Think Global, Build Social! Zeitgenössische Architekten engagieren sich für die Gesellschaft

Kounkuey Design Initiative
Kibera Public Space Project, Nairobi

Schon immer haben Architekten behauptet, mit ihren Bauten einzelne Gesellschaftsgruppen positiv formen oder sogar durch ideale Stadtentwürfe in eine bessere soziale Zukunft führen zu können. Den konkreten Beweis, dass sie diesen Anspruch auch einlösen, müssen sie in der Regel jedoch schuldig bleiben, weil zu viele Faktoren Einfluss auf gesellschaftliche Prozesse haben, die außerhalb der Architektur liegen. Das umgekehrte Argument jedoch, dass Architektur vielmehr Auslöser für negative soziale Entwicklungen sein kann, scheint dagegen sehr viel leichter beweisbar zu sein. Großwohnsiedlungen etwa werden immer wieder für die Entwicklung von Kriminalität und Vereinsamung verantwortlich gemacht, obwohl es in der Regel politische und nicht architektonische Entscheidungen sind, die zu den Fehlentwicklungen führen.

Welche gesellschaftliche Verantwortung ist der Architektur somit zuzuweisen? In der Gegenwart stellen die industrialisierten Länder immer mehr Fragen nach der ethischen Verantwortung ihres Konsums. So werden die Produktionsbedingungen der Nahrungsmittel hinterfragt („welchen Fisch/welches Fleisch dürfen wir noch essen?“), aber auch zunehmend die Herkunft und Herstellung der Bekleidung. Denn es wird immer deutlicher bewusst, dass Wohlstand und Wachstum der entwickelten Länder auf einem Ungleichgewicht der Lebensbedingungen auf Seiten jener beruhen, die diese Produkte herstellen. Im Kontext einer immer stärkeren globalen Vernetzung rückt damit auch die Frage nach der sozialen Verantwortung der Architektur in die öffentliche Diskussion – wie etwa angesichts der Ausbeutung von Fremdarbeitern beim Bau der Fußballstadien in Katar.

Welche Relevanz hat Architektur für die globale Gesellschaft von heute?

Architektur hat von ihrem Entwurfs- und Bauprozessen angefangen über die fertigen Bauten bis hin zur Stadtplanung langfristige und tief greifende Auswirkungen auf Menschen. Ob Kindergarten oder Wohnung, Klinik oder Kirche, aber auch Sportanlagen, Fabrikanlagen, Plätze: Bauten und ihre Zwischenräume prägen Individuen und ganze Gruppen von Menschen, auch dort, wo Menschen diese Bauten nicht betreten, sie aber ihr tägliches Lebensumfeld beeinflussen. Architektur trägt daher eine hohe Verantwortung für viele Bereiche der Gesellschaft. Diese Verantwortung wurde in der Geschichte des 20. Jahrhunderts auch von den Architekten selbst angesprochen. Schon der zweite CIAM-Kongress (Congrès International d’Architecture Moderne) von 1929 in Frankfurt widmete sich der Wohnung für das Existenzminimum, also der Frage, wie Architekten neue und kostengünstige Lösungen für die damalige Wohnungsnot entwickeln konnten. Und der Berliner Stadtbaurat Martin Wagner mobilisierte mit der Ausstellung Sonne, Luft und Haus für Alle bereits 1932 in Berlin die deutsche Architekturelite der damaligen Zeit, um Vorschläge für das sogenannte „wachsende Haus“ im Maßstab 1:1 zu präsentieren. Niedrige Einkommensschichten sollten über dieses Konzept gut gestaltete und zugleich günstige Wohnungen erhalten, die so angelegt waren, dass sie mit steigendem Verdienst in der Zukunft ausgebaut und erweitert werden konnten. Ein grundlegendes Ziel in der Architektur der Moderne war nicht nur die Hilfe für Einzelne, sondern die Idee einer besseren, friedlicheren Gesellschaft im Ganzen: „Architecture ou Révolution“ formulierte es Le Corbusier 1922 in polemischer Zuspitzung, und natürlich sollte die Antwort darauf „Architecture“ lauten! Das Bewusstsein der Verantwortlichkeit war unter den Architekten dieser Zeit stark ausgeprägt. Dementsprechend umschrieb Hannes Meyer 1929 als zweiter Direktor des Bauhauses die Rolle des Architekten wie folgt: „als gestalter sind wir diener dieser volksgemeinschaft. unser tun ist dienst am volke.“

Nach dem Zweiten Weltkrieg findet sich diese gesellschaftlich engagierte Haltung nicht mehr in der Breite des Berufstands. Nur einzelne Vertreter wie etwa Ralph Erskine, Aldo van Eyck, Giancarlo De Carlo haben in den 1960er-Jahren versucht, die Frage der Verantwortung von Architektur in ihrer Theorie und Praxis, aber auch in der Lehre wachzuhalten. Dies war auch als eine Reaktion auf die immer mehr erstarrte Haltung der internationalen Moderne und ihrer prominenten Vertreter zu verstehen. Seit der Postmoderne, ab etwa 1980, wandte sich die Architektur vermehrt formalen und theoretischen Diskursen zu, das heißt einer Selbstreferenzialität ohne konkreten Gesellschaftsbezug, und nicht zufällig prägte sich damit einhergehend der Begriff des „Starchitekten“.

Materialien und Prozesse

Das industrialisierte Bauen und die Idee der Vorfertigung waren in der Architektur der frühen Moderne mit der Absicht entwickelt worden, die prekären Wohnverhältnisse niedriger Einkommensschichten aufzuwerten. Wie das Auto sollten auch bezahlbare Wohnungen in der Zukunft für jeden erreichbar sein. Im sozialistischen Wohnungsbau mündete dieses Prinzip in das System der Plattenbauten, die weltweit Verbreitung fanden. Das industrialisierte Bauen hat sich im Verlauf des 20. Jahrhunderts jedoch von seiner sozialen Ausgangsidee immer weiter entfernt und ist zu einer eigenen Wirtschaftsmacht geworden, die in ihrer Ausbreitung lokal verankerte Technologien und Traditionen verdrängt. Die globale Wirtschaftskrise von 2008 hat vor Augen geführt, dass die ökonomische Spekulation mit dem Wohnungsmarkt fatale Auswirkungen hat.

Am Anfang des 21. Jahrhunderts prägt der kommerziell orientierte und global vernetzte Markt des Bauens das neue Gesicht der Megacities wie São Paulo, Lagos, Mumbai oder der zahllosen schnell wachsenden Städte in China. Im Schatten dieser rasanten Urbanisierung wachsen parallel dazu auch die sogenannten „informellen Siedlungen“ immer schneller, das heißt also die Slums, Favelas, Townships. Architektur als eine planende Disziplin, die zugleich auf lokale, kulturelle und soziale Kontexte eingeht, verliert damit immer mehr an Bedeutung und öffentlicher Wertschätzung. Architekten planen und arbeiten heute im Schnitt nur noch für einen sehr geringen Prozentsatz der globalen Bevölkerung.

Wo liegt der Common Ground?

Internationale Architekturausstellungen wie die Biennale di Architettura in Venedig sind noch immer ein wichtiger Umschlagplatz für diejenigen Ideen, die zeitgenössische Architektur antreiben und öffentlich bewegen. Blickt man aber auf die letzten Biennalen in Venedig, wird offensichtlich, dass es der Architektur heute nicht mehr gelingt, sich als relevante Einflussgröße gegenüber den drängenden Themen der globalen Gesellschaft mit konkreten Vorschlägen zu positionieren. Einige Ausnahmen fallen dabei umso deutlicher ins Auge: Etwa der Architekt Toyo Ito, der nach der Tsunamikatastrophe von 2011 im Rahmen des japanischen Pavillons im Folgejahr die Grundlagen der eigenen Profession infrage stellte, und zwar unter dem Titel Architecture. Possible here? Home-for-All; oder auch die Installation Gran Horizonte von Urban-Think Tank über den Torre David, ein besetztes Hochhaus in Caracas. Mit solchen Präsentationen wurde die Verantwortung der Architektur für die Gesamtheit der menschlichen Gesellschaft deutlich gemacht.

Small Scale = Big Change?

Die Ausstellung des Museum of Modern Art in New York, Small Scale, Big Change: New Architectures of Social Engagement (2010), stellte Architekten der Gegenwart vor, die als neue Vertreter einer sozial engagierten Architektur angesehen werden. Gezeigt wurden elf konkrete Projekte aus allen Weltregionen, die zum Zeitpunkt der Ausstellung entweder bereits realisiert oder schon im Bau waren. Die Ausstellung war als eine Plattform angelegt, um die bis dahin eher getrennt voneinander agierenden Architekten zum Dialog anzuregen und ihre öffentliche Wahrnehmung zu stärken. Mit Small Scale, Big Change wurden Ansätze einer Architektur präsentiert, die an vergleichbaren ethischen Werten und Zielen ausgerichtet sind, jedoch keiner bestimmten politischen Richtung oder architektonischen Schule zugeordnet werden können. Dies trifft ebenso auf die zahlreichen anderen Beispiele zu, die inzwischen durch weitere Ausstellungen und Publikationen veröffentlicht wurden. Ihre Zielrichtung ist – anders als in der frühen Moderne – nicht die Verbesserung der Lebensbedingungen der Gesellschaft eines ganzen Landes oder einer ganzen Stadt, sondern die konkrete Veränderung von räumlich definierten Situationen durch architektonische Mittel und Planung – ungeachtet politischer Rahmenbedingungen. Damit erweisen sich diese neuen Ansätze im Vergleich zu ihren historischen Vorbildern als eher pragmatisch denn programmatisch.

Auch wenn es keinen gemeinsamen politischen Hintergrund gibt, auf den sich die verschiedenen Beispiele sozial engagierter Architektur in der Gegenwart beziehen lassen, sind doch zumindest zwei Bereiche erkennbar, die eine gemeinsame Schnittmenge bilden. Zum einen ist dies die klare Hinwendung zu Fragen nach dem lokalen und sozialen Kontext – und zum anderen die gleichzeitige Ausrichtung an globalen Fragestellungen. Ein zentrales Beispiel für die Frage nach dem lokalen Kontext ist etwa die Suche nach den jeweils geeigneten Materialien und Konstruktionsmethoden. Hier spielen zum Beispiel die Untersuchungen zur Tradition des Lehmbaus eine wichtige Rolle, der als jahrtausendealte Praxis im 20. Jahrhundert an Wertschätzung verloren hat, obwohl er gerade in schwach entwickelten Ländern viele ökologische und ökonomische Vorteile bietet. Dies hatte schon der ägyptische Architekt Hassan Fahty um die Mitte des 20. Jahrhunderts deutlich vorausgesehen. Die gegenwärtigen Projekte von Anna Heringer, Emilio Caravatti und Francis Kéré beleben mit ihren Bauten nicht nur den Lehmbau neu und verknüpfen ihn mit partizipativen Prozessen, sondern sie setzen sich durch hochwertige architektonische Gestaltung dafür ein, dass die Verwendung dieses Materials auch wieder zu einer höhern Wertschätzung vor Ort findet. Wenn solche regional verankerten Projekte von der renommierten Aga Khan Foundation mit Preisen ausgezeichnet werden, hilft es diesen oft kleinen Unternehmungen, globale Aufmerksamkeit zu erreichen. In den lokalen Gemeinschaften, in denen diese Bauwerke entstanden sind, wird damit die eigene Vorbildhaftigkeit wieder sichtbar gemacht und eine tiefere Identifikation („ownership“) mit dem Bau erzielt. Der Erfolg solcher Projekte lässt sich daran ablesen, dass sie weitere Bauten vor Ort oder in der Nachbarschaft mit denselben Architekten nach sich ziehen. Hier geht es eben nicht um Hilfsleistungen im Einzelfall, sondern um ein nachhaltiges Engagement, das durch die Einbeziehung der lokalen Handwerker und der Bevölkerung vielschichtige Prozesse anregt. Auch die sogenannten „Design-Build-Studios“, die seit Jahren an vielen Hochschulen in den Industrieländern eingerichtet wurden, um mit Studenten praktische Lösungen zu entwickeln, schaffen die Grundlage zu einem Wandel auf mehreren Ebenen: Viele dieser Projekte haben zu konkreten Folgeprojekten und damit zur Ausbildung von tragfähigen Netzwerken vor Ort geführt oder sie sind, wie im Fall von Rural Studio in Alabama zu einer dauerhaften Einrichtung geworden.

Durch zahlreiche Publikationen und Ausstellungen hat sich in den vergangenen Jahren aus einer bis dahin recht überschaubaren Zahl individuell agierender Architektinnen und Architekten eine lockere Gruppe formiert, die sich nun doch recht häufig auf Konferenzen trifft und über Lehrpositionen ihre Überzeugungen im größeren Maßstab weiter vermitteln kann. Mit dem sogenannten Laufen Manifesto – Manifest einer humanen Entwurfskultur haben diese unterschiedlichen Positionen ein gemeinsames Programm formuliert, das gemeinsame Ziele und Grundsätze definiert, aber offen für die Verschiedenheit der Ansätze bleibt. Es bleibt zu hoffen, dass die kommende Generation von Architekten die bereits vorhandenen und hoffnungsvollen Ansätze in Richtung einer neuen gesellschaftlichen Verantwortlichkeit aufgreift. Architektur muss als raumplanende und raumgestaltende Disziplin angesichts der dramatischen Herausforderungen durch globale Urbanisierungsprozesse neue Lösungen für die Gesamtheit der Bevölkerung entwickeln. Sie muss dabei selbst den in ihren Aufgaben angelegten ethischen Anspruch aufgreifen, denn nur dann kann sie ihre Relevanz für die Gesellschaft der Zukunft unter Beweis stellen.