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Protestsongs in Deutschland
„Macht kaputt, was euch kaputt macht!“

Wer protestiert, macht heute oft Hip-Hop wie das Trio Ok Kid! aus Köln.
Wer protestiert, macht heute oft Hip-Hop wie das Trio Ok Kid! aus Köln. | Foto (Ausschnitt): Stefan Braunbarth / Sony

Underground ist kompliziert geworden. Denn er setzt voraus, dass es Normen gibt, gegen die protestiert werden muss. Eingebettet in die Bequemlichkeit einer Konsumkultur fällt das jedoch schwer. Noch am ehesten schafft heute der Hip-Hop den Spagat protestierender Glaubwürdigkeit. Der Weg dorthin jedoch war kurvig.

Popmusik in Deutschland hat zahlreiche britische und amerikanische Geburtshelfer. Der hüftschwingende Südstaaten-LKW-Fahrer Elvis Aaron Presley zu Beispiel kam 1958 mit dem Truppentransporter General Randall nach Bremerhaven. Zwei Jahre später machten die Liverpooler Beatles die Clubs rund um die Hamburger Reeperbahn unsicher. Schnell entstanden aus der Verehrung für diese Originale eigene Bands und Solokarrieren. The Rattles etwa um Sänger Achim Reichel gewannen im Februar 1963 im Hamburger Starclub Hamburg einen Bandwettbewerb und galten daraufhin als die deutschen Beatles. Das Widerständige in dieser noch ungelenken und Schul-Englisch singenden Subkultur beschränkte sich auf „feminine“ Haarlängen und einen wilden Lebensstil jenseits der typisch deutschen Tugenden.

Anfänge des Protest-Pop

Protest im Pop, der sich in ausformulierten Texten manifestierte, sollte parallel zur Erfindung der Hippiekultur an der US-Westküste und den psychedelischen Drogentrips ab Mitte der 1960er-Jahre beginnen. Ob nun die Liedermacher auf der Rheinland-Pfälzischen Burg Waldeck um Franz-Josef Degenhardt das Dagegen-Sein in der deutschen Musikszene erfunden haben, darüber lässt sich streiten. Ein breiteres gesellschaftliches Klima jedenfalls war in den Metropolen erst vorhanden, als der 1969 entstandene Song Macht Kaputt, Was Euch Kaputt Macht der Berliner Anarcho-Poeten Ton, Steine, Scherben seine Kreise zog.

Von da an bildete sich die Szene, die den musikalisch transportierten Protest auch politisch und gesellschaftlich umsetzte. Die Rocker und Folkbarden mussten schließlich noch ihre eigene Sprache finden, denn Deutsch gehörte bis dato der Schlagerzunft – und galt somit mindestens als uncool. Substanzieller wurde die Opposition mit Veranstaltungen wie den „Essener Songtagen“ (gegründet 1968) oder mit Einzelkarrieren, etwa der aus der DDR ausgebürgerten Bürgerrechtlerin Bettina Wegner oder ihrem wortgewaltig agierenden Landsmann Wolf Biermann.

Seit der Düsseldorfer Joseph Beuys 1982 sein Sonne statt Reagan fabulierte (mit Strophen wie „Mensch, Knitterface, das Spiel ist aus. Nimm deine Raketen mit nach Haus!“) oder die Kölner Formation Gänsehaut die Umweltaktivisten-Ballade Karl, der Käfer (1983) dichtete, wurde gesungener Protest über die Kreise übrig gebliebener Revoluzzer der Hippie-Zeit populär. Stilistisch blieb diese Szene jedoch auf das Folk-Spektrum reduziert, die „Rocker“ hielten sich, von den Scherben einmal abgesehen, mit ihrer Protestlyrik zurück. Ein Sprachkünstler wie Udo Lindenberg sang lieber von derben Motorradrockern und anderen sinistren Gestalten.
Ton Steine Scherben: Macht kaputt was euch kaputt macht, source: YouTube

Subkultur und Neue Deutsche Welle

Mit dem kurzzeitigen Aufflammen von Punk und der Neuen Deutschen Welle bekam das Texten auf Deutsch dann eine breitere stilistische Basis. Elektroniker, Gitarrenquäler und Minimalisten – sie alle experimentierten mit der Muttersprache. Protest, Dada und Neutöner beeinflussten sich gegenseitig, anfangs weithin unbehelligt von den großen Labels der Schallplatten-Industrie und dem Flair der Subkultur. In diesem urbanen Underground legte man Wert auf die Abgrenzung zum kommerziell empfundenen Deutschrock mit Bands und Künstlern wie BAP aus Köln, Herbert Grönemeyer, Klaus Lage oder Wolf Maahn.

Erst die Fun-Punk-Band Die Ärzte überwand mit dezidiert gesellschaftskritischen Texten in den späteren 1980er-Jahren diese Grenze zwischen dem protestierenden Rock-Establishment und den meist jüngeren Postpunks. Die Goldenen Zitronen wiederum ließen sich nach ähnlichen Punk-Anfängen durchaus auch von Krautrock und dem knospenden Hip-Hop inspirieren, Songs wie Das bisschen Totschlag (1994) beispielsweise prangerten den Rechtsextremismus der Wendejahre und den laxen Umgang von Politik und Justiz mit der rechtsextremen Gewalt an. Der Anarcho-Punk der zweiten Generation in den 1990er-Jahren brachte wiederum stilistisch kaum neue Spielarten hervor, sondern agitierte im wilden Gitarren-Stakkato gegen rechte Gewalt, staatliche Willkür oder auch den Drill bei der Bundeswehr, wie etwa die schwäbische Band Wizo in Doof wie Sch….

Mit dem Mauerfall 1989 und der deutschsprachigen Adaption der ursprünglichen New Yorker Vorstadt-Kreation Rap wurde die Generation der damals Zwanzigjährigen darüber hinaus von „Lyrics & Protest“ erfasst. Der Hip-Hop-Track Fremd im Eigenen Land des Heidelberger Trios Advanced Chemistry (1992) etwa setzte früh einen Gegenpol zu den lockeren Spaßreimen des weitaus erfolgreicheren Quartetts Die Fantastischen Vier aus Stuttgart. Ob kritisch, satirisch oder banal – man durfte jedenfalls wieder auf Deutsch dichten und eine ganze Generation junger Musiker von der Hamburger Schule bis zum mundartlichen Landwiderstand à la Ringsgwandl oder Kofelgschroa traute sich plötzlich was. Manch einer erhob die Stimme sogar Richtung Kunst wie der Kölner Peter Licht, der 2006 augenzwinkernd seine Lieder vom Ende des Kapitalismus formulierte.

Hiphop als Sprachrohr

Während die quietschbunten Hedonisten der Techno-Ära mit ihrer Partylaune systemkonformer und konsumaffiner kaum hätten sein können, wuchs im Hip-Hop grauer Vorstädte bis zur Gegenwart neues, wenn auch inhomogen artikuliertes Protestpotenzial heran. So textet heute beispielsweise die Kapitalismus-kritische Anarchist Academy in Es ist die Systematik: „Keiner weiß, was Hunger wirklich ist, und was es bedeutet, wenn Du ein Flüchtling bist“. Kommerziell erfolgreichere Formationen wie die Kölner Crossover-Crew Ok Kid! oder der Rapper Caspar arbeiten sich hingegen am allgemeinen Unwohlsein der Generation Y ab und führen in Liedern wie Gute Menschen (Ok Kid!, 2015) schon mal den Faschisten von nebenan vor. Doch zu einer echten Underground-Szene führt das nicht. Es bleiben einzelne Stimmen, die wie die Erfurter Liedermacherin Sarah Lesch mit ihrem Song Testament im Februar 2016 den „Protestsongcontest“ in Wien gewinnen können, einem Lied, das sich der Gesellschaft im Allgemeinen und der als unmenschlich empfundenen Schule im Speziellen widmet.

So sind die Grenzen zwischen künstlerischem Widerstand und marktkonformer Cleverness fließend geworden. In einer Zeit, wo die ökonomische Schere zwischen reichen Superstars und dauerhaft prekären Künstlern und Künstlerinnen immer weiter aufgeht, wird das künstlerische Jonglieren zwischen Markt und Möglichkeit, Abhängigkeit und Autonomie zur Herausforderung. Es gehört zum Wesen der Popmusik, dass private Befindlichkeiten herausgestellt werden. Der umgekehrte Weg, Politik zur Privatangelegenheit zu erklären, hat sich von der Empathie der Siebzigerjahre in die Zurückhaltung der Gegenwart verwandelt. Denn vom ehrlich-aufrechten Protest zur durchsichtigen Peinlichkeit sind es oft nur ein paar Zeilen und viele Künstler sind da vorsichtig geworden.

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