Heiner Carow
Die Legende von Paul und Paula
- Produktionsjahr 1973
- Farbe / LängeFarbe / 109 Min.
- IN-Nummer IN 3939
Logline:
Paula ist eine alleinerziehende Mutter und verliebt sich in den unzufriedenen Politfunktionär Paul. Sie ist entschlossen ihr Glück zu finden, während Paul zunächst zögert. Der DEFA-Klassiker ist ein Plädoyer für das Recht auf individuelles Glück in einem sozialistischen Staat.
Vor genau 50 Jahren feierte der DDR-Kultfilm in Ost-Berlin seine Premiere. Heiner Carows grooviger Kassenschlager über die Beziehung einer alleinerziehenden Mutter und eines verheirateten Familienvaters machte die bis dahin unbekannte Band "Puhdys" über Nacht zu Stars.
Kurztext:
Paula, alleinerziehende Mutter, verliebt sich in den Politfunktionär Paul. Dieser ist mit seinem Privatleben unzufrieden. Paula will ihr neues Glück mit allen Mitteln verwirklichen, Paul reagiert zunächst ängstlich und zögernd, bis er spürt, dass er die Liebe seines Lebens gefunden haben könnte. DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA ist ein Plädoyer für das Recht auf individuelles Glück - auch in einem sozialistischen Staat. Im politisierten Alltag der DDR, in dem die Grenzen zwischen dem Individuum und dem Kollektiven verschwimmen, wirkt eine solche Botschaft zutiefst politisch. In Pauls und Paulas Suche nach dem individuellen Glück, welches sie über die gesellschaftlichen Konventionen stellen, ist eine versteckte Kritik am Sozialismus erkennbar.
Beinahe subversiv musste damals auch Heiner Carows unverhüllte Freude an allem Modischen gewirkt haben. Denn DIE LEGENDE VON PAUL & PAULA ist auch ein Film über verschiedene "New Looks" in einem Staat, der mit einiger Skepsis den westlichen Modeerscheinungen, bis hin zur Musik, gegenübertrat.
Mit rund drei Millionen Zuschauer*innen wird DIE LEGENDE VON PAUL UND PAULA in kurzer Zeit zu einem wahren Kassenschlager. An diesem Erfolg dürfte die Filmmusik nicht unbeteiligt gewesen sein. Die von Peter Gotthardt komponierten und von Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf getexteten Songs machten die bis dahin unbekannte Band "Puhdys" über Nacht zu Stars. Einige der Hits gelten bis heute als ostdeutsches Kulturgut.
(31.05.2023)
Eingangs werden alte Häuser mit Sprengungen flachgelegt – ein Bild der Erneuerung. Zwischen den einstürzenden Gebäuden sieht man schon die Fassaden der Neubauten. Ein junger Mann wirft eine Menge alten Krempels aus dem Fenster. Doch mit der Entrümpelung ist es nicht getan, denn das Wohnen in neuen Mauern bedeutet noch längst nicht die Rückgewinnung verlorenen Glücks. „Warum“, so will Paulas kleine Tochter wissen, „soll ich denn groß werden?“ - „Damit du 'nen Mann kriegst!“, meint die Mutter. Sie lebt konsequent nach dieser Maxime und formuliert, nicht immer ganz sicher, aber unbekümmert, ihren Anspruch auf ihr privates Glück – ein Glück, das in der Gegenwart erlebt werden will.
Als Paula Paul kennenlernt, hat sie schon zwei Kinder, aber keinen Mann; ihr letzter hatte sie skrupellos betrogen. Auch Paul hat bittere Erfahrungen hinter sich. Als er aus der Armee zu Frau und Kind zurückkehrte, hatte er einen fremden Mann in seinem Bett vorgefunden.
Wie soll das neue Leben aussehen? Muss es in einem sozialistischen Staat anders verlaufen? Anfangs versucht Paul, die stürmisch vorgetragenen Ansprüche Paulas zu bremsen: „Ich kann mir keine Scheidungsgeschichte leisten – in meiner Position!“ Er hat, nach der Zeit bei der Armee, irgendeinen wahrscheinlich erstrebenswerten Funktionärsposten erreicht. Als Paulas Sohn tödlich verunglückt, kehrt sich die Beziehung der beiden um: Voller Schuldgefühle und trotzig gegenüber dem bis dahin sich ängstlich zurückhaltenden Paul zieht sich Paula in ihre vier Wände zurück, während er sich beharrlich vor ihrer Wohnungstüre im Treppenhaus einrichtet. Als es ihm endlich zu dumm wird, nimmt der Film eine der vielen komödiantischen Wendungen: Paul klingelt bei einer älteren Nachbarin Paulas und fragt, ob vielleicht „ein Beilchen da sei oder eine Axt“ – und schlägt kurzerhand die Türe zu Paulas Wohnung ein. Die Nachbarn holen nicht die Polizei, sondern strahlen beim Anblick der folgenden Versöhnung. Doch die Frau bleibt ihren Glücksvorstellungen treu: Sie will ein Kind von dem Mann, den sie liebt, obwohl sie wissen muss, dass dies ihren Tod bedeutet.
Das Melo-Finale soll nicht täuschen: DIE LEGENDE VON PAUL & PAULA ist ein sehr heiterer, entspannter Film, dem man in jeder Phase die Lust am Inszenieren und die Freude am Spiel ansieht. Unbekümmert werden in den einzelnen Episoden – manchmal sind es auch nur kleine, draufgängerisch durchgehaltene Kabarett-Nummern – Stile gewechselt, fast schon subversiv musste damals in der DDR Heiner Carows unverhüllte Freude an allem Modischen gewirkt haben. Denn DIE LEGENDE VON PAUL & PAULA ist auch ein Film über verschiedene „New Looks“ in einem Staat, der mit einiger Skepsis den westlichen Modeerscheinungen, bis hin zur Musik, gegenübertrat. Er nimmt Äußerlichkeiten ernst als das, was sie sind, als Ausdruck von Glücksvorstellungen. Das beginnt mit dem Afro-Look von Paulas früherem Freund, setzt sich fort in Pauls geckenhaftem Funktionärs-Outfit bis hin zum Luxusbungalow eines Reifenhändlers, der für sein Badezimmer noch schnell finnische Mischbatterien gegen Gürtelreifen eintauscht.
Zwei verschiedene Arten der Moral begegnen sich da, eine neue, großzügige, die das Recht auf Glück und Erfüllung auch im Privatleben einschließt, und eine alte, statische, basierend auf wehleidiger, träger Zufriedenheit. Es geht um den Abschied vom sozialistischen Spießertum. Der bürgerlich „unmoralische“ Paul macht seine Schwiegereltern darauf aufmerksam, dass sie ihr eigenes Unternehmen, ein Karussell, nicht wegen der Machenschaften böser Menschen, sondern wegen Steuerhinterziehung verloren haben. Die hinreißende Ironie des Films ist nicht nur dem Regisseur Heiner Carow, sondern auch dem Drehbuchautor Ulrich Plenzdorf zu verdanken. Selten wirkte ein DEFA-Film freier und großzügiger – frühere Produktionen, die vergleichbare Freiheiten anstrebten, wie etwa Frank Beyers SPUR DER STEINE (1965/66) wurden von den Zensoren aus dem Verkehr gezogen.
Die Bestätigung privater Glücksbedürfnisse in einem nach Überwindung individueller Befriedigung strebenden sozialistischen Staat, frei von der Verteilung ideologischer Zensuren dürfte einer der entscheidenden Gründe gewesen sein, warum DIE LEGENDE VON PAUL & PAULA innerhalb der DDR zu einem der größten Kinohits der nationalen Produktion wurde. Das Beharren auf den eigenen Lebensentwürfen – selbst wenn sie in den Tod führen – evoziert das Gefühl einer kleinen, aber doch praktizierten Anarchie, auch wenn diese hart erarbeitet werden muss und gleichzeitig von glücklichen Zufällen abhängt.
Hans Günther Pflaum, 25.02.2016
- Produktionszeitraum
- 1972/1973
- Produktionsjahr
- 1973
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,66
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Liebesfilm, Drama
- Thema
- Liebe, Beziehung / Familie, DDR
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- DEFA
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2030
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)
- Verfügbare Medien
- DVD, DCP, Blu-ray Disc
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DVD
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Tschechisch (cs), Koreanisch (ko)
DCP
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Tschechisch (cs), Koreanisch (ko)
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (es), Portugiesisch (Bras.) (pt), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Tschechisch (cs), Deutsch (de), Italienisch (it)