Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Peter Kahane
Die Architekten

  • Produktionsjahr 1990
  • Farbe / LängeFarbe / 97 Min.
  • IN-Nummer IN 1933

Ost-Berlin 1990: Daniel Brenner ist Ende dreißig und frustrierter Architekt, der sich vorrangig mit genormten Wartehäuschen und Telefonzellen beschäftigt. Hin und wieder nimmt er an Wettbewerben teil, die ihm jedoch auch nicht den erhofften Karrieresprung bringen. Bis eines Tages ein lukratives Angebot von höchster Ebene eintrifft. Für eine neue Trabantenstadt soll Brenner das dazu gehörige Kulturzentrum entwerfen. Unter der Bedingung, sich seine Mitarbeiter*innen selber aussuchen zu dürfen, nimmt er an. Bald macht sich sein hoch motiviertes Team an die Arbeit. Doch der anfängliche Enthusiasmus läuft mehr und mehr ins Leere. Zu weit klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander.


Daniel Brenner (Kurt Naumann) ist Ende 40 und Architekt. Dass er über den Entwurf von ein paar genormten Bushaltestellen, Trafohäuschen und Kaufhallen hinaus nicht kreativ arbeiten konnte, nagt beständig an seinem Selbstwertgefühl. Meist sitzt er untätig in seiner Wohnküche und zeichnet Stillleben. Da erhält er plötzlich die Chance seines Lebens: Als Chefarchitekt soll er das gesellschaftliche Zentrum eines aus dem Boden gestampften Wohnbezirks entwerfen. Da auch der Forderung, seine Mitarbeiter*innen für das Projekt selbst rekrutieren zu können, stattgegeben wird, gibt er sich der Begeisterung eines beruflichen Neubeginns hin. Doch schon bei der Suche nach seinen ehemaligen Kommilitonen stößt er auf erste Grenzen: Einer ist Schäfer geworden, der Andere kellnert, ein Dritter hat sich in den Westen abgesetzt. Schließlich gelingt es ihm doch, sechs Kolleginnen und Kollegen seines Vertrauens nach Berlin in seine Arbeitsgruppe zu holen. Das Team entwickelt ehrgeizige Pläne, will alles anders machen. Schon bald erweist sich jedoch, dass kaum einer der kühnen Gedanken umsetzbar sein wird. Zuerst werden kleine Kompromisse gefunden, zuletzt droht das gesamte Unterfangen zu scheitern. Brenner, eben noch als Rebell angetreten, findet sich mehr und mehr in der Rolle eines Vermittlers wieder. Bald ist er selbst Teil des Systems geworden, das er eigentlich grundsätzlich umgestalten wollte.

Peter Kahanes Film DIE ARCHITEKTEN stellt ein seltenes Beispiel für die Deckungsgleichheit von Fiktion und Zeitgeschichte dar. Bereits seit Mitte der 1980er-Jahre geplant, konnten der Regisseur und sein Drehbuchautor Thomas Knauf ihr Projekt erst zu jenem Zeitpunkt realisieren, da sich die DDR im Zustand ihrer Auflösung befand. Kahane (Jahrgang 1949) gehört zur „Lost Generation“ der DDR-Filmemacher*innen, die, wenn überhaupt, erst im Endstadium der DEFA kreativ zum Zuge kamen. Personalstau, der geringe Ausstoß an Filmproduktionen und inhaltliche Zensur führten dazu, dass eine ganze Reihe von hoffnungsvollen Talenten in eine unbestimmte Warteschleife geriet. Wie Jörg Foth, Herwig Kipping, Karl Heinz Lotz, Petra Tschörtner, Tony Loeser, Dietmar Hochmuth, Jan Bereska und andere gehörte auch Peter Kahane zu jenen Regisseuren und Regisseurinnen, die potentiell für einen Innovationsschub bei der DEFA geeignet gewesen wären, aber letztlich keine Chance erhielten. Auf fast gespenstische Weise reproduziert Kahanes Film diese Konstellation, nur dass keine DEFA-Filmschaffenden im Zentrum des Geschehens stehen sondern Architekten. Ein durchaus nahe liegendes Gleichnis: Architektur wie Film sind von relativ langen Vorbereitungsphasen und entsprechender Beharrlichkeit abhängig, benötigen hohen personellen und materiellen Aufwand und bewegen sich an der Schnittstelle zwischen künstlerischem Anspruch und Gebrauchswert. Indem der Architekt Brenner als Scheiternder beschrieben wird, beschwört der Regisseur Kahane auch das eigene Scheitern innerhalb des sich als stärker erweisenden Systems. Nach anfänglicher Euphorie geht für Brenner und sein Team Stück für Stück die Illusion verloren, die sie umgebenden Zustände verändern zu können. Stattdessen werden sie selbst verändert und gleichen sich an die Zustände an, ja werden durch sie sogar korrumpiert. Der Film findet für diesen eigendynamischen Prozess eine wirkungsvolle Metapher: In seinem blinden Enthusiasmus für das Bauprojekt zeigt sich Brenner außerstande, sein eigenes privates Umfeld überhaupt noch wahrzunehmen. Er bemerkt nicht die Verbitterung seiner Frau, die mental bereits alle Phasen der Desillusionierung durchlaufen hat und nach einer radikalen Veränderung in ihrem Leben drängt. Schließlich verliert er sie an einen anderen Mann, einen Schweizer. Die Szenen vor dem Scheidungsrichter und der Abschied von Frau und Tochter, als diese am „Tränenpalast“ am S-Bahnhof Friedrichstraße von Ost-Berlin nach West-Berlin ausreisen, gehören zu den eindringlichsten des Films. Zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hatte die Realität den Film indes schon so weit eingeholt, dass es für das Filmteam immer schwieriger wurde, Bilder der alten DDR authentisch aufzunehmen, da diese mit jedem Tag ein Stück mehr verschwand.



Claus Löser

Produktionszeitraum
1989/1990
Produktionsjahr
1990
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,66

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Spielfilm
Genre
Drama
Thema
Beziehung / Familie, Architektur / Urbaner Raum, Arbeit, Wende / Wiedervereinigung, Freundschaft, DDR, Filmgeschichte

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
DEFA
Lizenzdauer bis
31.12.2030
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)

Verfügbare Medien
DVD
Originalfassung
Deutsch (de)

DVD

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Italienisch (it), Russisch (ru), Chinesisch (zh), Japanisch (ja), Arabisch (ar), Deutsch (de), Türkisch (tr)
Anmerkung zum Format
Parallelwelt:Film - Ein Einblick in die DEFA