Ingeborg Rabenstein-Michel

Das deutsch-französische Geschichtsbuch

Histoire - Geschichte © Klett, Nathan
Diskussionsrunde
Mittwoch, 28.02.2007, 18.30 Uhr
Goethe-Loft

Podiumsdiskussion zwischen:
Pierre Monnet, Studiendirektor an der EHESS
Michael Werner, Direktor des CIERA
Jean-Marc Verron, Geschichts- und Geographielehrer, Lycée Jean-Paul Sartre (Bron)

Moderation: Ingeborg Rabenstein-Michel, Germanistin, Maître de conférences am IUFM de Lyon
 


2006 erscheint simultan in Deutschland und in Frankreich der erste Band des deutsch-französischen Geschichtsbuches, „Europa und die Welt seit 1945“, bestimmt für die Terminales (Abiturklassen). 2008 werden Band II („Europa und die Welt vom Wiener Kongress bis 1945“) und 2010 Band III („Europa und die Welt von der Antike bis 1815“), jeweils für die beiden oberen Sekundarstufen Premières und Secondes, folgen. Die drei Bände sind das konkrete Ergebnis eines langen Entwicklungsprozesses, dessen Beginn manche sogar am Ende des 19. Jahrhunderts ansetzen.

Genauer betrachtet beschließen Präsident Jacques Chirac und Kanzler Gerhard Schröder 2003, anlässlich des 40. Jahrestags des Elysée-Vertrags, das Projekt endlich zu verwirklichen. Die Ziele sind dabei sowohl politisch als auch pädagogisch: politisch als Initiative zugunsten der Verstärkung der deutsch-französischen Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union. Die zusätzliche Ankündigung, den 22 Januar von nun an zum deutsch-französischen Tag zu erklären, verstärkt den symbolhaften Aspekt des Abkommens zwischen den beiden Ländern. Pädagogisch die Absicht, ab den letzten Klassen der Sekundarstufe ein gemeinsames Geschichtsbewusstsein zu schaffen, eine europäische Perspektive als deren Ergebnis man eine Abkehr von einer zu nationalen, bzw. nationalistischen Geschichtsbetrachtung erhofft.

Das von einem deutsch-französischen Team konzipierte Geschichtsbuch entsteht unter der Leitung von Peter Geiss und Guillaume Le Quintec. Der französische Verband der Geschichts- und Geographieprofessoren ist einer der aktiven Mitarbeiter. Jean-Marc Verron, regionaler Vertreter des Verbands, nimmt so an der Veranstaltung, die ich im Februar 2007 im Goethe-Institut Lyon leite, teil. Er bringt erste Beobachtungen zum Umgang mit dem Geschichtsbuch im Unterricht und unterstreicht das Interesse dieses doppelten Blicks auf die Geschichte, die umfangreiche Dokumentation (und vor allem das reiche Bildmaterial), und die lebhaften Diskussionen, die die verschiedenen Kapitel des Buchs auslösen. Allerdings gibt es auch Schwächen: die problematische Übersetzung einzelner Begriffe, der Unterschied zwischen zwei verschiedenen pädagogischen Ansätzen, und vor allem die Schwierigkeit, die Arbeit mit dem Buch mit den französischen Lehrplänen zu vereinen. Sehr schnell hatte sich so die Frage gestellt, ob das deutsch-französische Geschichtsbuch in der Klasse als einzige Lehrunterlage verwendet werden kann oder eher als willkommene Ergänzung zum üblichen Lehrbuch.

Das deutsch-französische Geschichtsbuch war und bleibt trotz allem, wie es Michael Werner (CIERA) und Pierre Monnet, der ehemalige Rektor der Deutsch-französischen Hochschule, unterstreichen, ein außergewöhnliches Projekt von hohem Interesse, das auch andere Länder inspiriert hat in seiner Absicht, der Versuchung eines zu einseitigen Geschichtsverständnisses und -unterrichts entgegen zu wirken, die Schüler dazu zu bringen, sich zu dezentrieren, Distanz und ein neues Bewusstsein zu gewinnen, zu diskutieren und Position zu beziehen. Die Schlüsselkonzepte, die das Werk strukturieren, sind dabei die Erinnerung, die deutsch-französische Aussöhnung und der Aufbau eines gemeinsamen Europas, zu denen das deutsch-französische Geschichtsbuch mit seinem „entnationalisierten“ Lehransatz einen entscheidenden Beitrag leistet.

Ingeborg Rabenstein-Michel
 
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