Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Werner Herzog
The White Diamond

  • Produktionsjahr 2004
  • Farbe / LängeFarbe / 87 Min.
  • IN-Nummer IN 3592

Werner Herzog begleitet den Luftfahrttechniker Graham Dorrington (University of London) nach Guyana. Dorrington hat ein kleines Luftschiff gebaut, um Flora und Fauna der Baumkronen zu erkunden; er testet es in der Nähe des Kaieteur-Wasserfalls. Für den Filmemacher geht es dabei nicht um biologische Erkenntnisse, sondern um die Beobachtung von Menschen in extremen Situationen.

Herzog beginnt seinen Film mit Archivaufnahmen aus der Pionierzeit des Fliegens: „Die Luftfahrt hatte ihre frühen Enttäuschungen und Bruchlandungen, aber das schreckte andere nicht ab, der großen Vision zu folgen.“ Damit deutet Herzog sein Interesse an Dorringtons Unternehmen schon ziemlich genau an. Es geht ihm nicht um die Lösung technischer Probleme, wenngleich er auch auf die Entwicklung des Zeppelins, auf die Katastrophe der „Hindenburg“ in Lakehurst (1937) und die Folgen (von da an verwendete man das nicht-explosive Helium für die Füllung der Luftschiffe) verweist. Entscheidender sind für Herzog die Menschen, die den Absturz riskieren und sich durch Niederlagen nicht von ihren obsessiv verfolgten Zielen abbringen lassen.

Graham Dorringtons Obsession ist das Fliegen. Voller Leidenschaft zeigt er in seinem Labor das Modell seines neuen Luftschiffs im Windkanal, erklärt die ungewöhnliche Tropfenform der Hülle und erzählt, wie er im Alter von 14 Jahren zwei Finger verloren hat, als ihm eine selbst gebastelte Rakete in der Hand explodierte. Deshalb, sagt er, konnte er nicht Astronaut werden. Jetzt rät er Kindern und Teenangern, mit Raketen vorsichtig umzugehen. Er ist noch ein junger Mann, wirkt aber monoman und ein wenig schräg, wie die „verrückten“ Professoren in vielen Hollywood-Komödien. Im Laufe des Films verliert sich dieser unterschwellig komische Ton. Dorrington mag ein Kuriosum sein, aber komisch ist er genauso wenig wie seine vielen „Verwandten“ in Herzogs Werk, die obsessiv gegen die Gesetze der Natur aufbegehren: egal ob es fiktive Figuren sind wie zum Beispiel Stroszek in LEBENSZEICHEN, der die Sonne anzugreifen versucht, wie Fitzcarraldo, der ein Schiff über einen Berg ziehen lässt, oder reale, dokumentarisch erfasste Helden wie der Bildschnitzer und Skispringer Steiner oder der US-Pilot in LITTLE DIETER NEEDS TO FLY.

Dorrington klagt über eine „gewisse Schwere“, die ihn bei diesem Projekt befallen habe, „ganz im Gegenteil zu der Leichtigkeit, die ich spüren möchte!“ Diesen Hinweis könnte ihm auch der Regisseur auf den Leib geschrieben haben – er gilt dem Problem fast aller Figuren Herzogs, die wie Sisyphus kämpfen; ihr Gegner ist die Erdenschwere, ihre Antriebskraft die Sehnsucht nach Leichtigkeit und Schwebezustand. Nur ganz allmählich erfährt der Zuschauer dabei von einer schlimmen Erfahrung des Wissenschaftlers. Elf Jahre vor dem Unternehmen in Guyana ist sein Kameramann, der deutsche Dieter Plage, mit einem von Dorrington gebauten Luftschiff tödlich verunglückt – beim Versuch, die Region der Baumkronen zu erforschen. Der Wissenschaftler fühlt sich dafür mitverantwortlich. Wenn ihn Herzog nach seiner eventuellen Schuld befragt (das Gespräch gleicht jenem in GASHERBRUM – DER LEUCHTENDE BERG, in dem der Filmemacher mit dem Bergsteiger Reinhold Messner über die Verantwortung für den Tod seines Bruders am Nanga Parbat spricht), so ist nicht auszuschließen, dass der Regisseur dabei auch an sich selbst denkt. Nach den abenteuerlichen Dreharbeiten von AGUIRRE, DER ZORN GOTTES kursierte das Gerücht, es hätte dabei schwere Unfälle gegeben.

Um das Trauma zu überwinden, sieht Dorrington (wie zum Beispiel der Skispringer Steiner nach einem furchtbaren Sturz) nur eine Möglichkeit: das Risiko erneut einzugehen. Daraus nährt sich der unbedingte Glaube an die Realisierbarkeit von Träumen, dem fast alle Figuren Herzogs anhängen – und wohl nicht zuletzt er selbst als Filmemacher, der, auch das ist typisch, nicht zögert, sich bei einem frühen Flugversuch mit in die kleine Gondel unter dem Ballon zu setzen, um das Abenteuer mit der Kamera festzuhalten.

Dorrington wird von Ängsten gepeinigt, dass „wieder etwas passieren“ könnte, aber er will auch zeigen, dass „Dieter Plages Traum gerechtfertigt war“. Nach dem ersten wirklich erfolgreichen Flugversuch über dem Regenwald von Guyana ist der Wissenschaftler zunächst selig: „Es war himmlisch! Das ist Leichtigkeit!“ Doch Sekunden später hat ihn die alte Schwere eingeholt, er erinnert sich, den Tränen nahe, an den toten Dieter Plage: „Wenn er wüsste, was heute geschehen ist – er war so ein guter Kerl!“

In seinen Dokumentarfilmen folgt Herzog selten einem klaren dramaturgischen Konzept; in THE WHITE DIAMOND leistet er sich mehr „Abschweifungen“ als sonst. Zweimal lässt er Einheimische das Luftschiff als „weißen Diamant“ bezeichnen; nach Dorringtons erfolgreichem Versuch erklärt der Regisseur aus dem Off, er habe den Wissenschaftler in seiner Rührung allein lassen wollen und deshalb eine Diamantenmine besucht. Für den Film erscheint dieser Besuch als eher unbedeutend und nur als Verstärkung des Motivs „weißer Diamant“. Und doch funktioniert dieses Bild von der beschädigten, „verwundeten“ und verschlammten Natur auch als brutaler Gegensatz zu der heilen Welt rund um den Wasserfall, hinter dem tausende von Mauerseglern ihre Nester haben. Dass sich die Kaieteur-Region längst zur Touristen-Attraktion entwickelt hat, also auch über entsprechende Infrastrukturen verfügen muss, verschweigt Herzog komplett. Lieber rückt er noch einen anderen Träumer ins Bild, den Einheimischen Mark Anthony Yhap, den geheimen Gegenpart zu Dorrington. Seine Familie ist nach Spanien ausgewandert, er fühlt sich einsam und verloren, aber er lebt, anders als der Wissenschaftler, im Einklang mit der Natur. Einmal darf Mark Anthony im Luftschiff mitfliegen und reagiert glücklich auf diese Erfahrung; er fühlte sich absolut sicher und bedauert nur, dass er seinen Hahn nicht mitnehmen konnte: „Er ist so ein netter Kerl!“ Dorrington, der Akademiker, bewundert den Mann wegen seiner naturheilkundlichen Kenntnisse und seiner Weisheit. Auch die Sehnsucht nach einem anderen, nicht-akademischen Wissen gehört zu Herzogs zentralen Motiven, nur liegt sie nicht an der Oberfläche seiner Filme.

Produktionsland
Deutschland (DE), Japan (JP), Vereinigtes Königreich (GB)
Produktionszeitraum
2004
Produktionsjahr
2004
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,85
In Koproduktion mit
NDR Naturfilm (Hamburg) || Nippon Hoso Kyokai (Tokio) || BBC Storyville (London)

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Dokumentarfilm
Thema
Filmgeschichte, Wissenschaft

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
Hinweis: Vorführungen der Werner Herzog Filme außerhalb der Goethe-Institute im Ausland, z.B. in herkömmlichen Kinos, müssen im Vorfeld mit der Werner Herzog Stiftung abgesprochen werden.
Lizenzdauer bis
14.12.2026
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Italien (IT)

Verfügbare Medien
DVD
Originalfassung
Englisch (en)

DVD

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Italienisch (it), Portugiesisch (Bras.) (pt), Russisch (ru), Chinesisch (zh), Deutsch (de), Arabisch (ar), Türkisch (tr)