Heiner Carow
Coming out
- Produktionsjahr 1989
- Farbe / LängeFarbe / 112 Min.
- IN-Nummer IN 4232
Ostberlin, gegen Ende der achtziger Jahre: Philipp, ein junger Lehrer, beginnt eine Liebesbeziehung mit seiner Kollegin Tanja. Seine wirkliche sexuelle Neigung hat er jahrelang verheimlicht, bis in ihm die Wiederbegegnung mit seinem einstigen schwulen Freund Jacob die unterdrückte Sehnsucht erneut bewusst macht. In einer Schwulenkneipe lernt Philipp Matthias kennen und verliebt sich in ihn. Von da an führt der Lehrer ein Doppelleben: Tanja soll nichts von Matthias erfahren, vor Matthias hält er die Beziehung zu Tanja geheim. Das geht nicht lange gut. COMING OUT war der erste und einzige Spielfilm der DDR, der sich offen mit dem Thema Homosexualität beschäftige – uraufgeführt am 9. November 1989, am Abend, als die Berliner Mauer fiel.
Ein Rettungswagen rast durch Ostberlin, er bringt Matthias in Krankenhaus. Der junge Mann hat einen Selbstmordversuch unternommen; jetzt pumpen die Ärzte seinen Magen aus: eine sehr drastische Sequenz, in der der Schauspieler tatsächlich einen Schlauch schlucken muss und gegen das Würgen ankämpft, bis ihm der Schweiss in Strömen vom Gesicht läuft. Regisseur Heiner Carow versucht gar nicht erst, die Tortur mit Schnitten vorzutäuschen. In seiner Inszenierung herrscht ein Realismus, der mitunter auch dem Zuschauer wehtut. „Warum haben Sie das getan?“, fragt eine Ärztin. Matthias heult: „Ich bin schwul!“ Wie es zu diesem versuchten Suicid kam, davon erzählt COMING OUT.
Philipp stellt sich einer Schulklasse als neuer Lehrer vor. Am Flur stößt er mit seiner künftigen Kollegin Tanja so schmerzhaft zusammen, dass er sich um ihre blutende Nase kümmern muss. Auch dies ist ein prophetisches Bild. Die beiden gehen miteinander aus, verlieben sich, schlafen miteinander, bald zieht Philipp bei ihr ein. Er ist ein guter, idealistischer und leidenschaftlicher Lehrer, manchmal so unkonventionell, dass seine Chefin streng und stur eingreift. Im Subtext zeigt der Film erhebliche Zweifel an der Obrigkeit. Mitunter reagiert Philipp, der unbewusst den Widerstand gegen die Verhältnisse sucht, ziemlich wütend auf angepasste und leidenschaftslose Arbeiten seiner Schüler.
Philipp und Matthias sitzen in der Oper. Noch kennen sich die beiden nicht. Auf dem Programm: „Die Zauberflöte“ in der Inszenierung von Harry Kupfer. Später beobachten beide in der S-Bahn, wie eine Gruppe von Skinheads einen Afrikaner verprügelt. Philipp und Matthias greifen ein. Eine auch aus heutiger Sicht sehr aufschlussreiche Szene; sie zeigt, dass es rechte Gewalt in der DDR nicht erst nach ihrem Ende gegeben hat.
Die Wiederbegegnung mit einem früheren Freund ruft in Philipp eine längst verdrängte und unterdrückte Erinnerung wach und lässt sie zur Sehnsucht werden. Wenig später besucht er eine Schwulenkneipe, in der er Matthias näher kennenlernt; am anderen Morgen wacht er in einem fremden Bett auf. Tanja macht ihm schwere Vorwürfe; er hat nicht den Mut, ihr die Wahrheit zu erzählen. Als er sie verlässt, legt er ihr nur einen Zettel hin: „Ich muss für ein Paar Tage zu mir kommen!“ Die nächste Nacht verbringt er mit Matthias. Auch diese Begegnung inszeniert Carow behutsam, erotisch, aber ohne jene provokante Homo-Exotik, mit der zum Beispiel Rosa von Praunheim für die Schwulenbewegung gekämpft hat. Viel näher liegt dem Regisseur die Haltung Fassbinders, der zu seinem Schwulenfilm FAUSTRECHT DER FREIHEIT erklärt hatte: „Es ist eine Liebe wie jede andere auch!“
Tanja erwartet ein Kind von Philipp. In der Pause eines Konzerts beobachtet sie überrascht, wie sich ihr Lebensgefährte und Matthias zärtlich begrüßen. So unvorbereitet mit Philipps Doppelleben konfrontiert, fühlen sich Tanja und Matthias von ihm hintergangen; dieser verspricht seiner Partnerin, er werde sie nicht im Stich lassen – und geht dann doch wieder in die Schwulenkneipe, um den zutiefst enttäuschten Matthias zu suchen. Eine Sängerin singt Zarah Leanders berühmtes Lied „Kann denn Liebe Sünde sein?“ Philipp, inzwischen betrunken, schlägt einen alten Mann, der ihn anspricht, brutal nieder. Der Alte verteidigt den Jungen gegen den Kellner und beginnt ein langes Gespräch: „Warum gleich an die Hose gehen, nur weil man schwul ist?“ Voller Melancholie erzählt er von seiner großen Liebe vor 50 Jahren; er und sein Partner wurden denunziert und landeten im Konzentrationslager. Und er klagt, dass man die schwulen Opfer des NS-Terrors vergessen habe. Die Sequenz ist ein Höhepunkt von COMING OUT, dennoch könnte man sie als Strategie des Autors missdeuten, um den Zensoren der DDR den Wind aus den Segeln zu nehmen; Carow hatte viele Jahre um dieses Projekt kämpfen müssen. Er beendet seine Geschichte mit dem ultimativen Widerstand von Philipp gegen seine Schulleiterin. Er schweigt einfach. Wie befreit fährt er hinterher auf dem Fahrrad durch die Stadt.
Die Uraufführung des Films, am 9. November 1989 in Ostberlin, fand ein so reges Interesse, dass man an diesem Abend zwei Vorführungen organisieren musste. COMING OUT wäre eine Sensation gewesen, wenn sie nicht von einer anderen überlagert worden wäre: Die Kinobesucher erfuhren, dass die Grenzübergänge in den Westen geöffnet wurden – es war der Anfang vom Ende der DDR.
Hans Günther Pflaum, 10.03.2016
- Produktionszeitraum
- 1988/1989
- Produktionsjahr
- 1989
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,66
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama
- Thema
- Beziehung / Familie, LGBTIQ / Queer , Sexualität
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Anmerkungen zur Lizenz
- DEFA
- Lizenzdauer bis
- 31.12.2030
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH)
- Verfügbare Medien
- DCP, Blu-ray Disc, DVD, Digitaler Film
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DCP
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Tschechisch (cs), Deutsch Voll UT
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Tschechisch (cs), Deutsch Voll UT
DVD
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Deutsch (de), Tschechisch (cs)
Digitaler Film
- Untertitel
- Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Italienisch (it), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Tschechisch (cs), Deutsch Voll UT