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Amigó über Die Wartenden
Strahlende Sonne im Raum der Verzagtheit

Amigó
Foto: Gábor Sárközi © Goethe-Institut

Der Maler Bogdán János wurde 1975 im Dorf Lengyeltóti geboren. Seine Bilder unterzeichnet er mit dem Namen „amigó“. Oltalom Karitatív Egyesület ist ein wichtiges Zentrum für die Zivilgesellschaft in der Budapester Josefstadt. Amigó hat im Rahmen der vom Goethe-Institut organisierten Veranstaltungsreihe Rikárdó hat dennoch etwas ausgekocht sein Werk Die Wartenden im Oktober 2020 an das Tor des Vereins gemalt. Wir haben Amigó mit dieser Arbeit beauftragt, weil seine Bilder sich mit dem Suchen und Finden von Wegen beschäftigen – genau wie es die Arbeit des Vereins auch tut. Folgenden auf seine eigene bisherige künstlerische Laufbahn und auf die Entstehung des Werks Wartende reflektierenden Text hat Amigó im November 2020 verfasst.

Auch jetzt schreibe ich Tagebuch, parallel zu diesem Schreiben – denn das wurde mir zum Bedürfnis, zur Therapie. In meinem Fall ist die Quelle der schöpferischen Tätigkeit zuallermeist dieses Motiv – aus der Entfernung von so vielen Jahren kann ich das so sagen. Vielleicht ist das bis zu einem bestimmten Grad immer so – doch in meinem Fall in potenziertem Ausmaß. Ich fühle mich nicht wie ein Ausführender – und ich konnte in der Industrie auch nicht unterkommen und auch keine Karriere aufbauen. Das Leben hat mich mitgenommen – oder eher mitgerissen.
 
Das Schreiben war bei mir schon sehr früh neben das Zeichnen getreten, schon zu Zeiten der Fachmittelschule – als eine Möglichkeit zur Entlastung und als ein Kanal, um mich auszudrücken. Instinktiv – damals konnte ich noch nicht wirklich begreifen, was ich warum tue. 1990 wurde ich in Pécs in die Fachmittelschule für bildende Kunst aufgenommen, und im Wohnheim begann ich mit dem Schreiben. Ich sehe den Kern und das Wesen meiner Identität nicht in meiner nationalen Zugehörigkeit – obwohl sie zweifellos auch ein Teil davon ist –, und ich schäme mich nicht dafür, als Roma auf diese Welt gekommen zu sein. Doch ich selbst bin schon nicht mehr in einem Roma-Viertel aufgewachsen, und mein Vater war ausdrücklich bestrebt, ein gleichrangiger Bürger in der sogenannten Mehrheitsgesellschaft zu sein – wobei er das niemals so ausdrücken würde. Er würde sich auch sträuben gegen eine solche Formulierung. 1994 habe ich die Fachmittelschule im Fach „Keramik“ abgeschlossen. Im gleichen Jahr wurde ich auch in die Universität aufgenommen – ebenfalls in Pécs, dort kam ich in die Gruppe von Ferenc Lantos im Fach „Zeichnen – visuelle Erziehung“. Im zweiten Jahr ging ich zum ersten Mal zu István Kosztics in die Nationalitäten-Selbstverwaltung – einfach deshalb, weil mir jemand zugeflüstert hatte, er würde Zeichnungen ankaufen. Ich glaube, damit fing es an, dass ich als „Roma-Künstler“ definiert wurde. Jahre vergingen, und als mir nichts Besseres einfiel, ging ich mit einigen Bildern zu ihm und fragte, ob er welche davon kaufen könnte. Er begann dann, diese Bilder in einem Nationalitäten-Kontext auszustellen. Es ist möglich, dass auch die Namenskombination „János Bogdán Amigó“ hier ihren Ursprung hat: Ich erinnere mich nicht mehr klar daran – möglicherweise kam das auch erst später, vielleicht erst in Budapest. Dieser Kontakt zu Kosztics begann wohl um 1995/96, und dann bin ich 2008 mit meiner Familie nach Budapest gezogen. In Pécs gab es noch eine fachbezogene Episode: Ich hatte Katalin Forray kennengelernt, die mir half, meinen Zivildienst bei ihr am Romologischen Institut der Universität abzuleisten. Auch sie haben dort Ausstellungen für mich organisiert, und ich konnte mich an einigen Projekten beteiligen.
 
Ich mag es übrigens nicht, wenn der Name „amigó“ zusammen mit „János Bogdán“ benutzt wird – ganz einfach aus dem Grunde nicht, dass das blöd klingt: Ich bin entweder János Bogdán oder „amigó“, und ich benutze lieber „amigó“. Diesen Namen bekam ich als Spitznamen im Wohnheim der Fachmittelschule, noch im ersten Jahr. Der Name ist an mir haften geblieben; dann kam schließlich der Moment, als ich begann, meine Bilder so zu signieren. Auf den Bildern habe ich „AMIGO“ immer mit Großbuchstaben geschrieben; bei gedruckten Texten mit Kleinbuchstaben, aber mit langem „o“ – so hat es sich eingependelt. Doch ich bin nicht dagegen vorgegangen, wenn der Name falsch geschrieben wurde – obwohl ich es anfangs ein paarmal anmerkte. Wie auch immer. Das ist das kleinste Problem – also werde ich öfters „Bogdán János Amigó“ genannt.
 
Dieses Bild – DIE WARTENDEN – verweist auf jene Szene aus dem Jahr 2008, als ich im Winter ratlos und seelisch zerschlagen mit Márti in der Budapester Metro hin und her fuhr und sie in den 16. Bezirk brachte, wo sich die Bornemisza-Grundschule befand. Dieses seelische Erlebnis widerspiegelt dieses Bild, dessen Original ich 2012 mit Acrylfarbe auf einen Pappkarton gemalt habe.
 
Es kommt vor, dass die Geschichten hinter den Bildern so intim sind, dass man sie nicht in Worte zu fassen vermag. Unsere Identität besteht vielleicht gerade aus solchen verheimlichten, inneren Geschichten. Freilich finden diese Geschichten oft auch in der Wirklichkeit statt, nur sprechen wir nicht darüber. Doch in uns arbeiten sie weiter. Ich glaube, dass sich jeder mit seinen eigenen Erlebnissen, mit seinen ganz persönlichen Geschichten beschäftigt. Dieser Erlebniskomplex kann dann sehr viele Dinge umfassen – Wunden, Sehnsüchte, Fragen. Situationen, die wir gerne verändern möchten. Oder Situationen, die wir gerne neu erleben möchten.
 
Ich weiß nicht, was es bedeutet, Roma zu sein. Die Kunst ist nicht Roma. Sie ist nicht in Kisten einzusperren. Auch nicht in die Kiste der Nationalität. Das „Ich“ ist ebenfalls so beschaffen. Auch das lässt sich nicht in Kisten packen. Es ist eine interessante Frage, warum Gott diese Unterschiede haben wollte.
 
Diese charakteristischen Merkmale – zum Beispiel die, wie ich aussehe oder wie andere auf mich reagieren – haben offensichtlich eine Wirkung, mit der ich etwas anfangen muss. Wenn man mich beispielsweise hasst, weil ich Roma bin – auch damit muss ich etwas anfangen. Wenn mir bestimmte Gepflogenheiten wichtig sind, dann werden auch sie in meiner Welt erscheinen. Die künstlerische Tätigkeit ist eine seelische Arbeit. Eine seelisch-geistige Arbeit – an der auch der Körper beteiligt ist. Eigentlich der ganze Mensch. Aber immer geht es darum, dass wir leben – zu leben versuchen, nach der Möglichkeit suchen, weiterzuleben. Das ist zum Beispiel eine bestehende Identität: ein Phänomen, das auf jeden Fall charakteristisch ist für den Menschen – für jeden Menschen.
 
Jeder, der anders ist, stellt auch mich auf die Probe. Sogar unter den Roma – und sogar mein Spiegelbild, das Bild und die Seele meines eigenen Ichs stellen mich auf die Probe. Was soll ich damit anfangen? Gefällt es mir? Gefällt es mir nicht? Kann ich es akzeptieren? Kann ich es nicht akzeptieren? Fragen über Fragen.
 
Was der Mensch am meisten sucht, ist der Grund für seine Existenz: Warum bin ich? Und diese Frage ist schon ein Teil der Identität. Die Identität wäre eine Antwort auf die Frage „Wer bin ich?“. Doch auch der Grund und das Ziel gehören zu dieser Frage: Wie bin ich entstanden? Warum bin ich entstanden? Was ist meine Aufgabe? In welche Richtung sollte ich gehen? Die Frage „Warum bin ich?“ beinhaltet in Wirklichkeit die Suche nach dem Ursprung und – gleich damit verbunden – auch die nach dem Ziel.
 
Das Bild, das ich gemalt habe, ist ein trauriges Bild – mit müde gewordenen Menschen in einem Metro-Waggon. Die zentrale Figur des Bildes ist vielleicht ein kleines Mädchen – sie ist wie die strahlende Sonne in diesem Raum der Verzagtheit: voller Leben, Fröhlichkeit und Neugier. Ein Schulmädchen – mit dem Ranzen am Rücken. Wir wissen nicht, in welcher Beziehung die Personen zueinander stehen – sie können einander auch alle fremd sein. Scheinbar hat keiner Kontakt zu diesem kleinen Mädchen, keiner hält ihre Hand, keiner unterhält sich mit ihr. Als würde jeder ins eigene Leben sinkend über die Vergangenheit nachgrübeln. Doch vermag diese Umgebung nicht, das kleine Mädchen traurig zu machen – sogar dies findet sie interessant.
Amigó Foto: Gábor Sárközi © Goethe-Institut Als wäre da nur ein einziger Mann, der das Mädchen anschaut – er sitzt auf dem Bild im Vordergrund. Wer mag das sein? Gesichter sehen wir keine – nur die Umrisse von Figuren. Die Körperhaltungen und die Formgebung drücken die Stimmungen der Seelen aus – die innere Natur, die aktuellen Seelenzustände. Ich kann nicht wissen, wie andere das Bild sehen. Ob sie es traurig oder schön finden – vielleicht auf eine traurige Art schön. Welche Geschichten sie sich dazu vorstellen, was es ihnen sagt und in ihnen hervorruft. Auch ich selbst habe einige Geschichten dazu. Diese Szene wurde von einem wahren Ereignis inspiriert, aber es beschwört weitere Geschichten herauf, auch ohne meine ausdrückliche Absicht. Das Bild transportiert auch ein Lebensgefühl, ein Budapester Lebensgefühl – offensichtlich mein Lebensgefühl, oder eines von den vielen in mir.
 
Ich bin dankbar, dass ich dieses Bild auf das Tor des karitativen Vereins OLTALOM (OBHUT) malen durfte. Das Original entstand im Herbst 2012 auf einer Seite eines zerrissenen Pappkartons, ebenfalls in Budapest. Auf einer sandfarbenen Fläche, mit schwarzer Acrylfarbe. Es wurde schnell fertig, wie eine Skizze. Auch da war nur die Unterschrift farbig – auch da türkisblau. Sandfarbener Grund, Schwarz, Türkisblau – das waren die drei „Werte“ seiner Erschaffung.
 
Die Wahl fiel auf dieses Bild – ich hatte mehrere Entwürfe geschickt. Eigentlich waren es gar keine Entwürfe, sondern ich hatte einige von meinen früheren Bildern ausgewählt, damit die Zuständigen die Entscheidung fällen können, welches ich auf das Tor malen soll. Schließlich fiel die Wahl auf dieses Bild. Ich habe nicht einmal nachgefragt, warum.
 
Heute schon ist meine erstrangige Identitätsfrage die, ob der Mensch seinen verlorenen, vergessenen Gott findet. Denn ich glaube, dass die Antwort bei ihm liegt. Auch auf die Frage, warum wir auf der Welt sind, warum gerade hier, warum jetzt und warum so. Und die Metro ist das Leben – oder die Zeit, die uns in Richtung Zukunft befördert. Die Fröhlichkeit dieses kleinen Mädchens sollte in uns herüberströmen – vielleicht verweilt das Mädchen gerade deshalb unter uns. Als hätte sie diesen Gott bereits gefunden – oder ihn noch nicht verloren …

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