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Gábor Némeths Rede an der Ausstellungseröffnung am 10. März
Lokaler Patriot Miklós Déri: Tagebuch „R“

Rákóczi tér
© Déri Miklós

Es wäre sehr einfach, vom Thema selbst auszugehen, wenn man über diese Bilder spricht. Allerdings würde man so in die Falle des „nyóckerezés“ [Bezeichnung für Narrative über den VIII. Budapester Bezirk, der im örtlichen Jargon „nyócker“ genannt wird] tappen und die Aufmerksamkeit auf die sogenannte soziale Sensibilität lenken. Ist man aber, wenn man Miklós Déri heißt, nicht einfach sozial sensibel, sondern wohnhaft, so ist man in einem Abwasch – sprich: mit Haut und Haaren – Lokalpatriot. Man vertritt dann nicht die Erniedrigten und Vergrämten, sondern ist einer von ihnen, teilt folglich noch weitere achtundneunzig Empfindungen mit ihnen, und das hinterlässt irgendwie Spuren, wird sichtbar auf den Bildern. Jedem fertigen Foto gehen Millionen Blicke voraus, hinter einem guten Bild verbergen sich tausend nicht gemachte Bilder; Déri läuft die Straße entlang, er hat sich jeden Zentimeter schon tausendmal angeschaut, ihn regt nichts so einfach auf. Dabei ist die Bedingung für ein gutes Bild gerade dieses Aufgeregt-Sein: Der Anblick ergreift dich, bewegt dich, bringt dich dazu, ihn festzuhalten.
 
Eigentlich passiert nicht viel: Er tritt auf die Straße, spaziert zur Rákóczi-Taverne oder zum Café Csiga. Stößt er dabei auf etwas, dann fotografiert er es. In Wirklichkeit aber arbeitet er auch während seines Spaziergangs, ob er es nun weiß oder nicht – zumindest bezeugen das die Bilder –, und zwar in dem Sinne, dass ihn die strengen fachlichen Fragen beschäftigen: die Komposition, die Draperie, die Farbenlehre, die Beschaffenheit der Fläche. Wie ich sehe, summiert er mit dieser Serie gewissermaßen zufällig und unbeabsichtigt all das Fachwissen, das er während seiner bisherigen Laufbahn angehäuft hat; zugleich markiert er vielfältige Aspekte seiner wechselnden Interessen. Aus dem Fluss der Zeit herausgegriffene Porträts, die beinahe bühnenhafte Figuralität der Straßenfotografie, die Dramatik eines für den Moment sensiblen Reportage-Fotos, die Reime zufälliger Koinzidenzen, die neugierige Solidarität – all dies ist jenen, die die Laufbahn von Miklós Déri verfolgen, wohlbekannt.
 
Das Wunderbare am Fotografieren ist unter anderem, dass Entscheidungen technischer Art, auch die allereinfachsten, ganz komplexe ästhetische und moralische Konsequenzen haben. Diese Bilder beispielsweise wurden mit einem nicht sonderlich raffinierten Mobiltelefon gemacht, bei dem man nur das Licht und die Belichtungszeit einstellen kann, und dessen Inhaber bezeichnenderweise nicht sagen kann, wie viele Megapixel es hat. So rückte die Komposition als Bildgestaltungselement in den Vordergrund. Demzufolge hat der Inhaber des Telefons, mangels anderweitiger Beschäftigung, die sogenannte – ich nenne sie so – Zweitakt-Fotografie erfunden. In der Regel lesen wir ein Foto auf narrative Weise, wir nähern uns ihm mit einem natürlichen, alltäglichen Realismus, als wäre es gar kein Bild, sondern ein Fenster auf die Welt. Auf den spannendsten Aufnahmen des visuellen Tagebuchs „R“ erscheint aber – in stark zentrierter Komposition – ein Motiv, das von Déri meist von den Klischees der konventionellen Darstellungsweise losgelöst festgehalten wurde, das also auf den ersten Blick nicht erkennbar ist. Das hat zweierlei Folgen. Einerseits: Da zu seiner bloßen Wahrnehmung einige Tausendstelsekunden mehr Zeit notwendig ist als sonst, zieht dieses zentrale Motiv wie ein Fleck das Interesse auf sich und hebt damit die Illusion der dritten Dimension – die räumliche Illusion – quasi auf; dadurch stellt es das Bild als eine zweidimensionale Fläche vor den Betrachter, lässt es also genau als das sehen, was es tatsächlich ist: als Artefakt. Andererseits: Die starke Betonung des Mittelpunkts löst den Anblick als Ganzes auf und verschärft dadurch weiter das Interesse an den Details. Das zentrale Motiv zerreißt das Bild oft wie eine Wunde, wie ein Spalt oder wie eine Explosion. Eine Straßenlaterne, eine vom Wind zerzauste Abdeckfolie, ein abgebrochenes Zaunstück. Das kluftartige Spiegelbild des Himmels spaltet das Bild wie ein Streifen. Die ihrer Plastizität verlustigen Satellitenschüsseln schlagen blinde, weiße Löcher in den Anblick, wie einst die Münzschatten auf den Fotogrammen von Man Ray oder Moholy-Nagy. Man muss das Bild aufs Neue lesen, Farbe für Farbe – man könnte fast sagen: Buchstabe für Buchstabe, wie wenn wir versuchen, einen Text in einer unbekannten Sprache zu entziffern. So erblicken wir das Bild eigentlich erst beim zweiten Mal zum ersten Mal. Als zusätzlichen Nutzen bringt dieses Verfahren mit sich, dass dadurch evidente Bedeutungen des Bildes ausgelöscht und Stereotypien aufgelöst werden und die Aufmerksamkeit auf das Wesentliche gelenkt wird.
 
Eines Tages beschloss Miki, wie ich als Ohrenzeuge zufällig erfuhr, sich einen Selfie-Stick anzuschaffen. Ursprünglich um damit seinen Arm zu verlängern. Zweifelsohne öffneten sich dadurch neue Blickwinkel auf die gewohnten Motive; hätte er diese mit alten Mitteln erreichen wollen, so hätte er stets eine Leiter mit sich herumtragen oder sich mitten in einer Pfütze auf den Bauch werfen müssen. Die gewohnte Welt zeigte sich auf ungewohnte Art, und es ist schwer vorstellbar, dass sie geduldig abgewartet hätte, bis er sich auf die alte Weise bereit gemacht hat, sie zu verewigen. Nun ging aber diese scheinbar lediglich technische Entscheidung nicht nur mit ästhetischen, sondern auch mit unerwarteten psychologischen Konsequenzen einher. Es stellte sich heraus, dass die Person, die er gerade mithilfe des Selfie-Sticks fotografierte, im Glauben war, er mache ein Selfie von sich selbst; so lieferte sich ihm die Person – anstatt sich zu „benehmen“ – gleichermaßen im guten wie im schlechten Sinne aus. Die Versuchung ist groß und auch die Verantwortung des „Lichtdiebes“ wächst in so einer Situation. Obendrein könnte man sich einfach davonschleichen. Er schleicht sich nicht davon, das sei ihm zugutegehalten. Er gibt sich mit dem ästhetischen Ertrag zufrieden und will sich nicht vor den moralischen Konsequenzen drücken.
 
Halten wir also – langsam zum Ende kommend – fest: Obwohl das Armageddon praktisch seit hundert Jahren im Gange ist und wir jetzt zusätzlich auch noch das Coronavirus haben, gibt es dennoch Dinge, deren Statthaftigkeit außer Zweifel steht. So ist es beispielsweise sehr zu begrüßen, dass Miklós Déri in der Miksa-Déri-Straße wohnt – da kann ich dem Schöpfer nur gratulieren: Wo sonst sollte er auch wohnen? Ich finde das auch deshalb großartig, weil ich ihm – wenn ich nicht abwarten kann, bis er zum Beuschel in der Taverne ankommt – auf dem Rákóczi-Platz entgegeneile und weil wir uns dann, mit Goethe gesprochen, genau an der Ecke der Német-Straße [ung. für „Deutsche Straße“] treffen.
 
Miklós Déri ist zu Hause, manchmal gesellt sich manch ein Strauch zu ihm, und so weiter und so fort (nun, wenn man die Gegend kennt: eher ziemlich manchmal). Der Begriff Heimat ist einerseits eine Zeitbombe – führt man ihn zu oft im Munde, resultiert daraus hierzulande früher oder später irgendein Unglück. Andererseits setzt sich Heimat doch genau aus solchen kaum wahrnehmbaren Dingen zusammen, wie sie auf diesen Bildern zu sehen sind: Heimat ist die in der Pfütze ertrunkene Plastiktüte; Heimat ist der umgeklappte Regenschirm; Heimat ist der altgoldene Luftballon; Heimat ist das rote Herz auf dem nassen Pflaster; Heimat ist das aufgemalte Spiegelei an einer Straßenkreuzung; Heimat ist das Licht am Rücken einer Kunstlederjacke. Ich traue mich kaum, das zu notieren: Miklós Déri und seine Fotografien lehren uns, der Heimat auf zärtliche und fachkundige Art Aufmerksamkeit zu widmen, und dadurch eben auch, dass Heimatliebe Qualität bedeutet, also eine Frage der Kompetenz ist, ob das nun gefällt oder nicht – letzten Endes ist sie eine sogenannte fachliche Angelegenheit.

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