Sprache und Identität
Schaufenster Enkelgeneration
Die im Herbst 2012 gefilmten Kurzporträts dokumentieren die ganze Bandbreite dessen, was das sprachliche Selbstverständnis junger Minderheiten-Angehöriger in der heutigen Tschechischen Republik ausmacht. Vom selbstbewussten Bekenntnis der Zugehörigkeit zur sudetendeutschen Minderheit und dem Gebrauch des Sudetendeutschen als „Familiensprache“ über eine weltoffene und grenzüberschreitende bikulturelle und bilinguale Identität bis hin zu dem Befund, dass die eigenen kulturellen und sprachlichen Wurzeln nur rudimentär erinnert werden, vertreten die Porträtierten ein breites Spektrum an individuellen Befindlichkeiten.
Die Kurzdokumentationen zeigen eindrucksvoll, wie schwer es jungen Tschechinnen und Tschechen fällt, die eigene mehrsprachige Identität zu verorten. Kulturelle und sprachliche Wurzeln setzen zwar noch den biografischen Rahmen und bieten privaten und familiären Rückhalt. Gleichzeitig belegen aber die Lebensgeschichten der vier Porträtierten, dass die dritte Generation der deutschsprachigen Minderheiten in der Tschechischen Republik in einem grenzoffenen, mehrsprachigen Europa angekommen ist und begonnen hat, sich selbstbewusst des eigenen mehrsprachigen Erbes zu vergewissern.
Wissenschaftliche Ausrichtung des Projektes
Als wissenschaftliche Kuratorin des Projektes entwickelte die tschechische Ethnologin Dr. Sandra Kreisslová einen Interviewleitfaden, der den Gesprächen mit den vier Porträtierten zugrunde liegt. In ihrer Fragestellung orientierte sich die in Prag lehrende Wissen-
schaftlerin an der biografischen Methode (Oral history). Ihre mehrstündigen Interviews mit den Porträtierten illustrieren, über welche konkreten Arten des deutschen Sprach-
bewusstseins diese Generationengruppe, die heute überwiegend auf tschechischem Sprachgebiet lebt, Auskunft geben kann.
Dr. Sandra Kreisslová, Jahrgang 1981, arbeitete in den Jahren 2010/2011 als Kulturassistentin für die deutsche Minderheit bei der Bürgerorganisation Antikomplex. Sie promovierte 2011 im Fachbereich Ethnologie der Karlsuniversität Prag mit einer Arbeit, die die Beziehung zwischen der ethnischen Identifikation und dem Sprachbewusstsein in biographischen Erzählungen deutschsprachiger Minderheiten untersucht. Sie selbst stellte sich der Befragung und gibt in einem der vier Internetporträts Auskunft über ihre persönliche, höchst facettenreiche sprachliche und kulturelle Identität.
Sprachwissenschaftliche Projektbegleitung
Wissenschaftliche Begleitung und Kommentierung findet das Projekt Schaufenster Enkelgeneration durch Frau Prof. Dr. Claudia Maria Riehl, Leiterin des Instituts für Deutsch als Fremdsprache der Ludwigs-Maximilian-Universität München. Die Sprachwissenschaftlerin, Inhaberin des Lehrstuhls für Germanistische Linguistik mit Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache, lehrt und forscht intensiv zu Sprachvarietäten, Minderheitensprachen und Mehrsprachigkeit. In mehrwöchigen Feldforschungsaufenthalten in der Tschechischen Republik untersuchte sie die dort gesprochenen Varietäten des gesprochen Deutschen. 2008 erschien das von ihr als Mitherausgeberin betreute Standardwerk Handbuch der deutschen Sprachminderheiten in Mittel- und Osteuropa. Ihr Hauptinteresse aus linguistischer Sicht gilt den Fragen, in welchen Kontexten und mit welchen Varietäten die dritte Generation der deutschsprachigen Minderheiten in Mittelosteuropa heute noch Deutsch spricht.Interview mit Prof. Dr. Claudia Maria RiehlFilmische Umsetzung
Der 1975 in Bruchsal geborenen Regisseur und Filmemacher Marc Bader entwickelte das Konzept für die filmische Umsetzung der persönlichen Porträts. Als ehemaliger Student der Wiener Filmakademie und des Hamburger Audio-Visual Media Colleges konzipierte Marc Bader seine vier 3-4-minütigen Internet-dokumentationen stilistisch in einer Weise, die ein überwiegend jugendliches, internetaffines Zielpublikum in den Blick nehmen. Durch ein hohes Maß an Emotionalität und Subjektivität in der Visualisierung der Personen wird die flüchtige Aufmerksamkeit heutiger Internetnutzer geweckt.
Marc Bader lebt und arbeitet seit mehreren Jahren als freischaffender Filmemacher und Fotograf in Prag. In einem deutsch-französischen Elternhaus bilingual aufgewachsenen, beschäftigt er sich bis heute mit der Frage nach der eigenen sprachlichen und kulturellen Identität.