Interview mit Paul Wiersbinski Über virtuelle Realität und einen Hang zum Analogen

Paul Wiersbinski
Beispiel aus Paul Wiersbinskis Arbeit | © Paul Wiersbinski

Paul Wiersbinski ist der Residenzkünstler des Goethe/SPACE Residenzprogrammes 2018. Bevor er im Januar nach London gekommen ist, haben wir mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Sie beschäftigen sich viel mit Fragen der Überwachung. Fühlen Sie sich selbst überwacht?

(Lacht) Ich glaube, ich bin nicht wichtig genug, um überwacht zu werden. Zumindest fühle ich mich nicht so. Aber wir werden natürlich alle irgendwie überwacht und überwachen uns auch gegenseitig. Mein Vater kommt aus der DDR und wurde auf jeden Fall stark überwacht und die Stasi hat tausende Seiten Akten über ihn angelegt, wann er den Hausflur geputzt und wann er sich mit meiner Mutter gestritten hat. Ich glaube, es geht viel um ein Gefühl bei der Überwachung – es hat gar nicht so viel mit Äußerlichkeit, sondern eher mit Innerlichkeit zu tun, es sei denn, man ist ein politischer Aktivist oder lebt in einem totalitären Staat, aber das ist bei mir ja nicht der Fall.

Ihre Arbeit mit virtueller Realität hat oft interaktive Elemente. Welche Reaktion wünschen Sie sich vom Publikum?

Wenn man Videobrillen benutzt entsteht ein sehr immersiver Eindruck. Mittlerweise werden sie auch in der Psychologie für die Empathieforschung verwendet, weil interessanterweise durch diesen sehr intimen Eindruck die Möglichkeit entsteht, eine Verbindung zwischen zwei Menschen herzustellen, die noch intensiver ist, als wenn man nur miteinander redet. Man denkt etwa, man sähe seine eigene Hand, wenn der andere seine ins Bild hält. Obwohl ich ja kein Wissenschaftler bin, würde ich damit gerne weiterarbeiten. Und das würde ich auch gerne mit der Nachbarschaft verbinden, wo ich in London bin, und mit dem Aspekt der Überwachung und Virtualität.

Was das Publikum dann davon hält, das weiß ich vorher nicht, aber das wäre ja auch langweilig! Ich bin vor allem gespannt, zu sehen, was die Londoner mit der Arbeit anfangen. Das Publikum hier ist ja auch anders als in Deutschland, wo die Leute doch sehr vorsichtig und kritisch sind, was diese Technologie angeht, aber im angelsächsischen Raum sind die Leute oft offener. 

Virtualität ist ein wichtiges Stichwort in Ihrer Arbeit. Was ist Ihnen lieber: die virtuelle oder die analoge Welt?

(Lacht) Ich bin ziemlich analog. Ich habe auch kein Smartphone, kein Facebook, keine Social Media, aber ich beschäftige mich in meiner Arbeit trotzdem damit. Außerdem werde ich damit konfrontiert, weil alle meine Freunde diese Dinge haben. Ich bin da eher so ein Dinosaurier. Ich finde den Wechsel zwischen beidem besonders spannend und ich glaube man muss eine Pendelbewegung dazwischen hinkriegen.

Haben Sie das Gefühl, dass es Sie in Ihrer Arbeit begrenzt, nicht auf Social Media zu sein? Vor allem aus Londoner Sicht scheint eine Social-Media-Präsenz für viele Künstler unabdingbar.

Ja, das stimmt. Es ist eine Begrenzung, nicht dabei zu sein, aber es ist ja auch eine Begrenzung, dabei zu sein. So habe ich für andere Dinge Zeit. Ich habe trotzdem Freunde, auch wenn ich nicht auf Facebook bin. Also man hat dann einfach andere Dinge, die man mit seiner Zeit tut. Aber bei mir war die Entscheidung nie eine ideologische. Ich hatte einfach nie das Gefühl, das zu brauchen und habe deshalb nie damit angefangen. Ich habe eh schon das Gefühl, ziemlich viel vorm Computer rumzuhängen (lacht).

Welche Ihrer bisherigen Arbeiten gefällt Ihnen am besten und warum?

Das ist schwer zu sagen. Naja Ich habe mal ein Projekt über Insekten und Schwarmintelligenz gemacht. Da bin ich viel rumgereist, habe Interviews mit Forschern geführt, Installationen und Performances. Aber auch das Thema, worüber ich meine Doktorarbeit schreibe – Kunst und Computerspiele – ist ein Thema was ich sehr gut finde. Ich würde aber nicht sagen, dass eine Arbeit die allerbeste ist. Und ich finde auch, das hat gar nicht so viel mit Erfolg zu tun. Das Verhältnis zur eigenen Arbeit ändert sich auch ständig.

Und woran arbeiten Sie noch aktuell?

Ich bin für ein ‚Kunst am Bau‘-Projekt nominiert worden. Das ist für mich was ganz Neues! Da reiche ich einen Vorschlag ein, und wenn ich Glück habe, wird der umgesetzt und vor der Humboldt-Universität bis zu meinem Lebensende und darüber hinaus stehen. Mal sehen. Jetzt freue ich mich auf London.