Konrad Wolf
Lissy
- Produktionsjahr 1957
- Farbe / Länges/w / 89 Min.
- IN-Nummer IN 1589
Berlin 1931/32. Lissy, jung und hübsch, verkauft Zigaretten in einem Laden namens "Quick". Sie möchte aus dieser Enge ausbrechen und sieht eine Chance in ihrem Verhältnis mit dem Angestellten Alfred. Durch die Wirtschaftskrise verliert dieser jedoch seine Arbeit. Wütend, verzweifelt aber auch berechnend tritt er in die NSDAP ein und wird schnell Mitglied der SA. Paul, Lissys Bruder, sympathisierte eine Zeit lang mit den Kommunisten, doch nun trägt auch er die SA-Uniform. Da er jedoch wegen seiner feindseligen Einstellung zu den Kapitalisten unter Verdacht gerät, wird er heimtückisch von den eigenen Parteigenossen erschossen. Lissy zieht daraus die Konsequenzen. Sie verlässt ihren Mann und beginnt ein neues Leben, das "ihrer Wahrheit" näher liegt.
Berlin 1931/32: die junge, hübsche Lissy Schröder arbeitet im Kaufhaus "Quick" am Zigarettenstand, versorgt die Kunden mit Nil, Senoussi, Juno, Saba oder auch nur mit "vier für 'nen Groschen". Als die unverheiratete Lissy schwanger wird, versucht ihr Chef, die Lage auszunützen. Lissy ohrfeigt ihn und fliegt raus. Lissys Freund Freddi, ein kleiner Angestellter, versucht vergeblich, eine Abtreibung zu organisieren. Lissy und Freddi Fromeyer heiraten. Lissy wird Mutter, besucht gelegentlich ihre Eltern im "roten" Wedding. Ihr Vater, Kriegsinvalide und verbitterter sozialdemokratischer Gewerkschaftler, verachtet den "Schnösel" Fromeyer. Die Mutter konzentriert sich leidgeprägt auf das Besänftigen des Vaters. Lissys Bruder Paul, Langzeitarbeitsloser, einst beim kommunistischen Jungvolk aktiv, ist von zu Hause weggegangen; er holt sich abseits der Legalität, was er braucht. Im Wedding leben auch Lissys einzige Freunde, die kommunistischen Aktivisten Max und seine Frau. Freddi wird von seinem jüdischen Chef entlassen, beginnt vorübergehend zu trinken, versucht sich erfolglos als Vertreter und wird am Ende von dem Nazi-Emporkömmling Kaszmerczyk aufgelesen und in die SA gesteckt. Zu seiner Arbeit gehören nun der Schutz von NSDAP-Veranstaltungen, aber auch Provokationen und Gewalttaten gegen Kommunisten. Freddi macht nicht gerne mit; Zweifel erstickt er mit politischen Platitüden. Sein Wohlstand wächst, Freddi avanciert zum Sturmbannführer. Lissy bekommt eine Hausangestellte und ein Klavier; betrübt registriert sie die wachsende Distanz von Eltern und Freunden. Sogar Paul tritt in die NSDAP ein, aber er weigert sich, an Aktionen gegen Kommunisten teilzunehmen; SA-Männer erschießen ihn hinterrücks. Lissys Eltern überfallen und verschleppen den halb totgeprügelten Max; dessen Frau stirbt an einem Herzanfall. Als Lissy erfährt, wie Paul ums Leben kam, zieht sie die Konsequenzen.
Konrad Wolf (1925-1982) hat sich von allen Regisseuren in der DDR sicher am eingehendsten mit der deutschen Geschichte auseinandergesetzt. Das antifaschistische Thema sah der Sohn des Dramatikers Friedrich Wolf als ein Leitmotiv seiner frühen Filme, es ergab sich aus ungewöhnlichen biographischen Bedingungen - einer Kindheit und Jugend in zwei Ländern, dem vorfaschistischen Deutschland und ab 1933 der stalinistisch geprägten Sowjetunion. Den Regisseur Wolf interessierten Menschen in schwierigen Entscheidungssituationen, Menschen, die existenziell in der Luft hingen, die nicht recht durchblickten, aber dennoch versuchen, einen Weg zu finden. Den Anstoß zu LISSY gab F.C. Weiskopfs Roman "Die Versuchung", nach dem Konrad Wolf gemeinsam mit Alexander Wedding das Drehbuch schrieb. Abweichend vom Roman stellten Wedding/Wolf allerdings nicht den antifaschistischen Widerstand in den Mittelpunkt, sondern das kleinbürgerliche Milieu, in dem sich vor dem Hintergrund drohender Verelendung die Nazi-Ideologie rasch ausbreiten konnte.
LISSY beginnt mit poetischen Bildern der Großstadt Berlin: Höfe und Dächer, Straßenkreuzungen, hastende Menschen, Einstellungen ohne Dialoge, weich, wie durch einen Schleier gesehen; von fern herüberklingende Rummelplatzweisen akzentuieren das Flüchtige, Vergebliche, das über diesen Bildern liegt. Eine weibliche Erzählerstimme berichtet traumverloren von den Menschen, die zu sehen sind und wie sie sich (die Kamera kreist allmählich Lissys Arbeitsplatz im "Quick" ein) mit Zigaretten, deren Namen selbst schon Sehnsucht sind, Vergessen kaufen. Später wird diese poetische Dichte nur noch punktuell erreicht - einmal, als Lissy von Frau Frankes Tod erfahren hat, sehen wir in der Totale eine verwaiste Straße im Wedding, scheppernd fährt ein von zwei Pferden gezogener Leichenwagen davon. Oder später, als Lissy bei der Beerdigung ihres Bruders die Kapelle verläßt und durch die endlos scheinende Pappelallee des Friedhofs fortgeht,in die Ferne entschwindet.
Beide Haupthelden sind differenziert angelegt (im Gegensatz zu klischeehaften Nebenfiguren wie dem Obersturmbannführer). Freddi Fromeyer (Horst Drinda) als unpolitischer, labiler Schwächling, Lissy als nettes Durchschnittsmädchen, von Sonja Sutter leichthändig und einfühlsam gespielt - "Lissy küßte gerne, sie mochte die Männer, sie liebte die Liebe". Die Heldin spricht wenig, Wolf läßt sie über Mimik und Gestik sich ausdrücken, vor allem ihre Augen zeigen beredt Erstaunen, Verwirrung, Schmerz, Entsetzen, kurzes Glück. Mit LISSY erzielte Konrad Wolf den künstlerischen Durchbruch, nicht nur in den sozialistischen Ländern, sondern auch im Westen.
Bettina Thienhaus
- Produktionszeitraum
- 1956/1957
- Produktionsjahr
- 1957
- Farbe
- s/w
- Bildformat
- 1:1,33
- Basiert auf
- F.C. Weiskopf
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama
- Thema
- Liebe, Beziehung / Familie, Gesellschaftliche Teilhabe, Weimarer Republik, Filmgeschichte, Nationalsozialismus, Gleichberechtigung / Emanzipation
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- DEFA
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2030
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)
- Verfügbare Medien
- Blu-ray Disc, Digitaler Film
- Originalfassung
- Deutsch (de)
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Indonesisch (id)
Digitaler Film
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Indonesisch (id)