Filmkatalog

Über den Filmkatalog

Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Konrad Wolf
Solo Sunny

  • Produktionsjahr 1980
  • Farbe / LängeFarbe / 104 Min.
  • IN-Nummer IN 3873

Logline:
Sunny lässt sich nichts vorschreiben. Trotz aller Widerstände und Enttäuschungen folgt sie ihrem Traum, als Sängerin Karriere zu machen. Das tragikomische Musikdrama der DEFA-Größen Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase wurde zum Kultfilm und Kassenschlager.

Kurztext:
Im Ostberlin Ende der siebziger Jahre träumt Sunny davon, mit ihrer Musik zum Star zu werden und auf den großen Bühnen aufzutreten. Dafür hat sie ihren Job als Fabrikarbeiterin aufgegeben und tourt nun mit ihrer Band durch die biedere Provinz. Aber nicht nur ihren künstlerischen Ambitionen ist wenig Erfolg beschieden, auch ihre Suche nach Liebe und privatem Glück mündet immer wieder in Enttäuschungen. Doch trotz aller beruflichen und persönlichen Rückschläge lässt sich Sunny nicht davon abbringen, ihren Träumen zu folgen.
SOLO SUNNY gehört zu den großen Klassikern der DEFA. Basierend auf der realen Lebensgeschichte der Sängerin Sanije Torka, zeichnet er das Bild einer Frau, die sich nicht verbiegen lässt: schnoddrig, ungeschönt, authentisch. Der letzte Film des DDR-Starregisseurs Konrad Wolf - Namensgeber der ältesten Filmhochschule Deutschlands in Potsdam-Babelsberg - nach einem Drehbuch von Wolfgang Kohlhaase erlaubte sich mit seiner widerborstigen Protagonistin Subversion und unverblümte Gesellschaftskritik. Nachdem Renate Krößner bei der Berlinale 1980 mit dem Silbernen Bären ausgezeichnet wurde und der Film zudem den FIPRESCI-Kritikerpreis gewann, avancierte SOLO SUNNY rasch zu einem Kassenschlager. Der Erfolg war nicht zuletzt dem Soundtrack geschuldet, der in Zusammenarbeit des Musikers und Komponisten Günther Fischer mit der Jazzsängerin Regine Dobberschütz entstand, die sämtliche Titel der Sunny interpretierte.

(31.05.2023)

Die Arbeit in der Fabrik hat sie aufgegeben. Jetzt steht Ingrid Sommer, die sich „Sunny“ nennt, als Sängerin zwischen Dilettantismus und Professionalismus. Mit der Band „Tornados“ tingelt sie durch die Provinz und wartet immer noch auf das ganz große, erfolgreiche Solo. Für die schnelle Karriere ist Sunny vielleicht zu naiv – und sicher zu ehrlich und auf eine sehr menschliche Weise auch zu anspruchsvoll. In der heruntergekommenen Hinterhofwohnung am damals vom Berliner Szene-Viertel noch Lichtjahre entfernten Prenzlauer Berg gibt’s Ärger mit einer alten Nachbarin; nach einer „Eingabe“ muss sich Sunny wegen ihres Lebenswandels vor der Volkspolizei rechtfertigen. Sie nimmt schon mal einen Kerl mit auf die Bude und wirft ihn am Morgen wieder raus: „Is' ohne Frühstück“, sagt sie, „und is' auch ohne Diskussionen!“ Sunny will selbst wählen und sich nicht vereinnahmen lassen. Weder vom Saxophonisten Norbert, der meint, er müsse sie nur mit der nötigen Gewalt anpacken, noch vom Taxifahrer Harry und seiner rührend dämlichen Beharrlichkeit. Sunny verknallt sich in Ralph, den egozentrischen Diplom-Philosophen, und macht die Erfahrung, dass sie ersetzbar ist: Aus der Band fliegt sie raus, weil sie sich als zu unbequem erweist; als sie hilfesuchend zu Ralph eilt, hat der eine andere im Bett. Sunny unternimmt einen Selbstmordversuch, kehrt vorübergehend in die Fabrik zurück und stellt sich am Ende einer neuen, jungen und unverbrauchten Band vor. Während die Kamera noch über die Dächer der Hinterhöfe vom Prenzlauer Berg schwenkt, hört man, wie die Musik der Jungen in die Klänge von Sunnys Solo-Nummer übergeht, für die Ralph einen englischen Text verfasst hat.

Spannend ist zunächst die Enthaltsamkeit von Konrad Wolf und Wolfgang Kohlhaase. Da gibt es keine Figur, die den Klischees vom sozialistischen Filmhelden nahe kommt, sondern widersprüchliche Menschen auf der mühevollen Suche nach ihrem persönlichen Glück. Ralph mit seinem eher lächerlichen Diplom hört altindische Musik und zieht sich in Erwägungen übers Sterben zurück – auch er erscheint, wie Sunny, als Individuum auf der Suche und nicht als einer, der innerhalb der Gebote des Sozialismus sein Glück finden könnte, eher als Unüblicher, der sich der unmittelbaren Verwertbarkeit entzieht. Selbst der Taxifahrer Harry, der meint, dass er bei der Kohle, die er verdient, doch nicht doof sein könne, erscheint nach einem verunglückten Liebesversuch mit Sunny plötzlich gar nicht mehr doof. Die Widersprüchlichkeit der Figuren verkürzt sich, je weiter sie entfernt sind vom Mittelpunkt des Films, bis hin zum unbeholfenen Versuch einer Arbeiterin, Sunny ihre Stimme zu demonstrieren. Für einen Moment fürchtet man, jetzt könnte eine Figur dem Gelächter der Zuschauer geopfert werden, doch der dilettantische Singsang endet mit den Worten: „Ich will leben!“ Da löst diese gestammelte Sehnsucht keinen Spott, sondern fast Ergriffenheit aus.

SOLO SUNNY wirkt im Werk Konrad Wolfs wie ein radikaler Neuanfang. „Nach MAMA, ICH LEBE haben junge Leute zwar den Film akzeptiert, aber ganz offen gesagt: Passt mal auf, ihr immer mit den Problemen eurer Generation! Das ist zwar ehrlich gemeint und geht uns schon was an, aber wenn ihr nicht den Mut habt und die Ehrlichkeit, über unsere heutigen Probleme einen Film zu machen, dann seid ihr für uns auch in dem, was ihr über die Vergangenheit sagen wollt, unglaubwürdig. Das kann man nicht so einfach abtun! Etwas ganz Prinzipielles in dem Film sind die Menschen in einer Bewährungs- und Entscheidungssituation. Menschen, für die die Welt eben nicht so klar ist und für die die Welt auf einmal aus den Fugen gerät.“
(Konrad Wolf)

Solo Sunny ist ein kluger, widerspenstiger Film gegen die Bewertung von Menschen an Hand ihrer unmittelbaren Verwertbarkeit und gegen erstarrte Haltungen. Die vielen Bilder der Enge und die Blicke auf bröckelnde Fassaden unterstreichen das. Wolf und Kohlhaase plädieren dafür, dass auch die Gesellschaft der DDR individuell verschiedene Lebensweisen nicht nur zu akzeptieren hat, sondern gerade auch die Unüblichen – oder, politischer formuliert: die Abweichler – braucht. Kaum ein anderer DEFA-Film hat je deutlicher formuliert, wie weit Glück von einer Selbstverwirklichung abhängt, für die es keine staatlich planbare Straße, sondern viele, nur selten besonders gerade Wege geben kann. So löst SOLO SUNNY trotz der mitunter schmerzhaften Untertöne am Ende doch Mut und Zuversicht aus.


Hans-Günther Pflaum (2016)

Produktionszeitraum
1978-1980
Produktionsjahr
1980
Farbe
Farbe
Bildformat
1:1,66

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Spielfilm
Genre
Drama
Thema
Liebe, Beziehung / Familie, Sexualität, DDR, Filmgeschichte, Gleichberechtigung / Emanzipation, Musik

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Anmerkungen zur Lizenz
DEFA
Lizenzdauer bis
31.12.2030
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)

Verfügbare Medien
Blu-ray Disc, DVD, Digitaler Film
Originalfassung
Deutsch (de)

Blu-ray Disc

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Hebräisch (he), Indonesisch (id)

DVD

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Hebräisch (he), Indonesisch (id)

Digitaler Film

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Hebräisch (he), Indonesisch (id)