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Würde, Gleichheit, Offenheit

Méltóság, egyenlőség, nyitottság
Grafik: Elekes Réka © Goethe-Institut Budapest

Das Misstrauen gegenüber Fremden, die sich von uns unterscheiden, ist evolutionstechnisch gesehen ein Vorteil, hilft es doch der Gemeinschaft, sich zu verteidigen und selbst zu definieren, das heißt, letztendlich als Gemeinschaft zu überleben. Doch das Problem ist, dass dieser evolutionäre Vorteil leicht in einen zivilisatorischen Nachteil umschlagen kann: Eine verschlossene, ihrem Umfeld feindselig gegenüberstehende Gemeinschaft bleibt auf sich allein gestellt, ohne Verbündete. Sie stellt sich nicht ihren Schwächen, hält sie doch für jedes Problem, jeden Fehler die Erklärung bereit, dass die anderen, die sich von ebendieser Gemeinschaft unterscheiden, schuld sind.

Die Errungenschaften der Zivilisation haben daher allmählich die Evolutionsinstinkte in den Hintergrund gedrängt. Eine der wichtigsten dieser Errungenschaften ist die Anerkennung der Menschenwürde als Wert. Menschenwürde bedeutet die Akzeptanz und Respektierung des Axioms, dass alle Menschen gleich und gleich viel wert sind. Das Leben, die Individualität, die Wünsche, Bedürfnisse und Gedanken der Fremden beziehungsweise derer, die sich von uns unterscheiden, sind ebenso wichtig und wertvoll wie unsere eigenen. Es spielt keine Rolle, welche Hautfarbe wir haben, in welchem ​​Land wir geboren wurden oder wen wir lieben – es sind nicht unsere angeborenen Gegebenheiten, die bestimmen, ob wir wertvoll sind und ob wir wertvoller sind als andere.
 

...Gleichheit und die Tatsache, dass wir als Menschen alle gleich wertvoll sind, bedeutet nicht, dass wir alle mit den gleichen Chancen ins Leben starten.


Dies bedeutet natürlich auch, dass wir unabhängig von Hautfarbe, Herkunft oder sexueller Orientierung individuell für unser Handeln verantwortlich sind. Missbrauch oder andere Verbrechen begangen durch weiße heterosexuelle Männer sind ebenso zu verurteilen wie im Falle eines Roma- oder Transgender-Täters. Und natürlich bedeutet Gleichheit und die Tatsache, dass wir als Menschen alle gleich wertvoll sind, nicht, dass wir alle mit den gleichen Chancen ins Leben starten. Die langfristige zivilisatorische Mission besteht in der Schaffung eines Systems von Bedingungen, das verhindert, dass die bereits zum Zeitpunkt der Geburt bestehenden sozialen und individuellen Gegebenheiten von Anfang an unsere zukünftigen Chancen determinieren.

Beginnen wir jedoch, unsere offensichtlich existierenden Unterschiede als Wertmaß heranzuziehen, setzen wir damit einen sehr gefährlichen Prozess in Gang, der ab einem gewissen Punkt in unkontrollierbarer Weise dazu führt, dass Menschen stigmatisiert, ausgegrenzt, ihrer Lebensmöglichkeit beraubt oder sogar ums Leben gebracht werden. Gesellschaftlicher Hass ist ein langer, schleichender Prozess. Vorurteile gegen bestimmte gesellschaftliche Gruppen, die Vorurteile verstärkenden Stereotype sowie verallgemeinerndes Denken werden in der jeweiligen Gemeinschaft allmählich akzeptiert und schlagen dann in immer gravierendere, beleidigendere, ausgrenzendere Handlungen um.

Im Zuge dieses Prozesses sind Angehörige der ins Visier genommenen Minderheiten im schulischen Alltag, bei der Arbeitssuche, in Ämtern und in Lokalen regelmäßig verschiedenen Formen der Diskriminierung ausgesetzt. Die Ressentiments gegen die jeweilige Minderheitengruppe halten Einzug in die Öffentlichkeit in Form von hasserfüllten, hetzerischen Äußerungen, die einerseits die Kluft zwischen der Mehrheitsgesellschaft und der ausgegrenzten Minderheit immer mehr vertiefen und andererseits gesellschaftliche Spannungen erzeugen, die mitunter sogar in physische Gewalt umschlagen können. Wenn sich Gewalt nicht mehr nur gegen einzelne Individuen, sondern die Gesamtheit einer Gruppe richtet und zu einer von oben, von der Macht gesteuerten, systemischen Erscheinung wird, dann führt dies zu Segregation, Apartheid, Gettoisierung und schließlich zum Genozid.
 

Vorurteile und Stereotype erkennen zu lernen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und diese zu bekämpfen – das muss bereits in der Schule beginnen, und auch das gesamte Justizsystem muss konsequent gegen Hassverbrechen vorgehen.


Natürlich führen nicht alle Vorurteile zum Völkermord. Aber je fortgeschrittener der Prozess des sozialen Hasses in einer Gesellschaft und je mehr solche hasserfüllten Handlungen politisch, ja, sogar staatlich unterstützt und die Menschen dazu ermutigt werden, desto unkontrollierbarer wird der Prozess und desto größer wird die Wahrscheinlichkeit einer Tragödie. Vorurteile und Stereotype erkennen zu lernen, ein Bewusstsein dafür zu schaffen und diese zu bekämpfen – das muss bereits in der Schule beginnen, und auch das gesamte Justizsystem muss konsequent gegen Hassverbrechen vorgehen. All das verringert die Wahrscheinlichkeit, dass Hass zu einem politischen Programm wird.

Es ist nicht schwer, in der ungarischen Gesellschaft besorgniserregende Anzeichen für die Missachtung der Menschenwürde und die Ungleichbehandlung von Menschen auszumachen. Zahlreiche Studien der vergangenen Jahre haben eine stetig wachsende Abneigung gegen Roma, Jud*innen, Muslime, Immigrant*innen und Homosexuelle aufgezeigt.

Laut Studie aus dem Jahr 2019 zum Beispiel steht die Mehrheit der Befragten, nämlich 50-60 Prozent, den Roma gänzlich indifferent gegenüber, 35 Prozent gaben offen an, Vorurteile gegen Roma zu hegen und 20 Prozent hielten es sogar für akzeptabel, wenn Politiker*innen romafeindliche Aussagen tätigen. 13 Prozent würden sich sogar einer romafeindlichen Bewegung anschließen. Lediglich 6 Prozent der Befragten gaben an, keine Vorurteile gegenüber ihren romastämmigen Landsleuten zu haben. Abgelehnt wird die politische Verfolgung von Roma lediglich von 18 Prozent. Nur 14 Prozent der Bevölkerung sind bereit, „wenn auch nur in geringem Maße”, aber dennoch etwas für die Verbesserung der Situation der Roma in Ungarn zu unternehmen (durch Spenden, ehrenamtliches Engagement, Teilnahme an sozialen Bewegungen).

Laut der von der Anti-Defamation League (ADL) in 18 Ländern durchgeführten Umfrage sind Polen, Südafrika, die Ukraine und Ungarn jene vier Länder, in denen Antisemitismus am meisten verbreitet.

Laut der Analyse von Political Capital aus dem Jahr 2019 „hat sich aufgrund der ständigen migrationsfeindlichen Kampagnen der Regierung die Araber- und Islamfeindlichkeit, welche vor 2015 praktisch nicht von Bedeutung war, so sehr verstärkt, dass sie nun sogar die in Ungarn traditionell präsente Roma- und Judenfeindlichkeit überholt hat.”

In ihrer 2019 publizierten Analyse untersuchten Vera Messing und Bence Ságvári, inwieweit Ungar*innen Menschen, die nach Ungarn einwandern, willkommen heißen, wobei hier vier verschiedene Gruppen definiert wurden: im Ausland lebende Menschen ungarischer Nationalität, im Ausland lebende Menschen von nicht-ungarischer Nationalität, Menschen aus ärmeren europäischen Ländern sowie jene aus ärmeren Ländern außerhalb Europas. Den Daten zufolge standen 2002 noch mehr als 70% der Menschen keiner einzigen der untersuchten Völkergruppen in gänzlichem Maße ablehnend gegenüber, 2015 waren es jedoch nur mehr knapp 50%. Die ungarische Bevölkerung ist also zu jenem Land in Europa geworden, das Immigrant*innen am ablehnendsten gegenübersteht.

Laut der Eurobarometer-Studie aus dem Jahr 2019 stören sich innerhalb der Europäischen Union die Ungar*innen am meisten daran, wenn sich in Bezug auf eine*n Kolleg*in herausstellt, dass er*sie homosexuell ist, 7 von 10 Ungar*innen stört es außerdem, wenn zwei Männer Händchen halten. Gleichzeitig gaben in Ungarn jedoch mehr Menschen als im europäischen Durchschnitt an, dass Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung nur sehr selten vorkomme, europaweit sind 53 Prozent der Meinung, dass in ihrem Land die Diskriminierung aufgrund sexueller Orientierung verbreitet ist. 55 Prozent der Ungar*innen widersprechen der Aussage, dass die sexuelle Beziehung zwischen Gleichgeschlechtlichen nichts Negatives ist, das ist mehr als das Doppelte des EU-Durchschnitts (24 Prozent).

Insgesamt zeichnen die obigen Daten also kein gutes Bild von der ungarischen Gesellschaft, deren großer Teil sich den Daten zufolge durch Ungeduld, Verschlossenheit und Misstrauen auszeichnet. Die Gründe dafür mögen zum Teil in der Hass schürenden politischen Kommunikation liegen, doch vermutlich deuten diese Daten auch auf tieferliegende gesellschaftliche Probleme hin. Die Offenlegung der Ursachen und Behebung der Probleme ist jedoch unerlässlich, damit in Ungarn endlich der minimale gesellschaftliche Konsens erreicht werden kann: Mensch ist Mensch, Familie ist Familie, Leben ist Leben.


>> Mehr über Definitionen, Fakten im Artikel „Wie hassen wir?”
 

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