Kunst der Roma Recht auf die eigene Kultur

„In Ungarn können Roma von ihrem Recht auf Kulturausübung nicht Gebrauch machen“ – Tímea Junghaus im Gespräch


Tímea Junghaus Tímea Junghaus | © Galerie Kai Dikhas

In den Sechzigerjahren wurden von Roma-Kunstschaffenden stammende Kunstwerke noch ausschließlich von Nicht-Roma-Theoretikerinnen und -Theoretikern untersucht, als „naive Kunst“, und die allgemein verbreitete Sichtweise war, dass es keine kanonischen Roma-Kunstschaffenden gab. Selbst die bildnerische Darstellung der Roma galt als Monopol der Mehrheitskunst. Demgegenüber erheben Roma-Kunstschaffende nun einen Anspruch darauf, ihre Arbeiten präsentieren, katalogisieren und lagern zu können, sodass der Gemeinschaft ihr kulturelles Erbe stets zugänglich bleibt. Ein Gespräch mit der Roma-Kunsthistorikerin Tímea Junghaus.
 

In was für Familienverhältnissen bist du aufgewachsen?

Meine Mutter zog mich ab meinem ersten Lebensjahr alleine groß, nachdem mein Vater verschwunden war. Er stammte aus einer Sinto-Zirkusfamilie und war der erste, der sesshaft wurde. Nach der Scheidung lebten wir in der Tömő utca im 8. Bezirk von Budapest. Es war keine vornehme Gegend, und dennoch hatten wir schneeweiße Möbel und ich spielte im schneeweißen Leinenkleidchen in der Sandkiste am Spielplatz in unserer Straße. Für meine Mutter war ich der Sinn ihres Lebens, und ich tat alles so, wie sie es wollte. Nach der Grundschule besuchte ich den bildnerischen Zweig des Margit Kaffka Gymnasiums. Es war herrlich: Jedes Semester beschäftigten wir uns mit einer anderen Kunstgattung, mal war es Fotografie, dann Malerei, Grafik, Linolschnitt. Wir haben alles ausprobiert. Ich halte es für sehr wichtig für einen Kunsthistoriker oder eine Kunsthistorikerin, alle möglichen Techniken zu kennen. Vom Gymnasium kam ich dann 1993 an die Universität, 2005 machte ich meinen Abschluss.

War die Erforschung der Roma-Kunstgeschichte da auch schon eines deiner Ziele?

Mit achtzehn Jahren hatte ich keine Ahnung, wie man überhaupt an der Uni studiert, noch dazu war das ein sehr elitärer Studiengang, in dem Töchter aus intellektuellem Hause studierten. Meine Ausgangssituation war also alles andere als vorteilhaft. Seit meiner Kindheit schon wollte ich mich immer mit zeitgenössischer Kunst befassen, doch dann waren da diese Lehrveranstaltungen zu Antike und Byzanz, und Prüfungen zur Architektur des Mittelalters. Ich fühlte mich nicht wohl, also suchte ich mir bald eine Arbeit. 2002 kam dann meine Mutter in mein Büro spaziert, schloss die Tür und sagte, ich solle jetzt gefälligst an die Uni zurück und mein Diplom erwerben. Ich bin also tatsächlich zurück an die Uni und habe in zwei Semestern alle restlichen sechsundzwanzig Lehrveranstaltungen absolviert.

Wolltest du danach nicht wieder ins Business einsteigen?

Ich wusste nicht, womit ich mich beschäftigen wollte, ich wusste nur, dass ich ein Diplom haben und meine Mutter glücklich sein würde. Dann hieß es Diplomarbeit schreiben. Ich machte mich vertraut mit den Werken von Jolán Oláh und besuchte das Roma Parlament. Als ich das Gebäude betrat, sah ich an den Wänden all diese Kreationen, die für das geschulte Kunsthistoriker-Auge unglaublich interessant sind. Jenő Zsigó, der Vorsitzende des Parlaments und Direktor der Einrichtung Romano Kher, war gerade auf der Suche nach jemandem, der Ordnung in das Lager für bildende Kunst des Instituts bringt, in dem die Werke auf Spendenbasis gesammelt wurden. Ich begann also dort zu arbeiten: Ich habe 2600 Kunstwerke systematisiert, fotografiert, katalogisiert. So kam ich mit den Arbeiten der Roma-Kunstschaffenden in Ungarn in Kontakt. Seither erkenne ich immer noch auf den ersten Blick ein Werk jedes Künstlers und jeder Künstlerin, von dem beziehungsweise der auch nur ein einziges Werk in dieser Sammlung enthalten ist. Aus der Sammlung entstand dann das Album mit dem Titel Bildende Kunst der ungarischen Roma zwischen 1969 und 2012 (Magyarországi cigány képzőművészet 1969-tól 2012-ig). Da kam meine Kunsthistoriker-Karriere ins Rollen, ich sammelte Wissen, das, wie es scheint, eine Lücke in Ungarn füllt. Zu dieser Zeit erforschte ich bereits auch die Bürgerrechtsbewegungen in Amerika und etwas sagte mir, dass ich mich auch mit der Geschichte und Malerei der afroamerikanischen Kultur auseinandersetzen sollte. Ich begann postkoloniale Theorien zu lesen.

Könnte man dich auch als Bürgerrechtsaktivistin sehen?

Ich weiß nicht, aber ich beschäftige mich viel mit der Frage, wie sich Rassismus in sämtlichen Lebensbereichen institutionalisiert, so auch in der Wissenschaft und in der Kunst. Und mit der Frage, wie man diese institutionalisierten Asymmetrien kritisieren, bekämpfen und abbauen kann.

Wo zeigt sich hier in der Malerei diese Institutionalisierung?

Wenn wir uns den geschichtlichen Querschnitt anschauen, sehen wir zum Beispiel, dass in den Sechzigerjahren von Roma-Kunstschaffenden stammende Kunstwerke ausschließlich von Nicht-Roma-Theoretikerinnen und -Theoretikern analysiert und kanonisiert wurden, und zwar mit Attributen, die für die Roma-Intelligenz inakzeptabel sind („barbarische“, „naive“ oder „primitive Kunst“ etc.). Es ist eine allgemein anerkannte Sichtweise, dass es bis Ende der Sechzigerjahre überhaupt keine kanonischen Roma-Kunstschaffenden gab. Die Tatsache, dass schon die bildnerische Darstellung von Roma das Monopol der Mehrheitskunst war, veranschaulicht diese Asymmetrie sehr gut. Es existieren mehrere Tausend Gobelins, Fotos, Bilder und Grafiken, die Roma abbilden, doch keines von ihnen stammt von einem Roma-Künstler oder einer Roma-Künstlerin. Um dem entgegenzuwirken, fordern die Roma-Kunstschaffenden, dass sie die Möglichkeit bekommen, ihre Arbeiten zu präsentieren, zu katalogisieren und zu lagern, sowie dass das kulturelle Erbe der Gemeinschaft stets zugänglich gemacht wird. Es klingt witzig, wenn wir diese selbstverständlich erscheinenden Forderungen so aufzählen. Aber eigentlich ist es tragisch: Das sind kulturelle Rechte von Minderheiten, von denen sie Gebrauch machen können müssen, doch in Ungarn ist das der Roma-Minderheit nicht möglich.

Ist das in anderen Ländern Europas eine Selbstverständlichkeit?

Es gibt diesbezügliche menschenrechtliche Passus. In Ungarn können wir uns auch auf das Minderheitengesetz von 1993 berufen. Unter dem kulturellen Recht von Minderheiten ist ihr Recht auf Kulturausübung zu verstehen. Das heißt, jedes interessierte Mitglied der Roma-Gemeinschaft müsste Zugang zum in Ungarn befindlichen kulturellen Erbe haben (Gegenstände, Kunstwerke, Sammlungen), doch nicht nur sie, sondern auch jeder andere, also auch Nicht-Roma. Diese Kulturprodukte befinden sich jedoch alle in Lagern (für kommunale Kunstsammlungen), verschlossen vor der Öffentlichkeit. Die János Balázs Galerie des Roma Parlaments hat sich – so lange sie konnte, nämlich zwischen 1991 und 2011 – der Mission verschrieben, das kulturelle Erbe wieder für die Gesellschaft zugänglich zu machen.

Hat diese Mission auch zur Gründung der Gallery8 geführt?

Zum Teil ja. Die Umsetzung der Idee zur Galerie stand schon sehr lange auf dem Plan unserer kleinen Stiftung, die einige weibliche Akademiemitglieder und ich in Ungarn ins Leben gerufen hatten, um durch die Kunst und Kultur der Roma den Stereotypen den Kampf anzusagen. Die European Roma Cultural Foundation kam 2010 zustande. Nachdem wir keine Förderung von der lokalen Selbstverwaltung bekommen hatten, mussten wir die Galerie auf Geschäftsbasis eröffnen. Aber das macht nichts, denn so können wir uns in unserer Freiheit baden, die wir jetzt genießen.

Wenn ich mich nicht täusche, gab es in Ungarn bisher noch keine umfassende Ausstellung zu zeitgenössischer Roma-Kunst in einer staatlichen Institution.

Eine gänzlich umfassende Ausstellung, die auch die Geschichtlichkeit aufzeigt, gab es noch nicht, nein. Das wäre jedoch wichtig, denn die Roma-Kulturgeschichte blickt auf eine mehr als vierzigjährige Entwicklungsgeschichte zurück, die für die nächsten Generationen festgehalten werden sollte. Es ist schwierig, der Roma-Kunst einen Platz zu geben, der ihr gerecht wird, so sehr hat ihr diese Kategorisierung als „naive“ und „primitive Kunst“ in unseren Köpfen den Stempel aufgedrückt.

Planst du vielleicht eine solche Ausstellung?

Die Situation der ungarischen Institutionen ist im Moment so unberechenbar, dass ich nicht weiß, wo man heute mit einem solch langfristigen, zwei-, dreijährigen Projekt überhaupt ansetzen könnte.  

Was für Schicksale stecken typischerweise hinter den Künstlerinnen und Künstlern?

In den Kreisen der Roma-Kunstschaffenden gibt es viele tragische menschliche Schicksale, außerdem ist das Dasein als Roma-Künstlerin und -Künstler ein zweischneidiges Schwert. Es gibt Kunstschaffende, die sich nicht als Roma-Kunstschaffende definieren wollen, weil sie sich als Teil der allgemeinen Kunst sehen. Ein Künstlerindividuum hat natürlich ein Recht auf Selbstdefinition, dennoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass wir in einer Struktur leben, in der sich Roma-Kunstschaffende klar politisch positionieren und Teil einer Dekolonisationsbewegung werden, sobald sie vor die Öffentlichkeit treten. Diese Dekolonisationsbewegung umfasst die Gesamtheit verschiedener Initiativen für die kulturelle, politische und wirtschaftliche Gleichstellung der Roma. Im kulturellen Bereich bedeutet dies, dass die Roma-Kunstszene dahingehende Konzepte entwirft, wie dieser westliche, kolonialistische Diskurs, der sich so sehr in unsere Köpfe eingeprägt hat, aufgedeckt und bei Ausstellungen thematisiert werden könnte, damit sein Bannkreis gebrochen und er als historische Legende dekuvriert werden kann.

In Amerika ist auch im Beriech der Kunst eine Art Assimilation gelungen. Oder sollten wir Amerika nicht mit Europa vergleichen?

Ich bin eine große Verfechterin Europas und des europäischen Gedankens, ich glaube noch immer fest daran, obwohl ich weiß, dass ich schön langsam alleine damit dastehe. Und Europas größte Minderheit bildet einen wichtigen Bestandteil des europäischen Gedankens. Denn die Roma-Gemeinschaft ist eine wirklich transnationale Gemeinschaft: Mobilität und Mehrsprachigkeit, die Anpassung an jedwede Kultur und Situation. Diese Fähigkeiten sind in der Roma-Gemeinschaft tief verankert, und das ist sehr wichtig. Andererseits kann der europäische Gedanke meines Erachtens nicht Wirklichkeit werden, wenn es nicht gelingt, eine Lösung für die politische, wirtschaftliche und kulturelle Zukunft der Roma-Minderheit zu finden. Ich bin der Überzeugung, dass es positive, affirmative Projekte braucht, die Chancen bieten und die Anerkennungspolitik stärken. Diese können im Bereich der Bildung oder auch der Wirtschaft angesiedelt sein. Wir brauchen Ideen und Maßnahmen zur Kompensation – und ja, auch Quoten.

Ist es wichtig, dass du als Romni all das repräsentierst?

Eigentlich ja, denn wir machen bedeutende und unsichtbare Geschichten sichtbar, wenn wir mit Roma-Kunstschaffenden zusammenarbeiten. Im Zuge dieser Arbeit treffe ich immer wieder auf Situationen, Lebensgeschichten und Gedanken, die für die Gegenwartsgesellschaft von großer Bedeutung sind.

Ist deine Mutter stolz auf dich?

Sie ist stolz darauf, dass ich an der Ungarischen Akademie der Wissenschaften arbeite und Kunsthistorikerin bin. Sie kommt zu jedem noch so kleinen meiner Vorträge. Und darauf bin auch ich sehr stolz, schließlich habe ich mich danach gesehnt, seitdem ich zehn Jahre alt war.