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Atlanta
Rodney Cook Sr. Park

Atlanta
© Picture Allianz/David Goldman

Ein neuer Park in einem sozial benachteiligten Stadtteil von Atlanta lässt auf eine Renaissance des Viertels hoffen. Er wirft außerdem die Frage auf, was Parks für Städte und Gemeinschaften tun können – als öffentliche Räume und historische Orte.

Nur wenige Straßen trennen Vine City, ein Stadtviertel westlich von Downtown Atlanta, vom zentralen Geschäftsviertel der Stadt, wo CNN und Coca-Cola ihre Firmensitze haben. Das kürzlich eröffnete Mercedes Benz Stadium, ein 1,6 Milliarden-Projekt und neues Zuhause von Atlantas Football-Team, den Falcons, überragt die Nachbarschaft. Und doch sind in Vine City die Spuren von Vernachlässigung und Verfall beinahe überall sichtbar. Viele Gebäude in der Gegend sehen baufällig aus, Zwangsvollstreckungen im Zuge der Finanzkrise von 2008 waren hier an der Tagesordnung, und noch heute stehen viele Häuser leer.

Ein neuer öffentlicher Park soll der Gegend jetzt neues Leben einhauchen. Im Mai 2017 wurde der erste Spatenstich für den zukünftigen Rodney Cook Sr. Park getan, einen sechs Hektar großen öffentlichen Park mit einem Teich, der Regenwasser auffangen soll, sowie Bronzestatuen von schwarzen Bürgerrechtlern. Der Weg dorthin war jedoch steinig, und die Bauarbeiten verzögerten sich aufgrund von bleiverschmutzten Böden und Kontroversen über den zukünftigen Namen des neuen Parks. Die langen Debatten und Rückschläge warfen eine Menge Fragen auf, für wen öffentliche Räume errichtet werden und was sie für eine Nachbarschaft tun können – aber auch, inwiefern eine verbesserte Infrastruktur zu Gentrifizierung und Verdrängung führen kann.


Vine City war einmal ein lebendiges kulturelles und politisches Zentrum der schwarzen Mittelschicht. Mitte des 20. Jahrhunderts war das Stadtviertel ein wichtiger Brennpunkt der afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung. Martin Luther King Jr. zog 1967 mit seiner Familie in die Gegend, seine Witwe Coretta wohnte bis 2004 in Vine City. Das berühmte Soul-Food-Restaurant Paschal’s öffnete 1947 seine Türen und wurde bald zu einem wichtigen Treffpunk für Bürgerrechtler wie King, Andrew Young, John Lewis, Julian Bond, Ralph Abernathy und Stokely Carmichael. Der Niedergang des Viertels begann in den 70er Jahren. Die Flucht der weißen Mittelschicht in die Vorstädte und die Entstehung des Interstate-Systems, eines Netzwerks von Schnellstraßen, die oft mitten durch schwarze Stadtviertel gebaut wurden, hinterließen ihre Spuren in Atlanta. Im Jahr 2002 kam es zu heftigen Regenfällen und Überschwemmungen, die große Teile von Vine City schwer beschädigten, verschlimmert durch ein veraltetes Kanalisationssystem. Die meisten Einwohner des Viertels verfügten nicht über die Mittel, ihre Häuser wieder aufzubauen, weshalb die Stadt die Grundstücke aufkaufte und für mehr als ein Jahrzehnt brachliegen ließ – bis Rodney Cook Jr. im Jahr 2011 seinen Plan präsentierte, auf dem unbebauten Gelände den historischen Mims Park wieder aufzubauen.

Im Mai 2017 wurde der erste Spatenstich für den zukünftigen Rodney Cook Sr. Park getan, einen sechs Hektar großen öffentlichen Park mit einem Teich, der Regenwasser auffangen soll, sowie Bronzestatuen von schwarzen Bürgerrechtlern.

Mims Park war ursprünglich nicht weit vom geplanten Rodney Cook Sr. Park entfernt und benannt nach Livingston Mims, einem früheren Bürgermeister Atlantas. Entworfen von dem berühmten Landschaftsarchitekten Frederick Law Olmsted war der Park ein beliebter Erholungsort im frühen 20. Jahrhundert, musste allerdings in den 50er Jahren einem neuen Schulgebäude weichen. Laut Rodney Cook Jr., einem Nachfahren von Livingston Mims, war es sein Vater, Rodney Cook Sr., der ihm den Auftrag gab, den historischen Park wieder aufzubauen und zu einem Denkmal für Atlantas Geschichte der Bürgerrechtsbewegung werden zu lassen.  Ursprünglich sollte der Park wieder nach Mims benannt werden und eine Statue des früheren Bürgermeisters enthalten, die neben denen von berühmten schwarzen Bürgerrechtlern stehen sollte. Diese Entscheidung rief jedoch entschiedenen Widerstand auf den Plan. Da Livingston Mims während des amerikanischen Bürgerkriegs auf Seiten der Konföderation gekämpft hatte, sehen viele die Entscheidung, ihn mit einem Park in einem schwarzen Stadtviertel zu ehren, als problematisch an – ganz besonders in einer Zeit, in der Aktivisten in den Südstaaten dafür kämpfen, dass konföderierte Denkmale entfernt werden.

Rodney Cook Jr. beschloss daraufhin, den Park nach seinem Vater Rodney Cook Sr. zu benennen. Cook Sr., ein ehemaliger republikanischer Kongressabgeordneter, setzte sich in den 60er Jahren für die Rechte der afroamerikanischen Bevölkerung ein. Der Park soll jetzt nach seiner Fertigstellung Statuen von Dorothy Bolden, W.E.B. Du Bois, Grace Towns Hamilton, Hosea Williams und eben Cook Sr. enthalten.

All das soll von einer „Friedenssäule“ mit einer Aussichtsplattform sowie einer Statue von Tomochichi, dem amerikanischen Ureinwohner, der im 18. Jahrhundert James Oglethorpe, den Gründer Georgias, willkommen hieß, überragt werden.

Alles in allem erzählen die Denkmale, die der Park enthalten soll, eine Geschichte von Harmonie und gegenseitigem Verständnis zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung der Vereinigten Staaten – eine Perspektive, die dabei an Verklärung grenzt.

Alles in allem erzählen die Denkmale, die der Park enthalten soll, eine Geschichte von Harmonie und gegenseitigem Verständnis zwischen der schwarzen und weißen Bevölkerung der Vereinigten Staaten – eine Perspektive, die dabei an Verklärung grenzt. Rodney Cook Jr. glaubt fest an die Wirkung von Denkmalen, die den Menschen „etwas Gutes über ihre Kultur erzählen“, wie er in einem vom Millennium Gate Museum produzierten Werbefilm für den Park sagt. Als Gründer der National Monument Foundation und Architekt von Atlantas Millennium Gate, einem klassizistischen Triumphbogen, weiß er um den symbolischen Wert öffentlicher Gesten. Der aktuelle Plan für den Park, einschließlich des Namens und der Statuen, scheint ein Kompromiss zu sein, mit dem die meisten Bewohner von Vine City leben können.

JR Murphy, ein Anwohner, Imker und Urban Gardener, interessiert sich in erster Linie für den neuen Park als öffentliche Grünfläche. Seine Bienenstöcke und die Beete seines Joy and Reflect Gardens befinden sich direkt gegenüber der Baustelle. Er sagt, dass viele Bewohner von Vine City seit Jahren für den Park kämpfen und dass er ein Segen für die Nachbarschaft sein wird. Die Pläne für den Park beinhalten Platz für einen Gemeinschaftsgarten, der den Anwohnern frisches Gemüse und ein zusätzliches Einkommen bescheren soll. JR Murphy hofft außerdem, Jugendlichen etwas über das Gärtnern beizubringen und dass die Erfahrung, Erde umzugraben, Setzlinge zu pflanzen und Dinge wachsen zu sehen, der Gemeinschaft helfen wird, stärker zusammenzuwachsen.

Es ist leicht, die sehr greifbaren Vorteile von mehr Grün in Innenstädten zu vergessen, wenn man sich auf Debatten um Parks als historisch aufgeladene Orte konzentriert. Parks bieten Nachbarn und Besuchern einen Ort der Erholung und sind ein Treffpunkt, an dem die Menschen zusammenkommen können. Zugang zu Grünflächen verbessert die körperliche und geistige Gesundheit, dank verbesserter Luftqualität und Temperaturregulierung auch für diejenigen, die sie nicht zum Laufen oder Meditieren nutzen. Im Fall von Vine City wird der Park außerdem das Überflutungsproblem lösen, unter dem die Gegend seit langem leidet. Die Pläne beinhalten ein Regenrückhaltebecken, wie es bereits in einem anderen innerstädtischen Park in Atlanta angewandt wurde. Der Historic Old Fourth Ward Park wurde 2011 eröffnet und hat das Stadtviertel, in dem er liegt, komplett verändert – mit teilweise verheerenden Konsequenzen für die langjährigen Bewohner der Nachbarschaft.

Ein vor kurzem veröffentlichter Bericht der Aktivistengruppe Housing Justice League, der sich mit Gentrifizierung in Atlanta befasst, nennt den Old Fourth Ward ein “abschreckendes Beispiel” dafür, was Versuche der Neubelebung mit einem Stadtviertel machen können. Seit der Park eröffnet und mit der Beltline, Atlantas ehrgeizigstem Stadtentwicklungsprojekt, verbunden wurde, hat sich der Old Fourth Ward in Bezug auf seine Einwohnerschaft dramatisch verändert. Nach ihrer Fertigstellung soll die Beltline ein Netzwerk von 22 Meilen an Fußwegen, Straßenbahnlinien und öffentlichen Parks umfassen, die auf einer verlassenen Güterbahntrasse gebaut werden und die Innenstadt umschließen. Das Projekt soll dadurch viele der Probleme lösen, mit denen die sich ausbreitende Stadt zu kämpfen hat: es ist fast unmöglich, in der Stadt ohne Auto zu leben, Fußwege und öffentliche Verkehrsmittel sind Mangelware, wodurch das Verkehrschaos in Atlanta zu den schlimmsten des Landes zählt. Die Beltline soll mit neuen Radwegen, Parks und Grünflächen die Lebensqualität in der Stadt deutlich erhöhen – es bleibt die Frage, wer von diesen neuen Annehmlichkeiten profitieren wird.

Im Old Fourth Ward finden sich viele Orte, die die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung atmen, darunter das Geburtshaus von Martin Luther King Jr. und die Kirche, in der er als junger Pastor das Predigen lernte.

Im Old Fourth Ward finden sich viele Orte, die die Geschichte der Bürgerrechtsbewegung atmen, darunter das Geburtshaus von Martin Luther King Jr. und die Kirche, in der er als junger Pastor das Predigen lernte. Der neueröffnete Historic Old Fourth Ward Park, die Beltline sowie neue Restaurants und Geschäfte haben die Nachbarschaft deutlich attraktiver werden lassen – und eine neue, jüngere und zahlungskräftige Bevölkerungsschicht angezogen. Ponce City Market, ein neueröffnetes Mischkonzept aus Markthalle mit Food Stalls, Boutiquen und Wohnungen eröffnete 2014 und zeigt in seinen Werbematerialien ein Bild von dem umgebenden Stadtviertel als Spielplatz für junge, weiße Großstadtnomaden, für die der Blick aufs Preisschild keine große Rolle spielt.

Diskussionen über Gentrifizierung fehlt oft die Perspektive derer, die ihre alte Nachbarschaft verlassen müssen, wenn sich neue Einwohner dort niederlassen. Oft wissen wir nicht, ob sie froh sind, ihr Haus zu verkaufen und endlich in eine sicherere, ruhigere Gegend ziehen zu können. Im Bericht der Housing Justice League findet sich zumindest eine teilweise Antwort auf diese Frage: Die meisten der dort Befragten wollen ihre Gemeinschaften und Netzwerke in der Nachbarschaft nicht verlassen. Viele der Bewohner, die sich ihr Viertel in der Innenstadt nicht mehr leisten können, ziehen auch nicht in die Vorstädte, sondern nur wenige Meilen weiter, um in der Nähe ihrer Familie, Freunde und Nachbarn bleiben zu können. Besonders in den geschichtsträchtigen Vierteln wie Vine City oder dem Old Fourth Ward hängen viele sehr an ihrem Umfeld, trotz der Probleme, die es dort geben mag. Außerdem ist ein Umzug in die Vorstädte oft keine Lösung, da Arbeitsplätze dort rar sind und es so gut wie keine Verkehrsanbindung in die Stadt gibt. Dies ist auch der rassistischen Stadtentwicklungspolitik des 20. Jahrhunderts geschuldet, die verhindern sollte, dass die arme Bevölkerung der Innenstädte Zugang zu den weißen Vororten bekommt.

Möglicherweise sorgt das abschreckende Beispiel des Old Fourth Ward dafür, dass politische Maßnahmen ergriffen werden, die die Verdrängung der Bewohner von Vine City verhindern oder zumindest verlangsamen können, wenn der neue Park erst eröffnet ist.

Möglicherweise sorgt das abschreckende Beispiel des Old Fourth Ward dafür, dass politische Maßnahmen ergriffen werden, die die Verdrängung der Bewohner von Vine City verhindern oder zumindest verlangsamen können, wenn der neue Park erst eröffnet ist. Einige dieser Maßnahmen bestehen bereits, so wie Hilfen für Menschen mit niedrigem Einkommen, die ihr Mietshaus kaufen wollen oder ein bestehendes Eigenheim renovieren möchten. Da die meisten Familien in einkommensschwachen Gegenden ihr Haus mieten, wären Mietpreisbremsen eine große Hilfe – leider macht der Staat Georgia diese illegal. Der Entwurf und die Durchsetzung solcher Maßnahmen zur Verhinderung von Gentrifizierung und Verdrängung setzen jedoch auch den politischen Willen dazu voraus, und dieser fehlt oft in einer Stadt, die sich oft auf glamouröse Vorzeigeprojekte und innovative Infrastrukturprojekte konzentriert.

Zu den Gefahren der Gentrifizierung und Verdrängung nach Eröffnung des Parks befragt, zuckt der Parkbefürworter JR Murphy nur mit den Schultern. „Was passieren soll, passiert“, sagt er. Sicherlich kann die Antwort nicht sein, sich neuen Entwicklungen und Projekten, die die Lebensqualität, Gesundheit und Sicherheit einer Viertels verbessern, entgegenzustellen. Benachteiligte Stadtviertel verdienen Investitionen in Grünflachen und verbesserte Infrastruktur. Wenn dies jedoch die einzigen Maßnahmen sind, die ergriffen werden, besteht schnell die Gefahr der Verdrängung. Es bedarf auch der Förderung von Schulen, öffentlicher Gesundheitsversorgung, bezahlbarem Wohnraum und Arbeitsplatzbeschaffung. Ansonsten sind die Bronzestatuen der Vordenker von Atlantas Bürgerrechtsbewegung bald die einzigen Überbleibsel der reichen Geschichte von Vine City.

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