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Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Maria Speth
Herr Bachmann und seine Klasse

  • Produktionsjahr 2017
  • Farbe / LängeN/A / N/A
  • IN-Nummer IN 4556

In der Georg-Büchner-Gesamtschule in Stadtallendorf unterrichtet Dieter Bachmann 19 Schüler aus 12 verschiedenen Nationen, manche davon erst seit kurzem in Deutschland. Regisseurin Maria Speth beobachtet ein Schuljahr lang die zwölf- bis vierzehnjährigen Kinder der 6B und ihren Lehrer: Herr Bachmann nimmt ihnen die Schüchternheit, bringt ihnen die deutsche Sprache näher, bleibt mit Geduld und Spucke immer auf ihrer Seite. Selten verläuft sein Unterricht nach Lehrplan, aber es wird deutlich, dass er mit Jonglieren oder Musik eine Neugier in den Schülern weckt, die sich dann in Mathe oder Englisch niederschlägt. Man lernt in dieser grandiosen Dokumentation Lehrer und Klasse schätzen, man lernt auch, was Schule bewirken kann, wenn ein Lehrer den richtigen Weg findet.

Jeder, der zur Schule ging, erinnert sich an ihn: An den einen Lehrer, für den man gelernt hat. Der die Schule unterhaltsam machte oder der Erfolg in Aussicht stellte, unabhängig von den Noten. Von diesem Schlag ist Dieter Bachmann, der seine Klasse, die 6B der Gesamtschule im hessischen Stadtallendorf, mit Zuneigung und unkonventionellen Methoden durch den Schulalltag bringt. In der 6B sind 19 Schüler aus 12 verschiedenen Nationen, sie unterscheiden sich in Religion, Kultur und Blick auf die Welt, ihr Deutsch ist manchmal kaum vorhanden, um ihre Motivation steht es ähnlich.

Das ändert sich, sobald Herr Bachmann sie mit absurden Geschichten amüsiert, sie an ein Schlagzeug setzt oder ihnen ein kleines Nickerchen erlaubt. Was er macht, hat mit Schule oft wenig zu tun - die „Dressur“ mache etwa 10% seiner Arbeit aus, sagt er einmal. Disziplin wird in Minimaldosen gefordert, dafür gibt es Verständnis und ausschließlich positiven Zuspruch. Das bringt die Schüler soweit aus dem Konzept, dass sie ihre Verweigerungshaltung aufgeben oder zumindest abgeschwächt einsetzen. Sie werden allmählich beredter, finden und vertreten eine eigene Meinung, nicht zuletzt, weil Herr Bachmann sie detailliert danach fragt.

Man sieht neben Herrn Bachmann weitere Lehrer, zwei davon türkischstämmig, was dazu führt, dass sie bei einem Gespräch über Heimat eigene Erfahrungen mitbringen können. Auch das befördert das Vertrauen der Schüler. Man lernt das Pensum kennen, das sie bewältigen müssen: Deutsch sprechen. Deutsch lesen und schreiben. Englisch lernen. Mathe. Dazu kommen die üblichen Schulfächer, und alles muss benotet werden, denn in dieser Jahrgangsstufe wird entschieden, wie sich die schulische Laufbahn fortsetzt: Haupt- oder Realschule, oder Gymnasium. Herr Bachmann spricht mit seinen Schülern über ihre Noten, er erklärt, ermutigt, er bezieht sie in den Notenfindungsprozess ein. Das ändert zwar wenig am Druck, aber es nimmt den Noten etwas von ihrer Macht, sie sind nicht mehr Teil einer unkontrollierbaren Maschinerie.

Während man dem schulischen Alltag folgt, die Schüler kennen lernt, ihre Fähigkeiten entdeckt, zeigt der Film kommentarlos nebenher das Umfeld. Man sieht die Arbeitsstellen der Väter, im Gemischtwarenladen oder in der Fabrik, man sieht die Gegend, deren Tristesse gerade in den Wintermonaten recht beeindruckend ist. Mal geht man mit in die Moschee, mal geht man mit ins Museum, in dem es einen anderen Unterricht gibt: in diesem Landkreis entstanden ab 1938 große sprengstoffproduzierende Werke. In Lagern hausten die Zwangsarbeiter aus Osteuropa, das im Werk Allendorf hergestellte TNT wurde von Frauen und Jugendlichen in Bomben verfüllt. Zeitgeschichte und zugehörige Fotos fesseln die Schüler, auch als Zuschauer lernt man Neues dazu.

Im Unterricht kennt Herr Bachmann keine Tabus. Er redet mit der Klasse über Liebe, Sex, Religion, Homosexualität, egal wie peinlich das den Schülern sein mag. Wenn sie vorgefertigte Urteile haben, lässt er die nicht gelten sondern bringt jeden Einzelnen dazu, sie zu überdenken. Dabei ist Herr Bachmann weder selbstgerecht noch selbstgewiss. Tatsächlich wundert ihn seine Laufbahn als Lehrer gelegentlich, eindeutig hat er sie jedenfalls nicht angesteuert. Inzwischen allerdings hat er 17 Jahre damit verbracht, er denkt daran, sie zu beenden. Diese sechste Klasse soll seine letzte sein – das ist zumindest der Plan. Es gibt Gespräche mit den Kollegen, die seinen Willen zur Pensionierung bedauern, denen schließt man sich jederzeit an.

Was Herrn Bachmanns Unterricht auszeichnet, neben der Komplizenschaft zu den Kindern, neben der niemals einsetzenden Ermüdung, neben der Neugier, die ihn stetig leitet, ist die Musik. In seiner Klasse stehen Gitarren, ein Schlagzeug, ein E-Bass, und wenn die Langeweile droht, wird darauf gespielt, Lieder werden komponiert und gesungen. Einmal, bei einer Elternsprechstunde, bringt Herr Bachmann ein Mädchen dazu, ihrem Vater etwas vorzusingen. Das Erstaunen, die Rührung, die plötzliche Freude im Gesicht des Vaters lassen den düsteren Raum aufleuchten. So erleben alle den Trost, der von Musik ausgeht, und gleichzeitig die Verbindung, die sie herstellt. Die Klasse wird davon noch einmal anders zusammengefügt als durch Gespräche oder Arbeitsgruppen.

Am Ende des Films sind gut dreieinhalb Stunden vergangen, das ist eine lange Zeit, wenn man im Kino sitzt. Aber man versteht, dass und warum das sinnvoll war – die Dokumentation führt durch ein ganzes Schuljahr, Tag für Tag, vom Winter in den Sommer, und erst wenn man genug Zeit mitgemacht hat, kann man das Ergebnis richtig sehen. Die Schüler sind am Ende andere Menschen als am Anfang. Ihr Blick auf sich selbst und auf die Welt ist ein anderer geworden, sicherer, zuversichtlicher. Etwas Wertvolleres kann ein Lehrer seiner Klasse nicht mitgeben, also muss man auch die Geduld spüren, die Herr Bachmann dafür braucht. Abgesehen davon, dass man beim Zuschauen dasselbe Amüsement bekommt wie seine Schüler. Oder sogar mehr.

Doris Kuhn (20.01.2022)

Pressestimmen:

"Herr Bachmann unterrichtet an der Gesamtschule einer Industriestadt im Norden von Hessen, deren Einwanderungsgeschichte bis in die 1930er Jahre zurückreicht. Er ist ein Lehrer, wie ihn wohl jede gerne (gehabt) hätte, und seine Klasse spiegelt die deutsche Gegenwartsgesellschaft. Speths Langzeitbeobachtung sieht sich, ihrer Dauer zum Trotz, ausgesprochen kurzweilig. Sie dokumentiert nicht nur einen gelingenden Gegenentwurf zur Bildungsmisere, sie zeigt, welch komplexe Arbeit Erziehung ist und wie schön es sein kann, sich ihr zu widmen." (Alexandra Seitz, Viennale)

"Dieter Bachmann mit seinen gehäkelten Käppis, den Hardrock-T-Shirts und dem wilden Bart; studierter Soziologe, ehemaliger Steinmetz und Folksänger. Erst mit Mitte 40 ließ er sich ausbilden zum Lehrer für Deutsch, Mathematik, Geographie. Seine eigentlichen Hauptfächer aber sind Anerkennung, Wahrnehmen, Zuhören." (Alex Rühle, SZ)

"Die anderen haben über uns gelacht, ihr macht ja den ganzen Tag nur Musik. Aber die Hälfte von uns hat es aufs Gymnasiums geschafft." (Ayman, Schüler der 6B)

Preise (Auswahl)

71. Berlinale (2021): Silberner Bär für Maria Speth
71. Berlinale (2021): Publikumspreis für Maria Speth
Deutscher Filmpreis 2021: Bester Dokumentarfilm
Hong Kong International Film Festival 2021: Golden Firebird Award für Maria Speth

Produktionszeitraum
2017-2021
Produktionsjahr
2017

Gattung
Dokumentarfilm
Thema
Coming of Age, Arbeit, Schule, Migration / Flucht / Exil

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Lizenzdauer bis
31.10.2028
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Belgien (BE), Luxemburg (LU), Niederlande (NL), China (CN), Bosnien und Herzegowina (BA), Kroatien (HR), Nordmazedonien (MK), Montenegro (ME), Serbien (RS), Slowenien (SI), Kosovo (XK), Griechenland (GR), Vereinigtes Königreich (GB), Italien (IT), Litauen (LT), Portugal (PT)
Anmerkungen zu den Sperrgebieten
Benelux (Belgien, Niederlande, Luxemburg): Periscoop
CN: Huanxi Media
Ex-Jugoslawien (Slovenien, Kroatien, Bosnia- Herzegovina, Serbien, Macedonien, Kosovo, Montenegro): Five Stars Distribution
FR: Films Boutique
GR: Ama Films
GB: New Wave Films
IT: Just Wanted
Litauen: Kino Pavasaris
PT: Leopardo
SP: Filmin
HU: Cirko
USA: Films Boutique

Verfügbare Medien
DCP, Blu-ray Disc, DVD, DCP, Digitaler Film
Originalfassung
Deutsch (de)

DCP

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Estnisch (et), Türkisch (tr)
Anmerkung zum Format
DCP sind verschlüsselt

Blu-ray Disc

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Estnisch (et), Türkisch (tr)

DVD

Untertitel
Deutsch Teil UT, Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Estnisch (et), Türkisch (tr)
Anmerkung zum Format
DVD-Auswertungszeit: ab 01.11.2022

DCP

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Chinesisch (zh), Russisch (ru), Estnisch (et), Türkisch (tr), Japanisch (ja)
Anmerkung zum Format
DCP sind verschlüsselt

Digitaler Film

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Arabisch (ar), Russisch (ru), Estnisch (et), Türkisch (tr), Japanisch (ja), Chinesisch Kurzzeichen