Antje Rávik Strubel

Antje Rávik Strubel Foto: S. Fischer | Zaia Alexander

Antje Rávik Strubel lebt als Schriftstellerin in Potsdam. Ihr Werk, das acht Prosawerke sowie mehrere essayistische Reisebücher umfasst, wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Preis der Literaturhäuser 2019. Strubel hat am Deutschen Literaturinstitut in Leipzig gelehrt und war als erster Writer in residence 2012 an das Helsinki Collegium for Advanced Studies eingeladen. Sie hat Werke von Joan Didion und Lucia Berlin aus dem Englischen ins Deutsche übersetzt. Im August/ September 2019 ist sie als Stadtschreiberin auf Einladung des Goethe-Instituts für vier Wochen in Helsinki.

Antje Rávik Strubel: Finnland-Tagebuch

 
Ich spreche zu dir vom Vergessen
            mit dem Gedächtnis der Zukunft,
alles wiederholt sich und wiederholt sich nicht,
ich spreche von den Wassern des Vergessens,
            ich lasse das Gedächtnis sein,
und es ist ein anderes.
Ich sage Geliebte, Ersehnte;
Und sie ist fort. Und sie ist hier.

 

Mirkka Rekola
(Übers. Stefan Moster)



Nach knapp sieben Jahren bin ich zurück in dieser Stadt. Die Wasser des Vergessens haben sie nicht weggespült, mein Helsinki-Gefühl nicht unterspült, dieses eine, das sich nur mit dieser Stadt verbindet, seit ich sie im Herbst und Winter 2012 kennenlernen durfte. Schnell stellt sich Altbekanntes ein. Es regnet.
 
Als die Fähre aus Stockholm, mit der ich anreise, an Suomenlinna vorbeifährt, klatschen die Wellen, vom Regen gepeitscht an die rötlichen Felsen. Die Ostsee klatscht gegen die Hafenmauern im Stadtzentrum, sprüht gegen die Scheiben der grünen Straßenbahnen, läßt die Jollen schaukeln, auf denen Heringe und Räucherlachs verkauft werden. Die Windböen vom offenen Meer werden vom Schärengarten kaum abgebremst. Kraftvoll peitschen die Böen in die Prachtstraße, die Esplanade, hinein und treiben die Leute in die teuersten Cafés, ins Strindberg oder ins Kappeli, wo der Cappuccino fünf Euro kostet und das winzige Tortenstück acht, schrieb ich damals. Die Erinnerungen sind frisch, es ist leicht, die beiden Bilder nahtlos ineinander zu schieben, aber dafür ist diese Stadt wie gemacht: die Zeiten schieben sich hier ineinander.
 
Schon damals durchzuckten mich häufig Kindheitsgedanken. Heraufbeschworen von einem vertrauten Geruch, vom Anblick einer Landschaft, die nicht geordnet ist, vom Flackern der Neonröhre im Schriftzug eines Restaurants, von Ladenschildern, die vom Betreten des Ladens eher abzuraten scheinen. Damals wohnte ich in Leppävaara in einem ähnlichen Plattenbau mit verglastem Balkon wie als Kind, heute wohne ich in einem Hochhaus, das in seiner simplen Praktikabilität dem Studentenwohnheim in Potsdam ähnelt, das noch aus DDR-Zeiten stammt. Und doch sind solche Ähnlichkeiten vage, die Vergleichsgrundlage schwach.
 
Vielleicht ist der Anlass für das Kindheitszucken weniger die Illusion eines Wiedererkennens als vielmehr die Gegenwärtigkeit des Vergangenen in dieser Stadt. Ist eine Gesellschaftsordnung nicht mehr aktuell, wird sie nicht wie in Potsdam ausgemerzt, wo man noch jedes Steinchen wegräumt, den ein sozialistischer Hammer zurechtgehauen haben könnte - um dann ein Museum zu errichten, in dem ein Foto dieses Steinchens zu besichtigen ist.
 
Die Zeit und wie sie vergeht, die Geschichte und wie sie sich überholt, das ist in Helsinki sichtbar. Man hat entweder keine Lust oder sieht nicht die Notwendigkeit, sich mit Abreißen und Aufräumen zu beschäftigen. Man läßt das Schöne und das Häßliche einfach stehen: Den Palast der Nationalromantik neben dem Museum der Moderne aus Stahl und Glas. Gegenüber einer schicken Uferpromenade in der Innenstadt ein Kraftwerk. Hinter den Fackelträgern an der Fassade des Bahnhofs, ein Prunkstück des Jugendstils, graubraune Betonquader. Glänzender Globalisierungschic neben rümpeligem Fünfzigerjahredesign, Erschließungsgebiete neben historischen Weiden. 
 
Die Zeugnisse der langen schwedischen Regierungszeit sind ebenso sichtbar wie die der russischen Herrschaft und der späteren sowjetischen Einflußnahme. Die Denkmäler verbleiben. Es gibt Statuen von russischen Zaren, von schwedischen Adligen und deutschen Soldaten, Denkmäler für die finnisch-sowjetische Freundschaft, für den Weltfrieden und für den ertrunkenen Seemann. Die Architektur in dieser Stadt macht das Erinnern einfach, weil sie durchlässig ist. Weil sie bei Widersprüchen nicht verkrampft. Widersprüche werden von der altertümlichen Straßenbahn mühelos miteinander verbunden.
 
Und im Herbst, wenn die Häßlichkeit und die Schönheit hinter der ausdünnenden Belaubung der Bäume immer stärker hervortreten, werden die Bauwerke und Denkmäler in das herbe Gelb der Birken getaucht. Und der Blick hält für einen kurzen Moment inne. Und alles verbleibt. So geschah es vor sieben Jahren, und so geschieht es wohl auch in diesem Jahr. Und im nächsten. Allein das Wasser, das allgegenwärtige, hat die Macht, irgendwann die Unterschiede abzuwaschen und wegzuspülen.


Antje Rávik Strubel
Mehr als eine Million Finnen sind Mitglied eines Sportvereins.
Mindestens doppelt so viele aber kümmern sich ohne Verein um ihre Kondition.

 
Roman Schatz
 
 
Ich habe noch keine Großstadt erlebt, in der Bewegung an der frischen Luft so leicht fällt. Die Natur ist nicht nur einfach schön und deshalb vollwertiges Mitglied der Stadt. Sie wird als etwas verstanden, das aktiv und sportlich erlebt sein will.
 
Mit dem Rad muss ich keine der verkehrsintensiven Straßen nehmen, obwohl sie von Radwegen gesäumt sind, die man sich mit den Fußgängern teilt. Ich kann auf Alternativradwegen die garantiert schönsten Ufer bewundern, durch Wäldchen und Parks gondeln und bin immer noch im Zentrum. Auch für Fußgänger gibt es Alternativen, Sand- oder Kieswege für Läufer wie mich, denen Asphalt auf die Gelenke schlägt. Für Schwimmer gibt es Strände. Auch Kraftsport lässt sich an der frischen Luft betreiben. Outdoorfitnessgeräte stehen einfach in der Landschaft herum, für alle zugänglich, ob am Strand, an Sportplätzen, in Wäldchen oder neben einer Skateboardbahn. Historische Versionen, an denen sich Holzbalken in drei Gewichtsklassen in die Höhe stemmen lassen, werden um moderne Geräte ergänzt, die zwar keine Gewichte haben wie im Gym, dafür aber an der Salzluft auch nicht rosten oder verkleben können. Man drückt, zieht, schiebt und stemmt einfach das eigene Körpergewicht.
 
Ich bin seit anderthalb Wochen nur draußen. 
 
Einige der Läufer guckten mich anfangs komisch an. Ich dachte, das liege an meiner Sonnenbrille. Auf den Bügeln steht Aperol Spritz. Ich bekam sie umsonst an der Aperol-Spitz-Bar auf dem Sonnendeck der Viking Line, obwohl ich Lapin Kulta bestellte, und benutze sie behelfsweise, nachdem meine Sportbrille beim Kitesurfen in der Ostsee vor Gotland versank und bisher nicht vor Kaivopuisto angespült wurde. Es lag nicht an der Brille. Ich hatte die anderen Jogger automatisch gegrüßt. Man grüßt nicht. Erstens wäre das schon zuviel an Kommunikation, zweitens käme man vor lauter Grüßen nicht mehr zum Joggen, weil es, drittens, schließlich jeder macht, um sich fit zu halten fürs Skilaufen im Winter. Und wer nicht joggt, ist garantiert mit Walken, Radfahren, Schwimmen oder Paddeln beschäftigt. Gegen Abend und am Wochenende bricht halb Helsinki zur körperlichen Ertüchtigung auf. Was sich ohne Gedrängel oder Gebrüll zuträgt, im Grunde so geräuschlos, dass ich erst dachte, ich hätte nach dem Schwimmen vergessen, die Ohrstöpsel rauszunehmen. Klamotten spielen eine untergeordnete Rolle, wichtig ist, dass sie praktisch sind, man ist zwar am Meer, aber eben nicht in Kalifornien, wo man sich erst zu laufen traut, wenn die Muskeln schon sitzen und die Körper manikürt und durchgebräunt in hautengen Farben der Saison untergebracht sind. Hier schlabbern die Hosen oder sind kurz, Körper gibt es eher ungebräunt und in jeder Form, einige stecken in Neoprenanzügen. Das sind die Ausdauerschwimmer, häufig Frauen, die Seurasaari umrunden, eine luftgefüllte signalfarbene Boje hinter sich her ziehend, um nicht von begeistert vorbeirasenden Motorsportlern versenkt zu werden, die wahrscheinlich fürs Snowscooterfahren trainieren. Träge klatschen die Kraulschläge aufs Wasser.
 
Werde ich gefragt, wie ich meine Zeit in Helsinki verbringe, weiß ich nie, wie ich darauf antworten soll. Das Goethe-Institut bezahlt mich nicht fürs Austoben. (Immerhin habe ich gelesen, Finnen betrachten es als Charakterstärke, wenn man sich gern im Freien aufhält). Ich lasse mich treiben, sage ich dann.
 
Auf diese Weise gelangte ich nach Leppävaara, befördert vom Fahrrad des Goethe-Instituts, das allerdings nicht sportlich ist. Auch wird man sofort als Deutsche erkannt wegen der Buttons mit der Aufschrift Drahtesel, Schlafmütze oder Doppelgänger. Das ist blöd, denn Deutsch ist uncool (dazu mehr im nächsten blog).
 
In Leppävaara habe ich vor sieben Jahren gewohnt. Es ist nicht schön. Eine Plattenbausiedlung, vermutlich aus den Achtzigern, die jetzt mit Hochhäusern aufgeforstet wird, identische Fronten, anonyme Eingänge in zugigen Schluchten, durch die ab Oktober Regen und Schnee peitschen werden, begrenzt von einer mehrspurigen Schnellstraße auf der einen und einer mehrgleisigen Bahnstrecke auf der anderen Seite. Aber die Einwohner müssen die Schnellstraße nur unterqueren, und schon sind sie am Meer, auf historischen Weiden, in schilfbestandenen Buchten, wo man joggen, walken, radeln, skifahren und sogar Vögel beobachten kann. Jede Menge Hobbyornithologen frequentieren die Ausgucke aus Holz, weil sich seltene Arten gleich hinter den Hochhäusern zu ihren Langstreckenflügen in den Schilfgürteln sammeln (selbst die Vögel sind hier Ausdauersportler).
 
Wenn man auf der anderen Seite die Gleise unterquert, ist man im Wald. Jedenfalls würde ich diese Insel auf Granit, die mit Kiefern, Birken, Fichten und Blaubeeren bewachsen ist, als Wald bezeichnen. Für Finnen ist das wahrscheinlich bloß ein weiterer Park, in dem man Sport treiben kann. Es gibt Wege und beleuchtete Pisten, allerdings nicht, weil da einmal Panzerplatten gelegen haben, sondern weil sie zum Radfahren, Joggen und Skilaufen extra angelegt worden sind, so schonend, dass ich mich damals im Winter, auf den Anstiegen und Abfahrten im künstlichen Licht, oft allein in der Loipe wähnte, was, siehe oben, ganz und gar nicht der Fall war.
 
Mit der gekämmten, begradigten und hochfrequentierten deutschen Landschaft im Kopf kommt mir so ein Wald, den es überall zwischen Wohngebieten gibt, naturbelassen vor. Wildwuchs, ins Kraut schießende Balsaminel, kniehohe Ameisenhaufen, das weicheste Moos und dann ein Geräusch, als breche ein Reh durchs Unterholz, ist das tatsächlich noch Stadt? Nachdem ich eine Weile zügig gejoggt war, an einem verkrauteten Bachlauf entlang, über einen von Wurzeln durchzogenen Pfad an einer in den Wald geschlagenen Trasse mit gewaltigen Strommasten vorbei, schrie ein Kind. An der nächsten Ecke stand ein Haus, und dann schälte sich eine Siedlung aus dem Wald, die nicht idyllischer hätte sein können, sah man von der Stromtrasse in der Umgebung ab: Tavastberga. 
 
Aber ich muß mir wegen meines Frischluftprogramms keine Sorgen machen, wie ich jetzt weiß. Alexandra Stang vom Goethe-Institut erzählte mir kürzlich, in Bibliotheken könne man außer Büchern auch Ski ausleihen. Paradiesisch. Sogar das Lesen lässt sich in diesem Land spielend mit dem Sport verbinden. 


Antje Rávik Strubel
 
Wenn ich lese, denkt eine andere an meiner statt.
Wenn ich schreibe, denkt die Hand an meiner statt.
Wenn ich schlafe, frage ich nicht: gibt es mich,
Es gibt mich, und ich weiß, dass ich nicht frei bin,
ich kann mich nicht selbst betrügen: ich träume

 
Eeva-Liisa Manner*
 
Deutsch ist uncool. Das erfuhr ich ausgerechnet in der Deutschen Schule in Helsinki. Selbst dort wollen die Schüler*innen lieber Englisch als Deutsch sprechen. Englisch ist cool. Deutsch spricht man, weil die Eltern es wollen. Wählen würde man es nie. So eine Auskunft sollte ich nicht verbreiten, schon gar nicht im Netz. Man kann die Dinge auch herbeireden. Aber der Lehrer schien leise verzweifelt. Mit dem deutschen Abitur könne man ebenfalls niemanden mehr locken. Zu schwerfällig, zu wenig digital, zu unflexibel im Vergleich zum finnischen, das man, wenn man es beim ersten Mal nicht schaffe, auch in einem zweiten oder dritten Anlauf ablegen könne, gern am Computer.

Zugegeben: seit ich Finnland besser kennen lerne, rückt Deutschland immer mehr ins Abseits. Ins Aus. In eine geradezu dinosaurische Ferne. Deutschland, dieser alte, manövrierunfähige Tanker. Das fiel mir schon beim Sommerfest der deutschen Botschaft auf, die malerisch am Wasser in Kuusisaari liegt. Vor dem Tor kündigten zwei Kleinbusse die Richtung des Abends an: auf dem einen waren Thüringer Bratwürste zu sehen, die, wie zu erfahren war, in einer soundso viele hundert Meter langen Kette soundso viele hundert Kilometer mit einem Dieselfahrzeug aus Jena herbeigekarrt worden waren. Drinnen die Bestätigung: Es gab Bratwurst, Currywurst und Leberkäse. Vegetarier? Die können die Bratkartoffeln essen!

Nun habe ich in jedem finnischen Supermarkt Bratwürste entdeckt, die nicht nur nach Bratwurst schmecken, sondern auch so heißen. Man muss des Finnischen also nicht mächtig sein, um klimaschonend deutsches Bratgut einzukaufen. Man ist im Jahre 2019 auch nicht mehr gezwungen, mangels Alternative Deutschland als Land der Fleischfresser zu präsentieren (auch wenn der Botschaft zufolge alles Deutsche sehr männlich sein muss). Die Supermärkte im die Botschaft umgebenden Land haben ein Angebot, wie man es in Deutschland nur bekäme, würde man Kaufland mit dem KaDeWe kreuzen. Selbst im hohen Norden gibt es Zucchini und Tomate.  

Der zweite Kleinbus hatte die Combo des Stabsmusikcorps der Bundeswehr herbeigeschafft, die mit gut genährten Blechblasinstrumenten hübsche Weisen aufspielten, ohne vom Repertoire abzuweichen, auch nicht, als die Jungs vom Gardemusikkorps der finnischen Streitkräfte, die die edle Hütte rockten, gemeinsam rocken wollten. Am Ende spielte man zwar zusammen, aber das Liedgut der Deutschen hübsch vom Blatt, da hatte der finnische Sänger sich anzupassen. Warum etwas ändern, wenn sich das Repertoire seit Kohls Zeiten bewährt hat?! Nichts gegen Traditionen. Sie helfen, das Chaos des Lebens zu lichten. An diesem Abend wurde ich allerdings an die letzte große Jubiläumsfeier der SPD auf der Straße des 17. Juni erinnert. Dort gab es ausschließlich Bratwurst und Bier, es spielte eine Blasmusikcombo. Danach wählte diese Partei fast niemand mehr.  

Ich bin Schriftstellerin. Ich möchte nicht, dass meine Sprache keiner mehr wählt. Ich wäre sehr dafür, dass man sich bei uns zu Hause eiligst auf die Socken macht. Finnland ist kein schlechter Anfang, um sich etwas abzugucken.

Einen Arzttermin, den ich mit drei Klicks im Internet innerhalb der nächsten Stunde buche für eine von mir gewählte Länge bei einer ausgewählten Ärztin, um dann nach kaum zehn Minuten Wartezeit aufgerufen zu werden? 

Ein WLAN-Anschluss an meiner Joggingstrecke, der als Login-Punkt ausgeschrieben ist?

Eine Bibliothek, in der ich Kleider nähen, Kaffee trinken, am 3-D-Drucker selbst entworfene Geburtstagsgeschenke ausdrucken, Computerspiele spielen, Poster gestalten und drucken, auf einer Liegewiese herumlungern, Musik hören und ja, auch Bücher lesen kann und die, für alle frei  zugänglich, Wohnzimmer, Arbeitsraum, Treffpunkt, Denkraum, Café, Veranstaltungssaal und Wartezimmer für den Kinderarzt zugleich ist? Loan, not own lautet das Motto der Zukunft.
Ich glaube, ich träume!

In Deutschland halten Politiker Bibliotheken, solange sie nicht zu Unis gehören, nach wie vor für den Zeitvertreib von Arztgattinnen. Verstaubte, aussterbende Einrichtungen. (Wo doch das Prinzip Arztgattin das ist, was ausstirbt.) Wen wundert es da, dass wir sechs Millionen Leser*innen weniger haben als vor zehn Jahren? Wen wundert es, dass es immer mehr Köpfe mit nichts als braunen Spinnweben darin gibt?

Hier sind Bibliotheken cool. Ein öffentlicher Ort für alle.  

Dass Deutsch uncool ist, liegt nicht an der Sprache.
 
 
Antje Rávik Strubel

* Übersetzg. Maria Tapaninnen & Nils-Aage Larsson / Antje Rávik Strubel
 
LIEBE LESER!
Klammern sind ein Zeichen für die Unsicherheit der Erzählerin. Ich habe schon drei mal eine Klammer verwendet. Daraus können Sie schließen, dass ich sehr un-. (Ehrlich gesagt, finde ich, dass allzu sichere Erzähler gefühllos wirken. Finden Sie das nicht auch?)

 
Vilja-Tuulia Huotarinen*

Löyly gehört ab jetzt zu meinem aktiven Wortschatz. Löyly klingt, wie man sich fühlt, wenn man aus einer Sauna kommt. (Wie die lallenden L die zwei zwischen ihnen schwankenden, schwummrigen Vokale in der Senkrechten zu halten versuchen und am Ende den Schwächeren der beiden doch in die Knie gehen lassen!)

Passenderweise bezeichnet das Wort den Dampf, der aufsteigt, wenn Wasser auf die heißen Steine trifft. (Was in einer finnischen Sauna ununterbrochen der Fall ist.) Und zwar nur Wasser, reines, klares H2O, ohne jeden porenverklebenden Schnickschnack wie Eukalyptus-Öl und Grapefruitzusatz. Diese deutsche Dufterfindung ist nur ein weiterer Ausdruck der globalen Misere: Die finnische Sauna ist neben dem traurigsten Tango, der gemeinsten Mücke, den glücklichsten Menschen und Aki Kaurismäki die Verkörperung Finnlands. Es gibt sie überall. Und doch könnte sie außerhalb Finnlands nicht falscher verstanden werden. (Auf den Höhepunkt des Missverstehens stieß ich im Fitnessclub eines Colleges in Pennsylvania. In der fünfzig Grad warmen Kabine wies ein Verbotsschild darauf hin, dass das Wässern der Steine verboten sei; es handele sich schließlich um eine finnische Sauna.)  

Ich möchte hier etwas zur Verbesserung der Lage beitragen. Ich habe Erfahrung. Denn seit meiner Ankunft werde ich, sobald ich mich als halbwegs vertrauenswürdig erwiesen habe, großzügig mit Saunatipps versorgt. Ob Übersetzerin, Comedian oder Professorin, nach den ersten Sätzen sagen alle unisono etwas wie: Wenn du Sauna magst, geh unbedingt in die Sompa Sauna! Das habe ich gemacht. Ich habe in Helsinki und Tampere mittlerweile mehrere Saunas besucht. (Inklusive der Rauchsauna vor einigen Jahren insgesamt sechs.) Auch mein Wohnheim hat im Keller eine Sauna. Und neulich stand ein schwarzer Lastschlepper mit Schornstein und aufgemalten Flammen vor dem Ruderstadion in Taivallahti: eine Sauna-on-the-Road, falls ich grad keine zur Hand gehabt hätte.

Eine finnische Sauna ist ein Ort des Schwitzens (nicht mehr und nicht weniger). Umkleide, Spinde, Dusche, Klo. Manchmal enthält der Eintrittspreis noch ein Handtuch. Man legt sich dieses Handtuch aber nicht unter, wenn man in der Sauna ist. Man liegt ja nicht. Man sitzt. Und zwar auf einem Stück Papier oder (in der Kaupinoja Sauna) auf einem Holzbrettchen mit Griff, das schon andere benutzt haben, wie an den Salzkristallen erkennbar ist, die man besser abspült. Beim Saunagang muss man nicht leise sein. Man meditiert nicht, man bespricht hier Dinge, ganz im Rhythmus des klatschenden Wassers, das immer jemand Richtung Ofen wirft, so dass allein der Löyly manchmal den Geräuschpegel dämpft und mit seiner dampfende Hitze für ein Rein und Raus sorgt, das an eine Bahnhofshalle erinnert, bevor man zur Abkühlung in den Näsijärvi springt.

Ruheräume sind unnötig. Es sei denn, man zielt auf Touristen ab wie in der schicken Helsinkier Löyly-Sauna, in der durchreisende asiatische und amerikanische Menschen das finnische Saunafeeling zu erhaschen suchen, indem sie sich während des Schwitzens möglichst viel Bier einflößen. (Wieder so ein Missverständnis.) Bier ist völlig korrekt, nur eben vorher und nachher, sonst wird‘s ja warm. Aber selbst in diesem Ruheraum findet das Ruhen auf Hockern aus Baumstämmen und nicht auf Liegen statt. Gewöhnlich reichen harte Bänke an der frischen Luft oder Felsen am Ufer wie in der Rauhaniemi Sauna. (Die Rauhaniemi Sauna, von fern eine charmante Badeanstalt aus den Zwanzigerjahren, innen von eher proletarischem Charme, und die etwas modernere Kaupinoja Sauna liegen nur etwa zehn Minuten Fußweg voneinander entfernt und sind nicht die einzigen Saunas in Tampere. Ich vermute, dass Helsinki eine ähnlich hohe Saunadichte hat.) Beim gemischten Schwitzen in öffentlichen Saunas trägt man Badesachen. Ansonsten geht das auch nackt.

Was das Nacktsein betrifft, hielt ich mich für abgehärtet. (Im Gegensatz zur Mauer fielen die Hüllen in der DDR relativ leicht.) Aber mein ostdeutsches Nacktsein hat an Bedeutung verloren. Finnische Nackte sind mir an Stolz und Gelassenheit weit überlegen. Das wurde mir in der Kaurilan Sauna bewusst, einem einfachen, roten Holzhaus mit Plumpsklo im privaten Garten, es gab je ein Leinentuch, in einer Schale lagen handgemachte Seifenstücke. Zehn Frauen entkleideten sich auf der Veranda und in einem urigen Raum (einst eine Wohnstube), in der Mitte ein Tisch mit frischem Brot und Wasser. Die Sauna befand sich im Raum dahinter. Im Inneren dieses heißen, dämmrigen Tempels stiegen Bretter an drei Seiten zu Sitzreihen an. Von dort hatte man einen guten Blick hinunter auf den von Kerzen beleuchteten Altar aus einem Warmwasserbecken auf der einen und einem Holzofen auf der anderen Seite, den eine nackte Tempelhüterin auf der obersten Sitzreihe mittels einer langstieligen Schöpfkelle mit Wasser versorgte. Sie warf das Wasser lässig quer durch den Raum. (Wäre es nicht so dunkel gewesen, hätte man es fliegen sehen.) Nun traten immer wieder nackte Frauen vor den Altar, von den Kerzen magisch beleuchtet, um sich aus einem Holzeimer kalt zu übergießen, auch ich, als ich begriffen hatte, dass es keine Duschen gab. Die Abkühlung fand gleich in der Hitze statt. Die Tempelhüterin sah dabei gnädig zu (sie schwitzte hier schon sehr lange) und ermahnte mich, das kalte Wasser nicht ins Warmwasserbecken zu spritzen, was wegen der Enge schwierig war. Ich wand mich ein bisschen unter den brennenden Blicken der anderen, die sich auf den Rängen drängten. Was war mein Problem? Das war eine traditionelle Sauna, kein Kult, auch wenn das angesichts der spärlich von Leinen umhüllten weißen Gestalten, die in der Abenddämmerung auf der Veranda wandelten, von Vorbeikommenden leicht hätte vermutet werden können. (Es kam die ganzen zwei Stunden kein Einziger vorbei.)

In der kerzenhellen Holzofenhitze wuschen sich die Frauen eine nach der anderen Haare und Achseln, das Seifenstück wechselte von Hand zu Hand. Sie waren mit einer auf die Verrichtung des Waschens ausgerichteten Selbstverständlichkeit nackt. (Aber ja. Ihre Großmütter hatten in Saunas wie diesen einst Kinder zur Welt gebracht.) Nur ich verstand hier einiges falsch. Ich dürfe jederzeit rausgehen, ließ mich die Tempelhüterin sachlich wissen. Das sei nicht verboten wie in Deutschland. (Da war auch sie einem Missverständnis erlegen.)

Draußen war mir dann janz löyly.


Antje Rávik Strubel
 
*Übersetzung. Janina Orlov/Antje Rávik Strubel
 
 
Woher jetzt der klang, war doch auch diese melodie seit jahren verschwunden?
Nun aber kommt sie herauf, zugleich mit dem regenbogen.
Sind melodie und regenbogen der sehnsucht erlegen,
oder haben womöglich die beiden die sehnsucht im schlepptau
 
Helena Sinervo *


Vor einigen Jahren hatte ich ein Stipendium in New York. Auch dort schrieb ich einen Blog. In einem der Einträge steht: New York lässt mich Helsinki vermissen. Was genau ich vermisste, steht nicht da. Das Meer, die Vogelbeerbäume, den langsamen Rhythmus der Straßen, das Anlaufnehmen vor jedem Gespräch. Vielleicht ging es mir in New York auch einfach nicht gut.

Ich sitze an dem schmalen weißen Tisch in der Pohjoinen Hesperiankatu, an dem ich vier Wochen lang gesessen habe. Es ist mein letzter Tag. Der Ahorn vor dem Fenster färbt sich schon rot.

Die Bücher sind bis auf eines gelesen. Das Schneidebrett, das ich so lange gesucht habe und schließlich beim Aufziehen der Schublade, in der ich zu Hause das Besteck aufbewahre, als Ausziehbrett fand, ist abgewaschen, das Geschirr ins Abtropfgitter im Schrank verräumt. Die Flasche Olivenöl ist noch halb voll.

War ich nicht gestern erst in Herttoniemi Pilze sammeln? Helena hat sie gesammelt, und ich habe zugeschaut, überrascht, dass man auch weiße Pilze essen kann. Unser Gespräch war ein einziges langes Anlaufnehmen.

Über der Schnur im Bad, die mittels einer Halterung an der Wand gegenüber zur Wäscheleine wird, hängt noch die Regenjacke zum Trocknen, wie um den Ausflug zu bezeugen.

Schnur, Schneidebrett und Abtropfgitter folgen einer beeindruckend klugen, platzsparenden Logik. Die Gegenstände des täglichen Lebens sind in Finnland modernistisch reduziert. Mit den Buchstaben, um sie zu beschreiben, aber geht man verschwenderisch um. So viele Konsonanten und Vokale sind doppelt.

Ich spüre es schon, das Vermissen. Es kommt hinter meinem Rücken hoch. Ich weiß: Man kann sich auf alles einstellen. Also gehe ich noch einmal hinaus in den langsamen Rhythmus der Straßen, zu Vogelbeerbaum und Meer.

Antje Rávik Strubel



*Übersetzung: Kathrin Schmidt /Alexandra Stang