Hans Weingartner
Die fetten Jahre sind vorbei
- Produktionsjahr 2004
- Farbe / LängeFarbe / 129 Min.
- IN-Nummer IN 1746
Jan und Peter teilen in Berlin eine Wohnung, einen VW-Bus und die Vorstellungen davon, wie man gegen die soziale Ungerechtigkeit auf der Welt vorgehen könnte. Sie spionieren Luxusvillen aus und brechen ein, wenn ihre Besitzer nicht zu Hause sind. Sie nehmen keine Beute mit, sondern richten ein Chaos an und hinterlassen, wie sie hoffen, verunsichernde Botschaften wie “Sie haben zu viel Geld” oder “Die fetten Jahre sind vorbei” und unterzeichnen als “Die Erziehungsberechtigten”. Peters Freundin Jule hat gerade ihre Wohnung verloren, weil sie mit der Miete im Rückstand war; nun kommt sie bei Peter und Jan unter. Sie jobbt in einem Nobel-Restaurant, um ihre enormen Schulden zu begleichen; bei einem Verkehrsunfall hatte sie das Luxusauto des Top-Managers Hardenberg ruiniert , nun muss sie ihm den Schaden bezahlen.
Während einer kurzen Auslandsreise Peters kommen sich Jan und Jule näher. Jan erzählt ihr von den Aktionen gegen die Superreichen und lässt sich überreden, mit ihr in die Villa Hardenbergs einzusteigen. Am Ende ihrer Aktion werfen sie noch eine Designer-Couch in den Pool und hauen überstürzt ab, als die Alarmanlage startet. Jule aber hat in der Villa ihr Mobiltelefon vergessen. Jan und Jule steigen noch einmal ein und werden von Hardenberg ertappt. Jan schlägt den Mann nieder, ruft Peter zu Hilfe, doch die Situation droht ihnen über den Kopf zu wachsen.
Das Trio entführt den Manager und bringt ihn auf eine Berghütte nach Tirol. Dort entwickeln sich lange Diskussionen zwischen den Entführern und ihrem Opfer. Hardenberg outet sich als “68er”, will im Vorstand des SDS und ein Freund von Rudi Dutschke gewesen sein. Er missbillige, sagt er, seine Entführung, achte aber den Idealismus der Täter. Es scheint, als würde sich von nun an ein gegenseitiges Verständnis entwickeln. Hardenberg indes deutet gegenüber dem ahnungslosen Peter tückisch eine Beziehung zwischen Jan und Jule an; der folgende Zwist der Freunde hält nicht lange an – doch sie wissen, es wird Zeit für ein Ende der Entführung. Sie bringen Hardenberg zurück in seine Villa. Der Versöhnung aber ist nicht zu trauen.
DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI war nicht nur in den Kinos der Bundesrepublik ein Erfolg, sondern auch nach elf Jahren der erste deutsche Film, der in den Wettbewerb von Cannes aufgenommen wurde. Weingartners Arbeit besticht zunächst durch ihren Mut: In einer Zeit, als die Welt immer wieder von Terror-Anschlägen und Entführungen in Atem gehalten wird, riskiert er es, fast eine Komödie über Kidnapper zu drehen und den Tätern das Verständnis der Zuschauer zu sichern - sogar deren Sympathien. Jan, Jule und Peter sind pure Idealisten, deren wachsende Wut auf die Verhältnisse schon die Exposition mühelos plausibel macht. Sie tendieren keineswegs zu Vandalismus oder zu Gewalttaten, schon gar nicht gegen Personen; bei ihren Einbrüchen stellen sie eine teure Stereo-Anlage lieber in den Kühlschrank, als sie zu zerstören. Nur kommt eben der Moment, an dem ihre Aktionen eine Wendung nehmen, die sie nie beabsichtigt hatten. Sogar das Entführungsopfer scheint die Tat nachvollziehen zu können: “Vor dreißig Jahren hätten wir vielleicht auch gern so einen Bonzen in der Mangel gehabt.” Und er fügt hinzu: “Euer Idealismus, vor dem habe ich Respekt!”
Die Statements und Botschaften des Trios klingen mitunter etwas papieren und thesenhaft überlastet – und dennoch funktionieren die Dialoge perfekt, weil sie haargenau zu den Figuren passen, die eher naiv als abgeklärt agieren. Zudem trifft das die Wirklichkeit: Die Sprache von Idealisten klingt nie so cool und clever wie die von Zynikern und Pragmatikern. Auch die Schauspieler und vor allem die Arbeitsmethoden des Regisseurs haben großen Anteil an der Glaubwürdigkeit dieser ungewöhnlichen Geschichte. “Die Kunst besteht bei so einer Art von Film darin, etwas improvisiert wirken zu lassen, auch wenn es das gar nicht ist. Improvisiert heißt für mich frisch, nicht wiederholt, ohne Zwang. Man muss das Gefühl haben, dem wahren Leben zuzusehen, nicht einem Film. Das Wichtigste ist, sich genügend Zeit zu nehmen – so lange an einer Szene zu arbeiten, bis sie wirklich real rüberkommt. Man muss Dinge passieren lassen, sich dem flow hingeben, ohne Angst. Ich versuche, nicht genau zu planen. Auf den meisten deutschen Filmsets geht es zu wie in einer Autofabrik, da ist so was natürlich nicht möglich.” (Hans Weingartner)
Entsprechend flexibel muss dabei die Technik agieren. Der Film wurde ausschließlich mit zwei digitalen Handkameras gedreht, die den Schauspielern folgten und dabei nur Positionen einnahmen, die auch ein menschlicher Beobachter einnehmen würde. Weingarten erzählt aus der Perspektive eines Augenzeugen und macht so den Zuschauer zum unbewussten Komplizen seiner Helden. Die kurzen Brennweiten der Objektive gestatteten den Darstellern genug Freiraum, um nicht mit einer unbedachten Bewegung den Bereich der Schärfe zu verlassen. Zum visuellen Konzept gehört auch die größere Lichtempfindlichkeit digitaler Kameras, so konnte der Regisseur fast gänzlich auf künstliches Licht verzichten. Die digitale Technik ermöglichte es ihm als Produzent, sein Projekt mit einem relativ geringen Budget realisieren. “Dadurch nehmen Druck und Einflussnahme von außen ab. Man hat auch nicht ständig die Anforderung, es muss möglichst vielen Leuten gefallen, im Hinterkopf.”
Von Anfang an spürt man die persönliche Nähe des Regisseurs und Co-Autors zu den Figuren und ihrer Geschichte. “DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI hat viel mit den letzten zehn Jahren meines Lebens zu tun, in denen ich mehrfach versucht habe, politisch aktiv zu werden, und mehrfach gescheitert bin. Ich wollte immer Teil einer Jugendbewegung sein, aber ich habe nie wirklich eine gefunden. Ich war Punk, als Punk schon vorbei war, ich war Hausbesetzer, als es damit schon zu Ende ging. Ich glaube, wir leben in einer Zeit, in der viele junge Menschen den Wunsch nach politischer Veränderung in sich tragen, aber nicht wissen, wie sie ihm zum Durchbruch verhelfen sollen. Es fehlen die Reibungsflächen, und es fehlt die Gruppendynamik.” (Hans Weingartner) So erzählt der Film, ohne dass je darüber gesprochen wird, auch vom Untergang der Ideologien und vom verlorenen Glauben an Lösungen durch politische Parteien. DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI ist eine der aussagekräftigsten Arbeiten über eine junge deutsche Generation, die zu häufig als “Spaßgesellschaft” abgetan wird.
Hans Günther Pflaum
- Produktionsland
- Österreich (AT), Deutschland (DE)
- Produktionszeitraum
- 2003/2004
- Produktionsjahr
- 2004
- In Zusammenarbeit mit
- Arte G.E.I.E. (Straßburg)
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,85
- In Koproduktion mit
- Südwestrundfunk (SWR) (Stuttgart)
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama
- Thema
- Kapitalismus, Liebe, Freundschaft, Extremismus / Terrorismus
- Zielgruppe
- Jugendfilm (12-17 Jahre)
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte
- Lizenzdauer bis
- 30.11.2027
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Luxemburg (LU)
- Verfügbare Medien
- 35mm, DVD, DVD
- Originalfassung
- Deutsch (de)
35mm
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Arabisch (ar)
DVD
- Untertitel
- Deutsch (de), Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt)
DVD
- Untertitel
- Arabisch (ar), Indonesisch (id), Chinesisch (zh), Englisch (en), Französisch (fr), Portugiesisch (Bras.) (pt), Spanisch (es), Russisch (ru), Deutsch Voll UT