Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Werner Herzog
Gasherbrum - Der leuchtende Berg

  • Produktionsjahr 1984
  • Farbe / LängeFarbe / 45 Min.
  • IN-Nummer IN 3589

Im Juni 1984 unternehmen die beiden prominenten Bergsteiger Reinhold Messner und Hans Kammerlander eine ungewöhnliche Expedition. Sie wollen zwei über 8000 Meter hohe Gipfel im Karakorum-Gebirge, den Gasherbrum 1 und den Gasherbrum 2, in einer einzigen Tour bezwingen, ohne Sauerstoffgerät, ohne großes Gepäck und ohne zwischenzeitliche Rückkehr zum Basislager. Herzog begleitet die Expedition bis zum Basislager im ewigen Eis.

„Uns interessierte nicht so sehr, einen Film über die bergsteigerische Tat oder über Klettertechnik zu machen. Was wir wissen wollten, war: Was geht in Bergsteigern vor, die so etwas Extremes unternehmen? Was ist die Faszination, die sie wie Süchtige auf die Gipfel treibt? Sind diese Berge und Gipfel nicht etwa eine Eigenschaft im innersten von uns allen?“ Werner Herzog stellt diese Frage in seinem Film-Kommentar und lässt ihr einen fast endlos kreisenden Schwenk über schroffe, bizarre, teils von der Sonne beschienene, teil düster emporragende Gipfel folgen. Auch der Musik-Einsatz an dieser Stelle zeigt: für den Filmemacher sind die gleichzeitig abweisenden und hinreißend schönen Berge Teile einer Seelenlandschaft, vielleicht auch Metaphern für extreme und rational schwer erklärbare Herausforderungen.

Gleichzeitig geht es Herzog um Grenzsituationen – und, ein wenig wie in DIE GROSSE EKSTASE DES BILDSCHNITZERS STEINER, um den Kampf mit und gegen die physische Limitierung des Menschen. Natürlich hat dies mitunter auch mit der Suche nach Superlativen im Sinne des „Guinness-Buchs der Rekorde“ zu tun. Reinhold Messner, der populäre „Star“ unter Europas Alpinisten, bedient den Wunsch nach Superlativen auch verbal. Immer wieder betont er die Gefährlichkeit des Unternehmens, und am Ende erklärt er die erfolgreiche Begehung der beiden Berge sogar zur Jahrhundertleistung.

Nur kurz erzählt Herzog vom Aufbruch in Skardan (im Norden Pakistans), dem „letzten Ort, der noch auf einer Straße oder mit einem Flugzeug erreichbar“ ist, und vom 150 Kilometer langen Fußmarsch der Expeditionsteilnehmer bis zum Basislager. Er scheint sich wenig zu interessieren für die Träger und deren soziale Situation, die sie dazu zwingt, ohne vernünftiges Schuhwerk ungeheure Lasten durch gefährliches Gelände zu tragen. Einmal schleppen die Träger ihre Säcke und Kisten einen Hang hinunter an einen reißenden Fluss; Steine rollen neben ihnen in die Tiefe, als hätte der Regisseur sie losgetreten, um zu zeigen, wie steil der Pfad nach unten führt. Diese Einstellung wirkt wie ein Zitat aus AGUIRRE, DER ZORN GOTTES (1972) und belegt, dass in Herzogs Werk Spiel- und Dokumentarfilme dem gleichen Bilder-Kosmos verpflichtet sind.

Herzog zeigt seine beiden Helden als obsessiv und monoman; besonders Messner, der offensichtlich den zurückhaltenden Kammerlander dominiert, erweist sich dabei auch als Egozentriker. Von Herzog befragt, ob er und Kammerlander befreundet seien, antwortet er ohne lange nachzudenken: „Das würde ich nicht sagen!“ Der alten Vorstellung von den „treuen Bergkameraden“ setzt er kühlen Pragmatismus entgegen: „Jeder von uns beiden übernimmt stillschweigend die Verantwortung für sich selbst!“

Die eingangs gestellt Frage nach dem Sinn dieser extremen Tour wird bis zum Ende nicht wirklich geklärt. Vielleicht ist es gerade die Unmöglichkeit einer nachvollziehbaren Antwort, die Herzog an diesem Unternehmen, das letztlich eine Anstrengung ohne Sinn und Zweck bedeutet, so fasziniert hat. Selbst wenn Messner von jener Nanga-Parbat-Expedition erzählt, bei der sein Bruder ums Leben kam, was ihm selbst heftige Angriffe der Presse und von anderen Bergsteigern eingebracht hatte, verweist er nicht ohne Stolz auf das tödliche Risiko, mit dem seine Unternehmungen verbunden sind. Erst viel später, als der Filmemacher Messner fragt, wie es war, als er nach dem Tod seines Bruders der Mutter „vors Angesicht getreten“ sei, beginnt der Bergsteiger hemmungslos zu weinen – das ist der eigentliche Augenblick der Wahrheit in diesem Film.

Mitunter unterstreicht Herzog noch den Stolz seiner Helden auf den Umgang mit den Gefahren ihrer Tour. Nachdem die beiden das Basislager verlassen haben und in der Ferne noch als kleine Punkte im Gletscher zu sehen sind, lässt Herzog das Geräusch eines schweren Sturms erklingen und montiert das Bild einer gewaltigen Lawine ein. Dabei fehlt jedweder Beleg, dass dieses Unwetter der Chronologie der Ereignisse folgt – die kleine Sequenz deutet weniger auf eine akute als auf eine mögliche Gefahr, sie ist gleichsam im „Potentialis“ erzählt.

Messner wirkt auch dann noch eitel, wenn er das Bergsteigen als „Degenerations-Erscheinung“ bezeichnet und hinzufügt: „Alle Künstler, alle schöpferischen Menschen, sind geistesgestört!“ Er sei, sagt er, fasziniert von der Höhe und der „Todeszone“ (das ist der Bereich über 7000 Meter, in dem der Sauerstoff knapp wird!). Diese Haltung wirkt wie eine Profanierung der Ideale der deutschen Romantik, in der das Motiv der Todessehnsucht durchaus eine wichtige Rolle spielte – ebenso wie das Motiv der Erhöhung, die damals metaphysisch gemeint und eben nicht in Höhenmetern zu messen war. Messner sieht sich dennoch als Künstler, wenn er gegen Ende erklärt: „Ich selbst habe ab und zu das Gefühl, dass ich an diesen großen Wänden, an diesen drei-, viertausend Meter großen Wänden zeichnen kann... Linien, ich lebe diese Linien. Ich habe nachher das Gefühl, dass diese Linien da sind, auch wenn nur ich allein sie fühlen und sehen kann, weil ich sie gelebt habe und die anderen sie nie sehen werden... Sie bleiben für alle Zeiten.“ Dass er die gerade bewältigte Tour gemeinsam mit einem Partner bewältigt hat, scheint er in diesem Moment schon vergessen zu haben.

Am Ende beschreibt Messner seine Utopie: Er will nur noch gehen, immer weiter, durch Wüsten und Wälder, „gehen, bis die Welt aufhört oder die Krümmung sich verliert.“ Herzog: „Das ist seltsam. Ganz genau die selbe Vorstellung habe ich auch!“ Ein Mann muss seinen Weg gehen. Dieser Satz geisterte durch viele Western und andere Filme. Man kann ihn auch missverstehen: je weiter oder härter der Weg, desto besser der Mann. Insofern ist das egozentrische Finale von GASHERBRUM – DER LEUCHTENDE BERG durchaus ambivalent. Messner: „Vermutlich ist es so, dass mit meinem Leben auch die Welt aufhört.“

Produktionsland
Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
1984
Produktionsjahr
1984
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,33

Länge
Mittellanger Film (31 bis 60 Min.)
Gattung
Dokumentarfilm
Genre
Biografie / Portrait
Thema
Sport, Filmgeschichte

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
Hinweis: Vorführungen der Werner Herzog Filme außerhalb der Goethe-Institute im Ausland, z.B. in herkömmlichen Kinos, müssen im Vorfeld mit der Werner Herzog Stiftung abgesprochen werden.
Lizenzdauer bis
14.12.2026
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Italien (IT)

Verfügbare Medien
DVD, Blu-ray Disc, DCP
Originalfassung
Deutsch (de)

DVD

Untertitel
Englisch (en), Spanisch (es), Französisch (fr), Italienisch (it), Portugiesisch (Bras.) (pt), Russisch (ru), Chinesisch (zh), Arabisch (ar), Deutsch (de), Türkisch (tr)

Blu-ray Disc

Untertitel
Englisch (en), Französisch (fr), Italienisch (it), Russisch (ru), Chinesisch (zh), Arabisch (ar), Türkisch (tr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Litauisch (lt), Deutsch Voll UT

DCP

Untertitel
Deutsch (de), Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Italienisch (it), Litauisch (lt), Türkisch (tr)
Anmerkung zum Format
Verschlüsseltes Herzog-Kurzfilm-Sammel-DCP (8 Filme)