Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Lothar Warneke
Die Beunruhigung

  • Produktionsjahr 1982
  • Farbe / Länges/w / 100 Min.
  • IN-Nummer IN 1930

Inge Herold steht scheinbar mit beiden Beinen im Leben. Mit ihrem Sohn bewohnt sie eine komfortable Wohnung gleich am Alexanderplatz. Als Psychologin diskutiert sie mit Paaren über Wege aus deren Krisensituationen. Inge findet sich nach einer Routineuntersuchung selbst im Wartezimmer wieder, nimmt als verunsicherte und Hilfe suchende Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz. Bereits am nächsten Tag soll sie sich im Krankenhaus zu einer Operation einfinden. Die ihr bis dahin verbleibende Zeit verbringt sie nach dem ersten Schock auf ungewohnteWeise.


Inge Herold (Christine Schorn) steht scheinbar mit beiden Beinen im Leben. Mit ihrem halbwüchsigen Sohn Mike bewohnt sie eine komfortable Wohnung gleich am Alexanderplatz. Als Psychologin diskutiert sie in einer Filiale der „Ehe- und Familienberatung“ mit Ehepaaren über Wege aus deren Krisensituationen. Die eigene Scheidung sieht sie als Triumph ihrer Souveränität. Routiniert behandelt sie die verschiedenen in ihrer Amtsstube auflaufenden Fälle, wähnt sich über den kleinlichen Familienkonflikten stehend. Doch binnen weniger Minuten löst sich dieses Selbstbild auf.

Inge findet sich nach einer Routineuntersuchung selbst in Wartezimmern wieder, nimmt als verunsicherte und Hilfe suchende Frau auf der anderen Seite des Schreibtischs Platz. In ihrer Brust wurde ein Knoten festgestellt, der zuständige Arzt setzt sie mit knappen Worten über die nächsten Schritte der Weiterbehandlung in Kenntnis: Gewebeentnahme, möglicherweise danach sofortige Operation, Amputation der betroffenen Brust. Inge wird durch diese Nachricht völlig aus der Bahn geworfen. Bereits am nächsten Tag soll sie sich im Krankenhaus einfinden. Nach dem ersten Schock verbringt Inge die verbleibenden Stunden auf ungewohnte Weise. Sie tätigt ein paar irrational anmutende Einkäufe, besucht ihre Mutter, nimmt Kontakt mit ehemaligen Klassenkameraden auf, die sie viele Jahre nicht gesehen hat, trifft sich mit einer Freundin aus West-Berlin und wartet schließlich zuhause vor festlich gedeckter Tafel lange und vergeblich auf ihren Liebhaber. Auffällig an all diesen Begegnungen ist, dass Inge gegenüber keinem der ihr nahestehenden Menschen die Erkrankung oder die bevorstehende Operation auch nur erwähnt.

Im Film DIE BEUNRUHIGUNG rückt die Diagnose Krebs den Tod plötzlich in greifbare Nähe. Dieser Einbruch des Unvorstellbaren in den Alltag wird durch die Zeichnung der Hauptfigur besonders eindringlich. Inge Herold fühlt sich durch ihre berufliche Position und ihr eigenes Selbstbild über die kleinen Konflikte und Probleme erhaben. Plötzlich realisiert sie, selbst Betroffene von sehr konkreten und existentiellen Ängsten zu sein. Diese elementare „Beunruhigung“ speist sich aus der stillschweigenden Verdrängung von Krankheit und Tod aus der alltäglichen Wahrnehmung in modernen Gesellschaften. Auf gewisse Weise ist Inge selbst Bestandteil dieses Verdrängungsapparates, indem sie mit ihrem Beruf Konfliktlösungen zu einer Art Dienstleistung macht. Die von ihr am Abend vor der Operation durchlaufenen Stationen werden zur Reise zurück zu den Banalitäten des „ganz normalen Lebens“, von denen sie sich emanzipiert glaubte. Sie nimmt den Prozess des Begreifens als Weg in die Einsamkeit an, ohne sich in das Entsetzen einzuschließen.

Regisseur Lothar Warneke greift mit demStoff seines siebten Spielfilms ein weitgehend – nicht nur in der DDR –tabuisiertes Thema auf. Als einstiger Theologe tut er dies mit großer Gewissenhaftigkeit, enthält sich eines allwissenden Standpunkts oder übertrieben zuversichtlicher Prognosen. Dennoch ist sein Film kein pessimistischer Exkurs über das Unausweichliche von Krankheit und Tod, gerade weil er seine Heldin auf eine völlig offene Reise schickt. Erzählt wird ihre Geschichte als lange Rückblende, die von zwei Szenen in der Zeit nach der Operation eingerahmt wird: Die Krankheit und die Brustamputation haben Inges Blick auf ihr Leben gewandelt.

Für DIE BEUNRUHIGUNG hat sich Warneke mit Thomas Plenert einen renommierten Dokumentarfilm-Kameramann „ausgeliehen“, der vor allem durch die wichtigen Arbeiten von Jürgen Böttcher bekannt geworden war. Plenerts schwarzweiße, präzise Fotografie, oft aus der Hand gedreht, trägt wesentlich zur hohen Authentizität des Films bei. In Verbindung mit Warnekes Konzept, völlig auf Studioaufnahmen zu verzichten und in wirklichen Arztpraxen, Amtszimmern und Wohnungen zu filmen, führt dies zu einer für DEFA-Filme sehr seltenen Übereinstimmung von Inhalt und Form.



Claus Löser


Produktionszeitraum
1981/1982
Produktionsjahr
1982
Farbe
s/w

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Spielfilm
Genre
Drama
Thema
Beziehung / Familie, Psychologie, DDR, Sozialismus / Kommunismus, Gleichberechtigung / Emanzipation

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
DEFA
Lizenzdauer bis
31.12.2030
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)

Verfügbare Medien
DVD
Originalfassung
Deutsch (de)

DVD

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Italienisch (it), Russisch (ru), Chinesisch (zh), Arabisch (ar), Japanisch (ja), Türkisch (tr), Deutsch (de)
Anmerkung zum Format
Parallewelt: Film - Ein Einblick in die DEFA