Johannes Ebert am 5. September 2014 „Die Kultur in den deutschen Städten ist der Humus für unsere Kulturarbeit im Ausland“

Festrede von Johannes Ebert anlässlich des 40-jährigen Jubiläums des NRW KULTURsekretariats

Sehr geehrte Frau Ministerin Schäfer,
lieber Herr Schumacher,
lieber Herr Dr. Esch,
sehr geehrter Herr Jung,
sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich sehr herzlich dafür bedanken, dass ich beim heutigen 40-jährigen Jubiläum des NRW KULTURsekretariats eingeladen wurde, die Festrede zu halten. Einer Einladung, der ich gerne Folge leiste, sind doch das NRW KULTURsekretariat und das Goethe-Institut in ihrer internationalen Arbeit eng verbunden – sei es durch das Festival Impulse, sei es durch das Besucherprogramm des Kultursekretariats, das unter meinen Kolleginnen und Kollegen einen hervorragenden Ruf genießt.

Natürlich weiß ich, dass die internationalen Beziehungen nur einen kleinen Teil der Arbeit des NRW KULTURsekretariats ausmachen. Seit 40 Jahren veranstaltet und fördert es – als starker und selbstbestimmter Zusammenschluss in Sachen Kultur – gemeinsam mit den Partnern und Kulturinstitutionen in den Kommunen Projekte, Festivals und Programmreihen in den Bereichen Theater, Musik, Bildende Kunst, Literatur, Tanz, Internet und Digitales. Interkulturelle Programme und Projekte im Bereich der kulturellen Bildung machen einen wichtigen Teil der Arbeit aus. Darüber hinaus regt das Kultursekretariat kulturpolitische Prozesse und Diskurse innerhalb des Verbundnetzwerks an.

Da ich nach 15 Jahren Tätigkeit im Ausland, in der Ukraine, in Ägypten und in Russland – Länder die heute durchaus eine große politische Aufmerksamkeit genießen – seit drei Jahren mit meiner Familie wieder in einer deutschen Kommune wohne – nicht in Nordrhein-Westfalen, sondern in München, wo die Zentrale des Goethe-Instituts seinen Sitz hat – weiß ich wie wichtig solche Aktivitäten für das Gemeinwesen sind. Sie tragen dazu bei, sich anderen zu öffnen, sie wecken Kreativität und stärken die gemeinsame Identität. Sie schaffen es, durch Vernetzung und gemeinsames Arbeiten an Projekten und Nachdenken über Themen, kreatives Potenzial zu bündeln und dieses in der Öffentlichkeit, auch über Nordrhein-Westfalen hinaus, noch leuchtender und sichtbarer zu machen.

Das Goethe-Institut kooperiert mit zahlreichen Kultur- und Bildungseinrichtungen in Nordrhein-Westfalen: Hier sei zuerst der heutige Jubilar genannt: das NRW KULTURsekretariat. Im Rahmen von Residenzprogrammen arbeiten wir weiterhin mit der Kunststiftung NRW und der Kunstsammlung NRW zusammen. Die Filmstiftung NRW, die Duisburger Filmtage, PACT Zollverein, die Ruhrtriennale, die Mülheimer Theatertage, das Tanzhaus NRW, das Kulturwissenschaftliche Institut Essen und viele andere sind geschätzte Partner des Goethe-Instituts. Außerdem ist das Goethe-Institut ist mit dem Land Nordrhein-Westfalen seit mehreren Jahren durch eine Kooperationsvereinbarung verbunden. Sicherlich wird auch das Beethoven Jubiläum 2019 weitere Ansätze zur Zusammenarbeit bieten. Was ich mit dieser Auflistung an Verbindungen und Arbeitsbeziehungen auch deutlich machen will: Die Kultur in den deutschen Städten ist der Humus für unsere Kulturarbeit im Ausland. Die Kreativität und die Kulturförderung in Deutschland sind die Grundlage für die kulturelle Anziehungskraft unseres Landes. In diesem Sinne sind wir auch von Ihrer Arbeit abhängig, sind unsere Ziele und Arbeitsansätze eng verwoben.

Ein Punkt scheint mir gerade aus einer Auslandsperspektive, die ich als Generalsekretär des Goethe-Instituts natürlich immer im Blick habe, von ganz herausgehobener Bedeutung: Im NRW KULTURsekretariat sind 22 Städte und Verbände zusammengeschlossen, um Kultur zu fördern und den Blick auf die Welt zu öffnen. Ich hatte im Frühjahr ein längeres Gespräch mit der stellvertretenden Kulturministerin der Ukraine, die ich noch aus meinen ersten Jahren in Kiew gut kenne. Es ging in diesem Gespräch auch darum, wie ein Staat und seine Kommunen, die sich in einer schwierigen Transformationsphase befinden, Kultur fördern können. Nicht nur die alteingesessenen staatlichen Institutionen, sondern auch innovative Ansätze und kreative Formationen der Freien Szene. Und es geht dort auch gerade darum, in den Städten der ukrainischen Regionen die Kultur zu fördern und voranzubringen. Denn es wird – unabhängig davon, wie dieser schreckliche Konflikt sich weiter entwickelt – für das Staatswesen der Ukraine von grundlegender Bedeutung sein, eine gemeinsame nationale Identität zu schaffen, die Ost und West einander näherbringt. Die Kultur wird hierbei eine fundamentale Rolle spielen. Die Bündelung von Ressourcen und Konzepten und das Herstellen eines gemeinsamen Geistes der städteübergreifenden Kooperation, für die das Kultursekretariat steht, könnten dabei auch als Modell dienen.

Mir ist bewusst, was Sie hier in Deutschland – in Ihren Kommunen und in Ihrer Region leisten. Bitte sehen Sie mir jedoch nach, wenn ich mich in meiner Ansprache insbesondere auf den internationalen Kultur- und Bildungsaustausch konzentriere. Davon verstehe ich am meisten, das ist mein Thema und das ist auch das Risiko, wenn man den Generalsekretär des Goethe-Instituts einlädt zu sprechen. Denn unser Institut ist im Auftrag des Auswärtigen Amtes als unabhängige Mittlerorganisation mit 160 Goethe-Instituten weltweit für den Kultur- und Bildungsaustausch Deutschlands mit der Welt zuständig. Sie werden jedoch sehen, dass die kleine Weltreise, die ich im Folgenden mit Ihnen wagen möchte, immer wieder auch nach Nordrhein-Westfalen führt. Beginnen wir eben dort: Über die Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat hinaus verbinden das Goethe-Institut natürlich zahlreiche Beziehungen mit Ihrem Bundesland, nicht zuletzt durch unsere zwei Institute in Bonn und Düsseldorf. Dort lernen jährlich 6.000 Kursteilnehmerinnen und Kursteilnehmer aus dem Ausland Deutsch und tragen damit zur internationalen Vernetzung der Städte bei. Das Goethe-Institut hat den Wandel der Stadt Bonn von der Beamten- und Diplomatenstadt zum Standort internationaler Institutionen und Unternehmen unterstützt und begleitet. Ein Beispiel: über die letzten 15 Jahre hat es viele junge Medizinerinnen und Mediziner, die als Regierungsstipendiaten aus Libyen, Saudi-Arabien sowie weiteren Golfstaaten zu uns kamen und kommen, unterrichtet und betreut. Anschließend haben sie in den Kliniken in Nordrhein-Westfalen ihren Dienst als so genannte „Gastärzte“ aufgenommen. Eine „Willkommenskultur“ für Menschen aus dem Ausland in unseren Städten und Kommunen zu schaffen ist etwas, wozu sowohl das Goethe-Institut als auch die Kultur- und Bildungsinstitutionen in Nordrhein-Westfalen viel beitragen können, zusammen mit der dem Rheinland eigenen Weltoffenheit und Herzlichkeit.

Zurück „in die Welt“: Lassen Sie mich Ihnen zunächst ein paar Rahmenbedingungen veranschaulichen, die die Grundlage für die internationale Arbeit bilden: Die Welt ist unübersichtlicher geworden. Politische, wirtschaftliche und kulturelle Gewichtungen verschieben sich; neue Weltzentren entstehen, andere verlieren an Bedeutung. Gesellschaftliche Fragestellungen treten in den Vordergrund, die auf nationaler Ebene nicht lösbar sind, sondern die internationale Kooperation zwischen den Staaten notwendig machen. Die Kategorien „innen“ und „außen“ treffen in den heutigen Konstellationen immer weniger.

Angesichts zahlreicher internationaler Herausforderungen und aktueller Konfliktlagen sind die Erwartungen an Deutschland hoch. Vor diesem Hintergrund ist die globale Vernetzung der Bundesrepublik Deutschland ein wesentlicher Faktor für ihren Erfolg und ihre Gestaltungsmöglichkeiten. Gerade Kultur und Bildung sind dabei zentrale Ebenen. Denn sie definieren in besonderer Weise die Verständigung über Werte und Weltbilder. In einer multipolaren Welt legen Kultur und Bildung die Grundlage für die innere Entwicklung und die äußere Verständigung von Gesellschaften.

Es scheint ein Kennzeichen unserer Zeit, dass das vermeintlich saubere zeitliche Nacheinander aufgehoben ist: Es gibt keine Posterioritäten mehr. Furchtlose Bürgerinnen und Bürger in der Ukraine erinnern den Westen daran, dass es sich lohnt, für Europa einzutreten. Russland tritt hier als Aggressor auf und doch ist es von hoher Bedeutung, dass wir auch angesichts von Sanktionen Kommunikationskanäle offenhalten. Kultur kann hier eine ganz eigene Rolle spielen. In Europa selbst hat uns die Krise gezeigt, dass wir eine große Verantwortung dafür haben, für den Zusammenhalt Europas einzutreten. Europa ist nicht nur ein Wirtschaftsraum, sondern besitzt auch und vor allem eine kulturelle Dimension. Gemeinsame europäische Kooperationsprojekte in Kultur und Bildung können dazu beitragen, eine gemeinsame Identität zu stärken, die unter den Bedingungen wirtschaftlicher Unsicherheit in Mitleidenschaft gezogen worden ist. Südlich von Europa sind die gesellschaftlichen Veränderungsprozesse mitnichten abgeschlossen. Deutschland engagiert sich im Rahmen der Transformationspartnerschaft insbesondere in Ägypten und Tunesien. Die zahlreichen Projekte des Goethe-Instituts in der arabischen Welt zielen auf Beteiligung, Bildung und Vernetzung. Internationale Konferenzen geben wichtigen Akteuren eine Plattform, Bildungsprojekte jungen Leuten eine Perspektive. Aber wir sollten nicht nur in den Süden schauen. Die Diskussion um Überwachungsmethoden oder das Freihandelsabkommen zwischen Europa und den USA zeigen auch große Missverständnisse und unterschiedliche Wahrnehmungen in den transatlantischen Beziehungen, die eine deutliche kulturelle Konnotation besitzen.

Die Welt ist in Bewegung – überall und gleichzeitig. Wir spüren dies in unserer Arbeit auch dadurch, dass immer mehr Projekte multilaterale, ja globale Dimensionen annehmen und Akteure aus der ganzen Welt mit Deutschland verbinden.

Partnerschaftlicher Dialog, verlässliche Präsenz auch in stürmischen Zeiten, produktive Vernetzung mit den kulturellen Szenen und der Zivilgesellschaft, gesellschaftlich relevante Kultur- und Bildungsangebote aus Deutschland tragen dazu bei, international Vertrauen für Deutschland zu schaffen. Ein Vertrauen, das sich heute und in Zukunft auszahlt.

Jedoch verlangt die multipolare Welt ein Umdenken in der internationalen Kulturarbeit:
Es geht darum, dass die Partnerländer ihre Vorstellungen in die Gestaltung von Kultur-Kooperation einbringen können, dass Erfahrungen geteilt werden und weniger darum, die eigene nationale – oder auch europäische – Kultur vorzuführen. Einen wichtigen Stellenwert nehmen dabei auch bi- und multilaterale Koproduktionen ein, die kreative Lern- und Austauschprozesse ermöglichen.

Der Wunsch, den wir aus unseren Gastländern immer stärker vernehmen und der auch eine Prämisse unserer dialogischen Arbeit ist: eine Beziehung des gegenseitigen Lernens und Zuhörens aufzubauen.

Auch für den Diskurs und die Debatten in Deutschland ist es befruchtend und wichtig, Positionen aus dem Ausland einzubringen und zu betrachten. Gerade in Zeiten globaler Umbrüche kann eine Vernetzung mit Künstlerinnen und Künstlern, mit Intellektuellen, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt Impulse geben, die zur Differenzierung beitragen und einen Perspektivwechsel auf beiden Seiten möglich machen. Ganz nebenbei bemerkt: Es kann zu sehr positiven Aha-Effekten führen zu merken, dass an anderen Stellen der Welt Dinge auch mal weiter sind als in Deutschland oder Europa. Das stellt sich bei uns häufiger ein, wenn wir mit unseren Kolleginnen und Kollegen aus der Region Ostasien, aus Japan oder aus Südkorea sprechen. Die Entwicklungen in diesen Ländern, insbesondere im Bereich des Digitalen, die für uns noch „Zukunftsmusik“ scheinen, haben dort konkrete Auswirkungen auf das tägliche Leben, das menschliche Miteinander und die kulturellen Prozesse. Hier lohnt es sich näher hinzusehen, zu staunen, zu lernen, aber natürlich auf kritische Aspekte zu beleuchten.

Das NRW KULTURsekretariat widmet sich in zahlreichen Programmen diesem Staunen, Kennenlernen und dem lebhaften Dialog zwischen Kunst und Kultur aus dem Ausland mit Ihrer Region und zukünftig – wie ich höre –  auch mit der digitalen Kultur.

Zwei Beispiele aus unserer Zusammenarbeit:

Was können Künstler aus Seoul und Nordrhein-Westfalen voneinander lernen? Tickt die Kunstwelt am Rhein anders als am Hangang? Welche Themen laden in Korea und Deutschland gleichermaßen zur künstlerischen Reflektion ein? Diesen Fragen gingen 14 junge Künstlerinnen und Künstler bei dem 9. internationalen Künstler- und Austauschprogramm „Transfer Korea-NRW 2011/12/13“ nach. Es war das erste Mal, dass das NRW KULTURsekretariat bei dem Programm ein Land außerhalb Europas auswählte. Über Gastaufenthalte konnten die beteiligten Künstlerinnen und Künstler nicht nur kulturelle Kontraste und Korrespondenzen kennenlernen, sondern in der neuen Umgebung eigene Projekte konzipieren. Gerne brachte das Goethe-Institut Korea hier als Kooperationspartner seine Expertise und Kontakte ein.

Das Festival IMPULSE, das sich zu dem zentralen Festival der freien Theaterszene in Deutschland entwickelt hat und dessen Zukunft in der jüngsten Zeit nicht ganz gesichert erschien, genießt in unserem Theaterbereich größte Wertschätzung. Seit 2007 haben wir gemeinsam mit den Künstlerischen Leitungen daran gearbeitet, die internationale Aufmerksamkeit auf das Festival zu lenken. Internationale Kuratoren und Kuratorinnen wurden zu IMPULSE eingeladen, an den berühmten „Marathons“ teilzunehmen, den bis zu acht Vorstellungen zwischen Köln, Düsseldorf, Mühlheim und Bochum. Auch Produktionen, bei denen nur ein deutscher Ko-Veranstalter teilnahm, wurden mit den Jahren zugelassen. Dass diese Internationalisierung die gewünschte „Rück-Wirkung“ zeigte, kam auch bei uns in München an. 2011 erreichte unseren Theaterbereich eine E-Mail mit dem Betreff „Conte d’Amour team wollen besser deutsch lernen“. Die IMPULSE-Preisträger aus Schweden und Finnland hatten sich in Berlin niedergelassen und fragten das Goethe-Institut nach Ermäßigungen für einen Sprachkurs – was wir ihnen gerne ermöglichten. 2007 bis 2011 wurde neben dem IMPULSE-Preis auch ein Preis des Goethe-Instituts vergeben.

Plattformen und Foren zur Verfügung stellen, Angebote zum Erfahrungsaustausch machen, darauf kommt es heute in der internationalen Kultur- und Bildungsarbeit mehr denn je an.

„Transformation“ ist ein Begriff, der bei verschiedensten gesellschaftlichen Veränderungsprozessen, ob in Ägypten, der Ukraine, in Tunesien oder Myanmar, gerne benutzt wird. Veränderungsprozesse grundlegender Art – z.B. den Strukturwandel im Ruhrgebiet – gab es auch in Nordrhein-Westfalen. Wo immer in Städten der Strukturwandel seine Spuren hinterlassen hat – ob in Essen, Kairo oder Warschau –, werden Erfahrungen mit der funktionellen Neubestimmung „überflüssiger“ Flächen und Räume gesammelt. Als Vorreiter dieser – vorwiegend informellen – Stadtaneignung haben sich allenthalben Künstler und Kreative hervorgetan. Meist sind es Vertreter aus dem Kultursektor, die ein solches Abenteuer mit aufgegebenen Gewerbearealen suchen.

Wir haben deshalb zu diesem Thema immer wieder Besucherreisen ins Ruhrgebiet zum Erfahrungsaustausch organisiert: Zuletzt stand das Thema bei einer Sommerakademie mit Kuratorinnen und Kuratoren aus Mittel- und Osteuropa in Partnerschaft mit dem NRW KULTURsekretariat im Mittelpunkt.

Bei den zahlreichen Gesprächen zwischen den Teilnehmern der Sommerakademie und Vertretern von Kulturinstitutionen und –initiativen aus Nordrhein-Westfalen wurde deutlich, wie viele Analogien es gibt und wie viel Potenzial im Austausch liegt. Auch in Polen oder Ungarn entstehen zurzeit neue Kulturzentren in alten Fabriken. Erfahrungen mit inklusiven Stadtteilprojekten sammelt man nicht nur im Ruhrgebiet, sondern auch in Katowice, Bratislava und in den Baltischen Ländern. So konnten beide Seiten von den Gesprächen profitieren.

Keng Yi-wei, künstlerischer Leiter des Taipei Arts Festivals, dem wichtigsten Kunstfestival in Taiwan, war 2011 mit dem Besucherprogramm in Nordrhein-Westfalen. Ein kurzer Auszug aus seinem Bericht:
„Im Anschluss an meine Reise ins Ruhrgebiet schrieb ich einen Artikel in der Zeitschrift der National Culture and Arts Foundation mit dem Titel „Wenn aus Kohle ein Diamant wird“. Wir alle wissen, dass das Element, aus dem Kohle und Diamanten bestehen, dasselbe ist, nur die Zusammensetzung des Moleküls ist anders. Ich war begeistert, wie Nordrhein-Westfalen kreative Ideen nutzt, um Zechen in kulturelle Diamanten zu verwandeln. Wir haben ein ähnliches industrielles Erbe in Taipei und die Erfahrung im Ruhrgebiet zeigt uns Modelle, wie wir einen Weg finden können, daraus unsere eigenen kulturellen Diamanten zu machen.“

Die Beratung, die Vernetzung und Qualifizierung im Bereich Kultur und Medien wird für das Goethe-Institut ein wichtiges Thema bleiben, insbesondere in Ländern der Transformation und der Entwicklungszusammenarbeit. Museen, Theater, Kultur-Festivals, Kinos und Galerien ziehen die Menschen in ihren Bann, die das Entwicklungspotenzial einer Gesellschaft bestimmen. Dokumentarfilmer, Regisseurinnen, bildende Künstler, Musikerinnen und Internet-Blogger – sie sind die Multiplikatoren, die innovative Visionen für die Zukunft unserer Gesellschaften entwerfen. Je professioneller sie arbeiten, desto breiter werden die Zugänge zu Wissen und Bildung, zu Kreativität und Innovation für die Vertreter der Zivilgesellschaft, die Bürger.

Bildungsprogramme für die Zukunft, das bedeutet, dass wir zur Professionalisierung und internationalen Vernetzung dieser Kultureinrichtungen und Multiplikatoren beitragen müssen.

Ich bin überzeugt, dass der Kultur- und Bildungssektor als ein ganz wesentlicher Bestandteil des Wandels fungiert: kulturelle Ausdrucksformen reflektieren und kommentieren nicht nur gesellschaftliche und politische Veränderungsprozesse, sie tragen auch selbst zu Veränderung, zu einer Öffnung des gesellschaftlichen Diskurses bei. Der Ausbau von kultureller Infrastruktur und die Stärkung des Bildungssektors sind wichtige Grundlagen von Entwicklung und Wandel.

Umbrüche in der Welt brauchen Zeit, umso wichtiger ist es, in den betroffenen Ländern zivilgesellschaftliche Gruppen und Innovationsträger in Kultur und Bildung aktiv und vor allem verlässlich zu unterstützen.

Das macht das Goethe-Institut mit nachhaltigen Bildungs- und Vernetzungsprogrammen, z.B. im Nahen Osten oder in Osteuropa. Dazu hat der deutsche Bundestag zusätzliche Mittel für die Förderung der Zivilgesellschaften in der Ukraine, Belarus, der Republik Moldau und Georgien zur Verfügung gestellt.

Internationale Vernetzung entsteht in erster Linie über die persönliche Begegnung, das persönliche Erleben, wie es das Besucherprogramm des NRW KULTURsekretariats ermöglicht.

Ein schönes Beispiel zeigt, was passieren kann, wenn sich Kulturschaffende aus aller Welt treffen auf einer Plattform, die durch die Kooperation zwischen dem Kultursekretariat und dem Goethe-Institut ermöglicht wird: Pui See Teresa Kwong, Beauftragte für Film im Hong Kong Arts Centre nahm im April 2014 am Internationalen Frauen Film Festival in Dortmund und Köln teil. Sie schreibt:

„In meiner Gruppe waren fünf fantastische Frauen aus Afrika, Zypern, Armenien, Taiwan und Südkorea. Eine lustige Gruppe – wir tauschten uns aus, aßen und tranken zusammen, sahen uns Filme und Sehenswürdigkeiten an. Die Organisatoren arrangierten auch Treffen mit spannenden Kulturinstitutionen für uns.(…) Es war eine fruchtbare Erfahrung für alle. Abgesehen von den Freundschaften, die entstanden, haben wir Einblicke in andere Teile der Welt erhalten. Ich habe zum Beispiel erfahren, dass es nur vier weibliche Filmemacherinnen auf Zypern gibt. Das hat sie aber motiviert, mehr für die Förderung des lokalen Kinos zu tun. In Uganda gibt es keine formale/offizielle Filmakademie, aber einige junge weibliche Kreative, die aus lokalen Videoworkshops hervorgegangen sind, die von den dortigen Gemeinschaften organisiert werden. Durch dieses Austauschprogramm haben wir sehr profitiert und es hat einige fruchtbare Kooperationen zwischen uns ermöglicht.“

Bei den verschiedenen Beispielen und Formaten, die ich bisher genannt habe, scheint immer wieder das Wort „Perspektivwechsel“ durch. Sei es durch Besucherprogramme, längerfristige Arbeitsaufenthalte (wie bei dem Projekt „Transfer Korea –NRW“) oder Festivals mit internationaler Beteiligung. Gerade mit längeren Auslandsaufenthalten und Residenzen wird ein tiefes Eintauchen in eine andere Kultur ermöglicht. Die persönlichen Begegnungen, die daraus entstehen, sind unschätzbar für eine langfristige internationale Zusammenarbeit und die Förderung des interkulturellen Dialogs. Und natürlich kommen auf diese Weise auch neue Impulse und Ideen zurück nach Deutschland, wo sie unsere Gesellschaft und unsere Kulturszenen bereichern.

Eine besondere Bedeutung beim internationalen Austausch nehmen Künstlerresidenzen ein, die ein nachhaltiges Kennenlernen ermöglichen: Zwei Beispiele möchte ich hier nennen: Das Goethe-Institut Tel Aviv engagiert sich im Rahmen der „Bronner Residency“ seit 2008 in Zusammenarbeit mit der Kunststiftung NRW, der Dan und Cary Bronner Stiftung sowie dem Artists' Studio in Tel Aviv für den Künstleraustausch zwischen Israel und Nordrhein-Westfalen. Jeweils sechs Monate lang hat ein Künstler aus Nordrhein-Westfalen die Chance seinen Arbeits- und Lebensmittelpunkt nach Tel Aviv zu verlegen – ein israelischer Künstler erhält die gleiche Möglichkeit in Düsseldorf.

Mit der Villa Kamogawa in Kyoto bietet das Goethe-Institut Künstlern und Kulturschaffenden aus Deutschland die Möglichkeit, im Rahmen eines dreimonatigen Stipendiums in Japan zu leben und zu arbeiten. Zwischen Köln und Kyoto besteht seit 1963 eine lebendige Städtepartnerschaft. Im Rahmen des 50-jährigen Bestehens 2013 gab es ein vielfältiges Programm in der Villa Kamogawa. Außerdem vergaben die Stadt Köln und das Goethe-Institut ein Sonderstipendium an den Fotografen Björn-Eric Kohnen. Basierend auf seinen fotografischen Betrachtungen der Stadt Köln, stand die Auseinandersetzung mit den beiden Stadtlandschaften sowie dem architektonischen und kulturellen Erbe im Fokus seines Aufenthaltes in Kyoto. Eine Einzelausstellung von „Kyoto – Photografische Positionen“ war dann im Herbst 2013 im Japanischen Kulturinstitut in Köln zu sehen.

Ich habe in meiner Rede unterschiedliche Stationen gemacht bei Themen und Herausforderungen des internationalen Kultur- und Bildungsaustauschs. Die Schnittstellen zu den – insbesondere internationalen – Aktivitäten des NRW KULTURsekretariats sind vielfältig: ein gleicher Geist, was Formate, Themen und Herangehensweisen betrifft, zieht sich dabei kontinuierlich durch. Erst kürzlich hat Robert Wilson bei der diesjährigen Verleihung der Goethe-Medaille gesagt: „If we loose our culture we loose our memory". Das ist unsere gemeinsame Grundlage.

Was hoffentlich deutlich geworden ist, ist die Bedeutung, die Ihre Arbeit dafür hat, was internationale Kulturmittler wie das Goethe-Institut in die Welt tragen. Nur wenn es uns gelingt, unsere einzigartige deutsche Kulturlandschaft in den Ländern und Kommunen zu pflegen und vielseitig, innovativ und offen zu erhalten, kann Sie, wenn sie in Austauschprozesse im Ausland eingebunden ist, dazu beitragen, Impulse zu geben, Vertrauen zu schaffen und die Verständigung in einer Welt voranzubringen, die aktuell leider von sehr vielen Krisen und Konflikten geprägt ist.

Es sind aber nicht nur diese großen Dimensionen, die unsere Zusammenarbeit ausmachen. Auch in der praktischen Arbeit mit dem NRW KULTURsekretariat ist mir sehr viel Gutes zu Ohren gekommen. Es sind ja die Menschen, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die unsere Institutionen tragen. Zum Abschluss möchte ich Ihnen eine E-Mail einer Kollegin aus Sao Paulo nicht vorenthalten, die mir, der ich aus der praktischen Kulturarbeit im Ausland komme, besonders gefallen hat. Sie schreibt:

„Von meiner Seite aus möchte ich erwähnen, dass die Zusammenarbeit mit dem NRW KULTURsekretariat, besonders mit Frau Inna Goudz, die immer schnell antwortet, Auskunft geben kann und auch mal ein zu spät eingereichtes Formular noch annimmt, toll und einwandfrei ist“.

Gerade auch in diesem praktischen Sinne wünsche ich dem NRW KULTURsekretariat und allen seinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, seinen Unterstützern und Trägern weiterhin viel Erfolg, Inspiration und Freude bei den künftigen Aufgaben.

Vielen Dank!
 
Vorgetragen am 5. September 2014 in Wuppertal. Es gilt das gesprochene Wort.