Kathrin Schmidt

Kathrin Schmidt Bild: Gunter Glücklich

Kathrin Schmidt ist einer der wichtigsten Namen der deutschsprachigen zeitgenössischen Literatur. In ihrem neuesten Buch Kapoks Schwestern greift sie weit aus: Entlang der spannungsreichen Beziehungen der Familien Kapok und Schaechter erzählt sie von Krieg, Flucht, Teilung, Bespitzelung und neuer Freiheit – und von Liebe, Freundschaft, Schuld und Glück.Sie wird aus diesem Buch lesen und über ihre Arbeit sprechen.
 
Kathrin Schmidt wurde 1958 in Gotha geboren, arbeitete als Diplompsychologin, Redakteurin und Sozialwissenschaftlerin. Sie erhielt für ihre literarischen Arbeiten zahlreiche Preise, darunter den Leonce-und-Lena-Preis 1993. Ihr 1998 erschienener Roman Die Gunnar-Lennefsen-Expedition wurde mit dem Förderpreis des Heimito-von-Doderer-Preises und dem Preis des Landes Kärnten beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb 1998 ausgezeichnet. Für ihren Roman Du stirbst nich« (mit dem Titel Et sinä kuole 2011 auch auf Finnisch erschienen) erhielt sie 2009 den Preis der SWR-Bestenliste und den Deutschen Buchpreis. 2010 erschien Blinde Bienen. Gedichte, 2011 der Erzählungsband Finito. Schwamm drüber. Sie lebt in Berlin.

Kathrin Schmidt war den Oktober 2017 über in Tampere als Stadtschreiberin zu Gast und hat auf der Buchmesse Helsinki gelesen.

„Tagebuch“ Finnland-Residenz

Kleine literarische Texte von Kathrin Schmidt über Beobachtungen während ihres Finnland-Aufenthaltes im Oktober 2017.

Tampere haben? Tampere sein?

Die Frage steht ja gar nicht. Ich habe mein Zelt für einen kurzen Monat in Tampere aufgeschlagen. Das wird womöglich nur für einen ersten Eindruck reichen. Und „Zelt“ stimmt ja auch schon wieder nicht, denn das ochsenblutrote Holzhäuschen, meine Unterkunft hier, nimmt mich mit seinen stabilen Balkenwänden in die Zange der elektrisch beheizten Gemütlichkeit. Das kenne ich doch von irgendwoher? Richtig. Meine Tochter, seit zehn Jahren in Norwegen zu Hause, wohnt in einem denkmalgeschützten Haus, das diesem recht ähnlich sieht. Elektrisch zu heizen, käme für deutsche Sparfüchse wohl nicht in Frage. Das Strompreisniveau interessiert mich schon mal.
Zwei riesige, metallene Bulleröfen stehen in zwei Zimmern. Sie funktionieren, sagt Ulrich Haas-Pursiainen, noch kurze Zeit in der Stadtverwaltung zuständig für kulturelle Projektfragen. Zu gern würde ich das überprüfen. Holz liegt hinter dem Haus … Noch traue ich mich nicht, kam ja vorgestern erst an.
 
Drei Stunden nach meiner Ankunft war ich schon geladen. Nein, nein, nicht im übertragenen Sinne. Die Leiterin des Deutschen Kulturzentrums Tampere hatte eine Einladung, an den städtischen Feierlichkeiten im Rathaus zum 100. Jahrestag der Unabhängigkeit Finnlands teilzunehmen. Bis 1917 autonomes Großfürstentum des Russischen Reiches, nahm Finnland sozusagen die Große Sozialistische Oktoberrevolution beim Wort und erklärte am 6. Dezember 1917 die Loslösung, was die neue sowjetrussische Regierung schon am 31. Dezember anerkannte. Die Ausdehnung der Zeitraums der Feierlichkeiten, schließlich hatten wir gerade den 1. Oktober, erinnert ein bisschen an das Lutherjahr in Deutschland, oder?
 
Frau Nevalainens Einladung galt für zwei Personen. Die zweite war also ich. Und so geriet ich deutlich underdressed in einen ballähnlichen Auflauf, wurde von vormaligen Oberbürgermeistern wie vom derzeitigen per Handschlag begrüßt, wozu mir nichts anderes als englische Floskeln einfielen, hatte Mühe, mich mit dem Sektglas heil durch die Menge zu schlagen und hörte mir von weitem die verschiedenen Reden an, in deren Zuge auch fünf Bürgern Orden verliehen wurden. Glückwunsch. Aufstehen. Anstoßen. Beifall.  Schließlich Canapés und Wein. Alkohol gleich am ersten Abend im Land des staatlichen Verkaufsmonopols. Das Alkoholverbot kieltolaki  wurde 1919, also zwei Jahre nach der Unabhängigkeit vom als versoffen geltenden Russland, durch die Frauenbewegung initiiert und 1932 wieder zu Fall gebracht. Die freundliche Frau Nevalainen verwies mich zum Glück sofort auf das Alko-Geschäft im Untergeschoss des Sokos-Kaufhauses.
 
Ins Gespräch kamen wir mit dem Oberbürgermeister von Essen. Essen unterhält, wie Chemnitz, eine Städtepartnerschaft mit Tampere. Der freundliche Herr berichtete, in den vergangenen Stunden in einem Spielzeugmuseum gewesen zu sein. Seine Augen leuchteten dabei. Frau Nevalainen fand ihn lockerer und gelöster als am Tag zuvor, da sie für die Bürgermeisterrunde gedolmetscht hatte.
 
Zum Schluss wurde getanzt. Das hätte ich in meinem Aufzug, mit den überaus platten Schuhen und der Beutelhose, ohnehin nicht tun wollen, so dass ich den Bus nahm, zurück zu meinem Holzhaus.
 
Apropos Bus. Am nächsten Morgen, ich schlenderte über den Markt vor dem Rathaus, krachte es seltsam dumpf, etwas splitterte, dann Stille. Alles wandte den Kopf: An der Haltestelle Keskustori hatte ein Busfahrer den anderen übersehen beim Verlassen der Haltebuchten. Ausgerechnet die Linie 10, also meine, war beteiligt. Heiliger Strohsack. Zum Glück kein Unfall, nur ein Unfällchen. Dafür war der Knall erstaunlich gewesen. Mein Gang über den Markt endete unkonzentriert, obwohl die Bürsten- und Korbmacher, die Seiler und Stricker und Imker mein Interesse ebenso fangen wollten wie die kleinen Obststände mit heimischen Apfel- und Birnensorten. Das müssen sie nochmal versuchen, und dazu werden sie bald Gelegenheit haben.
 
Ich aber verzog mich zu einem Kaffee in die Markthalle, die hier kauppahalli heißt. Fühle mich an die Kaufhalle erinnert, das Wort, das in der DDR jeder kannte und an dessen Gebrauch man heute den alten Ostler erkennt. Die Jüngeren sagen, sozusagen grenzübergreifend, Supermarkt. Ich saß also in der Kaufhalle, die, zugegeben, mit einer Kaufhalle in er DDR nun so gar keine Ähnlichkeit hat. Es ist ein Erlebnis, sie zu sehen, zu riechen, zu hören, zu schmecken. Fisch an Fleisch an Gemüse an Kuchen an Salaten an fertigen Speisen an Brot an Wurst und Würsten. Natürlich unvollständige Aufzählung. Darf ich zugeben, dass ich zurückschreckte vor den Preisen? Die Menschen drinnen taten das aber kaum und kauften, um zu haben. Also, um zu sein, sagt mein Herz, während der Verstand versucht, die dichte Wolkendecke nach oben hin zu durchbrechen. Dorthin, wo die Sonne scheint, die in Tampere im Oktober ein Fremdkörper ist.

Tampere1 Foto: Senja Ukkonen

 
Tampere hat ein Lenin-Museum. Diese Überraschung münzte ich sofort in einen Besuch desselben um und erreichte das Gebäude der Workers´ Hall, das im Finnischen auch Puistotorni, Parkturm, heißt, nach kurzem Spaziergang von der zentralen Bushaltestelle im Stadtzentrum. Natürlich wollte ich im Museumssaal meinen Rundgang links beginnen, aber die freundliche Angestellte am Kartenverkauf wies mich energisch in die andere, die „richtige“ Richtung. (Man soll also links ankommen in Tampere?) 
 
An vielen interaktiven Stationen kann der Besucher auf Finnisch und Englisch lesen, Filme sehen, Tonschleifen hören. Zum Beispiel, dass Lenin in Finnland die finnische Blutwurst kennengelernt und daraufhin gesagt habe, ein Volk, das solch eine Wurst herstellen kann, verdiene die Unabhängigkeit.
 
Die Sozialdemokratische Arbeiterpartei Russlands hielt in Tamperes Workers´ Hall 1905 und 1906 ihre Untergrundkongresse ab. Dabei kam es 1906 tatsächlich zum ersten Zusammentreffen Lenins mit Stalin, der damals noch Džugašvili hieß. Und nachdem Lenin nach einem Drittel des Rundgangs das Zeitliche gesegnet hat, wird Stalin denn auch fürs zweite Drittel zur Hauptperson.
 
Im letzten dreht sich alles um die Sowjetunion nach Stalins Tod. Auch um die Tauwetterperiode und den bescheidenen Wohlstand, der in sowjetische Wohnzimmer einzog. Eines davon, in einer estnischen Möbelfabrik zu Beginn der 60er gefertigt, gibt im Museum Kunde davon, dass sich das Design tatsächlich nicht zu verstecken brauchte. In Estland sah es aber auch, wie ich aus eigener Anschauung weiß, stets „westlicher“ aus als in anderen Teilen der Sowjetunion. Wir hatten eine elektrische Kaffeemühle in den 70ern, die in Estland gefertigt worden war und sehr lange hielt, was der moderne Entwurf versprach…
 
Auf den ersten Blick mutet das Museum, in dem auch ein Paar der riesigen Schnabelschuhe der Leningrad Cowboys ausgestellt sind, wie eine Popveranstaltung an, bei der man sich zu guter Letzt gar mit den lebensgroßen Wachsfiguren von Lenin und Stalin fotografieren (lassen) kann. Wenn man sich jedoch Zeit nimmt, auf den Lesemonitoren unter die Oberfläche klickt, bekommt man schon ein Gefühl für die kritische Ausgewogenheit, mit der nicht nur Lenin und Stalin, sondern auch das finnisch-sowjetische Verhältnis seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges behandelt wird. Für einen Moment, in dem mir die Möglichkeit eines Selfies mit einem Wachshitler auf dem Obersalzberg durch den Sinn fuhr, wurde mir dennoch schlecht.
 
Tampere hat ein Kleingartenwesen. Immer, wenn ich an der Station Uotilantie vorbeifahre, werde ich seiner ansichtig. Kleine, wie in Typenreihen gefertigte Holzhäuschen geben sich die Zäune in die Hand. Dazwischen Rasen, Blumen, Obstbäume. Eher wenig Gemüse. Dafür Tische, Stühle, Hollywoodschaukeln. Auch wenn Deutschland und Polen europaweit die höchsten Mitgliederzahlen in Kleingartenvereinen aufweisen, gibt es auch in Finnland 4.700 davon. Die Jahreszeit macht sicher, dass ich dort nie einen Menschen sehe. Wohl aber abgestellte Fahrräder, die davon zeugen, dass jemand angekommen sein muss, um beim Tamperer Oktober-Dauerregen in seiner Laube zu piepen.
 
Ich stelle mir den Sommer vor. Im Netz habe ich gelesen, dass der Finne, der auf sich hält, den Sommer in einem Mökki verbringt. Mökkis sind kleine, komfortfreie Holzhütten, die in größtmöglicher Entfernung zu  Nachbarn errichtet werden und nur sommers bewohnbar sind. Wenn ich mir die Kleingärten ansehe, ist die unmittelbare Nähe zum Nachbarn,  das ständige Beieinanderhocken ja etwas, was mit finnischer Sommer-Lebensart schwer vereinbar scheint… Mökkiwesen versus Kleingartenwesen? Mal sehen, ob ich jemanden befragen kann.
 
Tampere hat Häuser, in deren zu ebener Erde liegenden Geschossen offenbar Garagen untergebracht sind. Keine Hochhäuser, da wäre der Garagenstreit vorprogrammiert. Aber drei-, viergeschossige Häuser, in denen die Zahl der Wohnungen sich nicht ins Unendliche von der der vorgehaltenen Garagen entfernt.
 
Nun lese ich, dass eine Verkehrsplanerin private Autos bis 2025 aus der Stadt Helsinki verbannen und jedem Einwohner eine per App gesteuerte Verbindung von A nach B offerieren will. Ob sie das schafft? Und ob so etwas auch in Tampere gelingen kann? Ein Statussymbol ist ein Auto für die jüngere Generation schon lange nicht mehr. Aus den Garagen könnten Schuppen oder Gemeinschaftsräume werden, Nachbarschafts-Tauschläden oder was weiß ich…
 
Wenn ich daran denke, wie unsere Tiefgarage in Berlin immer stank, solange wir noch ein Dieselfahrzeug hatten! Eine halbe Stunde Lüften nach jedem Hinaus- und Hineinfahren war angesagt, aber nicht immer einzuhalten. Der Gestank zog dann vom Keller ins Haus. Seit drei Jahren fahren wir mit Erdgas, der Gestank gehört der Vergangenheit an.
 
Während es zum Beispiel in Argentinien im Jahre 2005 1.446.138 erdgasbetriebene Autos gab, waren es in Finnland gerade mal 84. Naja, es gibt ja auch viel weniger Finnen als Argentinier. Und während in Argentinien 6 Jahre später 1.900.000 solcher Autos unterwegs waren, wuchs deren Zahl in Finnland auf 1.100. Sie hatten sie verdreizehnfacht, während die Argentinier gerademal ein Drittel mehr davon in Umlauf gebracht hatten. Ja, die Statistik sagt eben die Wahrheit, die man hören will, ohne sie zu verstehen…
 
Tampere hat lustige Schilder. Zum Beispiel eines am Weg unmittelbar vor meinem Haus. Ich sehe einen Schifahrer in einem Achtung!-Rahmen. Muss man sich vor ihnen in Acht nehmen winters? Mein Smartphone übersetzt die Aufschrift darunter mit „Kein Schleifen für die Leiter“. Hat das eine womöglich gar nichts mit dem anderen zu tun? Ach ja, das Finnische bleibt rätselhaft. Immerhin habe ich gelernt, dass der oder die Besitzende sich mit einer n-Endung ausweisen kann. Kathrinin residenssi heißt also mein kleines Häuschen in Haihara. Angelan frankfurtteri lese ich auf der Würstchen-Packung, die ich gerade öffne. Angelas Frankfurter? Alias Merkels Wiener oder Kanzlernakki? Hatte ich noch nie. Und beiße genussvoll ab.
  
Kleingarten Foto: Kathrin Schmidt
Finnland sieht gut aus. Im Herbst und in PISA zum Beispiel, während derselbe Herbst in Deutschland mal wieder ans Licht bringt, dass Viertklässler alt aussehen. Sie können schlecht schreiben, schlecht lesen, schlecht rechnen. Nun ja, im Durchschnitt, aber PISA spricht ja auch statistisch. Grund genug, der Legende nachzugehen, das finnische Schulsystem sei dem der DDR abgekupfert worden, dachte ich mir, und verbrachte einen Tag mit einer 8. Klasse der Tampereen yliopiston normaalikoulu, der University of Tampere Teacher Training School. Die englische Website sagt, dass dort angehende Lehrer in bestens strukturierter Art und Weise ihre Ausbildung vervollkommnen können, die Schule aber ansonsten den Status der Unabhängigkeit innehabe.
 
Ich treffe mich vor der Aula mit Kirsi, einer Deutschlehrerin, die mich über die grundlegende Ausrichtung des finnischen Schulsystems aufklärt. In dem Jahr, in dem Kinder sechs Jahre alt werden, besuchen sie die Vorschule, um ein Jahr später ihre neunjährige Gesamtschulausbildung zu beginnen. Keine frühzeitige Selektion also. Das klingt schon ein bisschen nach DDR, in der die große Mehrzahl der Kinder zehn Jahre lang gemeinsam zur Schule ging. Und in der es neben der Polytechnischen Oberschule bis zum Beginn der neunten Klasse keine andere Schulform gab, wenn man von einigen Sport-, Chemie- oder Musik-Spezialschulen absieht, die sich, mit exklusivem Zugang, der Hochbegabtenförderung verschrieben hatten. In Finnland gibt es aber doch auch Waldorfschulen? Ja, sagt Kirsi, das sind die einzigen nichtstaatlichen, stiftungsgetragenen Schulen, die jedoch ebenso schulgeldfrei sind, denn in Finnland dürfe Schulbildung nichts kosten. Wie auch das Schulessen nichts kostet, das die Kinder in jeder Schule bekommen.
 
Kirsi erzählt, dass in Finnland sehr viele junge Leute bis zum Abitur die Schule besuchen, das sie mit 19 Jahren ablegen. Wer will, kann es wiederholen, wenn er sich bessere Ergebnisse verspricht. In der DDR wäre beides undenkbar gewesen.
 
Ich werde abgegeben zum Mathematikunterricht. Vor der Tür kurzer, schmerzloser Handschlag mit der Lehrerin, die namenlos bleibt. Vor der Klasse dann kein Wort (über mich). Ich setze mich nach hinten in eine einzeln stehende Schülerbank und bemerke keine Begrüßung, die Schüler lümmeln herum. Es geht einfach los.

Uns begrüßten die Lehrer damals in den ersten sieben Schuljahren mit „Seid bereit!“, dem sogenannten Pioniergruß, worauf wir die Hand senkrecht über den Kopf zu stellen und „Immer bereit!“ zurückzubrüllen hatten.  Allerdings gab es auch Lehrer, die darauf verzichteten und „Guten Tag!“ sagten, was wir dann chorisch beantworteten. Ab dem achten Schuljahr wurde der Pioniergruß durch den der FDJ, der Freien Deutschen Jugend, ersetzt, und der lautete einfach: „Freundschaft!“
 
Unter den 20 anwesenden Köpfen mache ich nur drei männliche aus. Mehr als ein Drittel trägt Kopfhörer, In-Ohr- wie Über-Ohr-Geräte, die Smartphones dazu liegen auf den Tischen. Stark und kollegial zugleich, beginnt die Lehrerin sofort, die Tafel vorzubereiten für das Vortragen der Hausaufgaben. Zwei Mädchen melden sich dafür. Jupp, es geht um Bi- und Polynome in Addition und Multiplikation! Das sitzt bei mir noch so fest, dass ein Blick auf die Aufgabe genügt, um die Lösung zu haben. Wie viele Jahre habe ich das nicht mehr gemacht?
 
Nach kurzer Erklärung werden Aufgaben aus dem Lehrbuch gestellt, die Schüler beginnen zu arbeiten. Mich hat man noch immer nicht registriert. Ich staune. Worüber?
 
  1. Es gibt ein deutliches Grundgrummeln in der Klasse, ist keinesfalls ruhig. Wer will steht auf und geht zum Spiegel, um sich einen Pickel auszudrücken. Die Lehrerin registriert das nicht, sondern bleibt beim Stoff, wie es auch die Schüler tun. Wer sich einen Pickel ausgedrückt hat, setzt sich nämlich wieder hin und rechnet weiter. Unterdessen geht Frau Namenlos von Bank zu Bank, lässt sich mal nieder, bleibt mal stehen und spricht und erklärt. Alles mit großer Zugewandtheit und haltbarer Distanz zugleich, was mich beeindruckt.
  2. Ein Mädchen legt sich zum Rechnen auf den Boden an die hintere Wand. Dort bleibt sie auch liegen, als sie fertig ist. Die Lehrerin geht in die Knie und erläutert, man hat nicht den Eindruck, dass das Mädchen sich absondern oder verweigern will. Man ist offenbar zufrieden mit ihr. Sie meldet sich regelmäßig aus ihrer für mich doch besonderen Lage…
  3. Ein merkwürdig distanziertes Interesse liegt in der Luft. Bei zwei, drei Schülern habe ich das Gefühl, dass sie gut und besser sein wollen, sie reden weniger, melden sich etwas häufiger, kommen aber nicht öfter dran. Bei den anderen scheint es, als wüssten sie schon, dass Mathematik nicht ganz oben auf der Skala ihrer Wunschfähigkeiten liegt, aber stoisch arbeiten sie ab, was sie nicht ändern können. Vor allem nicht ändern wollen, denn dass sie das absolvieren müssen, scheint ihnen vollkommen klar zu sein. Mit vierzehn Jahren? Ich sagte ja schon: Ich staune. 

Nach einer frühen Mittagspause dann Englisch. Die Lehrerin erzählte mir vor dem Unterricht, dass sie nicht jene Person sei, die regulär unterrichte, sondern sie bereite die Schüler auf ein morgiges Examen vor. Sie müssen aufstehen und sie im Chor begrüßen. Aha, also doch…  Die Frau ist von anderem Schlag, jünger, unerfahrener, zurückhaltender, jedoch führt das zu keinerlei Aufmupf unter den Achtklässlern. Spiele für Vierergruppen hat sie sich ausgedacht. Auf fünf Inseln im Raum wird nun für  jeweils fünfzehn Minuten geknobelt, dann gewechselt. Es ist laut, man springt auf, führt etwas vor, wofür die anderen den englischen Begriff zu finden haben, rennt mit großen Schritte durch den Raum, oder man würfelt und lacht überaus laut. Jeder macht mit. Wiederum nicht etwa in (schein)begeisterter Weise, sondern man nimmt sich einfach, was an Spaß zu haben ist. An Bewegungsmangel ist nicht zu denken. Mein Co-Hospitant wird ebenso wenig wahrgenommen wie ich: ein junger Mann, ein Student?, mit merkwürdig steifem Dauergrinsen und linkischen Bewegungen, der von Tisch zu Tisch geht, zuschaut, notiert, aber kein Wort mit den Schülern wechselt.
 
Nach dem Unterricht verschwindet er ebenso lautlos wie ich, die ich nun zum Zirkus unterwegs bin. „Meine“ Klasse ist nämlich eine Zirkusklasse, der Unterricht dort gehört zum regulären Programm. Einen halben Kilometer entfernt, im Sorin Sirkus, findet er statt, und er begeistert mich in seiner so unaufgeregten und selbstverständlichen Art. Zu Beginn führen zwei wohl professionelle Damen eine Artistiknummer mit großem Holzkasten vor, der zwischen ihnen herumwirbelt  und den sie in verschiedenen Schlangenmenschpositionen besetzen. Beide Frauen entsprechen nicht der gängigen Vorstellung kleiner, zerbrechlicher, biegsamer Artistinnen, eine von ihnen ist nicht einmal als schlank zu bezeichnen.

Ich erinnere mich plötzlich  eines erstaunten Ausrufes meiner Sportlehrerin nach einer sogenannten Bodenkür im Turnunterricht: „Schmidt, Schmidt“, sprach sie anerkennend, „fett, aber gelenkig!“, als ich sowohl Hand- als auch Kopfstand und Rad anstandslos gemeistert und mit einem perfekten Spagat geendet hatte…

Dieses Duo ist ungleich stärker, gelenkiger und geschmeidiger, als ich es je hätte sein können, und es bekommt Applaus. Ein gemeinsamer Tanz der Schüler zu lauter Musik folgt, der sie wohl aufwärmen soll, denn danach zerlegt sich die Gruppe in völlig freiwillig zusammengesetzt wirkende Untergruppen. Einzelne fahren auch Einrad oder jonglieren mit mehreren Bällen, klettern an Seilen empor, die sie gekonnt und die Füße wickeln und so immer höher hinauf gelangen, wo sie kunstvolle Gebilde aus ihren Armen und Beinen formen.

Zwei sitzen die ganze Zeit über relativ untätig an einem CD-Player, spotify ist das einzige Wort, das ich verstehe. Eine Gruppe hat sich dem Salto auf dem Boden verschrieben. Alle können ihn aus dem Effeff, nur eines der Mädchen hinkt nach, schafft ihn aber nach vielen erfolglosen Anläufen schließlich, was die ganze Truppe mit lautstarkem Beifall quittiert. Völlig im Hintergrund: die beiden Lehrer, ein Mann und eine Frau, die nur etwas sagen, wenn sie angesprochen werden.
 
Nach erstaunlicherweise wohl  für niemanden anstrengenden sechs Schulstunden, in der nicht eine Ermahnung ausgesprochen wurde, bleibt mein Fazit: Die Struktur des finnischen Bildungswesens mag dem der DDR tatsächlich ähnlich sein. Was fehlt, ist ideologische Zurichtung, Strenge und soldatisch zu nennende Disziplin, die wir allerdings durch sehr heftige Streiche und Ausfälligkeiten, die heute zu Schulverweisen in deutschen Schulen führten, zu durchbrechen wussten. In unserer erweiterten Oberschule, dem DDR-Gymnasium, war es zum Beispiel Tradition, dass die jeweils 11. Klassen am jeweils 11.11. um 11:11 Uhr einen Appell auszurichten hatten, bei dem er hoch herging. Jungen wurden aus den Internatsfenstern der Mädchen befördert, deren BHs an langen Leinen quer über den Schulhof aufgehängt wurden. Büttenreden. Faschingstanz. In jenem Jahr, als ich die 11. Klasse besuchte, wurde damit zu brechen versucht, der Appell abgesagt. Was taten wir? Kamen verkleidet und geschminkt zum Unterricht, erwiderten das „Freundschaft!“ des Lehrers zu Unterrichtsbeginn geschlossen und lautstark mit „Feindschaft!“, setzten uns verkehrt herum auf unsere Stühle und waren fortan immun gegen Unterrichtsversuche. Unsere Immunität musste so stark gewesen sein, dass der Appell im kommenden Schuljahr wieder stattfand…
 
Ystävyys!
Wernigerodessa! Ich bin begeistert von dieser Komposition, kenne ich doch sowohl Wernigerode als auch Odessa und weiß also, dass diese beiden Städte einander ungefähr so ähnlich sind wie ein Erdgasauto einem Wirsingkohlkopf. Beide Städte in einem Wort vereint zu sehen, nimmt mich sehr ein für die finnische Sprache, die offenbar das Unmögliche möglich macht. Gelesen habe ich das Wort im Faltblatt zur wunderbaren Ausstellung „Saunageborene“ von Alexander Lembke, die am vorvergangenen Freitag hier in Tampere eröffnet wurde. Aus dem Zusammenhang erschließe ich, das „Itä-Saksan Wernigerodessa“ vermutlich nichts anderes heißt als „im ostdeutschen Wernigerode“. Dort nämlich wurde Lembke 1976 geboren.
 
Zur Ausstellungseröffnung war es voll, einige der Saunageborenen gaben sich höchstselbst die Ehre und dem Publikum die Gelegenheit, sie neben ihren Porträts, allein, mit Familienangehörigen oder Freunden, zu fotografieren. Es gab Gespräche, Verabredungen, Wein nicht zu vergessen, so dass ich mir vornahm, die Ausstellung noch einmal in Ruhe anzusehen. Das tat ich vergangene Woche, gemeinsam mit meinem Mann, der für ein paar Tage zu Besuch gekommen war. Allein in den Räumen zu sein, war ein völlig anderes Erlebnis. Erst jetzt sah ich den Porträtierten in die Augen – und war still. An einer solchen Beziehung zu seinen „Objekten“, die es erlaubt, Gesichter in ihrer umwerfenden Ruhe bei aller Individualität vor allem Gleichmaß zeigen zu lassen, muss auch ein Fotograf lange stricken… Die Hundertjährige zeigt ihr Gesicht ebenso scheinbar frei von jeglicher Regung wie die Sechsjährige, und in allen Pupillen spiegeln sich Landschaft, Fensterkreuz oder Fotograf. Faszinierend.
Und jetzt bin ich erst recht froh, dass ich Alexander Lembke helfen konnte, ein Problem zu lösen: Man hatte ihm auf dem Flughafen seinen Laptop gestohlen, die Ausstellung stand in Frage. Ich beförderte in Hamburg gekauften Ersatz von Berlin nach Tampere, wo ihn Herr Lembke gleich nach meiner Ankunft am 1. Oktober entgegennahm. Ich sage hier lieber nicht, dass mir ein bisschen die Brust schwillt. Das wäre ja völlig daneben…
 
Daneben erscheint es mir auch, den wirklich sehr freundlichen und netten Finnen näher kommen zu wollen. Bei Spaziergängen oder im Bus wird Augenkontakt weitgehend vermieden, selbst wenn man sich freundlich bedankt, dass ich Platz gemacht habe zum Aussteigen. Und es sind nicht die Smartphones, jedenfalls nicht allein, die dafür sorgen. Komme ich, was selten und immer rein zufällig passiert, doch mal mit jemandem ins Gespräch, meist aufgrund meiner Aussage, nicht zu verstehen, was mein Gegenüber gerade gesagt hat, wird bei Älteren zuweilen Deutsch aktiviert. Die Frage, ob ich aus der DDR komme, folgt. Ich möchte immer „Nein“ sagen, weil es die DDR ja schon lange nicht mehr gibt, bezwinge aber meine Pedanterie und antworte um des lieben Friedens willen mit „Ja“. Und dann zieht eine große Freude über die Gesichter, als hätte man in mir einen Artgenossen ausgemacht. Es ist mir ein Rätsel.
 
Während ich am Abend darüber nachdenke, wie es zu lösen wäre, kommt mir der Plastikanteil meiner finnischen Interimswohnung in den Sinn. Hohö, nicht übel. Zum Beispiel im Bad: Plastikduschschlauch, Plastikduschwanne, Plastikduschkopf, Waschbeckenunterschrank, Waschbeckenüberschrank. Wer Finnland sagt, denkt doch eigentlich an Holz und Eisen, oder? Ich hingegen fühle mich auf einmal zurückversetzt in alte Zeiten. Als es die DDR noch gab, hieß Plastik Plaste. Noch heute erkennt man den Ostdeutschen am Gebrauch des Wortes, ob als –tüte, -teller oder –flasche.
 
„Plaste und Elaste aus Schkopau“ waren eingetragene Markennamen für starre und elastische Kunststoffe. Und aus denen bestand sehr viel in der untergegangenen Welt. Baumwollverstärkte Phenoplaste bildeten die Beplankung des Trabant-Skeletts. Metallene Duschköpfe waren allenfalls als Vorkriegserzeugnisse denkbar, und Milch anders als in durchsichtigen, blau bedruckten Beuteln zu kaufen, war in der späten DDR nicht mehr möglich. Wenn man von besonders hässlichen Dingen wie Blumenübertöpfen, Salz- und Pfefferstreuern, Saftsets oder Eiswürfeleimern absieht, erlangen die hässlichen beinahe schon wieder Kultstatus: Eierbecher in Hühnerform, oder Eierboxen, die gekochten Lieblinge auf Wanderungen sicher zu transportieren. Die Vielfalt des Angebots lässt darauf schließen: Es handelt sich nicht etwa um Lagerrestbestände,  sondern um Neu-Produktion. Dass die DDR auch Schrankbäder vorhielt, aus denen normgroße Plastewannen ausgeklappt werden konnte, wusste ich leider nicht aus dem Haushalt meiner Eltern, in dem es nur ein Waschbecken für alle in der Küche gab, sondern von der über uns wohnenden Frau Effner. Sie war klein und verwachsen, eine Gusswanne hätte ihr nichts genützt…
 
Ist Finnland plastikbesessen? Ist es der Retro-Effekt, der hier zieht und die DDR in den Strudel der Verklärung reißt? Fragen über Fragen.
 
Ich lasse sie ruhen und befestige in Bad eine neue Rolle Toilettenpapier auf dem sehr originellen Halter: ein Holzstück aus der Natur, abgeschliffen, geölt, an beiden Enden mit Ösen versehen und an einem Strick über zwei Haken gehängt. Zu öffnen ist die Verkabelung mit einem metallenen Karabinerhaken.
 
Ja, so habe ich mir Finnland immer vorgestellt.

Augen A. Lembke/Kathrin Schmidt
 
Gestern ist nicht heute, da ich bin. Also war ich gestern. In Turku. Wohingegen ich heute in Tampere bin. Morgen werde ich in Helsinki sein. Ich befinde mich also in der Sandwichposition zwischen zwei Städten. Sandwichkindern wird nachgesagt, dass sie Schwierigkeiten haben, ihre Position zu finden. In der Geschwisterreihe wie im Leben. Zum Glück bin ich kein Kind mehr, und Turku ist so wenig meine große Schwester wie Helsinki mein kleiner Bruder. Merkwürdig, dass ich mir heute trotzdem eingeklemmt vorkomme und merke, dass ich murre. Passenderweise heißt murre Dialekt auf Finnisch, und Turun murre ist die Turkuer Variante eines solchen.
 
Wie lange müsste ich Finnisch lernen, um ihn herauszuhören? Ich vermute, dass das eine müßige Frage bleiben wird in meinem Leben. Obwohl ich nicht schlecht Lust habe, mich an einer Berliner Volkshochschule anzumelden. Kurse gibt es in Reinickendorf und Steglitz-Zehlendorf. Das ist von meinem netten Einfamilienhäuschen am Ostrand Berlins meilenweit entfernt. Mit der S-Bahn brauche ich nach Zehlendorf eine Stunde und fünfundzwanzig Minuten. Nur acht Minuten länger dauert die Fahrt zur Volkshochschule im brandenburgischen Fürstenwalde. Sie bietet aber nur einen Schwedisch-Kurs an. Privatlehrer? Sprachschule? Im Grunde brauche ich darüber ja aber gar nicht nachzudenken, denn ich nehme zu gerne Stipendienangebote an weit entfernten Orten an. Zum Beispiel in Tampere, wo mir vor einer Woche bei einer unglücklichen Drehung in der Küche ganz kurz die Kniescheibe heraussprang, um sofort zurück zu gleiten.
 
Das klingt eigentlich nicht schlimm, aber der Moment reichte aus, mich zu Boden und in eine kleine Ohnmacht zu befördern. Vor Schmerz. Als ich mit Jaulen endlich aufhören konnte, dachte ich daran, wie Tampere am besten zu verlassen sei. Über den Flughafen Tampere-Pirkkala? Mit Stopp in Riga wäre das möglich gewesen. Zum Glück fiel mir einer der Söhne ein, der Arzt ist und ein inzwischen anerkannter Schmerztherapeut. Flugs sandte er mir ein Video, wie ich mit meinem Knie zu verfahren habe, unterwies mich im Auffinden von heftig zu drückenden Schmerzpunkten und empfahl eine dreistufige Manipulation des Meniskus. Bis zum Arztbesuch, den er in Deutschland empfahl, da man in Finnland auch nichts anderes tun könne, als den diagnostischen Apparat anzuleiern. Ich tat, wie mir geheißen. Mit gutem Ergebnis! Auch die tägliche Schrittzahl reduzierte ich vorsorglich. Bis gestern, als ich in Turku war. Da ging es lustig bergauf und bergab, treppab und treppauf, in den Dom und auf den Uni-Campus. Als ich endlich saß, auf einem erstaunlicherweise gepolsterten Allstudentenstuhl, zitterte das Bein. Mühsam hielt ich es fest.
 
Das Gespräch mit den Studenten wurde nicht im Turun murre, sondern auf Deutsch geführt. Sie befragten mich nach vorbereiteter Liste, ich antwortete ohne. Es wurde ein schönes Gespräch. Zwei ältere Herren saßen auch unter den jungen Zuhörern. Einer von Ihnen, der meinem Ohr als „Oskar“ vorgestellt wurde, wollte es wieder wissen: Was es in der DDR an Gutem gegeben habe. Ich muss mich bei solchen Fragen immer ein bisschen besinnen. Hatte ich bis dahin keinen guten Faden am System gelassen, kam ich nun auf das Scheidungsrecht zu sprechen, die durch die selbstverständliche Berufstätigkeit der Frau ökonomische Eigenständigkeit derselben. Auf die allumfassende Kinderbetreuung. Auf den Regelfall Poliklinik in puncto ärztlicher Betreuung.
 
Mich durchzuckt es bei solchen Aussagen immer sofort, ich fühle mich bemüßigt, viele Abers hinterher zu schieben. Über das Niveau der ökonomischen Eigenständigkeit. Über den Mangel an Wahlfreiheit, falls ein Kind weder Kinderkrippe noch –garten vertrug. Über ideologische Bedatterung vom Lebensanfang an. Über die Unmöglichkeit, eine ärztliche Zweitmeinung einzuholen. Und das ist erst der Anfang der Abers… Aber lassen wir das. Wahrscheinlich konnte ich Oskar nicht glücklich machen, obwohl er mir gefallen hat und ich das gern getan hätte.
 
Unglücklich blieb auch mein Bein, als es treppauf und bergab wieder zurück zum Bus humpeln musste. Nicht, das es sehr geschmerzt hätte, es wollte einfach nicht mehr und drohte den Dienst zu verweigern. Ich hatte genügend Zeit, von der ich ihm großzügig abgab. Blieb hier ein Weilchen stehen, setzte mich da ein wenig hin. Die Finnen taten das nicht. Es regnete, stürmte. Das Gute daran war, dass mich so keiner sah unter seinem Schirm oder der Kapuze.
 
Ich fühle mich eingeklemmt? Ach ja. Aber wahrscheinlich, weil heute Schnee draußen liegt. Sehr frischer und sehr viel. Weil es friert und taut und wieder friert und wieder taut, dass die Wege glatt, die Straßen rutschig sind, so dass mein Knie mich nicht hinauslassen will. Die lackierte Holztreppe vom Haus hinab einmal auf dem Hosenboden genommen zu haben, reicht. Ich bleibe im Haus und denke nach. Über meine kläglichen Versuche, dem Finnischen auf die Schliche zu kommen. Hämeenkatu, Hämeenpuisto, Hämeenlinna… Dass katu die Straße ist, weiß ich natürlich längst. Ich schlage nach: puisto heißt Park und linna Schloss. Was aber heißt hämeen? Vom Genitiv habe ich schon gehört, also lasse ich das letzte n weg. Für hämee gibt das Wörterbuch doch tatsächlich Scheiße an! Über die Scheißstraße zum Scheißschloss im Scheißpark? Ich wage das gar nicht zu denken, als ich zum Glück entdecke, dass mein Laptop das Wort hämee als ein estnisches erkannt hat. Ich klicke es fort. Erst unter Weglassen des zweiten e komme ich vermutlich der Wahrheit auf die Spur, dass Häme der Name jener finnischen Region ist, als deren bedeutendste Stadt Tampere gilt. Schwedisch Tavastland. Ich hätte mich ja auch früher mit finnischer Geografie beschäftigen können.
 
Im meinem eingeklemmten Zustand muss ich aber jetzt ein bisschen Sport treiben. Notgedrungen in meinem Holzhaus, das ich von vorn bis hinten und von hinten bis vorn wieder und wieder durchlaufe. Sport soll ja bekanntlich zur Urheilung vieler Gebrechen führen. Dafür bietet auch die kleinste Hütte Raum, obwohl ein Sportpark natürlich besser geeignet wäre. Bis ich aber wieder einen urheilupuisto aufsuchen kann, wird noch viel Zeit vergehen. Zeit, in der ich nachforschen kann, ob eine sprachliche Verwandtschaft zwischen ihm und der Urheilung besteht.

Auch wenn ich schon jetzt zu wissen glaube, dass dem nicht so ist.