Rainer Simon
Jadup und Boel
- Produktionsjahr 1981
- Farbe / LängeFarbe / 104 Min.
- IN-Nummer IN 3693
Ein kleiner Ort in der DDR feiert das Richtfest für eine Kaufhalle. Nebenan stürzt ein altes Haus ein. In den Trümmern findet man eine alte Marxismus-Broschüre aus den Anfangszeiten der DDR. Jadup, jetzt Bürgermeister, hatte sie einst Boel geschenkt. Erinnerungen werden wach. Boel wurde damals vergewaltigt und verschwand. Den Täter hat man nie überführt.
In Wickenhausen im Märkischen Land ändern sich scheinbar die Zeiten. Man feiert das Richtfest für die neue Kaufhalle; nebenan bricht ein altes Haus in sich zusammen. In den Trümmern findet man eine Broschüre: „Die Entwicklung des Sozialismus“, mit einer Widmung von Jadup für Boel. Jadup ist heute Bürgermeister, so angepasst, dass jeder im Voraus weiß, was er in seiner Festrede sagen wird. Die Broschüre aus der Frühzeit der DDR stimmt den Mann nachdenklich. Die Erinnerungen an die Vergangenheit drängen sich in die Gegenwart. Als Jadup noch ein Junge war und sich mit Vorliebe im Turmzimmer der Kirche aufhielt, als müsste er, wie ein Türmer im Mittelalter, über den Ort wachen, tauchte Boel auf, ein Flüchtlingsmädchen, das sich zu dem Jungen hingezogen fühlte. Boel wurde damals vergewaltigt und verschwand – für immer. Heute scheint keiner zu wissen, was aus ihr geworden ist, vielleicht nicht einmal ihre Mutter, die als Außenseiterin in Wickenhausen lebt. Auch der Täter wurde nie überführt. Vermutlich befindet er sich noch immer unter den Bürgern des Orts.
Ein undurchschaubarer Fremder taucht in Wickenhausen auf und schnüffelt überall herum. Vielleicht ist er wirklich nur auf der Suche nach Antiquitäten, die er in der Hauptstadt mit Gewinn verkaufen kann – vielleicht will er auch nur die Menschen ausspionieren. In der Schule gründet man den „Club junger Historiker“, in dem die Mitglieder der FDJ dominieren. Die Schüler sollen erforschen, was ihre Eltern für den Aufbau des Sozialismus getan haben. Jadup: „Ich kann ihnen nicht erzählen, was mich zu Hause schlaflos macht!“ Gleichzeitig will der alte Unger eine Chronik des Orts verfassen und kommt dabei nicht voran, weil er keinen Einstieg findet. Immer wieder drängen sich Jadups Gedanken an Boel als Rückblenden in die Gegenwart. Er erinnert sich, wie er ihr das Lesen beigebracht hat, wie im Sägewerk über das Mädchen gestritten wurde, wie er von Boels folgenreicher „Warzenbesprechung“ erfuhr.
Jadup wird immer klarer, dass die Welt damals keine heile war und es bis heute nicht ist. Er wirkt zunehmend gereizt. Bei der Vorbereitung für die 800-Jahr-Feier des Orts bekommt er Probleme mit den Funktionären im Rat des Kreises. In der inzwischen eröffneten Kaufhalle beschimpft er eine Verkäuferin wegen fehlender Waren, obwohl diese schuldlos ist an den Lieferproblemen. Der Widerspruch zwischen den verbalen Verpflichtungen und realen Möglichkeiten ist zu groß. Der Historiker Unger erklärt, seine Chronik des Orts soll nicht mit dem beginnen, was vor 800 Jahren, sondern gleich nach 1945 geschah.
Jadup hat sich verändert. Seine nächste Festrede besteht nicht mehr aus den bekannten Phrasen: das Leben, sagt er, sei keine Frage, die man endgültig löst. „Es gibt immer neue Fragen. Aber Fragen werden nun zu etwas Anstößigem!“
JADUP UND BOEL wurde 1981, kurz vor der Premiere, verboten und erst 1988 zur Uraufführung freigegeben. Wie bei vielen anderen in sozialistischen Ländern nicht freigegebenen Filmen erschließen sich auch hier die Gründe nur schwerlich. „Dies ist einer der Filme, die in der DEFA-Geschichte selten waren und geblieben sind. Er ist real und metaphorisch, direkt und nie naturalistisch, er blickt kritisch ohne Polemik, er ist hart, liebevoll weise.“ So urteilte Peter Ahrens (= Klaus Wischnewski) am 13.12.1988 in „Die Weltbühne“. Im „Sonntag“ (26.6.1988) bezeichnete Fred Gehler JADUP UND BOEL: als Simons vielschichtigsten Film: „Der Ernst des Themas ist immer wieder auf phantasievolle Weise verfremdet und variiert. Da gibt es schöne surreale Intervalle, ironische Marginalien, Doppelbödiges und Verschmitztes. Da wird der rhetorisch-didaktische Ton zum Glück häufig gebrochen, da ist das missionarische Eifern in die Geschichte integriert, wird nie vordergründig.“
Hans-Günther Pflaum
- Produktionszeitraum
- 1980/1988
- Produktionsjahr
- 1981
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,66
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Literaturverfilmung, Drama
- Thema
- Gewalt, Liebe, DDR, Migration / Flucht / Exil
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- DEFA
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2030
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)
- Verfügbare Medien
- DVD
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DVD
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt)