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Interview mit Tamás Szegedi
„Wir wollen verantwortungsvolle Roma-Helden zeigen“

Tamás Szegedi
© Goethe-Institut

Tamás Szegedi ist Schauspieler, Theaterpädagoge, Trainer, Mitglied des Independent Theater Hungary. Das Goethe-Institut hat schon bei mehreren Projekten mit dem Independent Theater Hungary zusammengearbeitet. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe Rikárdó hat dennoch etwas ausgekocht haben wir mit Tamás Szegedi einen Kurzfilm gedreht, um Lust zu machen zum interaktiven historischen Stadtspaziergang Roma Helden von 1956, welcher von der Theatertruppe gemeinsam entwickelt wurde. Mit dem Schauspieler führte im November 2020 Andrea Pócsik ein Gespräch.

Wann wurdest du zum ersten Mal als „Roma-Künstler“ angesprochen? Welches Erlebnis ist damit verknüpft? Was bedeutet das, im Vergleich dazu, in deiner heutigen Situation? Hat sich die Lage bei deinen gegenwärtigen Arbeiten und Engagements verändert?
 
Zunächst einmal freue ich mich sehr über diese Frage, weil es gut ist, darüber nachzudenken. Mein erstes Erlebnis dieser Art hatte ich sehr früh: Nicht als Schauspieler, sondern als Laienkünstler spielte ich in einer Gruppe von Halb-Amateuren. Da sprach man mich im Programm eines kommerziellen Fernsehkanals als „Roma-Schauspieler“ an, das war so um 2005 herum. Ich spielte in Monok in einer Aufführung von „Romeo und Julia“, und der Umstand, dass ein Roma den Romeo auf der Bühne spielte, steigerte den Nachrichtenwert. Es wurde versucht, damit Aufsehen zu erregen. Zur gleichen Zeit ging damals der vielbeachtete Fall durch die Presse, dass ein alter Mann seinen Zaun gegen Obstdiebe unter Strom gesetzt hatte. Den von den Behörden unter Hausarrest gestellten Mann empfing der Bürgermeister von Monok bei sich zu Hause und verfasste Anträge auf eine Gesetzesänderung zur Einführung des bewaffneten Schutzes von Privateigentum. Dieses gesellschaftliche Umfeld spricht für sich selbst. Das war der erste Fall, dass ich in der Logik der Boulevardpresse als „Roma-Künstler“ galt. Zum zweiten kann ich auch das genaue Datum nennen: Das war am 13. März 2013, denn ich habe mir noch heute früh ein weiteres Mal das Video angeschaut. Ich bin gespannt, ob du weißt, um was es sich handelt.
 
2013? … Nein.
 
„Romakép Műhely“ (Werkstatt Roma-Bild). Das Projekt wurde von Norbi Oláh organisiert. Er brachte mich mit dem Schauspieler Oszkár Nyári und dem Regisseur Rodrigó Balogh zusammen; im Gespräch ging es – anhand der früheren Dokumentarfilme „A kor szelleme“ (Geist der Zeit) von Attila Kékesi (1998) und „Tollfosztás“ (Federrupfen) von Márton Illés (2011) – um die Förderung junger Talente. Das war das erste Gespräch, in dem die Suche nach meinem Weg Gestalt anzunehmen begann, worauf sich die Fragen zum Teil auch bezogen. Damals gründete ich ein Ensemble, das „Affér Budapest“ (Affäre Budapest). Das war ein entscheidender Moment.
Tamás Szegedi © Goethe-Institut Was genau? Das Rahmenthema des Gesprächs (die Förderung junger Roma-Talente mit den Mitteln des Theaters) oder die Formulierung der Fragen von Norbi Oláh?
 
Beides, aber eher das Letztere. Er war der Erste, der sich mit ehrlich und präzise formulierten Fragen über Dinge, die mich gerade beschäftigten, an mich gewandt hat: Was bedeutet es für einen Roma-Menschen, in diesem Umfeld zu arbeiten? Damals war mein Bewusstsein noch nicht so stark ausgeprägt, doch was in mir heranreifte, war die Bestimmung meiner Selbstpräsentation: Als Roma wird meine komplette Tätigkeit im Kontext meines Roma-Daseins wahrgenommen. Auch die Inszenierung von „Örökvirág“ (Ewige Blume), in der es gar keine Roma-Schauspieler und -Motive gibt. Da wurde mir, wenn auch noch nicht ausreichend gerüstet, klar, dass sich die Qualität der schöpferischen Arbeit eines Romas von seiner Herkunft loslöst. Eine Theateraufführung wird nicht dadurch gut, dass sie von einem Roma inszeniert wurde. Sondern dadurch, dass darin eine starke Botschaft, künstlerische Fachkompetenz, entsprechende Erfahrungswerte und eine gute Kooperation ineinandergreifen. Aber auch ich bin ein Teil von all dem. Wenn ich offen zu meiner Herkunft stehe, dann ist das Roma-Selbstpräsentation. Und wenn all das eine starke Wirkung auf den Rezipienten ausübt, wenn die Aufführung gelingt, weil sie universelle Werte vermittelt, dann tut sie das durch mich hindurch.
 
Das kann eine sehr genaue Definition der Roma-Kunst sein. In Anbetracht der näheren Vergangenheit, deiner Tätigkeit in den letzten Jahren – die sehr eng mit dem Független Színház (Unabhängiges Theater) verbunden ist – möchte ich dich fragen, ob man sagen kann, dass die Elemente der Roma-Kultur bzw. die Roma-Themen in deinen Arbeiten zunehmend überwiegen?
 
Am wichtigsten ist vielleicht, das Puppentheaterstück zu erwähnen, das jetzt unter dem Arbeitstitel „Madarakból lettünk“ (Wir kommen von den Vögeln her) eine Neubearbeitung erfährt. Das ist ein Solo-Puppen- und Märchenspiel, das von einem vierzehnjährigen Jungen handelt, der in einem staatlichen Kinderheim lebt. Bei dieser Arbeit wählte ich offen eine Roma-Herkunftssage als Ausgangspunkt und stellte einen Konflikt in den Mittelpunkt, den auch ich selbst während meiner Identitätsfindung durchlebt habe. Auch hier geht es mir um die Herausarbeitung universeller menschlicher Werte; daneben aber bin ich stark motiviert, aus dem Kulturschatz der Roma zu schöpfen, mir diesen anzueignen und in dessen Besitz zu bleiben. Denn dass ich es instinktiv fühle, ist nicht identisch damit, dass ich es auch besitze – denn nur dann kann ich es auch weitergeben. Bei diesem Bemühen spielt die Ausbildung eine große Rolle. Bei dem Független Színház bin ich schon seit zwei Jahren Leiter der Unterrichtsprogramme. Wir sind bemüht, Geschichten über wertorientierte Roma-Helden an Jugendliche weiterzugeben, die auch selbst aus Roma-Familien stammen, aber in ihrem Leben keine geeigneten Vorbilder haben. Auch diese Roma-Kinder bekommen durch das Fernsehen und das Internet zahllose negative Informationen über ihre eigene Gemeinschaft; das alles hat eine identitätszerstörende Wirkung: Man will sich fernhalten von etwas, worüber man nur negative Nachrichten vernimmt. Als Gegengewicht dazu wollen wir ihnen Geschichten über verantwortungsvolle, entscheidungsfähige Roma-Helden zeigen. Natürlich auch denen, die keine Roma sind; sie sind ja genauso den stereotypen Meinungsbildnern im Fernsehen ausgesetzt. In einem Workshop hat jemand im Schlusswort gesagt, es wäre für ihn als Teilnehmer eine leichtere Aufgabe gewesen, wenn wir ihn nach schlechten Erfahrungen gefragt hätten: Darüber hätte er endlos berichten können. Doch es sei trotzdem gut gewesen zu erfahren, wie gut es ist, positive Helden zu finden, denn wenn nun danach gefragt wird, wird davon die Rede sein.
Tamás Szegedi © Goethe-Institut Das Független Színház sichert also einen alternativen institutionellen Rahmen, den man als ideal bezeichnen kann, eine schöpferische Werkstatt – doch mit Blick auf seine Wirkung kann es zur Zeit noch keine systematischen Veränderungen hervorbringen. Wie beurteilst du das wachsende Gewicht der Theaterpädagogik aus struktureller Sicht?
 
Gerade in diesen Tagen habe ich eine Fallstudie von achtunddreißig Seiten fertiggestellt, die ich über die Trainerausbildung verfasst habe. (Seit meiner Examensarbeit habe ich nicht mehr so umfangreich geschrieben, und heute denke ich mir: Wie gut wäre es gewesen, wenn ich doch auch dafür dieses Thema gehabt hätte.) Im Független Színház habe ich nämlich derartige Aufgaben bekommen, einen derartigen Raum für die Arbeit, wo sich das verwirklichen ließ. Diese Erfahrungen empfehle ich allen Organisationen, die sich mit jungen Menschen beschäftigen. Das wichtigste Element ist vielleicht – und auch das habe ich im Független Színház gelernt –, dass wir die bei der Arbeit begangenen Fehler nicht als etwas Negatives betrachten, sondern als Möglichkeiten zur Weiterentwicklung. Ich unterrichte die Lovari-Sprache an einer Roma-Nationalitäten-Schule in Tatabánya, wo 99 % der Kinder Roma sind – man wollte die Schule nicht segregiert betreiben, daher wurde sie zur Nationalitäten-Schule umgewidmet. Auch hier baue ich grundsätzlich auf meinen Hintergrund als Theaterpädagoge. Ich sehe mich als einen wirklichen Glückspilz, denn ich bringe jungen Roma Geschichten über wertorientierte Roma nahe und sammle nebenbei ihre Heldengeschichten ein. Ohne Hemmungen sprechen sie mit mir von Ereignissen, die ihnen wichtig sind. Hier gibt es keinen Raum für Selbstmitleid; wir sammeln positive Erlebnisse und es wird uns bewusst, wie viele Helden in unserer Umgebung leben. Doch wie auch immer ich mich selbst sehe – als Trainer, kreativen Künstler, Theaterfachmann: Ich weiß, ich muss mich aus dieser engen Schublade befreien, die das Roma-Dasein für mich bedeutet. Ich muss allgemeingültiges Wissen schaffen, das mit mir verbunden ist und zu dem Fach, das ich betreibe, etwas hinzufügt. Auch dafür ist das Független Színház ein gutes Terrain, doch ich bin schon seit zehn Jahren hier, ich muss mich auf eine neue Ebene begeben. Auch von meiner eigenen Perspektive aus, aber auch, um zur weiteren Arbeit hier etwas hinzufügen zu können. Daher muss ich mich auch in einem internationalen Umfeld zeigen: Nicht zur eigenen Selbstverwirklichung, denn ich fühle mich in meinen jetzigen Arbeiten als ganzer Mensch und durchaus nicht als ein Künstler, der übergangen wurde. Ich verspüre vielmehr das Bedürfnis, dass meine Arbeiten in einem erweiterten Kreis gebraucht werden. Als ihre Wirkung kann sich – daran glaube ich – das menschliche Zusammenleben in relativ kurzer Zeit verändern. Daher stört es mich nicht, wenn Roma-Themen in meinen Arbeiten überwiegen, denn damit kann ich ja zu diesem Prozess beitragen. Es ist aber wichtig, dass all dies auch in der Theaterwelt eine Bestätigung findet. Zum Beispiel auf die Weise, wie ein Regisseur aus meinem Bekanntenkreis seine Pläne und Probenabläufe vierteljährlich mit mir bespricht: Er bittet mich um fachliche Ratschläge zur Theaterpädagogik.
 
Zurück zu den Veränderungen auf der System-Ebene: Ad hoc fallen mir zwei wichtige Beispiele für Personen ein, die in Ungarn eine bestimmende, progressive Linie im zeitgenössischen künstlerisch-kulturellen Leben der Roma repräsentierten; beide leben heute im Ausland. Die Kuratorin Tímea Junghaus – Gründerin der Gallery8, sie ist heute Direktorin des internationalen Roma-Kulturinstituts (ERIAC) in Berlin – und der zeitgenössische Künstler André Jenő Raatzsch – er erhielt eine wichtige Position im Heidelberger Dokumentationszentrum. Würdest du vor die Wahl gestellt, was hieltest du für wichtiger – weiter daran zu arbeiten, wenn auch mit beschränkten Mitteln, dass eure Methoden in Ungarn in immer weiteren Kreisen zur Anwendung gelangen, oder aber internationale Anerkennung zu erlangen und damit gestärkt zurückzukehren, die Beziehungen und das Wissen hier in die Arbeitsprozesse einfließen zu lassen?
 
Wofür ich mich auch entscheiden würde, ich wäre mit keiner Wahl glaubwürdig. In diesem Sinne – wie verrückt das auch klingen mag – bin ich Patriot. Mir ist es wichtig, dass die geistigen Werte auf einer Plattform hier in der Heimat erwachsen und zu denen gelangen, die man schwer mit geeigneten kulturellen Produkten erreichen kann, die an der Peripherie leben und langsam auch ihr kulturelles Bedürfnis verlieren. Um aber zu erfahren, wie ähnliche Programme im Ausland funktionieren, muss ich auch dort sein. Für mich ist es wichtig, andere Systeme zu sehen, was da funktioniert und was nicht, und dass ich diese adaptieren kann. Ich kenne in Italien ein ähnliches Projekt wie das unsrige: Ich möchte sehen und beobachten, was dort gemacht wird und wie, und als wie erfolgreich es erachtet wird. Ich glaube aber, dass aus mir nie ein anerkannter Fachmann für Theaterpädagogik im Ausland wird; ich bin und bleibe vielmehr einer, der neugierig auf der Lauer liegt, und der dann zu Hause seine Erfahrungen aufarbeitet und sie einfließen lässt in die gemeinsame Arbeit mit Menschen, die an der Peripherie leben.

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