Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Max Czollek
„Wir wollen alle nicht getötet werden”

Das Coronavirus hat zu viel Solidarität geführt. Der Autor Max Czollek kritisiert, dass die Gesellschaft nicht genauso reagiert, wenn es um rechte Gewalt geht.

Max Czollek © Konstantin Boerner Interview: Sara Tomšić

Ein Friedhof in Berlin-Kreuzberg, nebenan ein Café. Der Lyriker Max Czollek sitzt unter einer Fichte zwischen zwei Gräbern. "Ich mag diesen Ort hier, irgendwie friedlich", sagt er, "die SS-Leute liegen glücklicherweise auf dem Friedhof gegenüber auf der anderen Straßenseite". Der 33-Jährige ist gekommen, um über sein neues Buch "Gegenwartsbewältigung" zu sprechen. Ein politischer Essay, in dem er beschreibt, wie die Vergangenheit die Gegenwart bedroht. Doch bevor es in die Materie geht, die neben einer düsteren Bilanz auch viel Hoffnung enthält, klettert ein Eichhörnchen vom Baum. "Oh, das kenne ich. Das ist mutig und kommt immer ganz nah ran", sagt Czollek und beobachtet das Tier. Nach einer Weile dreht er sich um und wird ernst. "Wollen wir?"
 
ZEIT Campus ONLINE: Während der Corona-Krise hat das Wort Solidarität eine Renaissance erlebt. Es wird oft ein Bild von "Wir gegen das Virus" heraufbeschworen. In deinem neuen Buch siehst du diese Entwicklung kritisch. Wieso?

Max Czollek: Die Corona-Krise macht für mich vor allem deutlich, dass Solidarität und Zusammenhalt nur für manche gelten. Sie gelten nicht, wie behauptet, für alle.

ZEIT Campus ONLINE: Für wen gilt sie nicht?

Czollek: Für Menschen an den EU-Außengrenzen, für Mitarbeiterinnen in den Schlachthöfen oder Erntehelfer auf den Spargelfeldern. Wir müssen einsehen, dass die Schutzmaßnahmen manche Menschen vielleicht gerettet, aber andere ungeschützt zurückgelassen haben. Dabei unterstreicht die Corona-Krise, was alles möglich ist, wenn sich die Dominanzkultur bedroht fühlt: Der Lockdown eines ganzen Landes, die finanziellen Rettungspakete für die Wirtschaft, das Engagement von Einzelnen – es wird klar, welcher Aufwand betrieben und welche Ressourcen aktiviert werden können – wenn man nur will.

ZEIT Campus ONLINE: Ist das nicht etwas Positives?

Czollek: Der NSU, Hanau, Halle oder auch die Aufdeckung rechter Strukturen in freiwilliger Feuerwehr, Polizei, Nachrichtendienst und Bundeswehr – all das hat lange nicht eine solche Aufmerksamkeit oder Aufruf zur gesellschaftlichen Solidarisierung ausgelöst wie dieses Virus. Und daraus muss man doch schließen: Bei der Bekämpfung rechter Gewalt haben nicht die Mittel gefehlt, sondern der Wille. Diese Gefahren betrafen und betreffen eben vermeintlich "nur" Migrantinnen und Migranten, während COVID-19 auch Oma und Opa bedroht. Ein anderes Beispiel ist die Aids-Krise, die in ihrer Schwere und den Auswirkungen vergleichbar mit der Corona-Krise war, die vom Spiegel in den 80er Jahren als "Schwulenseuche" bezeichnet wurde. Da hieß es nicht "wir alle" gegen das Virus, sondern die anderen waren krank und "wir" mussten davor geschützt werden. Wir leben in einer Gesellschaft begrenzter Solidarität, die nicht alle Menschen gleichermaßen schützt, sondern nur manche.

ZEIT Campus ONLINE: Du selbst bist in Ostdeutschland geboren und hast jüdische Wurzeln. Wann hast du dich nicht als Teil dieser Gesellschaft gefühlt? 

Czollek: Ein Schlüsselerlebnis für mich war die WM 2006, ein Kerndatum für die Beschwörung eines neuen und positiven deutschen Wirs nach 1945: Endlich konnte man wieder stolz sein auf unser Land, die deutsche Fahne raushängen und die Nationalhymne laut singen! Dabei wurde auch in meinem Bekanntenkreis ein Bedürfnis nach Nationalstolz sichtbar, das ich nicht teilen konnte und wollte. Und das habe ich als Fremdwerdung erlebt.

ZEIT Campus ONLINE: Was hat das mit dir gemacht?

Czollek: Ich denke, man hat in solchen Fällen zwei Optionen. Entweder man sagt: Dann gehöre ich halt nicht zu Deutschland und habe damit nichts zu tun. Oder man sagt: Es muss doch möglich sein, eine Gesellschaft zu denken, in der auch diejenigen dazugehören, die keine Gänsehaut vor Freude beim Singen der Nationalhymne bekommen. Genau das will ich mit meinem Buch. Ich versuche, die Konzepte, mit denen wir die Gesellschaft denken, zu hinterfragen und zu prüfen: Passen die überhaupt noch zu unserer Gegenwart? Sind in einer radikal vielfältigen Gesellschaft wie der Deutschen Denkmodelle wie Heimat, Leitkultur oder Integration nicht völlig überholt und müssen daher abgeschafft oder ersetzt werden?

ZEIT Campus ONLINE: Menschen sehnen sich nach Orientierung, nach einer Basis für ein Gemeinschaftsgefühl. Die Idee einer Leitkultur soll darauf eine Antwort geben. Du findest dieses Konzept problematisch. Warum?

Czollek: Die Idee einer Leitkultur ist eine gefährliche Aktualisierung des traditionellen deutschen Nationalismus, der aus kulturellem Überlegenheitsdenken und völkischen Homogenitätsfantasien besteht.

ZEIT Campus ONLINE: Was meinst du damit?

Czollek: Für die deutschen Nationalisten war schon Anfang des 19. Jahrhunderts klar: wer zur deutschen Kultur gehört, gehört auch zu Deutschland. Und dieser Gedanke motiviert auch die Forderung nach einer Leitkultur. Eine solche Perspektive macht es unmöglich, kulturelle Vielfalt als Beitrag wertzuschätzen oder auch nur wahrzunehmen: Dagegen würde ich behaupten, die afrodeutsche Dichterin May Ayim gehört genauso zu unserer Kultur wie Schiller, und Baklava ebenso wie Currywurst. Das Problem mit Konzepten wie Leitkultur und Integration ist, dass sie Vielfalt zum zentralen Problem einer pluralen Demokratie erklären – und nicht zu ihrer Grundlage. 

ZEIT Campus ONLINE: Auf der Suche nach dem, was unsere Gesellschaft zusammenhält, fiel in den vergangenen Jahren immer wieder der Begriff Heimat, seit Kurzem hat er sogar ein eigenes Ministerium.
Czollek: Die Rückkehr des Heimatbegriffes ist Ergebnis eines Agendasettings von rechten Parteien, insbesondere der AfD. Grüne, SPD und Linke haben das einfach übernommen und die Geschichte des Begriffs nicht weiter problematisiert, frei nach dem Motto: Wenn wir es gut meinen, kann es ja auch nicht schlecht sein. Das ist politische Naivität, die nicht nur albern ist, sondern brandgefährlich.
"Das Problem mit Konzepten wie Leitkultur und Integration ist, dass sie Vielfalt zum Problem erklären."

ZEIT Campus ONLINE: Was ist problematisch an dem Begriff?

Czollek: Der Heimatbegriff ist seit dem 19. Jahrhundert an die völkische Vorstellung von Harmonie und Reinheit gekoppelt. Eine Idee, die sich auch im heutigen Integrationsmodell spiegelt. Es gilt: die gute Heimat ist eine, in der Menschen sich anpassen und still sind. Den Anderen wird dabei gewissermaßen die Verantwortung für das Funktionieren der Gesellschaft zugeschoben. Aber die deutsche Gegenwart ist nicht ganz zufällig eine, in der völkisches und rechtes Denken und Handeln auf dem Vormarsch sind. Und da entgegnen einem Heimat-Verteidiger: "Aber in der Heimat, die ich meine, haben doch alle Platz. Lass doch diese politische Geschichtsstunde. Wir haben aus unserer Vergangenheit gelernt und Deutschland ist ein besseres Deutschland geworden." 

ZEIT Campus ONLINE: Aber?

Czollek: Ich sage dann: Gut, gehört denn dann nicht auch der rechte Attentäter zu dieser Heimat oder die Menschen, die die AfD wählen? Mein Gegenüber würde entgegen: ja, aber das ist ja nicht die Heimat, die ich meine. So als wären wir in irgendeinem Kinderlied mit Klappermühle am rauschenden Bach. Der mit maximaler Naivität vorgetragene Heimatbegriff deckt einen bestimmten Teil der Gegenwart einfach zu: brennende Flüchtlingsunterkünfte, Angriffe auf Synagogen und Nazistrukturen in öffentlichen Institutionen. Damit ist eine kritische Bestandsaufnahme nicht möglich.

ZEIT Campus ONLINE: Was ist die Alternative zum Heimatbegriff?

Czollek: Immer wenn mich Menschen das fragen, muss ich an einen Witz aus meiner Schulzeit denken. Der Lehrer fragt: Will noch jemand was dazu sagen? Der Antifaschismus in der ersten Reihe hebt die Hand. Der Lehrer sagt: Niemand? Na, dann nehmen wir die Heimat dran. Was ich damit sagen will: Nach 1945 basierte die Existenzberechtigung der BRD und der DDR auf der Tatsache, dass sie sich gegen den Nationalsozialismus gründeten. Das sollte weiterhin die Basis sein. 

ZEIT Campus ONLINE: Aber kann der Antifaschismus als Identifikation einer Gesellschaft ausreichen?

Czollek: Ja, ich sehe nicht, warum das nicht gehen sollte. Auf eine Sache können wir uns doch alle einigen: Wir wollen nicht getötet werden. Wenn man mit Menschen spricht, die von rechter Gewalt bedroht sind, dann merkt man schnell: Ich fühle mich dann einem Land zugehörig, wenn es mich schützt. Und das ist es, was Antifaschismus bedeutet.

ZEIT Campus ONLINE: Wie kann man als Individuum dazu beitragen, dass diese Gesellschaft alle schützt?

Czollek: Eine Frage, die mich und meinen Freundeskreis seit der Selbstenttarnung des NSU, der Bundestagswahl und den Ergebnissen der AfD, Hanau und Halle, Thüringen und dem Lübcke-Mord umtreibt, ist: Wie kann man nicht nur wie ein Kaninchen vor der Schlange stehen, sondern wird selbst ein bisschen zur Schlange? Denn bei aller Kritik und Sorge möchte ich doch auch unterstreichen: Die Sache ist noch nicht verloren. Es ist gerade viel in Bewegung in dieser Gesellschaft und da draußen gibt es genug Menschen, die eine gerechtere Gesellschaft wollen und dafür kämpfen. Nicht nur jene, die von Ausgrenzung betroffen sind. Es stimmt einfach nicht, dass jeder und jede nur für sich alleine kämpft. 
"Wir müssen für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle ohne Angst verschieden sein können."

ZEIT Campus ONLINE: Was folgt daraus? Eine Veränderung gelingt nur mit Verbündeten?

Czollek: Ja. Neben der Selbstorganisation muss man auch auf die Zusammenarbeit mit jenen Menschen setzen, die tendenziell von dem System profitieren, aber ebenfalls eine gerechtere Gesellschaft wollen. Wir sollten noch mal über die Idee nachdenken, dass nur Schwarze für Schwarze und Juden und Jüdinnen für Juden und Jüdinnen reden dürfen. Schon allein, weil es in einem Land wie Deutschland wahrscheinlich die Regel ist, dass die allermeisten Menschen gleichzeitig diskriminiert und privilegiert sind. Das zu erkennen ist wichtig, weil wir dann verstehen können, worin – trotz Diskriminierung auf einer bestimmten Ebene – auch Ressourcen für ein gemeinsames Handeln liegen.

ZEIT Campus ONLINE: Braucht es ein Gegen-Wir zu dem eingangs erwähnten deutschen "Wir", das ausschließt?

Czollek: Das gibt es schon. All die jüdischen, feministischen, postmigrantischen Stimmen in der Zivilgesellschaft, der Kunst oder Kultur – sie sind ja schon da! Und wenn ich mir die akute Bedrohung von rechts so ansehe, dann glaube ich, dass diese Stimmen und die Menschen, für die sie stehen, die beste Chance sind, die wir gegenwärtig haben. Denn ein Staat, der an Konzepten wie Leitkultur und Heimat festhält, wird die Demokratie nicht vor dieser Gefahr beschützen können. Stattdessen müssen wir für eine Gesellschaft kämpfen, in der alle ohne Angst verschieden sein können. Denn diese Verschiedenheit ist nicht das zentrale Problem einer wehrhaften Demokratie, sondern ihre Grundlage.
 

Top