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Yael Inokai© Black Monty Studio

Yael Inokai: Ein simpler Eingriff

Yael Inokai: Ein simpler Eingriff


Oktober, Zeit für Gespenster. Ich sehe mich wieder als junge
Frau im Spiegel. Da ist Überzeugung in meinem Blick. Ungetrübt
von Zweifeln. Ich bin Mitte zwanzig, und ich habe die
Welt verstanden.
Später, als ich mehr wusste, sehnte ich mich danach zurück.
Mein Glaube hatte mich beschützt.
Damals war ich Krankenschwester in einer Klinik, wo neuartige
Eingriffe durchgeführt wurden. Jene Eingriffe sollten
Menschen von ihren psychischen Störungen befreien und sie
in eine neue Zukunft entlassen, eine echte Zukunft, nicht nur
eine fortwährende Existenz.
Ich hing an dieser Hoffnung. Die Arbeit in der Klinik war
an Hoffnungslosigkeit sonst nicht gerade arm. Es kam oft genug
vor, dass wir nichts mehr tun konnten. Nichts mehr tun,
so hätten es andere Schwestern nie formuliert. Wir waren ja bis
zum Ende da, und darüber hinaus. Aber für mich riss dieses
Urteil jedes Mal einen Abgrund auf.
Ich war diejenige, die dem Doktor während des Eingriffs assistierte.
Er navigierte seine Instrumente zur betroffenen Stelle
im Gehirn und machte diese unschädlich. Die Frauen und
Männer blieben dabei wach. So konnten wir sichergehen, dass
alles Gesunde unversehrt blieb. Ich hielt sie beschäftigt und
nahm ihnen die Angst. Mitgefühl nannte ich das: Ich kann das
gut, weil ich das Mitgefühl beherrsche.
Es war ein simpler Eingriff. Die Nachwirkungen konnten
schmerzhaft sein, aber das ging vorüber. Dann fing etwas Neues
an. So wurde es mir beigebracht. Daran hielt ich fest.

4
Die Frau und ich waren beide fünfundzwanzig Jahre alt. Ich
sah in ihren Unterlagen, dass unsere Geburtstage nur drei Tage
auseinanderlagen. Das merkte ich mir.
Ihr Vater verspätete sich. So stand sie anfangs alleine im Flur
und schaute sich um. Sie zitterte nicht und hatte keine Angst
im Blick. Diese Dinge kann man sich gut abgewöhnen. Aber
ein Körper lässt sich nur bedingt überlisten. Die Hände werden
nass, ihnen entgleitet das Gepäckstück, an das sie sich eben
noch geklammert haben. Und der Koffer verrät mit einem lauten
Knall, dass schwer gepackt wurde. Nie in der Annahme,
man könnte lange bleiben. Ein schwerer Koffer will das Zuhause
in einen fremden Raum bringen, mitsamt all seinem unnötigen
Schnickschnack, damit es überhaupt möglich wird, sich
darin aufzuhalten.
Die Frau kam am Vormittag. Ein Eingriff lag gerade hinter
mir, die Patientin driftete langsam und ohne Komplikationen
aus dem Rausch der Narkose in ihren schmerzenden Körper
zurück. Der Doktor liebte es, am Morgen zu operieren und
damit seinen Tag zu beginnen. Er mochte auch die Nacht, die
Notfälle, er muckte nicht, wenn er zur Unzeit in die Klinik
gerufen wurde. Den Nachmittag allerdings hielt er schwer aus.
Diese Stunden, wenn der Morgen müde geworden war und
träge den Einbruch des Abends erwartete. In dieser Zeit zog
sich der Doktor zurück und erledigte Papierarbeit.
Die Frau hatte den Koffer gleich wieder vom Boden genommen.
Sie war unverkennbar eine Ellerbach, groß gewachsen,
mit einer geraden Haltung und einem Gesicht, das nie einer
armen Person hätte gehören können. Dieses Gesicht ging mit
Geld und einer gewissen Anerkennung in der Welt einher. Eine
Familie von Unternehmern, stadtbekannt. Ihre Fabriken lagen
im Industriegebiet hinter dem Schwesternwohnheim. Auch
eine Familie von Wohltätern. Dies sei das eigentliche Herzstück
ihres Wirkens; nie wurde der Vater müde, das in der Öffentlichkeit
zu betonen. Die unternehmenseigene Stiftung ließ
Schulen und Bibliotheken sanieren und förderte Hochbegabte.
Sie wandelte Privatge lände in öffentliche Parks um. Die Ellerbachs
waren in der Stadt eingeschrieben. Überall fand man
Plaketten mit ihren Namen.
Daran dachte ich, als ich die Frau das erste Mal in Fleisch
und Blut sah. Ich kannte ihr Gesicht aus der Zeitung. Sie waren
zu viert, die Ellerbachkinder. Drei Brüder und sie. Sie war
die Jüngste. Sie hieß Marianne.
Ich streckte die Hand aus, und sie reichte mir ihr Gepäckstück,
verwechselte die Geste nicht mit einem Angebot, Bekanntschaft
zu machen, wie es andere taten.
»Guten Tag, Sie sind hier, um mich abzuholen?« Erst sah sie
mich gar nicht an. Sie betrachtete noch immer ihre Umgebung,
ihr Blick folgte zwei Schwestern, die an uns vorbeigingen.
So hatte ich Zeit für einen ungestörten ersten Eindruck,
konnte meine Überraschung darüber runterschlucken, wie wenig
auffällig sie trotz allem war. »Ein schöner Tag, nicht?«*– Ihr
Blick blieb an einer halb offenen Zimmertür hängen. Sie versuchte,
hineinzuspähen*– »Aber hier drin ist es*… sehr weiß.
Macht Ihnen das gar nichts aus?«
Sie gab ihre Erkundung auf. Sie drehte sich zu mir um und
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sah mich zum ersten Mal direkt an. Auch ich war groß gewachsen.
Damit hatte sie nicht gerechnet. Anderen blickte sie auf
den Scheitel, mir auf die Stirn.
»Sie sind groß«, stellte sie fest und lachte über ihre Entdeckung,
so laut, dass sich die zwei Schwestern auf dem Gang
nach uns umdrehten.
»Ich heiße Meret«, sagte ich.
»Das passt zu Ihnen.«
Es gab eine blaue Schachtel. Für Eingriffe dieser Art war sie
mein Werkzeugkasten. Sie war voll mit Gegenständen, die einen
Menschen beschäftigt hielten: Bücher, Bilder, Rätsel, Kartenspiele,
Streichhölzer, ein Daumenkino, eine kleine Ziehharmonika.
Das meiste davon war Zurückgelassenes, aus den
Koffern genommen, kurz bevor sie in den Besitz der Heime
übergingen.
Diese Gegenstände waren auch für mich da. Sie gaben
mir Halt. Ich verspürte Zuversicht, wenn ich die blaue Schachtel
aus dem Schrank nahm und sie zu meinen Patientinnen
brachte.
Etwas für Marianne Ellerbach auszusuchen, war einfach.
Als sie ihren Koffer öffnete, sah ich zwischen Bürste und Parfüm
ein Kartendeck. Da wusste ich, dass ihr das Kartendeck in
der Schachtel gefallen würde. Es war ein besonders schönes,
mit einem filigranen Muster auf der Rückseite.
»Ich habe gesehen, dass unsere Geburtstage nur drei Tage
auseinanderliegen«, sagte ich, »Sie sind zuerst zur Welt gekommen,
am zwölften September, und am fünfzehnten war ich
dann dran.«
»Wirklich?« Sie ließ von ihren Sachen ab und setzte sich auf
das Bett. Nicht eine Sekunde hatte sie gezögert. Sie wippte mit
den Füßen. Ich dachte in diesem Moment, dass sie eine große
Freiheit besaß. Egal, wo sie hinging, sie konnte sich einfach
setzen. Sie fragte sich nie, ob dieser oder jener Platz für sie bestimmt
war.
Wir schauten beide zur Tür, wo wir ihren Vater und den
Doktor erwarteten. Ich wusste so viel über sie, und sie wusste
gar nichts über mich. Ich wusste von ihren Episoden. Da war
eine Wut in ihr, die konnte so groß werden, dass sie detonierte
und alles um sie herum mit wüsten Worten, Schreien und
Handgreiflichkeiten zurichtete. Diese Wut kam plötzlich. Wer
dann in ihrer Nähe war, hatte selten genug Zeit, um sich in
Sicherheit zu bringen. Den drei Brüdern war ihre körperliche
Überlegenheit dabei kaum von Nutzen, Mariannes Wut war
größer als sie.
Ich hatte schon häufiger Fotos der Familie Ellerbach in der
Lokalzeitung gesehen. Der Vater wurde von seinen drei Söhnen,
seiner Tochter und seiner Frau umringt, ein Fixpunkt, auf
den sich alles in dem Bild ausrichtete, selbst die Möbel. Marianne
stand immer bei demselben Bruder, dem jüngsten, anderthalb
Jahre trennten die beiden voneinander. Er glich dem
Vater auf frappierende Weise.
Auf unseren Familienfotos stand Bibi auch immer neben
Wilm. Immer neben ihrem großen Bruder, der die Haare, die
Nase und den Mund vom Vater hatte. Aber nicht seine Augen.
Während Mariannes Blick langsam durch das Zimmer
schweifte, betrachtete ich sie. Man sah ihr ihre Episoden nicht
an. Sicher, da war dieses laute Lachen, die Unruhe in ihren
Gliedern. Und sie war kindlich. So unverhohlen, wie sie ihren
Blick richtete, wohin es ihr gefiel, auf jedes Ding und jeden
Menschen, hätte sie gut fünfzehn Jahre jünger sein können.
Abgesehen davon wies nichts auf ihre Störung hin. Allerdings
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geht es schnell, dass das vermeintlich Normale kippt. Das wusste
ich inzwischen.
Als der Vater eintrat, stand sie nicht auf. »Guten Tag«, sagte er
zu seiner Tochter, und sie nickte, erwiderte unbeeindruckt die
Begrüßung. Wahrscheinlich war sie der einzige Mensch überhaupt,
der nicht intuitiv aufstand, wenn er das Zimmer betrat.
Ich selbst ging einen Schritt zurück, das passierte ganz ohne
mein Zutun.
Sie ließ sich von ihm die Stirn küssen. Er legte ihr noch
kurz die Hand an den Hinterkopf und zog sie zu sich. »Na,
na«, murmelte er dabei. Für einen Moment, eine Sekunde vielleicht,
war er kein Ellerbach, füllte nicht den ganzen Raum aus,
sondern war nur ein Vater, der zärtlich ist zu seiner Tochter. Sie
wippte dabei weiter mit den Füßen, keine erwachsene Frau,
sondern ein Kind, das sich dieser Zärtlichkeit hingab.
Als der Doktor kam, stellte ich erstaunt fest, dass sogar er
neben dem Ellerbach blasser wirkte, wie ein Foto, das seine Farben
verloren hatte. Dabei war er üblicherweise selbst eine beeindruckende
Erscheinung. Mit körperlichen Eigenschaften
hatte das nichts zu tun. Der Doktor war weder groß noch breitschultrig,
noch war sein Gesicht in irgendeiner Weise besonders.
Aber er wusste, wer er war. Mit dieser Gewissheit nahm er
alles für sich ein.
»Guten Tag«, sagte der Doktor jetzt, und als die gewohnte
Wirkung ausblieb, wandte er sich zu mir, deutete auf die Akte
in meiner Hand und wies mich an: »Schreiben Sie mit, bitte.«
Er hätte genauso gut sagen können: »Atmen Sie, bitte.«
Es war dem Ellerbach wichtig gewesen, dass der Doktor
sie erst alleine traf, ohne seine Assistenten. Ein Wunsch für besondere
Patienten, der bei allen anderen empört abgewiesen
worden wäre. Aber nun setzte sich der Doktor sogar auf einen
Stuhl, damit er mit seiner Patientin auf Augenhöhe war.
»Diese Episoden*…«, begann er.
»Das bin nicht ich!«
Er nickte. Ein dankbarer Einwurf. »Nein, das sind nicht Sie.
Natürlich nicht. Deshalb würde ich auch gerne dafür sorgen,
dass Sie diese Wut wieder los sind. Wenn Sie mich lassen.«
Sie nickte zögerlich.
»Da ist etwas in Ihnen drin, und ich werde es zum Schlafen
bringen. Es wird Sie nicht mehr belästigen. Es schläft dann für
immer. So einfach ist das.«
Der Doktor erklärte ihr das Vorgehen. Dabei ließ er alle
Worte aus, die ihr unnötig Angst machen könnten. Der Vater
kannte eine andere Version. Und das Personal noch mal eine
andere. Aber das, was hier gesagt wurde, war nicht weniger
wahr. Aller Einfachheit zum Trotz war es ein delikates Vorhaben.
Angst machte die Dinge delikat.
Die Frau hörte zu. Dazwischen fragte sie: »Tut es weh?«
»Nein, es wird nicht wehtun.«
Zum ersten Mal, seit die anderen ins Zimmer gekommen
waren, suchte sie meinen Blick. Ich nickte zustimmend. Keine
Schmerzen. Die kämen später. Darüber sprachen wir in dem
Moment allerdings nicht.
Dann schwenkte der Doktor wieder zu ihren Episoden. Er
fing damit an und er hörte damit auf, so würde sie nicht vergessen,
wie gravierend ihre Störung war, oder gar auf die Idee
kommen, doch weiterleben zu können wie bisher. »Sie müssen
sich Ihre Störung wie die Flut vorstellen«, sagte er, »das Meer
zieht sich zurück, dann kommt es wieder. So sicher, wie es sich
zurückzieht, so sicher kommt es auch wieder. Je weiter es sich
zurückzieht, desto höher steigt danach das Wasser.« Er wartete
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einen Moment, versuchte, an Mariannes Blick zu erkennen,
ob das Bild wirkte. »Irgendwann wird diese Flut alles mit sich
reißen. Dann bleibt nur noch die medikamentöse Behandlung,
um Ihre Nächsten und Sie selbst zu schützen.«
Er zog zwei Fotos aus seinen Unterlagen hervor und zeigte
sie ihr. Eine junge Frau, in ihrem Alter. Und die gleiche Frau,
nur wenig älter, nachdem die Medikamente ihr Unheil angerichtet
hatten.
Marianne sah sich die Bilder fast regungslos an, den intendierten
Schrecken löste es bei ihr nicht aus. Sie würde später
daran denken, wenn die Zweifel in ihr wuchsen und mit ihnen
das Bedürfnis, aufzustehen und zu gehen. Da würde ihr die
Frau auf dem Bild wieder in den Sinn kommen.
»Es ist wichtig, dass Sie dabei anwesend sind«, sagte der
Doktor schließlich. Er tastete sich nicht immer so vorsichtig an
diesen Punkt heran. Zeitmangel hatte ihn schon dazu gebracht,
es kurz vor seiner Verabschiedung einfach in den Raum zu stellen.
Es war dann mir überlassen, das aufzufangen. Aber nicht
bei ihr. Sie bekam eine präzise, umsichtige Heranführung, seine
sorgfältig gewählten Worte. »Sie navigieren uns. Es ist ein
Anwesendsein ohne Schmerzen und ohne Angst. Sie sind da,
Sie haben die Augen offen*–«
»Nein«, sagte sie. Ihre Stimme wurde brüchig. »Das will ich
nicht. Ich will schlafen, und wenn ich aufwache, soll alles vorbei
sein.«
»Es ist wie schlafen.«
»Und warum kann ich dann nicht richtig schlafen?«
»Es ist schneller vorbei als ein Zahnarztbesuch.« Der Vater.
Darauf konnte man zählen: eine Hilfestellung der Angehörigen,
die uns die ganze Heranführung im letzten Moment noch
überwarf.
»Ein Zahnarztbesuch!« Sie hielt sich die Hand an den Kiefer,
schaute hektisch vom Doktor zur Tür. Es ratterte in ihr. Da
waren keine guten Erinnerungen. Sie wollte weglaufen.
»Wir werden Karten spielen«, sagte ich. Ich legte die Akte
beiseite, nahm das Deck aus der blauen Schachtel und streckte
es ihr hin. Ihr Vater sah mich zum ersten Mal an. Ich war ihm
davor nicht aufgefallen, war nicht mehr als ein Gegenstand in
diesem Zimmer.
»Ich kann währenddessen Karten spielen?« Sie nahm die
Hand vom Kiefer, griff nach ihnen und fächerte sie in ihrer
Hand auf. Es war ihr eine vertraute Geste. Das würde es einfacher
machen. Die Haut hat ihr eigenes Gedächtnis. Sie kann
uns immer zurückholen.
»Ja. Oder singen. Manche singen. Wenn es einLied gibt, das
Ihnen gefällt*… dann können wir auch singen.«
Ein wenig wich die Angst aus ihrem Blick. Sie drehte die
Hand, um sich die Rückseite der Karten näher anzuschauen.
»Weißt du«, sagte sie dann zum Vater gewandt, »die Schwester
ist nur drei Tage nach mir zur Welt gekommen.«

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