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Bildausschnitt: beleuchteter, festlicher, vertäfelter Filmvorführraum

Florence Miailhe
Die Odyssee

  • Produktionsjahr 2021
  • Farbe / LängeFarbe / 84 Min.
  • IN-Nummer IN 4622

Die Stimme einer Frau erzählt eine Geschichte über einem Skizzenbuch. Dessen Bilder werden bald lebendig und die Figuren darin sprechen für sich selbst: ein junges Geschwisterpaar berichtet von einer langen Flucht, mit so schlimmen wie schönen Erlebnissen. Regisseurin Florence Miailhe setzt das als Animation ins Bild, ausdrucksstark mit Ölfarben auf Glas gemalt, tricktechnisch in Bewegung gebracht. Ihr Film ist formal wie inhaltlich ungewöhnlich, dafür um so mitreißender. Er geht zurück auf die Flucht ihrer Urgroßmutter 1905 aus Odessa, ist aber wie ein Märchen angelegt, um trotz aller Schrecken niemanden zu ängstigen.

Am Anfang ist man in der Gegenwart, am Arbeitstisch einer Malerin, die ihr Skizzenbuch aufblättert, um die Zeichnungen zu beschreiben. Sie zeigen ihre Jugend, das Dorf ihrer Kindheit, man sieht ihre Eltern, kleine Geschwister, ihren Bruder Adriel und sie selbst: Kyona, damals 13 Jahre alt. Schon da hat sie gemalt, sie hielt ihren Alltag in Bildern fest. Diese Bilder übernehmen bald den Film, tricktechnisch animiert erzählen sie Kyonas Geschichte, die Kommentarstimme wird durch die Stimmen der Filmfiguren ersetzt.

DIE ODYSSEE ist ein Animationsfilm, der wenig Ähnlichkeit mit gängigen Formaten hat. Die Zeichnungen sind kühn und ausdrucksstark, die Farben oft verhalten, es gibt keinen Vergleich mit den niedlichen, knallbunten Trickfilmen der Gegenwart. Ungewöhnlich ist auch die Handlung des Films, denn sie zeigt, zwar fiktional aber ohne Beschönigung, eine lange, gefährliche Flucht. Diese beginnt wegen eines Überfalls, bei dem bewaffnete Bauern Kyonas Dorf anzünden. Grund dafür ist die Ethnie der Dörfler, genannt „Yuriden“ - das reicht für den Hass der restlichen Bevölkerung.

Wie fast alle im Dorf beschließt danach Kyonas Familie, den weiten Weg zur Grenze anzutreten. Im Nachbarland lebt ein Cousin, es sei dort viel weniger gefährlich für Menschen ihrer Herkunft, heißt es. Zu ihm machen sie sich auf, fünf Kinder, zwei Erwachsene. Sie nehmen den Zug, bis eine Kontrolle durch Soldaten die Familie gleich zu Beginn der Reise stoppt. Eltern und Geschwister werden verhaftet, nur Adriel und Kyona können weiterfahren - die Mutter hat sie im Abteil unter Decken versteckt.

In einer Stadt am Ende der Gleise warten die Geschwister, ob ihre Familie nachkommt. Nach ergebnislosen Tagen schließen sie sich notgedrungen einer Bande Straßenkinder an. Mit ihnen durchstöbern sie Müllkippen, beklauen die Städter, lernen, sich durchzuschlagen. Anführer und Beschützer der Schar ist Iskender, ein Junge mit sonderbaren Tattoos im Gesicht. Das wird man in diesem Film öfter treffen: Menschen mit Tätowierungen, die ihre Zugehörigkeit zu einer bestimmten Volksgruppe bezeugen – auch wenn diese Gruppen hier fiktive Namen tragen, um den Charakter des Märchenhaften zu erhalten.

Denn tatsächlich kommt die Flucht manchmal einem Märchen nahe: Adriel und Kyona werden gefangen und an ein dekadentes Ehepaar verkauft, reißen dort aber nach einem skurrilen Aufenthalt aus. Es geht weiter in einem fantastisch schwarz-weiß gemalten Wald, der sie einen Winter lang trennt. Weise alte Hexen kommen vor, eine solidarische Zirkustruppe, viele Tiere, die zwar nicht verstehen, was passiert, aber in einer Welt der Unwägbarkeiten für Kyona eine vertraute Konstante darstellen.

Stück für Stück wandern die beiden Richtung Grenze. Immer wieder gibt es Rückschläge, Begleiter werden verhaftet oder sterben. Aber die Reise ist kein Weg der Verzweiflung. Sie finden Freunde, sogar eine Liebe, sie lernen zahllose andere Flüchtende kennen, deren Mut und Humor die Geschichte erhellen. Man erfährt bei der Gelegenheit viele Hintergründe, die eine Flucht notwendig machen, und man kann sie alle nachvollziehen. So wird DIE ODYSSEE zu einem Film über Zusammenhalt und Tatkraft, während er gleichzeitig den Zuschauern klarmacht, dass früher wie heute die Flucht manchmal die einzige Hoffnung ist, das Weiterleben zu sichern.

Doris Kuhn (26.01.2024)

Kritiken, Empfehlungen, Presseschau:

„Meine Familiengeschichte ist selbst eine der Migration. Wie Tausende andere verließen meine Urgroßeltern zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts ihre Heimat Odessa, auf der Flucht vor antisemitischen Pogromen. Das ist ein Grund, warum die gegenwärtige „Migrationskrise" in mir so sehr nachhallte. Mir schoss unwillkürlich in den Kopf, wie viele von uns doch von woanders herkommen und wie viel Mut, Einfallsreichtum und Hoffnung es braucht, diese immensen und gefahrvollen Reisen auf sich zu nehmen.“ (Interview mit Florence Miailhe in 'der Freitag', 26. 4. 2022)

„Nicht allein die ukrainische Familiengeschichte ist es, die Miailhes mit Öl auf Glas gemaltem Film eine so unerhörte Aktualität verleiht; sondern die Künstlerin ließ sich bei ihrer Recherche sowohl von Aufnahmen ihres Mannes Patrick Zachmann inspirieren, der für Magnum auf Lampedusa fotografierte, als auch von Zeichnungen ihrer Mutter aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs. … So spiegeln sich in dieser Coming-of-Age-Geschichte, die auf konkreten historischen Fluchterfahrungen gründet, subtil auch die Schicksale von Millionen anderen Vertriebenen rund um den Globus wider.“ (Michael Omasta, Falter, 27. 4. 2022)

„DIE ODYSSEE ist ein formal durch und durch außergewöhnlicher, wagemutiger und vielschichtiger Film, der zum einen zu einem anklagenden Rundumschlug ausholt und die Situation von Menschen auf der Flucht beleuchtet – und ganz konkret darüber erzählt, wie eine Flucht eine Kindheit verschlingt.“ (Stefan Stiletto, Filmportal, April 2022)

„Das auffälligste Merkmal von DIE ODYSSEE ist seine fantastische künstlerische Gestaltung mit konstanten Anspielungen auf die Kunst der Malerei und des Zeichnens. … Die Bilder wurden von Miailhe mit Ölfarben auf Glas gemalt. Sie bestechen durch abwechslungsreiche, farbenfrohe rurale und urbane Landschaften, die statisch bleiben, während sich Menschen und Tiere davor bewegen.“ (Kira Taszman, Filmdienst, April 2022)

Preise
2022 Animafest Zagreb: Publikumspreis „Bester Film“
2022 International Cinephile Society: Preis „Bester Animationsfilm“
2021 Festival d'Animation Annecy: Preis „Bester Spielfilm“
2021 DOK Fest Leipzig: Gedanken-Aufschluss Preis „Bester Film“
2021 Festival du Nouveau Cinéma Montréal: Innovations-Preis „Bester Spielfilm“



Produktionsland
Tschechien (CZ), Frankreich (FR), Deutschland (DE)
Produktionszeitraum
2020/2021
Produktionsjahr
2021
Farbe
Farbe

Länge
Langfilm (ab 61 Min.)
Gattung
Animationsfilm
Genre
Fantasy / Märchen, Anti-/ Kriegsfilm
Thema
Gewalt, Coming of Age, Migration / Flucht / Exil

Rechteumfang
Nichtexklusive nichtkommerzielle öffentliche Aufführung (nonexclusive, noncommercial public screening),Keine TV-Rechte (no TV rights)
Lizenzdauer bis
30.11.2030
Permanente Sperrgebiete
Deutschland (DE), Österreich (AT), Schweiz (CH), Liechtenstein (LI), Südtirol (Alto Adige), Luxemburg (LU), Frankreich (FR), Tschechien (CZ), Slowakei (SK)
Temporäre Sperrgebiete
Brazil (BR) (14.10.2026), Kanada (CA) (04.07.2030)

Verfügbare Medien
DCP, Blu-ray Disc, DVD, Digitaler Film
Originalfassung
Deutsch (de)

DCP

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Ukrainisch (uk)

Blu-ray Disc

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar)

DVD

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar)
Anmerkung zum Format
DVD-Vertrieb ab 01.07.2024 möglich.

Digitaler Film

Untertitel
Deutsch Voll UT, Englisch (en), Französisch (fr), Spanisch (Lateinamerika), Portugiesisch (Brasilien), Chinesisch Kurzzeichen, Russisch (ru), Arabisch (ar), Ukrainisch (uk)