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Im Keller
Inszenierte Realität

„Im Keller“, Regie: Ulrich Seidl, 2014
Foto (Ausschnitt) © Strand Releasing

In Im Keller nutzt Ulrich Seidl seine Technik der „inszenierten Realität“ und übersättigt „normale“ Hintergrunddetails, um die Eigenartigkeit seiner Figuren unter die Lupe zu nehmen. 

Von Dave Kiefaber

Ulrich Seidls 2014 erschienener Film Im Keller verwischt die Grenzen zwischen Dokumentation und Simulation. Der Film macht Gebrauch von Seidls sogenannter „inszenierter Realität“ und folgt seinen Figuren in ihre Kellerräume, wo sie sich mit Fantasien aller Art beschäftigen: von eigenwilligen Hobbys über sexuelle Rollenspiele bis hin zum Sammeln von Nazi-Andenken. Wo andere Regisseure die Prämisse des Films bewusst in eine Komödie verwandelt hätten, ist Seidls Herangehensweise methodisch und beobachtend. Obwohl er sicherlich mit dem Stereotyp des zurückhaltenden, verstockten Österreichers spielt, zieht er seine Figuren nie ins Lächerliche—und seien sie auch noch so grotesk.
 
Durch die Inszenierung und Ausstattung ist der Film von der ersten Szene an einzigartig. Seidl führt seine Hauptfiguren ein, indem er sie im mittleren Bildbereich platziert und in weiten Panoramaaufnahmen einfängt, welche die sorgfältig komponierten Sets zur Schau stellen. Jede Einstellung ist ein eigenes Diorama, das den Zuschauer zwingt, die Kakophonie alltäglicher Details wahrzunehmen: die niedrigen Decken, die Rohre und Heizkörper, die mit Nippes überladenen Schrankwände, die unvorteilhafte Tapete. Dies ist die „inszenierte Realität“, die Seidl so meisterhaft beherrscht. Indem er das „Normale“ übersättigt, verstärkt er den Effekt der Abnormitäten, die er im Film einfängt.
 
Dabei lenkt das Szenenbild jedoch nie von den Figuren selbst ab. Die Menschen, die Seidl in Im Keller studiert, sind auf eine ruhige Art und Weise sonderbar, und das unabhängig von ihren Hobbys. Eine Prostituierte, die ihre Karriere im Vertrieb für die Sexarbeit aufgegeben hat, eine ältere Dame, die ihre Sammlung von Reborn-Puppen bemuttert, und ein verheiratetes Paar in einer Domina/Sklave-Beziehung: sie sprechen alle sehr freimütig — sogar bescheiden — über ihre Interessen. Das Paar aus Domina und Sklave verleiht dem Film eine zusätzliche Komplexität, da es derselbe unbeirrbare, neutrale Blick ist, der sowohl ihre expliziten sexuellen Aktivitäten als auch ihre kitschige Inneneinrichtung einfängt.
 
Der verwirrendste der Charaktere aber ist Josef Ochs, ein sanftmütiger älterer Herr, der seinen Keller in einen überladenen, und doch gepflegten Schrein für Adolf Hitler verwandelt hat. Der Zuschauer sieht ihn ein Hitler-Portrait putzen, das er zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Danach probt Josef mit seiner Blaskapelle, von denen sich keiner an seiner Sammlung zu stören scheint. Außerdem sehen wir Josef Tabletts mit Essen von seiner Frau aus dem oberen Stockwerk entgegennehmen, was den Eindruck einer traditionelleren häuslichen Präsenz in seinem Leben vermittelt, einer Präsenz, die er größtenteils von seinem Hobby getrennt hält.
 
Die eine Ausnahme in Seidls Dynamik von ruhig/abnormal ist Fritz Lang, ein Scharfschütze, der seinen Tenorgesang in der großzügigen Akustik seiner im Keller gelegenen Schießanlage übt. Er nutzt den Raum auch, um anderen Männern seines Alters das Schießen beizubringen, welche ihn wiederum in lebhafte, wenn auch politisch nicht korrekte Diskussionen verwickeln. Lang hat mehr Bombast als der Rest der Besetzung und genug Energie, gleich zwei Fantasien zu nähren: Terroristen zu erschießen und Opern zu singen.
 
Es ist dieses Spektrum an Devianz, die Neutralität, mit der es betrachtet wird, und die „inszenierte Realität“, die es eingrenzt, die Im Keller zu solch einem außergewöhnlichen Film macht. Was andere Filme ins Lächerliche ziehen oder für billige Schockeffekte ausschlachten würden, bekommt bei Seidl eine seltene Würde.
 

Autor

Dave K © Dave K Dave Kiefaber ist Autor, Kulturwissenschaftler, Kritiker und Low-Budget-/Kultfilmliebhaber. Er hat unter anderem in Adweek, Barnes & Noble, jmww, The Lit Pub, Real Pants und Splice Today publiziert. Er lebt zur Zeit in Baltimore, MD.  

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