Sebastian Meise
Große Freiheit
- Produktionsjahr 2021
- Farbe / LängeFarbe / 116 Min.
- IN-Nummer IN 4641
An immer demselben Ort wird 1945, 1957 und 1968 der Umgang mit Homosexualität betrachtet. Der Ort ist ein Gefängnis, denn bis 1969 war Sex zwischen Männern in Deutschland strafbar. Aus diesem Grund wird Sebastian Meises Hauptfigur Hans Hoffmann regelmäßig verurteilt, schon die Nazis zwangen ihn dafür ins KZ. Man sieht die Härte des Strafvollzugs, bei dem Menschenwürde niemanden interessiert, aber man sieht gleichzeitig einen Mann, der sich nicht brechen lässt und dadurch unerwartete Freundschaft findet. GROSSE FREIHEIT erzählt so sachlich wie herzzerreißend von Anstand unter Druck, von Mitgefühl, von Liebe tatsächlich.
Ein öffentliches Klo, eine sogenannte Klappe, in der schwule Männer sich zu schnellem, anonymem Sex treffen, füllt die Leinwand. Die Bilder sind Film im Film, denn diese Männer werden von einer Kamera hinter einem Spiegel bespitzelt. Ihre hastige Lust wird aufgezeichnet, später werden sie dafür verhaftet - GROSSE FREIHEIT zeigt eine Zeit, in der Homosexualität kriminell war. Breit hängt der Bundesadler an der Wand hinter den Richtern, die den jungen Hans Hoffmann aufgrund des Beweisfilms zu 24 Monaten Gefängnis verurteilen.
Es ist das Jahr 1968 und Hans ist nicht zum ersten Mal in einer Zelle. Er kennt die Routine, er war in diesem Knast schon früher. Sebastian Meise verschränkt drei Zeitebenen miteinander, drei Gefängnisaufenthalte von Hans. Das erste Mal war er 1945 hier, noch unter Aufsicht der Alliierten, die ihn vorher aus einem KZ befreiten: auch die Nazis hatten ihn für seine Homosexualität eingesperrt. Die Amerikaner nahmen ihm den Rosa Winkel ab, schickten ihn aber direkt wieder hinter Gitter, denn nach Kriegsende galt weiter der Tatbestand „Widernatürliche Unzucht“, strafbar laut Paragraph 175 StGB.
Für die verschiedenen Handlungsebenen werden anfangs Jahreszahlen eingeblendet, der Wechsel findet oft über die Einzelhaft statt, in der Hans häufig landet. Dabei kann man etwas über den Strafvollzug der Bundesrepublik lernen: die Männer werden halbnackt in lichtlose Zellen geworfen, nur mit einem Toiletteneimer ausgestattet. Sie liegen auf steinernem Boden in der Kälte, allein in Zeit und Raum. Meise lässt die Dunkelheit dort lange stehen, er teilt sie sich mit den Gefangenen für die Erinnerung an andere Jahre.
1945 kommt Hans in die Zelle von Viktor, beide jugendlich, aber Viktor homophob und aggressiv. Er will keinen „Perversen“ in seiner Nähe. Sobald er allerdings die KZ-Nummer im Arm von Hans eintätowiert sieht, ändert sich seine Wahrnehmung. In einer Anwandlung von Mitgefühl bietet er Hans an, ihm das Tattoo unkenntlich zu machen. Die zwei Häftlinge werden gespielt von Franz Rogowski und Georg Friedrich, die auf bestechende Weise zeigen, wie zwei Menschen sich miteinander verändern können. Denn zögerlich beginnt zwischen ihnen eine Freundschaft, die sich durch jeden Knastaufenthalt von Hans zieht – er kommt raus und wieder rein, Viktor ist konstant drin.
Jenseits der drei Phasen des Gefängnisaufenthalts bleibt draußen der gesellschaftliche Umgang mit Schwulen gleich bösartig. Hans lässt sich Lust und Liebe trotzdem nicht verbieten, dafür sitzt er immer wieder ein. Aber obwohl im Gefängnis eiserne Disziplin herrscht, kann Hans auch dort allerhand heimlichen Widerstand leisten. Meise erzählt von Liebe und Liebesleid mit anderen Schwulen, dazu gibt es ein paar Gewissenskonflikte, die Viktor anregt, aber immerhin haben Hans und Viktor ein Gewissen.
Ihre Freundschaft wächst daran, sie zeichnet sich aus durch sparsame Dialoge voll lakonischem Witz, durch ein intimes Verständnis des jeweils anderen, durch Hilfsbereitschaft, die im Knast als rares Gut gilt, denn sie wird eigentlich immer bestraft. Im September 1969 dann wird der Paragraf 175 in der BRD geändert: Homosexuelle Handlungen sind für Erwachsene jetzt straffrei. Was das für Hans und für Viktor bedeutet, erzählt Meises bisher vor allem düsterer Film dann so, als gäbe es doch Hoffnung für die Welt. Als wäre die Zukunft ein Leichtes.
Doris Kuhn (17.01.2024)
Paragraf 175 StGB:
Der § 175 wurde im Deutschen Kaiserreich 1871 eingeführt und stellte „widernatürliche Unzucht“ zwischen Männern unter Strafe. Auch in der Weimarer Republik bestand die Strafvorschrift fort. Die Verschärfung des Gesetzes erfolgte unter dem Nazi-Regime 1935: Allein ein Verdacht war ausreichend, um zu bis zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt zu werden. Trotz seiner Vorgeschichte in der Zeit des Nationalsozialismus sah das Bundesverfassungsgericht 1957 die Strafbestimmung als nicht nationalsozialistisch geprägt und erlaubte ihre weitere Anwendung. … In der BRD wurde das Gesetz 1969 geändert: Homosexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern über 21 Jahren wurden straflos gestellt. Erst 1994 beschloss der Bundestag die endgültige Streichung des Paragrafen. (Antidiskriminierungsstelle des Bundes)
Kritiken, Empfehlungen, Presseschau:
„Weil Hans homosexuell ist, landet er nach dem Konzentrationslager 1945 direkt im Gefängnis, das er über Jahrzehnte immer wieder nur kurz verlassen wird. Der Grund: Paragraf 175, der bis in die 1970er Jahre in der BRD sexuelle Handlungen zwischen erwachsenen Männern unter Strafe stellte. Meises tragisches Kammerspiel erzählt von einem zerstörten Leben im Zeichen dieses Gesetzes. GROSSE FREIHEIT entwickelt dabei eine berückende Intimität, die sich verstärkt durch das intensiv vertiefte Spiel von Franz Rogowski und Georg Friedrich.“ (Sascha Rettig, Viennale 2021)
„Sebastian Meises dokumentarisch anmutendes Drama fängt da an, wo die meisten Filme zum Thema Diskriminierung von Schwulen und Lesben aufhören. Während die meist ein vermeintlich schillerndes Leben in Untergrund-Bars und geheimen Zirkeln zeigen, interessiert sich das Drama ausschließlich für die Konsequenzen. Es zeigt ein Leben, das von den wiederholten Verurteilungen regelmäßig unterbrochen und eingefroren wird.“ (Katharina Dockhorn, Filmreporter.de, 2021)
„GROSSE FREIHEIT ist kein Gefängnisfilm im herkömmlichen Sinn, der Gewalt von Insassen in den Vordergrund stellt. Er fokussiert sich auf die Menschen, die kleinen und großen Gesten im Angesicht von staatlicher Gewalt, zeigt Momente von Glück und großer Nähe in der rauen Wirklichkeit.“ (Jury der evangelischen Filmarbeit, 22. 10. 2021)
„GROSSE FREIHEIT“ ist einer der eindrücklichsten und besten deutschsprachigen Filme des Jahres überhaupt. Ganz wesentlich liegt das an den Hauptdarstellern Franz Rogowski und Georg Friedrich. … Das Drehbuch bietet den beiden mit gesenktem moralischem Zeigefinger einen Spielraum, den sie mit fassbinderesker Wucht und zwielichtigem Charisma ausfüllen.“ (Stefan Volk, Filmdienst, 2021)
Preise (Auswahl):
2021 Cannes: Un Certain Regard, Jury-Preis für Sebastian Meise
2021 Europäischer Filmpreis : Beste Kamera - Crystel Fournier
2021 Viennale: Bester Film
2021 Athen International Film Festival: Publikumspreis für Sebastian Meise
2022Diagonale: Bestes Drehbuch. Bester Schnitt. Beste Kamera. Bester Schauspieler – Georg Friedrich.
2023 Society of LGBTQ Entertainment Critics: Film des Jahres
- Produktionsland
- Österreich (AT), Deutschland (DE)
- Produktionszeitraum
- 2020/2021
- Produktionsjahr
- 2021
- Farbe
- Farbe
- Bildformat
- 1:1,85
- Länge
- Langfilm (ab 61 Min.)
- Gattung
- Spielfilm
- Genre
- Drama
- Thema
- Justiz, Gewalt, LGBTIQ / Queer , Freundschaft, Sexualität, Gleichberechtigung / Emanzipation, Demokratie / Menschenrechte
- Rechteumfang
- Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
- Lizenzdauer bis
- 30.11.2030
- Permanente Sperrgebiete
- Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Frankreich (FR), Japan (JP), USA (US), Kanada (CA), Türkei (TR), Indien (IN), Afghanistan (AF), Bangladesch (BD), Bhutan (BT), Malediven (MV), Nepal (NP), Pakistan (PK), Sri Lanka (LK), Argentinien (AR), Bolivien (BO), Brazil (BR), Chile (CL), Costa Rica (CR), Dominikanische Republik (DO), Ecuador (EC), El Salvador (SV), Guatemala (GT), Honduras (HN), Kolumbien (CO), Kuba (CU), Nicaragua (NI), Panama (PA), Paraguay (PY), Peru (PE), Uruguay (UY), Venezuela (VE), Spanien (ES)
- Verfügbare Medien
- DCP, Blu-ray Disc, DVD, Digitaler Film
- Originalfassung
- Deutsch (de)
DCP
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Deutsch Teil UT
Blu-ray Disc
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Deutsch Teil UT
DVD
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Deutsch Teil UT
- Anmerkung zum Format
- DVD-Vertrieb erst 21 Monate nach Vertragsabschluss und in Abstimmung mit dem Lizenzgeber möglich.
Digitaler Film
- Untertitel
- Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Griechisch (el)
- Anmerkung zum Format
- CC: et-ru