Gemischtes Doppel: Visegrad #2 | Tschechien
Unser Land blüht nicht

Ein Premierminister in der Demission, der das Land wie eine Staatsfirma lenkt, diffuse Ängste vor Geflüchteten, obwohl es in Tschechien nur zwölf gibt: Irrationale Gefühle überlagern das Faktische. Die Tschechen werden zu Opfern ihrer selbst und ihrer noch nicht verdauten Freiheit, meint Tereza Semotamová.

Von Tereza Semotamová

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

ich höre es andauernd: Wir sollen den Menschen erklären, was eine Demokratie ist und wie wichtig sie ist. Wir sollen aufs Land fahren und den Menschen dort erklären, wie wichtig die EU ist und wie viele Brücken und Storchneste sie bei uns bezahlt hat. Wir sollen den Menschen erklären, erklären, erklären ... Mensch, in diesen Zeiten kannst du niemandem was erklären. Sobald du anfängst in der Öffentlichkeit irgendwelche Fakten aus dem Ärmel zu schütteln, schlafen die Menschen ein. Kein Wunder, denn die neusten Untersuchungen zeigen, dass in dem Wettkampf Fakten vs. Emotionen die Emotionen gewinnen.

Es gewinnt das Gehirn, das weiß, wie Gehirne funktionieren, und das kein Problem damit hat, von einem Oligarchen bezahlt zu werden.

Ja, das ist bei uns passiert. Andrej Babiš, ein Milliardär und früherer Stasi-Mitarbeiter slowakischer Herkunft, hat dank seines Spruches „den Staat wie eine Firma zu lenken“ und der raffinierten Gehirn-Arbeit der besten PR-Leute des Landes die Wahlen gewonnen. Seit Dezember 2017 ist er Premierminister. Aber einige in Tschechien finden diese Art von Politik und vor allem Babiš' aktuelle Strafverfolgung nicht so sexy, er ist also Premierminister in der sogenannten Demission geworden. Und so geht das schon seit Januar, also leben wir schon fast sechs Monate ohne Regierung. Und man muss sagen, dass es angenehm für ihn ist, er lenkt und lenkt – ohne Vertrauen des Abgeordnetenhauses. Es wurde zwar gesagt, dass eine Regierung in der Demission nur „leuchten und heizen“ soll, aber Babiš ist trotzdem sehr aktiv. Er lenkt seine geliebte Staatsfirma und wir sehen nur zu, wie unser Land nicht „blüht“. (Das war einer der ersten Sätze von Václav Havel in seiner ersten Neu jahrsrede im Jahre 1990).

Kein Wunder, dass unser Land irgendwie nicht blüht. Wirtschaftlich ja, aber sonst? Na ja, damit etwas aufblüht, muss man bestäuben, es muss Knospen, einen fruchtbaren Boden und den Willen zum Blütenstand geben. Ein Blütenstand ist toll! Aber wir sind noch nicht soweit. Denn wir wollen erst einmal Knospen haben.

In Tschechien gibt es zwölf Geflüchtete, aber trotzdem! Wir Tschechen haben Angst!

Man sagt, es ginge uns einige Zeit nicht so gut, jetzt aber doch! Das wollen wir weiterhin so beibehalten und nicht genau wissen, was um uns herum passiert. Wir leben in einer Phase, die „der unerlebte Status“ heißt, so Soziologin Jiřina Šiklová. Es gab noch nie eine längere Zeit, in der es uns so richtig gut ging. Wir leben schon jahrelang in Zeiten einer stetigen Krise von etwas: Finanzkrise. Griechenlandkrise. Ukrainekrise. Syrienkrise. Flüchtlingskrise. Uns hat nur die Finanzkrise betroffen, in Tschechien gibt es zwölf Geflüchtete, aber trotzdem! Wir Tschechen haben Angst! Angst um unsere Siebensachen! Immer wurden uns die Siebensachen von jemandem genommen! Wir waren immer Opfer. Und wir haben noch nicht gelernt, etwas anderes zu sein.

Jetzt sind wir Opfer unserer selbst und unserer noch nicht verdauten Freiheit. Weil wir erst Knospen brauchen und wachsen müssen. Und offenbar wollen wir in dieser Wachstumsphase nicht zuhören. Das ist Tschechien im Jahre 2018. Die sogenannte Elite runzelt die Stirn, ist neunmalklug, wird noch elitärer und redet andauernd über das, womit ich anfing: Wir müssen den Menschen erklären, was richtig ist, wie wichtig die EU ist, wie wichtig Demokratie ist. Aber die Menschen können es erst wirklich verstehen, wenn sie es selbst erleben und fühlen. Wir Tschechen lassen uns von niemandem erklären, was richtig ist. Entweder wissen und fühlen wir es selbst – oder wir hören nicht zu, schlafen ein. Gute Nacht!

Gefühl vs. Fakten – so ist es jetzt. Die einzige Möglichkeit ist also, zu versuchen, positive Gefühle von Freiheit zu vermitteln. Und das geht nicht durch Erklären (wie ich es als Teilzeit-Hochschullehrerin gerne tun würde), sondern durch Reden. Ganz normal. Die Menschen nicht als Wähler zu sehen, sondern als Individuen, mit allen ihren Stärken und Schwächen. In jedem von uns ist ein bisschen Schweyk, ein Furiant, der letztendlich alles ein bisschen anders macht, als abgesprochen wurde.

Und ich rufe so laut, wie es geht: Wir wollen Knospen! Wir wollen blühen!

In jedem Tschechen lebt ein solcher Schweyk – entweder hat man ihn schon ausgelebt oder noch nicht. Und das nimmt oft sehr bizarre Formen an: der tschechische Politiker, der Sohn einer tschechischen Mutter und eines japanisch-koreanischen Vaters, erklärt den Tschechen, warum man gegen Geflüchtete kämpfen soll (und überhaupt gegen „den formlosen multinationalistischen Brei“). Natürlich kämpft er dafür, dass das Bier von der Mehrwertsteuer befreit werden soll. Die Kommunisten, die schon mehr als ein Jahrhundert gegen Imperialismus kämpfen, wollen in eine Koalition mit dem größten tschechischen Oligarchen bilden – ihr Kampf gegen den Kapitalismus? Und drittens: die extremistische Bewegung Slušní lidé („Anständige Menschen“), die neulich für kleine Theaterfurore in Brünn sorgte, will anständig sein, indem sie es sich auf T-Shirt schreiben. Dabei sind es Neonazismus-Sympathisanten! Wenn man also heute anständig sein will, schreibt man es auf ein T-Shirt?

Aha. Bleiben wir noch bei den Gefühlen. Weil es sich zeigt, dass nur die Gefühle die Menschen lenken – wie ein Boot, das nicht weiß, wohin es will. Einiges will es aber vermeiden, obwohl es das nie laut aussprechen würde: alleine auf der See zu bleiben. Das wollen wir nicht, liebes Europa. Sogar die Schweyken, die Furianten, wollen nicht alleine auf der See bleiben! Michal, du schreibst: „Wir müssen den Braindrain bremsen, die Slowakei attraktiv und zukunftsfähig machen.“ Ich bin einverstanden. Aber das funktioniert nur als Prozess, nur durch Gefühle der Verantwortung für ein Land, zu dem ich gehöre und das stolz zu einem größeren Ganzen gehört. Blühen kann nämlich nur der, der wirklich blühen will und etwas dafür tut. Und ich rufe so laut, wie es geht: Wir wollen Knospen! Wir wollen blühen!
 

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