19. Januar 2026
Rede anlässlich der Eröffnung des Goethe-Instituts in Chişinău
- Es gilt das gesprochene Wort -
Als ich an meinen ersten Besuch in der Republik Moldau dachte, kamen mir die Zeilen aus Brechts “Lied von der Moldau” in den Sinn – mit der Melodie von Hanns Eisler und Smetanas fließender Moldaumelodie im Ohr. Ihnen kommt die Melodie auch gleich ins Ohr, oder? Am Grunde der Molda wandern die Steine…
Brecht bezog sich in seinem Gedicht auch auf eine Legende des Flusses Moldau/Vltava: Das Wasser der Moldau sei nichts anderes als die Tränen, die die Menschen geweint oder gelacht haben. Diese Wasser würden alle Unterdrücker, falschen Herrscher und Mächtigen hinwegspülen, wenn zu viele Tränen vergossen würden.
Brecht fasst es in diese Worte des Wandels:
„Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.“
Und in der zweiten Strophe heißt es:
„Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“
Denken Sie daran, dass Berthold Brecht diese Worte 1943 schrieb – in diesen hoffnungslosen Zeiten, mitten im Zweiten Weltkrieg, im Exil – und dennoch glaubte er an die Möglichkeit des Wandels. In Zeiten größter Unterdrückung gibt es Hoffnung auf Veränderung – das Schwache, das Wasser, setzt sich durch, bewegt sogar die Steine.
Ich war sehr beeindruckt von diesen Metaphern, inspiriert von der Moldau/Vltava. Moldau – und die Republik Moldau– stehen für mich für Hoffnung, für die Kraft des Wandels, für eine bessere Zukunft, die auf dem Glauben der Menschen, ihren Bedürfnissen und ihrer Selbstwirksamkeit basiert. Und sie stehen für die Kraft von Kunst und Kultur – diese Schriften, Gedichte, Lieder, Kompositionen spiegeln nicht nur die Zeit ihrer Entstehung wider, sondern verweisen auf grundlegende Prinzipien des Menschseins.
„Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt“:
Wir können diese Zeile als Überschrift für die Zeit nehmen, in der wir leben.
Die Republik Moldau hat eine bewegte Geschichte, eine Geschichte von Besatzung und fremden Machtansprüchen, mit ihrer Unabhängigkeit 1991 und in den letzten Jahren schweren Auswirkungen durch den russischen Krieg gegen die Ukraine, mit so vielen Geflüchteten, die nach Moldau kamen. 2024 begannen die EU-Beitrittsverhandlungen. Und mit fester Entschlossenheit setzt das Land heute seinen Weg in Richtung EU-Mitgliedschaft fort, geleitet von einer klaren Vision demokratischer Werte, institutioneller Reformen und internationaler Zusammenarbeit.
Mit unserem neuen Goethe-Institut, das wir heute offiziell hier in Chişinău eröffnen, wollen wir Sie auf diesem Weg unterstützen, auf Ihrem zukünftigen Weg in eine offene Gesellschaft. Wir wollen unsere Beziehungen und Freundschaften vertiefen.
Wir haben diese Reise mit unserem Goethe-Zentrum im Jahr 2020 begonnen, mit dem wir erste Brücken durch unsere Spracharbeit hier vor Ort bauen konnten. Mit unserem neuen Goethe-Institut schließen wir an diese erfolgreiche Arbeit an und setzen ein klares Zeichen für kulturelle Zusammenarbeit, europäische Integration und die zivilgesellschaftliche Stärkung dieser so wichtigen Region. Mit unserem Institut wollen wir hier in Chişinău neue Räume für gesellschaftlichen Dialog schaffen –
Im Mittelpunkt stehen künftig vielfältige kulturelle Programme, die moldauisch-deutsche Initiativen fördern und die Zusammenarbeit mit lokalen Kulturschaffenden intensivieren. Heute Morgen haben wir die Ausstellung “100 beste Plakate” im Nationalen Kunstmuseum Moldau besucht – ein erster Eindruck davon, wie unsere Kooperationen aussehen können.
Darüber hinaus engagiert sich das Verbindungsbüro in der Unterstützung europäischer Transformationsprozesse, etwa durch Kooperationen zu Themen wie Digitalisierung, Jugendförderung und EU-Integration. Ein weiterer Schwerpunkt liegt in der Stärkung der Zivilgesellschaft: Mit Workshops, Dialogformaten und Bildungsangeboten richtet sich das Goethe-Institut an junge Menschen, NGOs und Multiplikator*innen.
“Das Große bleibt groß nicht und klein nicht das Kleine.
Die Nacht hat zwölf Stunden, dann kommt schon der Tag.”
Brechts Zeilen sind von leiser, aber kraftvoller Hoffnung getragen: Sie spenden Mut, richten den Blick nach vorn, auf den Wandel, die Zukunft - und vertrauen auf die Kraft einer widerstandsfähigen Zivilgesellschaft. Wir sind glücklich, wenn wir Sie mit unserem Beitrag dabei unterstützen können.
Wir freuen uns sehr, dass Deutschland und die Republik Moldau durch die gemeinsame Arbeit im neuen Goethe-Institut noch stärker zusammenwachsen werden – kulturell, menschlich und politisch. So stärken wir gemeinsam die Resilienz unserer demokratischen Gesellschaften, die unentbehrlich sind für eine starke europäische Zukunft.