfe eines Faches Interesse an der Sprache zu erwecken?

Noch am Anfang der Arbeit an der Konzeption der Digitalen Kinderuniversität Ende 2015 hat das Goethe-Institut einen Kick-Off-Workshop zum Projekt in München durchgeführt. Teilgenommen haben Expert/innen aus Deutschland, Russland und Georgien in Bereichen wie frühes Deutschlernen, Methodik und Didaktik des integrierten Sprach- und Sachfachlernens (CLIL), Gamification der Bildung, Vertreter der Redaktionen der Kindersendungen, darunter der in Deutschland äußerst beliebten „Sendung mit der Maus“, welche die Grundlage der Digitalen Universitäten bildet, und der deutschen Kindermedienagentur KIDS interactive, die beide Projekte in unserem Auftrag umgesetzt hat.
 
Es wurde eine Vielzahl von Fragen rund um das Projekt diskutiert. Welche Themen sind für Kinder interessant? Wie soll das Zusammenspiel von fachlichen Inhalten und Sprache aussehen? Wie können wir die Erfahrung der erfolgreichsten deutschen Kindersendungen nutzen? Wie kann das Interesse von jungen Studierenden bewahrt werden? Wie soll man ein Projekt aus technischer Sicht realisieren? Man könnte sagen, das vorläufige Konzept des Projekts, welches das Goethe-Institut ausgarbeitet hatte, wurde nochmal auseinander genommen und neu zusammengesetzt, allein aufgrund der Erfahrung der Workshopteilnehmenden.
 
Die Grundlage der Spielhandlung der JuniorUni bildet das Gamification-Prinzip, nach welchem die Studierenden ein Lob für all ihre, sogar kleineren, Leistungen erhalten. Eben durch dieses Prinzip werden Kinder und Jugendliche heute von Computerspielen in den Bann gezogen.
 
Die Entwicklung von Interesse am Erlernen von Fremdsprachen durch das Fach ist die aussichtsreichste Richtung der modernen Methodik und Didaktik des Fremdsprachenunterrichts. Nach dem traditionellen Ansatz, in welchem die Schüler über sich selbst, ihre Familie über die Schule, über die Wohnung, über die Stadt, usw. erzählen, erfahren sie nichts Neues über die Umwelt außer fremdsprachlicher Bezeichnungen für ihnen bereits bekannte Gegenstände und Phänomene. Und das Fremdsprachenerlernen ist ein arbeitsaufwendiger Prozess. Das Pauken von Wörtern und Grammatik-Regeln macht kaum jemandem Spaß. Es bedeutet: Erlernen einer Sprache wegen der Sprachkenntnisse allein. Menschen, die keinen Spaß am Prozess des Auswendiglernens von Fremdwörtern haben, verlieren zwangläufig die Motivation um erhebliche Anstrengungen zum Fremdsprachenerlernen aufzuwenden.
 
Die Sprache ist aber in der Lage, uns sehr interessante Inhalt und ungewöhnliche Aktivitäten zur ermöglichen (Wie funktioniert ein Touch Screen? Kann man Maschinen mit Wasser betreiben? Wie putzen sich Astronauten die Zähne? Wie verhalten sich Seifenblasen in der Schwerelosigkeit?). Sie stellt nicht nur langweilige Deklinationen und Konjugationen dar, sondern einen Schlüssel zu Informationen, auf die es in ihrer Muttersprache möglicherweise gar keinen Zugriff gibt. Mein Sohn fing an, mit Enthsiasmus Englisch zu lernen, als er von Origami begeistert war und festgestellt hatte, dass die Video-Anleitung für die interessantesten Modelle im Internet nur auf Englisch zu finden sind.
 
Mit dem Spracherlernen beginnen wir in der Regel wegen eines interessanten oder notwendigen Inhalts und der Möglichkeiten, welche durch diese Sprache eröffnet werden. Wenn uns unser Ziel klar ist, achten wir nicht auf die Schwierigkeiten in Zusammenhang mit dem Prozess des Spracherlernens, und sind zu größeren Anstrengungen bereit, um sie zu überwinden. Ich habe Erfahrung in einem außerschulischen Kurs namens „Deutsch für kleine Entdecker“, in dem wir mit den Kindern wissenschaftliche Experimente durchgeführt haben. Der gesamte Kurs verläuft auf Deutsch, aber trotzdem haben sich die Kinder angemeldet, die zu diesem Zeitpunkt nur Englisch gelernt haben. Sie waren bereit, Deutsch zu lernen, um einen interessanten Unterricht besuchen zu können, den es weder in russischer, noch in englischer Sprache gab.

Nach wlchem Prinzip wurden die Themen ausgesucht? Warum ist die Wahl auf Raumfahrt und Robotik gefallen, und nicht Geographie oder Kochen?

Für die Digitale Kinderuni haben wir Themen aus drei Bereichen ausgewählt und entsprechend drei Fakultäten angeboten: Mensch, Natur und Technik. Dies entspricht ungefähr der Division auf die Geistes-, Natur- und Technikwissenschaften.

Wir konzentrieren uns auf die sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik). Wir glauben, dass die Programmierung neben Lesen und Schreiben in Zukunft eine der wichtigsten menschlichen Kompetenzen wird, und deshalb versuchen wir in unseren Projekten, den Deutschunterricht und die Programmierung zu kombinieren. Grundlage dafür bildet die CLIL-Methode. In der Live-Schiene des Projekts werden wir mit einem deutschen Partner arbeiten, der einen Single-Board-Minicomputer namens Calliope Mini entwickelt hat, mit dem die Kinder in Deutschland ab der 3. Klasse, spielerisch den Aufbau und die Funktionweise der Computertechnik erlernen und kleine Spiele und Projekte schaffen. Ausschlaggebend für das Thema Raumfahrt war unsere Zusammenarbeit mit dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt und die Tatsache, dass Astronomie an russischen Schulen wieder als Pflichtfach eingeführt wird.

Orientiert sich die JuniorUni an Jungen? Wird sie auch für Mädchen interessant sein?

Ich würde nicht behaupten, dass die JuniorUni sich an Jungen richtet. Das kognitive Interesse ist in gleichem Maße sowohl für Jungen als auch für Mädchen typisch. Wenn die Informationen klar und unterhaltsam präsentiert werden, werden auch Mädchen die Feinheiten eines Elektromotors verstehen wollen. Und eine Videovorlesung darüber, wie moderne Technologien es Menschen, die ihr Augenlicht verloren haben, ermöglichen, ihre Familien wieder zu sehen und ein erfülltes Leben zu führen, lässt weder Jungen noch Mädchen kalt. Bei der Entwicklung der Aufgaben für die Digitale Universität wurde mir zum Beispiel klar, dass ich mich sehr gerne mit Bionik beschäftigen möchte. Das hat mit der Methodik des Deutschunterrichts nichts zu tun. Wenn ich in meiner Kindheit die Gelegenheit gehabt hätte, an so einer Digitalen Universität zu lernen, hätte ich mich vielleicht gar nicht für die Fakultät für Fremdsprachen entschieden.

Ihr Kind ist innerhalb der Altersgruppe des Projekts und studiert selbstständig damit.

Mein Sohn hat in der achten Klasse alle Vorlesungen der Digitalen Kinderuni sowohl auf Russisch als auch auf Deutsch absolviert. In der 9. Klasse hat er direkt am kreativen Prozess der Entwicklung der Aufgaben für die JuniorUni teilgenommen. Wir haben alle Filme, auf deren Grundlage die Aufgaben geschaffen wurden, zusammen gesehen, und ich konnte feststellen, welche Inhalte für ihn neu und interessant waren, und habe entsprechend die Schwerpunkte gesetzt.

Wie lange dauert das Projekt und wie endet es? Gibt es ein Bonus-System?

Zur Zeit besteht die Online-Schiene des Projekts aus 24 Videovorlesungen, es ist aber geplant, das weiterzuentwickeln. Für erfolgreiche Lösung der Aufgaben zu den Vorlesungen bekommen die Studierenden thematische Abzeichenmit neuen akademischen Titeln, und steigen die wissenschaftliche Karriereleiter hinauf. Im Benutzerprofil können sie ein Diplom ausdrucken, in dem ihre Leistungen und die erlernten Themen beschrieben sind. Die Vorlesungen kann man frei besuchen – schneller oder langsamer, deshalb hat das Projekt keine Zeitgrenzen. Nachdem alle Aufgaben im russischsprachigen Programm gelöst sind, kann man zum Beispiel alle Aufgaben in deutscher Sprache erledigen und so weitere Abzeichen verdienen.
 
Darüber hinaus hat das Projekt eine schulische Komponente – deutsche und russische Expert/innen haben für Lehrende, die ihren Unterricht abwechslungsreich und fächerübergreifend gestalten möchten, didaktische Materialien speziell zu den Videovorlesungen entwickelt. Wir testen sie seit letztem Herbst in unseren Kursen und im neuen Jahr werden wir sie zum Einsatz in Schulen anbieten, zum Beispiel im Rahmen außerschulischer Aktivitäten.

Zur Live-Schiene der JuniorUni bieten wir im Laufe des Jahres unsere Aktionen an und nehmen an den Aktionen der Partner teil, die auf dem populärwissenschaftlichen Gebiet arbeiten.

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