Werner Herzog
Stroszek
- Produktionsjahr 1977
- Farbe / LängeFarbe / 108 Min.
- IN-Nummer IN 1295
Bruno Stroszek, streunender Musikant und Balladensänger, wird aus dem Gefängnis entlassen. Der Direktor ermahnt ihn, keinen Alkohol mehr anzurühren, da dieser doch Urheber all seiner kleinen Straftaten war. Darauf gibt ihm Bruno sein "großes ungarisches Ehrenwort", das heißt, kaum ist er über die Anstaltsschwelle gestolpert, feiert er in der Kneipe um die Ecke bei einer Flasche Bier sein Wiedersehen mit der Außenwelt.
Aber er hat beschlossen, ein neues Leben anzufangen. Als er die Prostituierte Eva trifft, die sich vor ihrem brutalen Zuhälter zu ihm in die Wohnung flüchtet, beginnt eine nie ausgelebte Liebesgeschichte. Und als sie weiterhin von ihrem Kerl malträtiert wird, beschließen die beiden, zusammen mit Brunos Zimmernachbar, dem alten Herrn Scheitz, zu dessen Neffen nach Wisconsin, USA, zu ziehen, um von vorn anzufangen. Denn in Amerika, so verkündet Eva zuversichtlich, da macht jeder sein Geld.
So beginnt in Plainfield, eigentlich besteht der Ort aus nicht viel mehr als aus einer Kreuzung zweier Highways mit ein paar Farmhäusern, einer Tankstelle, einem Drive-In mit Parkplatz für die Fernfahrer, ihr gemeinsames neues Leben. Bruno arbeitet in der Autowerkstatt des Neffen, und bald haben sie ein Mobile-Home, amerikanisches Symbol erster Armutsüberwindung, mit Farbfernseher.
Kurze Zeit später ist der Traum zu Ende, denn sie können den Kredit nicht zurückzahlen. Eva verschwindet mit einem Lastwagenfahrer; Bruno ergibt sich wieder der tröstenden Flasche und muß verstört zusehen, wie der Wohnwagen und sein ganzer Besitz versteigert wird.
Ein kleiner Ladenüberfall leitet das Ende ein. Von den 22 Dollar kauft Bruno sich einen Truthahn und fährt gen Norden. In einem Indianerreservat, zwischen herumstehenden Cherokees und ein paar Touristen, vollzieht sich Brunos Schicksal: Er erschießt sich auf einem nebligen Hügel an einem naßkalten Novembermorgen.
Herzogs erster scheiternder Held hieß Stroszek und war ein junger Wehrmachtssoldat auf einer Insel in der besetzten Ägäis, in LEBENSZEICHEN (1967). In den wiederauferstandenen Stroszek von 1977 ist die Biographie von Bruno S. eingegangen. Seine mit dem Film von Lutz Eisholtz (BRUNO, DER SCHWARZE) bekannt gewordene Lebensgeschichte endete 1958 mit einem "geheilt in die Gesellschaft entlassen", wo er hinfort seinen Lebensunterhalt als Hilfsarbeiter und Hinterhofsänger in Berlin verdiente. Mit einer Entlassung beginnt auch STROSZEK, um alsbald einem Traum nachzujagen, den schon viele als Rettung geträumt haben, dem amerikanischen Traum.
"Für Bruno, für Herrn Scheitz und auch für den Zuschauer bleibt Amerika in STROSZEK ein rätselhaftes, fremdes Land. Wie die zum Untergang bestimmten Conquistadores in AGUIRRE, DER ZORN GOTTES, mit dem dieser Film viele Ähnlichkeiten besitzt, reisen Bruno und der alte Mann geradewegs in die Katastrophe - aus einem touristischen Postkarten-Amerika (die schweigende Überwältigung auf dem Empire State Building, die langen Autofahrten, die Unendlichkeit suggerieren, das Abendrot am Ende der Highways) in eine menschenfeindliche Gegend mit undurchschaubaren Eingeborenen und ebensolchen Sitten und Gebräuchen." (Hans C. Blumenberg) "Was ist das für ein Land, das Bruno den Beo wegnimmt", so lautet Brunos ahnungsvoller Kommentar, als sein Vogel nicht mit ihm einreisen darf.
Herzog läßt Bruno schließlich in die hoffnungslose Kreisbewegung fast aller seiner Filme laufen: Das Auto am Schluß macht den Kreis als brennende Fackel vor, das Huhn in der Dancing-Chicken-Machine vollführt ihn auf seine Art. Aber die Ausweglosigkeit ist hier nicht das Ende eines großen tragischen Epos, sondern das einer kleinen melancholisch-heiteren Ballade, die sich mit menschlicher Größe zufrieden gibt und der Perspektive ihrer beiden Sonderlinge aus Berlin-Kreuzberg vertraut.
"Herzogs Liebe zu seinen Figuren und deren Mangel an bürgerlicher Normalität machen die große Qualität von STROSZEK aus. Die Abenteuer von Bruno und Herrn Scheitz in Amerika sind komisch und schrecklich zugleich, und Herzog läßt sich mit unverhofftem Witz auf die schönen Verrücktheiten seiner Helden ein, die Scheiternde sind wie alle Herzog-Figuren, aber keine maßlosen Titanen mehr". (Hans C. Blumenberg)
Auch die Sicht der Landschaften macht diese Verwandlung mit, "die hier gar nicht mehr wie noch früher bei Herzog Korrespondenzen zur Innenwelt seiner Helden sind, sondern (wie das flache, vereiste, wüste und leere Land in den USA) nackte Anschauung der Wirklichkeit. 'Landschaft', wie sie bisher bei Herzog dominierend war, ist hier fast ganz ausgespart. Deshalb ist STROSZEK auch ein Ausbruchsversuch; und zwar Herzogs, der noch in HERZ AUS GLAS den Mythos tauch den Mythos der Natur) erzwingen wollte. Jetzt ist er zu den Menschen zurückgekehrt, nicht bei den Phantasmen und Lemuren geblieben ... (Wolfram Schütte)
Herzog erneuerte damit auch sein Engagement für die psychisch und physisch beschädigten und gesellschaftlich geächteten Existenzen, das er mit IM LAND DES SCHWEIGENS UND DER DUNKELHEIT so überzeugend bewiesen hat.
Marli Feldvoß
- Produktionsland
- Deutschland (DE)
- Produktionszeitraum
- 1976/1977
- Produktionsjahr
- 1977
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,66
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama, Komödie
- Thema
- Liebe, Filmgeschichte, Migration / Flucht / Exil, Prekariat, Krankheit / Sucht / körperliche Beeinträchtigung
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- Hinweis: Vorführungen der Werner Herzog Filme außerhalb der Goethe-Institute im Ausland, z.B. in herkömmlichen Kinos, müssen im Vorfeld mit der Werner Herzog Stiftung abgesprochen werden.
- Lizenzdauer bis
- 14.12.2026
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Italien (IT)
- Verfügbare Medien
- DCP, Blu-ray Disc, Digitaler Film
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DCP
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Litauisch (lt), Deutsch Teil UT
- Anmerkung zum Format
- DCP ist verschlüsselt
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Deutsch Teil UT, Litauisch (lt)
Digitaler Film
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Litauisch (lt), Spanisch (Lateinamerika)