Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Denis Reichle, Werner Herzog
Ballade vom kleinen Soldaten

  • Produktionsjahr 1984
  • Farbe / LängeFarbe / 45 Min.
  • IN-Nummer IN 3586

Februar 1984: In einem unwegsamen und abgelegenen Landstrich an der Atlantikküste kämpfen die Miskito-Indianer gegen das sandinistische Militär. Werner Herzog und der französische Foto-Journalist Denis Reichle beobachten vor allem die Kindersoldaten in den Reihen der Miskitos.

Eingangs sitzt ein Junge neben einem Kofferradio; er schaltet das Gerät ein: ein Liebeslied erklingt. Der Knabe singt mit; für die Liebe ist er noch zu jung. Und erst recht ist er noch zu klein für die Uniform, die er trägt, und für die Kalaschnikow, die er umhängen hat. Er lächelt in die Kamera, wenn das Lied zu Ende ist.

Aus dem Off berichtet der Filmemacher: Er und sein Team haben drei Wochen Fußmarsch zurückgelegt, um in das Gebiet der Miskito zu kommen. Noch sind es etwa 140.000 Menschen; sie sind zwar geografisch isoliert, aber protestantische Missionare und Zuwanderer aus der Karibik haben ihr Leben verändert. In der Siedlung herrscht, so Herzog, ein „primitiver Sozialismus auf dörflicher Ebene“. Die Indianer haben eine Untergrund-Armee aufgebaut. Einst, im Kampf gegen die Diktatur Somozas, standen sie auf der Seite der Sandinisten – jetzt aber sind sie enttäuscht und kämpfen gegen sie.

Herzog besucht ein Militärlager der Miskito-Untergrundarmee „Misura“, die von Honduras aus gegen die „neuen Herren des Landes“ operiert. Wenn ein Elitetrupp den Grenzfluss, den Rio Coco, überquert, um einen LKW-Konvoi mit Waffen zu überfallen, sitzen Herzog und Reichle mit im Boot. Offensichtlich wird der Trupp entdeckt und beschossen, die Indianer schießen zurück; es gibt keine Opfer. Und es gibt auch keinen Beweis, dass das kleine Gefecht auf dokumentarischem Weg und nicht als Inszenierung entstanden ist. Das Scharmützel führt dazu, dass der Trupp einen Umweg durch den Dschungel wählt und schließlich wegen Wassermangel aufgibt und zurückkehrt.

Als Kommentator aus dem Off räumt Herzog an dieser Stelle ein, dass die USA ein Interesse daran haben, „jeden zu unterstützen, der die Sandinisten unter Druck setzt“. Auf den ersten Blick mag es so aussehen, dass der abenteuerlustige Filmemacher in diesem Konflikt bedenkenlos gegen die Sandinisten Stellung bezieht – und manche eilfertige Ideologen haben ihm das auch vorgeworfen. Dies freilich ist ein zu simpler Schluss, nicht nur wegen des Hinweises auf die amerikanischen Interessen im Hintergrund des Konflikts. Der Filmemacher verweist auch skeptisch auf die Herkunft der Ausbilder, die hier die Indianer militärisch trainieren: Sie stammen aus den alten Garden des entmachteten Diktators Somoza. Zwar bewegen sich Herzog und Reichle in den Reihen der Indianer, und diese können ungeprüft von Verbrechen und Morden der sandinistischen Soldaten berichten; die erkennbare Sympathie des Films wendet sich keiner politischen Front zu, sondern den Miskitos. Ihnen und ihrer Tragödie gilt das Mitgefühl – vor allem den Kindern, die in diesen von der Welt kaum beachteten Krieg geschickt werden.

Werner Herzog versucht, die Hintergründe der Auseinandersetzungen zu erläutern: Er lässt die Indianer von den Zerstörungen, die die Sandinisten angerichtet haben, von niedergebrannten Dörfern und ermordeten Menschen berichten, er spricht von einer „systematischen Entvölkerung eines ganzen Landstrichs“, doch die Gegenseite kommt nicht zu Wort. Herzog weiß, dass die Sandinisten ohnehin weltweit ihre Apologeten haben. Er verweist zwar auf den Konflikt des modernen sandinistischen Sozialismus, der die uralten Strukturen und Traditionen der Miskitos zu zerstören droht, aber er lässt keinen Vertreter der Sandinisten zu Wort kommen. Aber er überführt auch einen der Ausbilder der Kindersoldaten der strategischen Lüge: Der Mann hatte behauptet, das Trainingscamp befände sich in Nicaragua – in Wirklichkeit, so Herzog, wurden diese Sequenzen in Honduras gedreht. Herzog nennt seinen Film eine „Ballade“ – denn die politische Analyse ist nicht sein Ziel. Am Anfang und am Ende singt ein Kind ein Liebeslied, als Ausdruck einer Sehnsucht, deren Erfüllung ihnen dieses Leben wohl vorenthalten wird.

Etwa die Hälfte der Rekruten in den Reihen der Misura-Krieger sind Kinder, einige von ihnen noch nicht einmal zehn Jahre alt. Auch junge Mädchen sind dabei. Herzog und Reichle befragen sie ausführlich. Die Antworten gleichen sich: Sie haben durch grausame Verbrechen der sandinistischen Soldaten Mitglieder ihrer Familie verloren, jetzt sind sie entschlossen, zu töten – aus Rache. Und bereit, fürs „Vaterland zu sterben“. Im Krieg gegen die „internationalen Kommunisten“.

Die Konsequenz, mit der sich DIE BALLADE VOM KLEINEN SOLDATEN politisch zwischen den Fronten bewegt – und keine Spur mehr aufweist von jenem Optimismus, mit der Peter Lilienthal rund fünf Jahre früher seinen Nicaragua-Film DER AUFSTAND gedreht hat, zeigen vor allem die letzten Befragungen der kampfbereiten Kids. Denis Reichle erinnert an seine Kindheit – mit 14 Jahren wurde er einst von den Nazis in Berlin als Soldat gegen die russische Armee eingesetzt. Was diesen Kindern jetzt in Nicaragua oder Honduras widerfährt, bezeichnet er als „Gehirnwäsche“. Herzog und Reichle haben einen Film über Kindsmissbrauch gedreht; diese Arbeit ist hochpolitisch, aber eben nicht ideologisch, sondern, bei aller Trauer, die am Ende zu spüren ist, bedingungslos moralisch und human.

Anm.: Ein aufschlussreiches Interview, das Denis Reichle mit Steadman Fagoth, dem damaligen Misura-Chef geführt hat, ist am 10. Januar 1984 im Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL erschienen und immer noch im Internet zugänglich.

Produktionsland
Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
1984
Produktionsjahr
1984
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,33

Länge
Mittellanger Film (31 bis 60 Min.)
Gattung
Dokumentarfilm
Genre
Anti-/ Kriegsfilm
Thema
Gewalt

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
Hinweis: Vorführungen der Werner Herzog Filme außerhalb der Goethe-Institute im Ausland, z.B. in herkömmlichen Kinos, müssen im Vorfeld mit der Werner Herzog Stiftung abgesprochen werden.
Lizenzdauer bis
14.12.2026
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Italien (IT)

Verfügbare Medien
Blu-ray Disc, DVD, DCP
Originalfassung
Deutsch (de)

Blu-ray Disc

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Türkisch (tr), Arabisch (ar)

DVD

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Türkisch (tr), Arabisch (ar)

DCP

Untertitel
Deutsch (de), Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Italienisch (it), Türkisch (tr)