Band des Monats
open excess 

Porträt 3 junge deutsche Musiker
© Lucy Ella Photography

Drei Musiker, drei musikalische Stile, eine gemeinsame Leidenschaft: der Augenblick. Das ist die Kölner Jazzband open excess. Sie zeichnet sich durch einen lebendigen und überraschenden Sound aus, der zwischen spontaner Improvisation, grenzenloser Spielfreude und Offenheit für vielseitige musikalische Einflüsse oszilliert. Offenheit versteht das Trio dabei nicht nur im musikalischen Sinn – als mixed abled Band geht es den Dreien auch um soziale Inklusion. Bandmitglied Lucca Keller erzählt im Interview mit dem Goethe-Institut Lyon mehr dazu.

Von Hannah Kabel

Wie alles losging 

Die Geschichte von open excess begann eher zufällig: Kennengelernt haben sich Lucca Keller, Till Menzer und Torben Schug 2021 im Rahmen eines musikalischen Labors beim RoboLAB Festival im Odonien, dem größten Spielort der Freien Szene Kölns. Eigentlich war keine feste Band geplant, doch begleitet vom Kölner Produktionspartner Un-Label entstand aus der spontanen Begegnung der drei Jazzmusiker eine musikalische Verbindung, die sofort super funktionierte. Lucca Keller erinnert sich:  

Ich wollte schon lange in einem Trio spielen, aber es hatte nie geklappt – und als ich es gar nicht erwartet hatte, funktioniert es plötzlich. Das war alles sehr spontan – und wir sind bis heute bei dieser Spontaneität geblieben.“ 

Und so ging aus einem punktuellen Experiment ein festes Ensemble hervor, dessen Markenzeichen die Freude am Improvisieren ist. Inzwischen tritt open excess regelmäßig im renommierten Kölner Jazzclub King Georg auf und ist eine feste Größe der Jazzszene in Nordrhein-Westfalen. 

Drei Musiker, drei Stile, eine Leidenschaft 

Die drei Musiker bringen unterschiedliche Erfahrungen und musikalische Perspektiven in das gemeinsame Projekt ein. Lucca Keller beschreibt den Schlagzeuger Till Menzer als einen „ausgefuchsten“ Musiker mit enormer Bühnenerfahrung, ausgeprägter musikalischer Sensibilität und großer stilistischer Offenheit: 

Till interessiert sich nicht nur für Jazz, sondern auch für viele andere musikalische Traditionen. Er hat in Istanbul studiert, und so fließt zum Beispiel orientalische Percussion in seine Musik mit ein.“ 

Auch Bassist Torben Schug bringt einen vielseitigen musikalische Hintergrund mit, der die Genres Jazz, Rock, Pop und Metal umfasst. Über die ästhetische Arbeit hinaus ist dem Musiker und Dozenten der soziale Aspekt des Bandprojektes ein wichtiges Thema:  

Torben engagiert sich auch in sozialen Projekten, die mit Inklusion zu tun haben, und möchte unterschiedlichen Menschen Zugang zu Musik verschaffen.“ 

Der Pianist und Komponist Lucca Keller selbst ist in der Kölner Jazzszene als ein Grenzgänger bekannt, der sich gern aus harmonischen Vorgaben löst und dies in den unterschiedlichsten Kollaborationen austestet. 

Improvisation als gemeinsame Leidenschaft 

Das Repertoire von open excess besteht überwiegend aus Eigenkompositionen der drei Musiker in der Tradition von Miles Davis, Wayne Shorter und Roy Hargrove. Ihr Stück A New Chapter beginnt mit Wortfetzen, die sich über groovige Keyboardklänge und pulsierendes Schlagzeug legen. Das wirkt zunächst skizzenhaft und entwickelt sich dann zu einem melodischen, rhythmisch treibenden Stück, das immer neue Wendungen nimmt.  
 
Doch viel wichtiger als die Kompositionen ist für das Trio die Spontaneität - so entsteht die Musik oft erst auf der Bühne, in der unmittelbaren Interaktion zwischen den Musikern. Lucca Keller erzählt: 

Oft entstehen beim Improvisieren auf der Bühne sehr überraschende Momente. Einmal haben wir in der Jazzschmiede Düsseldorf gespielt, und das war lustig, als Torben und ich ungeplant dieselbe Idee gespielt haben. Es ist toll, wenn unsere Ideen aufgehen auf der Bühne!“ 

So bildet beim Song Jana takes the B-train eine entspannt groovende Basslinie das Fundament für ein Schlagzeugspiel voller Überraschungen und unkonventioneller Akzente. Darüber verlässt das Piano immer wieder harmonische Gewissheiten und eröffnet neue Klangräume. Das Stück lebt von der Spielfreude und dem Mut zur Grenzüberschreitung. Und wer Jana ist? Die Antwort bleibt offen – passend zu einem Stück, das seine größte Stärke im Unvorhersehbaren findet. 

Der Bandname ist Programm 

Die Idee des Überschreitens von Grenzen findet sich auch im Namen der Band wieder: Ursprünglich wollte sich die Gruppe „Open Access“ nennen, für „offenen Zugang“ oder „Barrierefreiheit“. Dahinter stand die Idee, Barrieren abzubauen und Musik für möglichst viele und diverse Menschen zu machen. Weil es bereits eine Band mit ähnlichem Namen, die „Access Makers“ gab, wurde daraus schließlich „open excess“. Für Lucca Keller erwies sich diese Veränderung im Nachhinein als Glücksfall:  

Neben der Offenheit beschreibt ‚Exzess‘ auch die Lust aufs Impulsive, aufs Kreative und auf das Überschreiten von Grenzen. Und genau diese Energie macht unseren Sound aus.“ 

Das Thema Barrierefreiheit und die Frage danach, wie Musiker*innen mit Behinderung Wege zu einer professionellen Künstlerkarriere geöffnet werden können, steht für open excess ganz oben auf der Agenda. Lucca Keller bezeichnet sich selbst als Künstler mit Behinderung: Er hat eine fortschreitende Bewegungs- und Haltungsstörung (dyskinetische Zerebralparese), hervorgerufen durch Sauerstoffmangel nach der Geburt. Seinen Karrierewunsch als Jazzmusiker verfolgt Lucca Keller zielsicher. Derzeit studiert er Jazzpiano an der Folkwang Universität der Künste in Essen, vorher bildete er sich an der Musikschule Fürth mit ihrem inklusiven pädagogischen Ansatz weiter. Doch der Pianist unterstreicht:  

Für viele Musiker mit Behinderung ist der Zugang zu Musikhochschulen in Deutschland unmöglich oder sehr schwer. Ich hoffe, dass Musiker mit Behinderung in Zukunft mehr gesehen werden, und dass ihr Talent erkannt und gefördert wird.“ 

Das Trio open excess jedenfalls beweist, dass kreatives Talent und Diversität eine perfekte Symbiose ergeben. Einen Eindruck davon kann man sich am 17. Oktober im Goethe-Institut Lyon machen, wenn das Trio im dortigen Goethe-Loft auftritt.  

Das Trio open excess wird durch das Music & Sound Department von Un-Label produziert. www.un-label.eu 

Band des Monats auf Spotify

Jeden Monat stellen wir euch eine Band oder eine*n Sänger*in aus einem deutschsprachigen Land vor – den Musikstilen sind keine Grenzen gesetzt. Mit dieser Playlist könnt ihr in die Musik der vorgestellten Künstler*innen hineinschnuppern.

 

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