Edwin Zbonek
Mensch und Bestie
- Produktionsjahr 1963
- Farbe / Länges/w / 90 Min.
- IN-Nummer IN 3844
Straßburg 1939: Franz Köhler, ein Deutscher, liebt die junge Französin Mirelle und wird von seinem Bruder Willy, einem künftigen SS-Schergen, denunziert und verhaftet. Den Kriegswinter 1944/45 erlebt Franz in einem Gefangenenlager in Polen; er und seine Mithäftlinge schuften in einem Steinbruch, in dem er seinem Bruder, inzwischen Untersturmbannführer, wieder begegnet. Als die Ostfront näher rückt, sollen die Gefangenen in einem Stollen in die Luft gesprengt werden. Franz flieht, um Hilfe von den Russen zu holen. Nach tagelanger Flucht durch die kalte Winterlandschaft wird er von seinem Bruder erschossen.
Straßburg 1939: Franz ist so verliebt in Mirelle, dass er sich für sie in einem Tanzlokal prügelt. Es ist eine Liebe über die Nationen hinweg: Ein Deutscher liebt eine Französin. Von seinem Bruder Willy, der in die SS eintritt, wird er deshalb angefeindet und denunziert. Jahre nach seiner Verhaftung erlebt Franz den letzten Kriegswinter (1944/45) in einem Lager im besetzten Polen. Dort trifft er auch seinen Bruder wieder, der als SS-Untersturmbannführer in der Lagerleitung aktiv ist. Die Gefangenen müssen unter härtesten Bedingungen in einem Steinbruch schuften. Weil die Armee der Sowjetunion und damit auch die Front immer näher rücken, beschließt die SS, die Häftlinge in einem Bergwerksstollen in die Luft zu jagen. Willy informiert seinen Bruder und fordert ihn zur Kollaboration auf. Franz übermittelt die Nachricht seinen Leidensgenossen; die nächste Sprengung im Steinbruch, bei der die Zwangsarbeiter bewusst zu viel Dynamit verwenden, nützt Franz zur Flucht; er soll die Frontlinie überqueren und die Russen zu Hilfe holen.
Es folgt eine lange Flucht durch eine endlose, feindliche Winterlandschaft. Zunächst versucht Franz, sich im Labyrinth des alten Bergwerks zu verstecken. Willy und zwei andere SS-Männer sind Franz auf den Fersen, ihr Schäferhund Wotan wittert jede Spur des Fliehenden, der den Sprung auf einen Güterwaggon schafft, dabei aber entdeckt wird. Der Zug fährt nach Malchów, die SS informiert ihre Leute am Bahnhof. Bei der Ankunft bombardiert die Rote Armee den Ort, Franz entkommt. Unterstützt von einer desillusionierten Krankenschwester kann er sich vorübergehend verstecken und seine Flucht fortsetzen. Mitunter findet er Hilfe, meist von Frauen, doch der Hund führt die Verfolger immer wieder auf seine Spur. Schließlich holt Wotan den Mann auf der Flucht von einem Fahrrad, verbeißt sich in ihn und wird dabei beinahe stranguliert. Von da an begleitet das Tier den Gejagten als treuer Diener, zerrt ihn aus einem eisigen Wasserloch und bringt die Verfolger doch wieder auf seine Fährte. Am Ende gelingt es Franz, einen Fluss zu überqueren, auf dessen anderer Seite die Rote Armee steht, doch sein Bruder hat ihn aufgespürt und knallt ihn mit einem von den Deutschen beim Rückzug zurückgelassenen Maschinengewehr ab. Der Abspann teilt mit: „An diesem selben Tage im Januar 1945 wurde das KZ-Lager gesprengt. Keiner der 22.000 Inhaftierten überlebte.“
MENSCH UND BESTIE - DIE FLUCHT AUS DER HÖLLE entstand gegen Ende einer Zeit, in der das Kino der Bundesrepublik (anders als die Defa-Filme der DDR) die NS-Vergangenheit mit Produktionen aufzuarbeiten vorgab, die von den jüngeren Kritikern bald als „Persilfilme“ attackiert wurden: Filme, die vor allem die Gegner des Nazi-Systems in den Vordergrund rückten und in der Summe den Eindruck erweckten, als sei der NS-Staat das Ergebnis einer radikalen fanatischen Minderheit gewesen, während viele andere Deutsche zum Widerstand tendierten. Vor diesem Hintergrund ist dieser Film durchaus ein gewisser Fortschritt. Ein politischer Diskurs, eine inhaltliche Auseinandersetzung mit faschistischer Ideologie darf man hier freilich nicht erwarten – die fand im damaligen Kino der Bundesrepublik einfach noch nicht statt. Hier herrscht, und dies macht MENSCH UND BESTIE auch aus heutiger Sicht durchaus interessant, eine vergleichsweise einfache und kategorische Trennung zwischen Gut und Böse, zwischen deutschen Tätern und deutschen Opfern.
So hat es durchaus seine Folgerichtigkeit, dass der Film auf Mythen zurückgreifen muss: Franz und Willy erinnern an das biblische Brüderpaar Abel und Kain, ebenso an die feindlichen Brüder Franz und Karl in Schillers „Räuber“. Ihre gegensätzliche Disposition findet keine Erklärung; dass die Mutter von Franz und Willy zu dem Streit ihrer Söhne keinerlei Stellung bezieht, ist bezeichnend – wohl auch für die Haltung vieler Deutscher jener Zeit. Biblische und andere mythologische Motive durchziehen den Film: Ein Gefangener wird nicht nur ausgepeitscht, sondern dafür an ein Kreuz gebunden. Und die SS-Schergen sagen nicht einfach, jetzt erschießen wir die Häftlinge, sondern erklären: „Jetzt werden wir denen zeigen, wo Gott wohnt!“ Der Fluss, den Franz am Ende überquert, verweist auf den antiken Hades; am anderen Ufer wartet der Tod.
Spannend wird der Film, dem nach seiner eher mühsam vorgetragenen Exposition dann doch eine Art „Selbstfindung“ gelingt, gerade durch seine trivialen, physisch indes sehr konkret inszenierten Ebenen: Die auffallend vielen Frauen, denen Franz auf seiner Flucht begegnet, sind allesamt auf seiner Seite und versuchen, ihm zu helfen – aber eben nicht auf der Grundlage reflektierter Positionen; sie folgen ihrem Gefühl, nahe an einer Art Mutterinstinkt. Selbst ein versprengter Deserteur und Willys SS-Untergebene, die sich gegen Ende seinem Befehl widersetzen, handeln emotional und ohne irgendein fundiertes oppositionelles politisches Bewusstsein. Vor diesem Hintergrund erhält sogar der deutsche Schäferhund mit dem von der NS-Ideologie belasteten Namen „Wotan“ seine Bedeutung: eine Kreatur, die weder gut noch böse, sondern treu seinem jeweiligen Herrn ergeben ist. Noch in seinen Versuchen, Franz zu retten, wird das Tier unfreiwillig zum Verräter – und jault und heult herzzerreißend, weil es instinktiv den Tod des von ihm zu schützenden Flüchtlings mitbekommen hat.
Hans-Günther Pflaum
- Produktionsland
- Deutschland (DE)
- Produktionszeitraum
- 1963
- Produktionsjahr
- 1963
- In Zusammenarbeit mit
- Avala Film (Belgrad)
- Farbe
- s/w
- Bildformat
- 1:1,66
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama, Anti-/ Kriegsfilm
- Thema
- Beziehung / Familie, Zweiter Weltkrieg, Nationalsozialismus
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2099
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige)
- Verfügbare Medien
- DVD
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DVD
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien)